Текст книги "Das letzte Relikt"
Автор книги: Robert Masello
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4. Kapitel
Kimberlys erster Gedanke beim Aufwachen war: Das war ein Erfolg. Die Dinnerparty für den Bürgermeister war ein Erfolg gewesen.
Ihr zweiter Gedanke war Ezra. Er war aus Israel zurückgekommen, hatte sein Zeug in die Zimmer geschafft, in denen er aufgewachsen war, und sie hatte keinen Schimmer, wie lange er vorhatte hierzubleiben. Je kürzer sein Aufenthalt, desto besser, aber sie konnte es sich nicht leisten, ihre Gefühle allzu offen zu zeigen. Soweit sie wusste, war die Beziehung zwischen Ezra und seinem Vater seit Jahren angespannt, aber er war immer noch Sams einziger Sohn. Und da Blut nun einmal dicker als Wasser war, musste sie vorsichtig zu Werke gehen.
Sam kam aus seinem begehbaren Kleiderschrank und zog den Knoten seiner Krawatte zu, die gelbe Seidenkrawatte von Sulka, die sie ihm letzte Woche gekauft hatte. Für seine Verhältnisse sah Sam gut aus. Maßgeschneiderter blauer Anzug, glänzende burgunderrote Schuhe, ein ordentlich gefaltetes, zur Krawatte passendes Einstecktuch. Sie hatte getan, was sie konnte, aber mehr konnte selbst sie mit ihren Künsten nicht erreichen. Er war immer noch klein, glatzköpfig und fast dreißig Jahre älter als sie. Jedes Mal, wenn er sie berührte, wurde sie daran erinnert, dass seine Wurstfinger ebenfalls kurz waren.
»Ist Ezra schon aufgestanden?«, fragte er.
»Woher soll ich das wissen? Ich liege ja selbst noch im Bett.« Es kam schärfer heraus als beabsichtigt.
»Ich habe lediglich eine einfache Frage gestellt.«
Schlechte Laune,dachte sie im Stillen. Er hat schlechte Laune. Sie lächelte und warf die Bettdecke aus ägyptischer Baumwolle zurück. »Mach dir keine Sorgen um Ezra. Ich werde mich darum kümmern, dass er alles bekommt, was er braucht.«
»Was immer das auch sein mag.« Sam stand neben dem Bett und blickte auf sie herunter, genau, wie sie es vorausgesehen hatte. Ihre Haare, denen Franck stets ein perfektes Kastanienbraun verpasste, ergossen sich über die Kissen, und ihre Brüste wurden von dem schwarzen Spitzenhemd, in dem sie schlief, kaum bedeckt.
»Was hast du heute vor?«, fragte er.
»Ich habe mich noch nicht entschieden.« Was sie sehr wohl hatte. »Vielleicht treffe ich mich mit Janine zum Lunch.« Sie hatten für halb eins einen Tisch im Le Cirque reserviert.
Sam schnaubte; er mochte Janine nicht. Andererseits mochte er niemanden von ihren Freunden, die er bislang kennengelernt hatte. Gott allein wusste, was er sagen würde, wenn er einigen von denen begegnen würde, die sie ihm vorenthielt. Es war Zeit, den Tenor ihrer Unterhaltung zu ändern. Mit einer Hand berührte sie lässig die Vorderseite seiner Hose.
»Musst du jetzt schon los?«, schnurrte sie.
»In fünfundvierzig Minuten habe ich einen Ortstermin im Village.«
Aber allein der Klang seiner Stimme verriet ihr, dass sie bereits gewonnen hatte. »Du bist der Boss. Die anderen können warten.«
Er blieb stehen, während sie sich auf die Seite drehte und den Reißverschluss seiner Hose öffnete. Ihre Finger waren so geschickt wie die einer Spitzenklöpplerin. Als sie feststellte, dass er leicht auf den Hacken wippte und hörbar Luft holte, wusste sie, dass sie ihn hatte. Und wenn sie Glück hatte, wäre die Quälerei in drei Minuten vorbei.
Nachdem Sam gegangen war, rief Kimberly bei Janine an, um die Lunchverabredung zu bestätigen. Denn in einem hatte Sam recht: Janine war wirklich zerstreut. Anschließend ging sie in ihr Ankleidezimmer, schaltete den Fernseher ein und hörte einer der morgendlichen Nachrichtensendungen zu, während sie badete und langsam den letzten Rest Schlaf fortwusch. Nachdem Sam für den Rest des Tages verschwunden war, blieb nur noch Ezra im Haus, mit dem sie irgendwie fertigwerden musste. Als sie in ihrem Morgenmantel vor dem Spiegel saß und sich schminkte, fragte sie sich, was genau Sams Sprössling eigentlich in New York vorhatte, jetzt, wo er wieder zurück war. Die ganze Angelegenheit hatte etwas höchst Mysteriöses an sich. In der einen Minute war er völlig aus dem Rennen, stellte keine Gefahr dar und arbeitete an irgendeinem Institut in Israel, zu dem sein Vater, o Wunder, Beziehungen hatte. Und im nächsten Moment haute er aus dem gesamten Nahen Osten ab und kehrte mit dem erstbesten Flug zurück. Sie hatte zufällig mitgehört, als Sam seine Sekretärin am Telefon angeschrien hatte, sie solle auf der Stelle den Botschafter ans Telefon holen und für Ezra den nächsten Flug aus Tel Aviv raus buchen, egal wohin. Er schrie oft Leute an, aber seine Sekretärin normalerweise nicht.
Dabei hatte Kimberly große Pläne für die beiden Zimmer, die Ezra einst bewohnt hatte. Sie würden ein perfektes Kinderzimmer abgeben.
Nun, noch war nichts in Stein gemeißelt, sagte sie sich erneut. Die Dinge konnten sich immer noch in ihrem Sinne entwickeln.
Nachdem sie ihrem Gesicht den letzten Schliff verpasst hatte, wählte sie ein Outfit aus ihrem gut bestückten Kleiderschrank aus. Cremefarbene Bluse und hellgrauer Bleistiftrock, beides von Jean Gaultier, dazu ein Paar Schuhe mit moderaten Absätzen. Sie war ohnehin schon größer als Sam, so dass sie ihr Schuhwerk mit Bedacht wählte. Schließlich verließ sie das Schlafzimmer.
Von Ezra keine Spur, weder im Wohnzimmer noch im Salon, der Bibliothek oder dem Arbeitszimmer. Nicht einmal im Esszimmer, wo Gertrude, die ältliche Haushälterin, den silbernen Kandelaber auf seinen Platz auf den Tisch stellte.
»Haben Sie Ezra gesehen?«, fragte Kimberly.
»Er frühstückt. Er hat abgenommen.«
Kimberly hatte noch nie zuvor genug von ihm gesehen, um das beurteilen zu können, aber es war ihr ohnehin herzlich egal. »Danke.« Sie wandte sich bereits zum Gehen, doch dann hielt sie noch einmal inne, gerade lange genug, um zu sagen: »Vielleicht sollten Sie das Silber noch einmal polieren, ehe Sie es zurückstellen.«
Gertrude erstarrte, nicht mehr als eine Sekunde, und Kimberly dachte schon, sie würde etwas sagen, doch dann nahm sie schweigend den Kandelaber vom Tisch und verließ den Raum.
Mit ihr sind es zwei Leute,dachte Kimberly, die ich gerne hier raus hätte.
Sie entdeckte Ezra in der Frühstücksecke, wo er mit einem Bagel mit Frischkäse, Saft und Kaffee hockte. Es war ein sonniger Tag, und der Ausblick auf den East River weit unter ihnen und die Skyline von Queens dahinter erstreckte sich bis in die weite Ferne. Von hier oben konnte sie die Mietswohnung sehen, in der sie anfangs gewohnt hatte, als sie in New York angekommen war, die kleine Krone der Miss Milwaukee in der Reisetasche.
»Guten Morgen, Ezra«, sagte sie strahlend. »Gut geschlafen?«
»Ja, sehr gut.«
Er sah nicht so aus. Er hatte sich nicht rasiert, und unter den Augen hatten sich Tränensäcke gebildet. Für jemanden, der ein paar Jahre im Nahen Osten verbracht hatte, wo es, soweit sie wusste, heiß und sonnig war, wirkte seine Haut ungesund blass. Auf Kimberly machte er den Eindruck, als hätte er unter einem Stein gelebt.
»Hast du etwas dagegen, wenn ich dir Gesellschaft leiste?«
»Ganz und gar nicht«, erwiderte er, aber sein Gesichtsausdruck sagte etwas anderes.
Nicht, dass Kimberly besonders scharf auf diese Pflichtübung gewesen wäre. Aber wenn sie sich mit diesem … Sprössling gutstellen und herausfinden wollte, was eigentlich vor sich ging, konnte sie genauso gut jetzt damit anfangen.
»Hast du deinen Vater heute Morgen noch gesehen, bevor er gegangen ist?«
»Nur kurz. Er sagte, wir würden heute Abend reden.«
Kimberly setzte sich an den kleinen Glastisch, und als Gertrude hereinkam, fragte sie sie, wo die Köchin sei.
»Die Party gestern Abend dauerte so lange, also sagte ich ihr, dass sie erst mittags zu kommen bräuchte.«
»Dann werde ich wohl Sie bitten müssen, mir mein übliches Frühstück zu machen. Eine kleine Schale Müsli mit frischen Früchten und Joghurt sowie schwarzen Kaffee.«
»Möchtest du noch etwas, Ezra?«, fragte Gertrude demonstrativ. »Vielleicht ein paar Eier, so wie du sie gerne magst, mit zerkrümelter Matze?«
Kimberly war nicht dumm, sie wusste, dass es sich bei dieser Verzögerung um einen subtilen Akt des Ungehorsams handelte, aber sie war klug genug, für dieses Mal ihren Mund zu halten.
»Danke, Gertrude, aber ich möchte nichts mehr«, sagte Ezra. Endlich drehte Gertrude sich um, ihr langer schwarzer Rock wirbelte um ihre fetten Knöchel, und sie ging in die angrenzende Küche. Kimberly hörte sie herumfuhrwerken, und selbst das erboste sie.
»Ich bin so froh, dass du gestern Abend noch den Bürgermeister begrüßen konntest. Er ist so ein witziger Mann, wenn er sich mal bei Freunden entspannen kann. Aber wir werden noch mehr Dinnerpartys geben, und mit der Zeit wirst du ihn schon kennenlernen.«
Ezra nickte unverbindlich und nippte an seinem Kaffee.
»Also«, sagte Kimberly auf der Suche nach einem Anfang, »mit den ganzen Leuten gestern Abend hatten wir gar nicht die Gelegenheit, uns richtig zu unterhalten. Warum hast du dich entschieden, nach New York zurückzukehren?«
Ezra hob den Blick zum Fenster, und ein paar Sekunden lang sagte er gar nichts. »Meine Arbeit in Israel ist beendet.«
Da Kimberly keine klare Vorstellung davon hatte, worin diese Arbeit bestanden hatte, und sich auch nicht wirklich dafür interessierte, ging sie nicht näher darauf ein. »Und hast du jetzt vor, für immer hier zu bleiben … ich meine, in New York?«
»Ich habe mich noch nicht entschieden.«
»Du weißt, dass du natürlich so lange bei uns wohnen kannst, wie du möchtest«, sagte sie. »Ich weiß, dass dein Vater sehr glücklich ist, dich wieder hier zu haben.«
Gertrude kam mit einem lackierten Tablett herein, auf dem sie Kimberlys Frühstück angerichtet hatte. Sie stellte das Tablett auf den Tisch und wollte zurück in die Küche gehen, aber Kimberly hielt sie zurück.
»Ich glaube nicht, dass in diesem Haus vom Tablett gegessen wird«, sagte sie. »Können Sie die Sachen bitte noch auf den Tisch stellen?«
Gertrude wandte sich erneut um, nahm die Müslischale, den Joghurt und den Kaffee vom Tablett und stellte alles auf den Tisch. Die alte Frau blickte an Kimberly vorbei zu Ezra und sagte: »Ich werde nachher noch einkaufen gehen. Magst du immer noch diese Kekse, die du als Schuljunge so gerne gegessen hast? Ich kann dir welche mitbringen.«
»Gerne«, sagte Ezra. »Die habe ich schon ewig nicht mehr gegessen.«
Wie lange, fragte Kimberly sich, würde sie sich diese Spielchen noch bieten lassen müssen? Sie hatte Sam, so gut es ging, umgemodelt, aber mit seinem Haushalt war es eine andere Sache. Diese ganzen alten Bediensteten der Familie, Gertrude, die Köchin Trina, dieser Chauffeur Onkel Maury, kamen ihr vor wie die Dorfbewohner in einem der alten Frankensteinfilme. Wenn sie ihre Freundinnen, ihre neuen Freundinnen wohlgemerkt, zu Hause besuchte, sah sie dort Dienstpersonal in ordentlichen Uniformen, die wussten, wie man die Herrschaften bediente und sich zu benehmen hatte. Kimberly dagegen fühlte sich in Gegenwart ihrer Angestellten nicht nur unbehaglich, sondern hatte auch, wie sie zugeben musste, Angst vor ihnen. Wenn sie Jiddisch sprachen oder was immer das war, während sie sich mit ihr in einem Raum aufhielten, wusste Kimberly verdammt gut, dass sie dann über sie sprachen.
Es war Zeit, zum Kern der Sache zu kommen. »Ezra«, sagte sie und glättete die Serviette über ihrem prallen Schoß, »hast du jemals in Betracht gezogen, für deinen Dad zu arbeiten?« Das war ihr ganz persönlicher Albtraum. »Möchtest du, dass ich deswegen mit ihm rede?« Sie vermutete, dass es auch Ezras übelster Albtraum war.
Ezra sah sie an, und sie hatte das Gefühl, dass er geradewegs durch sie hindurch schaute. Aber das bekümmerte sie nicht allzu sehr. Sie hatten beide von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Noch während es mit der ersten Mrs Metzger in der Sloan-Kettering-Krebsklinik immer mehr bergab gegangen war, hatte sie ein Verhältnis mit Sam gehabt, und Ezra hatte es herausgefunden. Sie könnte ihm noch so viel erklären: wie sehr sie versucht hatte, Sam dazu zu bringen, noch zu warten. Dass sie sich immer schlecht deswegen gefühlt hatte oder dass das alles einfach so passiert sei. Na ja, vielleicht hatte sie hier und da etwas nachgeholfen, wie das eine Mal, als sie vorgegeben hatte, dass ihr Boss in der Werbeagentur verlangt habe, dass Sam persönlich sein Okay zu mehreren Layouts gäbe. Damit hatte sie eine Ausrede gehabt, ihn in seinem Apartment aufzusuchen – eines Abends, an dem sie rein zufällig einfach umwerfend angezogen war. Aber was sollte das jetzt noch bringen? Das waren alte Geschichten. Und ehrlich gesagt ging es Ezra auch gar nichts an. Es wurde Zeit, dass er erwachsen wurde und endlich darüber hinwegkam.
»Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre«, sagte Ezra, und sie fragte sich, ob er damit meinte, dass er für seinen Dad arbeiten sollte oder dass sie für ihn die Fühler ausstreckte. »Immobiliengeschäfte haben mich noch nie interessiert.«
»Und für was interessierst du dich dann? Was willst du machen, jetzt, wo du wieder in Amerika bist?«
»Meine Arbeit fortsetzen.«
Das schon wieder. »Und was ist das genau?«
»Forschung.«
»Und du kannst diese Forschung hier machen? Musst du dafür nicht wieder zurück nach Israel oder sonst wohin?«
»Nein.«
Kimberlys Herz sank. Dieses Jüngelchen war genauso alt wie ihr Bruder Wayne, auch wenn Wayne ihn mit einem einzigen Schlag zu Mus kloppen würde. Und jetzt plante er womöglich, bis in alle Ewigkeit in dieser Wohnung rumzuhängen. Und das würde ihre Pläne gewaltig durcheinanderbringen. Wenn sie nicht aufpasste, würde es sogar zu mächtigen Verwerfungen führen.
»Oh, wow«, sagte sie, »das sind ja Neuigkeiten.«
Ezra lächelte ironisch. »Darauf wette ich.«
5. Kapitel
An diesem Nachmittag war die Atmosphäre im Labor mehr nach Carters Geschmack. Kein Bill Mitchell, kein Eminem aus dem Ghettoblaster, niemand, der das Elektronenmikroskop in Beschlag genommen hatte. Carter war selten glücklicher als in den Momenten, in denen er etwas Neues zu studieren, zu analysieren und zu klassifizieren hatte und herausfinden musste, um was es sich handelte. Selbst als Kind war er schon so gewesen. Seit dem Tag, an dem seine Eltern ein zusätzliches Zimmer anbauen lassen wollten, wusste er, wozu er im Leben berufen war. Der Bulldozer, der einen tiefen Graben für das Fundament ausheben sollte, buddelte dabei einen rostigen Löffel und ein paar Knochenbruchstücke aus der Erde. Man hätte meinen können, er hätte Edelsteine und Diamanten zutage gefördert. Carter war damals zehn Jahre alt. Am nächsten Morgen rannte er zur Schule, um die Fundstücke seinem Naturkundelehrer zu zeigen, der sich allerdings nicht davon beeindrucken ließ. Aber seine Klassenkameraden hatten seine Begeisterung geteilt, besonders als er behauptete, die Knochen seien alt genug, um von einem Dinosaurier stammen zu können. Woher der Löffel stammte, war ihm egal. Von diesem Tag an hatte er den Spitznamen »Bones«, Knochen. So begannen seine Freunde ihn zu nennen, und es gefiel ihm tatsächlich. Selbst heute nannten seine Studenten ihn manchmal »Professor Bones«, wenn sie unter sich waren.
Die Proben, die man ihm zur Identifikation geschickt hatte, waren ein einziges Kuddelmuddel. Kein Wunder, dass die Universität Hilfe brauchte. Wer immer die Sammlung gespendet hatte, musste sie auf unterschiedlichsten Wegen zusammengetragen haben. Bei einem Stück handelte es sich tatsächlich um das versteinerte Fragment des Kieferknochens eines Smilodon, so der passende Name eines Säbelzahntigers aus der Eiszeit. Bei den meisten anderen handelte es sich um Fragmente von Schienbeinen und Fußwurzelknochen von Sauriern. Im Vergleich mit anderen Fossilien gar nicht schlecht erhalten, aber auch nichts Weltbewegendes. Noch ein, zwei Stunden, dann könnte Carter seine Arbeit abschließen, seinen Bericht schreiben und sich Aufgaben widmen, die mehr Herausforderung versprachen.
Wenn nur endlich das Telefon Ruhe geben würde.
Es hatte schon früher geklingelt und klingelte immer wieder, ohne dass Carter deswegen seine Arbeit unterbrochen hätte. Die einzige Person, die wusste, dass er hier war, war die Sekretärin des Fachbereichs, und sie würde die Nachricht für ihn entgegennehmen und in sein Postfach legen. Zu der anderen Post, die er, wie ihm jetzt einfiel, seit drei Tagen nicht abgeholt hatte.
Jetzt klingelte es schon wieder, doch vermutlich war es ohnehin nur Bill Mitchell, der prüfen wollte, ob sonst noch jemand im Labor war, der sich über ihm auf der Karriereleiter befand. Er wollte es klingeln lassen, wusste jedoch, dass es zehn Minuten später doch wieder losgehen und seine Konzentration erneut stören würde. Er stand vom Stuhl auf, streckte sich und durchquerte den Raum zum Wandtelefon. Beim fünften oder sechsten Klingeln hob er ab.
»Labor, Carter am Apparat.«
»Carter Cox?« Die Verbindung war schlecht, aber er ahnte bereits, mit wem er sprach. Dr. Giuseppe Russo, Joe, für seine amerikanischen Freunde.
»Russo? Joe Russo?«
»Ja! Die Sekretärin hat mir gesagt, dass du da bist. Ich habe die ganze Zeit angerufen.«
»Von wo aus rufst du an? Die Verbindung ist so schlecht, kann ich dich zurückrufen?«
»Nein, mein Freund. Jetzt, wo ich dich erwischt habe, werde ich nicht wieder auflegen.«
»Es muss wichtig für dich sein, wenn du sogar den Anruf zahlst.«
Russo lachte. Darüber hatten sie während der Ausgrabungen auf Sizilien, bei denen sie sich kennengelernt hatten, ständig Witze gemacht. Russos Budget war so knapp bemessen gewesen, dass er nicht einmal Essen und Wasser davon bezahlen konnte.
»Ich habe jetzt einen richtigen Job, an der Universität in Rom.«
»Gratuliere! Das ist großartig!«
»Darum rufe ich auch an.«
»Soll ich rüberkommen und eine Vorlesung halten? Beth wäre ganz aus dem Häuschen. Sie sucht ständig nach einem Vorwand, um nach Italien zu reisen.«
»Nein. Keine Vorlesung. Das mache ich selbst.«
»Okay, ein Nein als Antwort kann ich akzeptieren.« Aber warum rief er dann an, und dann noch so hartnäckig?
»Hast du mein Päckchen nicht bekommen?«, fragte Russo. »Die Proben, die ich dir mit Federal Express geschickt habe?«
»Nein, habe ich nicht.«
»Ich habe es dir letzte Woche ins Büro in deinem Fachbereich geschickt.«
Mist. »Ich habe seit ein paar Tagen nicht mehr nach der Post geschaut.«
In der Leitung knisterte es, trotzdem hörte Carter Joes glucksendes Lachen.
»Du musst es holen«, sagte Russo, »und es lesen. Bald. Es ist sehr wichtig.«
»Ich werde es einsammeln, sobald ich das Labor verlasse. Was ist darin?«
Entweder war die Leitung einen Moment ganz ausgefallen, oder Joe überlegte, was er erwidern sollte. »Wir haben hier etwas gefunden«, sagte er schließlich. »Um genau zu sein, waren es eigentlich zwei Amerikaner, die es zuerst entdeckt haben. Es ist ein … sehr interessanter Fund. Ich denke, wir brauchen deine Hilfe.«
Joe hatte Carter dabei geholfen, die Überreste von Europas ersten Bewohnern aus der »Knochengrube« auf Sizilien auszugraben. Er war kein Mann, der haltlose Behauptungen aufstellte, und wenn er etwas als »sehr interessanten Fund« bezeichnete, dann wusste Carter, dass es sich möglicherweise um eine richtig große Sache handelte. Carter spürte das Prickeln der Vorfreude am Hinterkopf.
»Was soll ich tun? Mir das Päckchen ansehen und dich morgen anrufen?«
»Ja! Meine Nummer ist dabei. Ruf mich um sechs Uhr abends an, römische Zeit. Du wirst es selbst wollen, mein Freund«, sagte er mit einem leisen Auflachen. »Du wirst nicht warten wollen.«
Carter konnte es jetzt schon kaum noch abwarten. Im Stillen schwor er sich, dass er sein Postfach nie wieder so sträflich vernachlässigen würde. Sobald er aufgelegt hatte, räumte er die gespendeten Fossilien weg, wobei er sich aus lauter Gewohnheit streng an die Vorschriften hielt, dann schnappte er sich seine Jacke und ging zur Tür.
Mitchell kam gerade herein, in der Hand eine Tüte von Burger King. »Hey, Bones, warum so eilig?«
»Hab was in meinem Büro vergessen«, sagte Carter, während er sich an ihm vorbeidrückte.
»Viel Glück«, sagte Mitchell, »wahrscheinlich haben sie schon übers Wochenende dichtgemacht.«
Genau das befürchtete Carter. »Du hattest übrigens recht mit dem Kieferfragment«, rief er über die Schulter, als er um die Ecke bog. »Es ist ein Smilodon.«
Das Büro des Fachbereichs war tatsächlich bereits geschlossen, als Carter außer Atem dort ankam. Durch die Glastür konnte er sein Postfach sehen, den obersten Schlitz im hölzernen Schrank, bis zum Platzen vollgestopft. Er erkannte sogar einen dieser unverwechselbaren FedEx-Umschläge mit den dicken Blockbuchstaben ganz oben auf dem Stapel. Entgegen aller Vernunft rüttelte er am Türgriff, aber es war natürlich abgeschlossen.
In diesem Moment hörte er den Hausmeister, Hank, der irgendwo im Korridor seinen Mopp in einen Eimer tauchte.
»Hank, sind Sie das?«, rief er laut und bog um die Ecke.
Hank blickte auf, den Mopp immer noch im Blecheimer. »Was ist los, Professor?«
»Können Sie mir einen riesigen Gefallen tun? Können Sie das Fachbereichsbüro kurz für mich aufschließen?«
»Sie wissen doch, dass ich das nicht darf.«
»Ja, ich weiß, Hank, und normalerweise würde ich Sie auch nie darum bitten. Aber im Büro ist etwas, das ich unbedingt heute Abend noch haben muss.«
Hank atmete hörbar aus, strich mit der Hand über seinen kahlen Schädel und schob schließlich den Eimer samt Mopp an die Wand. »Ich habe das nie getan, verstanden?«
»Nie.«
Hank trottete zur Bürotür, sperrte sie auf und wartete, während Carter sich den FedEx-Umschlag aus seinem Postfach schnappte. Er war dick und schwer, und Carter überprüfte den Absender, um sich zu vergewissern, dass es der richtige war. Tatsächlich, er kam von Joe Russo aus Rom. »Das ist es, was ich gebraucht habe«, sagte er und zeigte Hank das Päckchen. »Sie haben mir das Leben gerettet.«
Hank nickte und schloss das Büro wieder ab. »Allerdings.«
Am liebsten hätte Carter den Umschlag an Ort und Stelle aufgerissen und den Inhalt begutachtet und gelesen, doch inzwischen war es fast sieben, und er war mit Beth und ihren Freunden Abbie und Ben Hammond in Minetta’s Tavern zum Abendessen verabredet. Der Briefumschlag würde warten müssen, doch zumindest hielt er ihn jetzt in den Händen. Andernfalls hätten die Chancen nicht besonders gut gestanden, dass er in der Nacht, oder eher das ganze Wochenende über, Schlaf gefunden hätte.
Das Restaurant war nur ein paar Blocks entfernt, und als er ankam, entdeckte er Beth und die Hammonds an einem Tisch in der Nähe der Bar, wo sie sich einen Vorspeisenteller teilten.
»Gut, dass ihr nicht gewartet habt«, sagte Carter, beugte sich vor und küsste Beth auf die Wange.
»Das wäre uns nie in den Sinn gekommen«, sagte Ben und spießte eine Olive auf.
Carter lachte, zog den freien Stuhl hervor und setzte sich. Auf dem Tisch stand eine halbleere Karaffe mit Wein, und er schenkte sich ein Glas ein. Ben trug immer noch seinen Banker-Anzug, und Abbie, die bei einer Agentur arbeitete, deren Name Carter sich nie merken konnte, trug ein Kostüm, rot mit weißen Biesen an Revers und Kragen. Auf Carter wirkte sie, als wollte sie für eine Rolle als Gattin des Weihnachtsmanns vorsprechen.
»Was ist in dem Päckchen?«, fragte Abbie. »Du klammerst dich daran, als sei es das Gewinnerlos der Fernsehlotterie.«
»Ach, nur etwas Arbeit für später.«
Aber Beth, die in ihm lesen konnte wie in einem offenen Buch, legte den Kopf schräg und lächelte neugierig. Sie wusste, dass mehr dahintersteckte.
»Was ist das hier?«, fragte Carter in der Hoffnung, das Thema zu wechseln, und deutete auf einen Haufen Fotos, die auf dem Tisch verteilt lagen. Auf einem erkannte er eine kurvenreiche Landstraße, auf dem nächsten ein altes Farmhaus mit breiter Veranda.
»Sie haben sich ein Landhaus gekauft«, sagte Beth begeistert. »Im Norden.«
»In Hudson«, erklärte Abbie stolz. »Mit anderthalb Hektar Land und einer alten Apfelplantage.«
»Nicht zu vergessen die Scheune, die demnächst umfällt«, fügte Ben hinzu.
»Super«, sagte Carter, besah sich die Fotos vom Haus, das klein, aber gut erhalten wirkte. In der Ferne sah man eine niedrige Bergkette. »Ich wollte schon immer mal öfter aus der Stadt raus, aber ich wusste nie, wohin.« Er schaute Ben und Abbie an und sagte: »Vielen, vielen Dank. Ich bringe auch meine eigenen Marshmallows mit.«
»Und vergiss die Cracker und die Schokolade nicht«, sagte Abbie.
Beth hob ihr Glas, um einen Toast auszubringen. »Auf die Großgrundbesitzer!«
» Salud!«, sagten alle und stießen an, als sich der Kellner mit den Speisekarten näherte.
Nachdem sie sich die Tageskarte angesehen und bestellt hatten, erzählten die Hammonds noch mehr von dem Haus. Sie waren schon seit Monaten auf der Suche. »Wir brauchen unbedingt einen Platz außerhalb der Stadt«, sagte Abbie, »um mal abzuschalten.«
Carter glaubte allerdings, den wahren, unausgesprochenen Grund zu kennen, weshalb sie sich das Haus gekauft hatten. Es sollte von den Schwierigkeiten ablenken, die sie damit hatten, ein Kind zu bekommen, was er sehr gut nachvollziehen konnte. Und tatsächlich, schon bald unterhielten Beth und Abbie sich über Dr. Weston. Abbie hatte ihn zuerst konsultiert, und jetzt steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen konzentriert miteinander. Nicht zum ersten Mal bewunderte Carter die Intensität ihrer Freundschaft. Soweit er beurteilen konnte, gab es nichts unter der Sonne, über das Beth und Abbie nicht miteinander reden konnten, und vermutlich gab es auch nichts, worüber sie nicht schon geredet hatten. Im Barnard-College waren sie Zimmergenossinnen gewesen, und seitdem waren sie einander die beste Freundin. Selbst als Beth für ein Jahr nach England gegangen war, um am Cortauld College Kunstgeschichte zu studieren, hatte Abbie ein Sloan-Stipendium an der London School of Art ergattert. Ihr ursprüngliches Ziel war es gewesen, selbst Künstlerin zu werden, eine abstrakte Expressionistin, die nächste Lee Krasner. Aber das hatte nicht so richtig geklappt. Stattdessen hatte sie sich schließlich für einen lukrativen, aber geistig weniger anspruchsvollen Posten als Art Director in einer Werbeagentur entschieden.
Ben und Carter waren bei dieser Beziehung nur Anhängsel, und das wussten beide. Während ihre Frauen lachten und schwatzten und sich weiterhin leise berieten, suchten die Männer höflich nach einem Thema, über das sie reden könnten. Es war nicht so, dass sie einander nicht gemocht hätten. Sie waren sich sehr wohl sympathisch, aber ihre Lebensläufe und Berufe, selbst ihre Interessen waren ziemlich verschieden.
Ben entstammte einer begüterten Familie aus dem Main Line Viertel in Philadelphia, hatte in Exeter studiert, als Jahrgangsbester an der Wharton Business School seinen Abschluss gemacht und legte seitdem eine steile Karriere als Investmentbanker hin.
Carter nannte seine Familie mittlerweile »bequeme Unterschicht«, natürlich nur, wenn sie nicht in Hörweite waren. Sein Vater hatte einen Milchlaster einer Molkereikette in Nord-Illinois gefahren, und seine Mutter war zu Hause geblieben, um Carter und seine vier Brüder und Schwestern großzuziehen. Einen Großteil seiner Kindheit hatte er krank zu Hause gelegen. Als kleiner Junge hatte er die üblichen Kinderkrankheiten durchgemacht, Mumps, Masern, Windpocken, aber er hatte auch unter etwas gelitten, das eine Art Asthma zu sein schien. Er sagte stets, »zu sein schien«, denn als er ins Teenageralter kam, verschwanden die Beschwerden auf mysteriöse Weise. Seitdem hatte er sich Mühe gegeben, die verlorene Zeit wieder wettzumachen, indem er kletterte, Ski fuhr und die ganze Welt bereiste. Zu jedermanns Erstaunen, einschließlich seines eigenen, bekam er ein großzügiges Stipendium in Princeton. Er packte die Gelegenheit beim Schopfe und blickte nie zurück.
Doch erst in den letzten Jahren, nachdem er seine bemerkenswerten Funde auf Sizilien gemacht hatte, war er in die Riege der Spitzenkräfte in seinem Fachgebiet aufgestiegen. Der Lehrstuhl, den Carter an der New York University innehatte, war ein heißbegehrter Posten, was zum Teil daran lag, dass Mr Kingsley, nach dem der Lehrstuhl benannt war, eine hinreichend ausgestattete Stiftung hinterlassen hatte, um dem Lehrstuhlinhaber ein respektables Gehalt zahlen zu können. Carter war nicht wegen des Geldes in das Knochengeschäft eingestiegen, das würde niemand tun, der bei klarem Verstand war. Aber letztendlich, so musste er einräumen, hatten die Knochen ihm ziemlich viel Glück gebracht.
Während er und Ben von Büchern und Filmen auf die Außenpolitik kamen, fiel es Carter immer schwerer, sich zu konzentrieren. Er tat sein Bestes, um seinen Teil zur Unterhaltung beizutragen, aber mit den Gedanken kehrte er immer wieder zu dem Päckchen von FedEx zurück, das unter seinem Stuhl lag. Am liebsten wäre er nach Hause gerannt, hätte den Umschlag aufgerissen und herausgefunden, wovon Russo geredet hatte. Als Carter als erster Forscher die Knochengrube entdeckt und ausgegraben hatte, war Giuseppe Russo, damals noch Doktorand der Paläontologie, buchstäblich seine rechte Hand gewesen. Einmal, als Carters Seil sich unerklärlicherweise aus dem Karabiner gelöst hatte, hatte Joe ihn in letzter Sekunde am Kragen seines Ponchos gepackt und hinauf auf festen Boden gezerrt. Carter konnte sich noch gut an das Gefühl erinnern, wie er über einem grausigen Haufen prähistorischer menschlicher Knochen mitten in der Luft im engen Schacht geschwebt hatte, den sie mehr als zwanzig Meter tief in die Erde gegraben hatten. Ohne Joe hätte er sich damals zu den anderen sterblichen Überresten gesellt, genauso mausetot.
Als die Dessertkarte kam, waren zum Glück alle viel zu vollgegessen, um auch nur darüber nachzudenken. Carter betete, dass niemand noch einen Kaffee oder einen Drink bestellen würde, und sein Flehen wurde erhört. Ben sagte tatsächlich, er müsste noch einmal ins Büro. Draußen trennten sich ihre Wege, und Beth hakte sich bei Carter unter, als sie nach Hause gingen.
»Also«, sagte sie. »Ich sterbe fast vor Neugier. Was ist in diesem geheimnisvollen Umschlag?«
»Das werde ich wissen, wenn wir zu Hause sind«, sagte er. »Aber er ist von Joe Russo.«
»Der Typ, mit dem du auf Sizilien zusammengearbeitet hast?«
»Ja. Er sagt, er habe etwas gefunden, etwas, das er für merkwürdig genug hält, damit ich einen Blick darauf werfen soll.«
»Möchte er, dass du hinfliegst?«, fragte sie und klang besorgt.
»Soweit ich weiß nicht. Aber meinst du nicht, dass du dort genügend Renaissance-Kunst findest, um dich ein paar Wochen lang zu beschäftigen?«








