412 000 произведений, 108 200 авторов.

Электронная библиотека книг » Robert Masello » Das letzte Relikt » Текст книги (страница 14)
Das letzte Relikt
  • Текст добавлен: 8 октября 2016, 21:19

Текст книги "Das letzte Relikt"


Автор книги: Robert Masello


Жанры:

   

Триллеры

,
   

Ужасы


сообщить о нарушении

Текущая страница: 14 (всего у книги 27 страниц)

»Schon gut«, erwiderte Ezra, obwohl er offensichtlich verärgert war. Er wandte das Gesicht ab. Sein Profil erinnerte Carter an einen Wüstenfalken, mager, frei und hungrig. Ezra beobachtete den Kontrolleur an der Mautstelle, der gerade dem Fahrer sein Wechselgeld herausgab.

Schweigend fuhren sie durch den Tunnel. Carter fühlte sich schlecht, weil er den Mann, der ihn mitgenommen hatte, beleidigt hatte. Als sie den Tunnel hinter sich gelassen hatten, versuchte Carter die Stimmung im Wagen aufzulockern, indem er Ezra fragte, wo er wohnte.

»East Side«, lautete die knappe Antwort.

»Allein?«

»Nein.« Wenn es eine gute Sache gab, die sich aus Ezras Sicht aus den Verwicklungen vor der UN ergeben hatte, dann war es die Auflage des Gerichts, dass er jederzeit unter seiner derzeitigen Adresse erreichbar sein musste. Kimberly hatte sich totgeärgert – eines der wenigen Dinge seit langem, die Ezra aufrichtiges Vergnügen bereitet hatten.

Aber Ezra begriff, dass er es sich im Moment nicht leisten konnte, weiter beleidigt zu sein oder diesen Carter irgendwie zu verstimmen. Zumindest nicht, bis er genügend Informationen aus ihm herausgeholt hatte, um jeden Zweifel und alle Fragen zu klären, die er vielleicht noch hatte. Gab es eine Verbindung zwischen dem, was in jener Nacht im Labor vorgefallen war, einem Labor, in dem ein seltsames Fossil peinlich genau untersucht wurde, und den Glocken, die in jeder Kirche der Stadt geläutet hatten?

»Ich muss einmal um den Block fahren«, meldete sich Maury, »um zur Krankenhausauffahrt zu kommen«, doch Carter, der es eilig hatte, aus dem Wagen auszusteigen, sagte: »Kein Problem, Sie können mich gerne auf der anderen Straßenseite rauslassen.«

Maury zuckte die Achseln und parkte den Wagen vor einem leerstehenden Gebäude genau gegenüber vom Haupteingang des Krankenhauses.

»Danke fürs Mitnehmen«, sagte Carter zu Ezra, der sich endlich wieder zu ihm umwandte und fragte: »Wird Mr Russo hier behandelt?«

»Ja.« Das war nicht schwer zu erraten. »Ich gehe hoch zur Intensivstation, um zu sehen, wie es ihm geht.«

Carter öffnete die Tür und stieg aus. Doch ehe er fortgehen konnte, war Ezra über die Rückbank gerutscht und hatte das Fenster heruntergelassen.

»Eine Sache noch«, sagte er.

»Ja?« Jetzt, wo er aus dem Wagen raus war, fühlte Carter sich wie befreit.

»Hat Ihr Kollege Ihnen etwas darüber erzählt, egal wie seltsam es auch sein mag, was an jenem Abend im Labor passiert ist? Über die Explosion? Das Feuer? Das Fossil?«

»Nicht viel«, sagte Carter. »Sie müssen verstehen, dass sein Zustand immer noch sehr schlecht ist. Ich weiß, dass sie einen Laser benutzt haben, und der Strahl hat eine Höhle erwischt, in der Gas im Felsen eingeschlossen war. Das war die Ursache für den Unfall.«

»Sind Sie sich sicher, dass das alles war?«, frage Ezra. »Mehr hat er nicht gesagt?«

Carter haderte mit sich, ob er mehr sagen sollte. Er wollte nur noch weg, aber andererseits hatten Ezras Fragen und dieser flehentliche Blick etwas an sich, das ihn zögern ließ.

Und Ezra sah es. »Was ist es? Sagen Sie mir, was Sie denken.«

»Also gut. Er erwähnte etwas, das Sie vielleicht interessieren könnte«, sagte Carter, während Ezra am offenen Fenster wartete. »Sie müssen allerdings bedenken, dass er im Delirium lag und bis zum Anschlag mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt war, als er das sagte …«

»Sagen Sie es mir.«

»Er behauptete, das Fossil sei lebendig geworden.«

Einen Moment lang blieb Ezras Gesicht ausdruckslos, dann röteten sich die Wangen, und er schlug mit der geballten Faust gegen die Innenseite der Autotür. »Ich wusste es.«

Jetzt war die Reihe an Carter, überrascht zu sein. »Sie wussten es?«

Ezra kritzelte etwas auf ein Stück Papier und reichte es Carter durch das Fenster. »Das ist meine Nummer, aber ich nehme nie ab. Rufen Sie an und hinterlassen Sie Ihre Nummer bei der Haushälterin.«

Haushälterin?

»Wir müssen uns unterhalten«, sagte Ezra, »viel länger.« Er lehnte sich zurück, den Blick geradeaus gerichtet. Im Verkehrsstrom tat sich eine Lücke auf, und der Wagen fuhr davon.

Während Carter auf Grün wartete und den verschwindenden Rücklichtern des Lincoln nachsah, fiel sein Blick zufällig auf ein riesiges Schild auf dem schäbigen Grundstück hinter ihm. In großen Lettern stand darauf:

HIER ENTSTEHT IN KÜRZE THE VILLAGER.

26 STOCKWERKE LUXUS-

GENOSSENSCHAFTSWOHNUNGEN.

Und darunter, in ebenso großen Lettern:

EIN PROJEKT DER METZGER COMPANY, INC.

Warum klingelte es plötzlich bei ihm? Er brauchte einen Moment, um eins und eins zusammenzuzählen, aber hatte Ezra nicht gesagt, sein Familienname sei Metzger? Konnte es sein …?

Die Ampel sprang um, und Carter überquerte die Straße. Mit wem genau hatte er gesprochen? Und noch wichtiger: Wie um alles in der Welt konnte Ezra Metzger, ja, er war sicher, dass das sein Name war, wie konnte er vorher, so wie er behauptete, von Russos wirrem Gerede über das lebendig gewordene Fossil gewusst haben?


21. Kapitel

Die Nacht wurde zu seinem Freund. Es war so viel einfacher, sich nachts durch die Straßen zu bewegen, im Schein der Lampen, die alles und jeden leicht unwirklich wirken ließen. Wie ein Nebelschleier konnte er sich zwischen den Menschen bewegen und unbemerkt ihre Tausende Gerüche, Stimmen und Gestalten in sich aufnehmen. Er konnte ihre Parfums einatmen, ihnen in die Augen blicken, sogar ihre Körper streifen, ihre Haut und die Beschaffenheit ihrer Kleider erspüren. Er ging dorthin, wo die Straßen voll waren, um die Luft einzuatmen, die sie ausatmeten, ihnen zuzuhören, wenn sie sprachen – hundert verschiedene Zungen, die alle zur gleichen Zeit zu sprechen schienen– und die Geheimnisse ihrer Herzen und Seelen zu erforschen.

Und darin lag, wie er spürte, wenig Überraschendes. Und ein gewisser Trost. Er hatte sich damals also doch nicht geirrt, vor so langer Zeit … und er irrte auch jetzt nicht.

Aber alles andere hatte sich so sehr verändert.

Er hatte bereits den Namen des Ortes erfahren, den er nun bewohnte, und er hatte herausgefunden, welche Rolle er in der gegenwärtigen Welt einnahm. Hätte der Ort seiner Rückkehr weiser ausgewählt worden sein können? Gab es irgendeine andere Stelle auf der Erde, wo er so leicht beginnen könnte? Das war keine göttliche Vorsehung, o nein, das ganz gewiss nicht, aber es kam dem sehr nahe. Etwas war in Bewegung gesetzt worden. Ein Plan, den selbst er, bei all seiner Weisheit und all seinem Wissen, nicht vollständig erfasste.

Manche Straßen, gewisse Ecken kannte er inzwischen besser als andere, und oft ertappte er sich dabei, dass er immer wieder dorthin zurückkehrte. Gleich einem Wolf, der die Pfade verfolgt, auf denen er bereits erfolgreich gejagt hat. Wenn er aus der Dunkelheit seines Schlupfwinkels heraustrat, einem Ort aus zersplittertem Holz und zerbröckelnden Steinen, an dem er das leise Echo von Gebrechen und Krankheit vernahm, schritt er oft diese vertrauten Pfade entlang. Hier, zum Beispiel, war der Ort, zu dem der verbrannte Mann gebracht worden war … hier hatte er aus dem Schatten die lodernden Flammen beobachtet … und an dieser Stelle, die jetzt geschwärzt und verlassen dalag, war er auf die Welt zurückgekehrt. Hier gab es Antworten, o ja, so viel wusste er, aber er wusste noch nicht, in wessen Brust sich diese Antworten verborgen hielten.

Er wollte es wissen. Es war seine ureigenste Bestimmung zu wissen.

Im Lichtkreis, der von einer Straßenlaterne auf den nassen glänzenden Gehweg geworfen wurde, sah er jemanden auf und ab schreiten. Es war dieselbe Person, die er in jener Nacht getroffen hatte, als er aus dem Inferno getreten war. Diejenige, die ihm den roten Mantel gegeben hatte, den er noch immer trug.

Als er sich näherte, blieb die Gestalt stehen und starrte ihn ehrfürchtig an. War es so offensichtlich, was er war? Das wollte er nicht. Er wollte, dass die Dinge so waren, wie sie vor langer Zeit gewesen waren … bevor sich alles auf so schreckliche Art und Weise aufgelöst hatte.

Je näher er kam, desto mehr schien die Gestalt an Ort und Stelle festzuwachsen. Dunkle Haut, langes Haar, die Gesichtszüge verdeckt durch Farbe und Schlamm, Saft und Staub. Ein lederner Sack hing an einem Arm – eine Handtasche, unvermittelt kam ihm dieses Wort in den Sinn.

»Du bist es!«, rief sein Wohltäter erstaunt. Schwankend näherte sich die Gestalt in Schuhen mit hohen Absätzen. Sie legte ihm eine Hand, deren Nägel, wie er bemerkte, in hellem Silber gefärbt waren, auf den Ärmel. »Ich hätte nie gedacht, dass ich dich noch einmal wiedersehe. Zumindest nicht in diesem Leben.«

Bei so vielen Menschen, die es jetzt auf der Welt gab, kam das vielleicht häufig vor.

»Aber dieses Mal wirst du mir nicht so einfach davonkommen. Nicht ohne mir zuerst ein paar Dinge erklärt zu haben.«

»Was … willst du … wissen?« Es war das erste Mal, dass er tatsächlich versuchte, Worte auszusprechen, Worte, die er aus der Luft um sich herum gepflückt hatte. Und jetzt wartete er, ob man ihn verstanden hatte.

»Als Erstes möchte ich wissen, wer du bist.«

Man hatte.

»Oder vielleicht sollte ich lieber fragen, wasdu bist. Letztes Mal, als ich dich sah, hast du geleuchtet wie eine Glühbirne. Jetzt strahlst du nicht mehr so viel Licht ab.«

Er konnte es sich nicht leisten. Es wäre zu töricht. Er beobachtete, wie ein weißes Auto mit blauen Streifen und einem roten Balken auf dem Dach langsam um die Ecke bog.

»Oh shit«, murmelte sein Wohltäter.

Er fühlte sich am Ärmel des Mantels gepackt und in den dunklen Eingang gezerrt, in dem er damals gestanden hatte, um das Feuer zu betrachten.

Das Auto kam näher, und er wurde noch tiefer in den Schatten gezogen, bis zum Ende der Treppe unterhalb des Straßenniveaus. Der Boden war mit dickem Papier und zerbrochenen Flaschen bedeckt, es roch nach Müll … und menschlicher Vereinigung.

»Wir werden hier nur eine Weile warten, bis meine Freunde weg sind.«

Jetzt roch er auch … Furcht.

»Man nennt mich Domino, vielleicht, weil ich so leicht umkippe.« Ein leises Lachen. »Willst du mir sagen, wie man dich nennt?«

Es gefiel ihm hier nicht, und er begann, die Stufen wieder zu erklimmen. Doch Domino packte ihn erneut am Ärmel und sagte: »Die Cops gurken hier immer noch rum. Und überhaupt, wozu die Eile?«

Domino zog ihn dichter zu sich heran. Sie waren etwa gleich groß, und er konnte seinem Wohltäter direkt in die Augen blicken. Sie waren dunkelbraun, mit langen schwarzen Wimpern. Die Brauen waren, wie er jetzt erkannte, bernsteinfarben gefärbt.

»Du schuldest mir noch was.« Dominos Finger spielten mit seinem Mantel. »Ich habe dir schließlich den hier gegeben.« Er spürte, wie die Knöpfe geöffnet wurden. »Ich bitte dich nicht um Geld – es sei denn, du möchtest mir etwas geben. Aber du könntest mir zumindest zeigen, was du darunter trägst.« Der Mantel öffnete sich. »Ich denke immer noch, dass du was ganz Besonderes im Schilde führst.«

Als sich der Mantel weiter öffnete, schwand die Dunkelheit am Fuß der Treppe. Domino lehnte sich zurück, um den Anblick auf sich wirken zu lassen. »Wow, du machst es schon wieder!«

Er sorgte dafür, dass sein Strahlen noch ein wenig heller wurde. Im Licht konnte er Domino deutlicher erkennen als je zuvor. Erkannte das falsche Haar, welches das echte verdeckte, die kräftigen Knochen unter dem Puder und dem Lehm im Gesicht, die sehnigen Arme unter den weichen femininen Kleidern.

Dominos Hand schlich sich ins Innere des Mantels. Berührte ihn.

Unter dem süßen Parfum nahm er den Geruch der Verderbnis wahr.

»Was zum … Teufel«, sagte Domino stockend.

Er breitete die Arme aus, und Domino trat zurück bis an die feuchte Mauer des Kelleraufgangs. Die Handtasche rutschte auf den schmutzbedeckten Boden.

»Heiliger Strohsack …«

Er schüttelte den Mantel von den Schultern und kam näher. Er umarmte Domino, der sich jetzt wehrte.

Was ihn nur dazu brachte, seinen Griff zu verstärken. Er presste den sich windenden und um sich schlagenden Körper an sich. Er konnte die Hitze riechen, die Angst, die Wut. Er umklammerte Domino so fest, dass dieser seine Glieder nicht mehr rühren konnte. Er spürte, wie der Körper nach Luft rang, das Herz wie rasend in der Brust schlug. »Du fragtest nach meinem Namen«, sagte er, während plötzlich ein exakter Flammenkreis aus dem Beton um ihre Füße erwuchs. In Dominos vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen spiegelte sich der Schein des Feuers. »Er lautet Arius.«

Die Flammen wuchsen rasch, wanden sich um ihre vereinigten Leiber wie eine Schlange um einen Baum. Domino schrie, aber das Geräusch wurde vom Feuer erstickt und verhallte dumpf im düsteren Kelleraufgang. Seine Kleider brannten, und seine Haut knisterte und brach. Die Perücke auf seinem Kopf verschwand in einer Wolke aus goldenem Feuer.

Als es nicht mehr genügend gab, das er festhalten konnte, ließ Arius ungerührt los und trat zurück. Was von Domino übriggeblieben war, fiel in einem flackernden Haufen aus verrußter Haut und Knochen zusammen. Orangefarbene Funken tanzten in der Dunkelheit, als Arius sich bückte, um den roten Mantel aufzuheben, die Asche abzuschütteln und ihn wieder anzuziehen. Auch die heruntergefallene Handtasche hob er auf und wandte sich zur Treppe.

Im Grunde hatte sich nichts geändert, dachte er, während er zur Straße emporstieg und die Handtasche durchwühlte, um zu sehen, ob sich darin etwas von Nutzen befand. So etwas kam davon, wenn man sich abscheulichen Lastern hingab.


22. Kapitel

Carter war heute nicht in Stimmung. Zuerst war da dieser verstörende Termin in der Arztpraxis gewesen, und jetzt versuchte er, einem ungewöhnlich unruhigen Seminarpublikum die Theorie der Geochronologie nahezubringen.

»Den meisten von uns wurde vorgegaukelt«, sagte er, »die Menschheit habe sich in einem langen kontinuierlichen Prozess entwickelt, und dass alle protohumanen Fossilien, egal, wo sie gefunden werden, und egal, wie alt sie sind, sich irgendwo in diese Linie einfügen lassen müssen.«

Er blickte von seinen Notizen auf und sah ein paar Studenten in der letzten Reihe, die mit gesenkten Köpfen über etwas diskutierten, das wie eine Glückwunschkarte aussah.

»Aber diese Theorie, bekannt als Theorie des einzelnen Ursprungs oder auch Out-of-Africa-Theorie«, fuhr er fort und versuchte, die Störung zu ignorieren, »ist zunehmend schwerer zu verteidigen. Neuere Funde in Ländern wie China oder Indonesien, insbesondere auf Java, weisen in eine andere Richtung. Sie deuten auf eine Welt hin, die Millionen von Jahre alt ist und auf der verschiedene hominide Spezies es geschafft haben, den Planeten zur selben Zeit zu bewohnen. Nicht unbedingt friedlich, aber zumindest gleichzeitig.«

Er blickte erneut auf. Dieses Mal sah er, wie jemand die Karte an Katie Coyne weiterreichte, und er wurde wütend.

»Also gut, wer erklärt mir, was Sie da treiben?«

Stille legte sich über den Hörsaal.

»Katie, würden Sie mir bitte erklären, was los ist, ehe ich beschließe, Ihnen allen einen unangekündigten Test aufzudrücken?«

Katie sah aus, als würde sie lieber nichts sagen. Sie rückte das blaue Tuch zurecht, das sie heute auf dem Kopf trug und mit dem sie auf Carter wie ein hübsches Bauernmädchen in einem Gemälde von Millet wirkte. »Es ist eine Gute-Besserung-Karte«, erklärte sie schließlich.

»Okay«, erwiderte Carter kühl und fragte sich, wieso das eine angemessene Erklärung sein sollte. »Und für wen?«

»Für Ihren Freund«, sagte sie. »Professor Russo. Wir unterschreiben alle.«

Carter fehlten die Worte.

»Ich wollte sie ihm später noch vorbeibringen, wenn Sie meinen, dass es okay ist.«

»Ja«, sagte Carter, inzwischen leicht verlegen. »Ich bin sicher, dass er sich freuen wird.«

Es klingelte, keinen Augenblick zu früh. Die Studenten packten, vielleicht aus Rücksicht auf seine Stimmung, ihre Sachen noch schneller zusammen als sonst.

»Aber diese Idee mit der Geochronologie«, sagte Katie über das Gewusel hinweg, »klingt cool. Dem kann ich voll zustimmen.«

Er wusste, dass sie nur versuchte, ihn zu überzeugen, dass nicht alles, was er heute gesagt hatte, verschwendet gewesen war. Es war ein netter Versuch, aber er wusste auch, dass es ihm heute nicht gelungen war, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.

Zum Lunch ging er an den einzigen Ort, an dem er sicher sein konnte, keinem seiner Fakultätskollegen über den Weg zu laufen, in die Mensa. Er trug sein Tablett mit einem Hamburger und Pommes zu einem Tisch in der hintersten Ecke, wo es nicht ganz so laut war, und er seine Ruhe hatte. Mit dem Rücken zur hungrigen Horde sitzend, konnte er nachdenken, ohne gestört zu werden.

Das einzige Problem war, dass seine Gedanken heute nur in miese Richtungen gingen.

Angefangen hatte es mit dem Termin in Dr. Westons Praxis, wo sie die Ergebnisse ihrer verschiedenen Tests erfuhren. Carter hatte sich nicht darauf gefreut, aber den Augenblick auch nicht gefürchtet. Er nahm an, dass die Probleme, die Beth und er hatten, sich als ziemliche Routineangelegenheit erweisen würden. Ein, zwei kleine Korrekturen in ihrer Methode der Familienplanung, und in Nullkommanichts wäre alles auf den richtigen Weg gebracht. Sie waren beide jung und gesund, und Beth ernährte sich sogar ausgesprochen ausgewogen. Wenn er es aus irgendwelchen Gründen ebenso halten müsste, würde er eben auf sein Junk-Food verzichten.

Doch noch ehe das Gespräch richtig begonnen hatte, hatte der Ausdruck auf Dr. Westons Gesicht Carter bereits verraten, dass es um mehr ging als um falsche Ernährung. Der Arzt breitete einen Haufen Papiere und Laborberichte auf seinem Schreibtisch aus und machte etwas peinlichen Smalltalk mit Beth über seine private Kunstsammlung. Danach kam er jedoch direkt auf das Problem zu sprechen.

»In all Ihren Tests und Laborberichten«, sagte er und wandte sich direkt an Beth, »haben wir nichts gefunden, das die Probleme bei der Empfängnis erklären könnte. Die körperliche Untersuchung erbrachte keine Obstruktionen oder Probleme gleich welcher Art, und auch bei Ihren Blut-und Hormonwerten sind keine kritischen Auffälligkeiten festzustellen. Sie haben eine leichte Neigung zu Anämie, aber das bekommen wir mit einem einfachen Eisenpräparat in den Griff.«

Carter stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Zumindest bei Beth war alles in Ordnung. Und vielleicht, ganz vielleicht, hatte seine Intuition ihn ja getäuscht.

Dann wandte Dr. Weston sich an ihn, und er wusste, dass es nicht so war.

»In Ihrer Krankengeschichte, Carter, lese ich, dass Sie als Jugendlicher Mumps hatten?«

Mumps? »Ja, das stimmt.«

»Erinnern Sie sich noch, ob es ein schwerer Verlauf war?«

Auf der Stelle war Carter der Monat wieder gegenwärtig, den er mit heftigem Fieber zu Hause verbracht hatte. Er war in einem der hinteren Schlafräume unter Quarantäne gestellt worden, mit zugezogenen Vorhängen und einer Tasse kühlendem Tee neben dem Bett. »Ja, das war es. Ich konnte deswegen ein paar Wochen lang nicht zur Schule.«

Dr. Weston nickte. »Wissen Sie noch, welche Medikamente Sie bekommen haben?«

Carter entsann sich, massenweise Tabletten geschluckt zu haben, und selbst an ein paar Spritzen in den Po, aber er hatte keine Ahnung, was das gewesen war. »Da müssen Sie meine Mutter fragen, oder den Arzt, falls er noch praktiziert. Er stand damals schon kurz vor der Pensionierung.«

»Das brauchen wir wahrscheinlich gar nicht. Ich denke, es ist ziemlich klar, was passiert ist, besonders, wenn Ihr Arzt, wie Sie sagen, damals schon eine ganze Weile praktiziert hat. Dieser Vorfall hat sich in den frühen Achtzigern zugetragen, bevor wir über die Informationen verfügten, die wir heute haben.«

Beim letzten Teil, »Informationen, die wir heute haben«, begannen bei Carter die Alarmglocken zu schrillen.

»Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er Ihnen ein starkes Antibiotikum verschrieben«, führte Dr. Weston aus, »das sich, wie wir inzwischen wissen, in manchen Fällen, wenn es zu Beginn der männlichen Pubertät verabreicht wird, ungünstig auf die spätere Potenz auswirken kann.«

Carter musste die ganzen Wörter erst richtig sortieren. Sagte der Arzt damit, dass er impotent war? Denn wenn es das war, was er dachte, dann …

»Ich meine damit nicht, dass Sie irgendwelche Schwierigkeiten bei der Erregbarkeit oder der Ejakulation haben«, fuhr Dr. Weston fort. »Keiner von Ihnen hat angedeutet, dass es in diesem Bereich Probleme geben könnte.«

Die Sache war also schon einmal geklärt.

»Aber leider ist eine Nebenwirkung von Mumps und den Maßnahmen, die ergriffen wurden, um es zu besiegen, bei manchen Männern spätere Sterilität.«

Carter saß still auf seinem Stuhl. Beth rührte sich genauso wenig.

»Wir haben Ihre Spermienprobe zweimal untersucht – Sie haben uns eine ganze Menge Arbeit beschert.« Weston brachte ein sparsames Lächeln heraus, das indes nicht viel half. »Leider kamen wir beide Male zum selben Ergebnis. Die Anzahl der Spermien bewegt sich im Bereich um ein Prozent, und die Beweglichkeit ist in ähnlichem Maße abgeschwächt.«

Carter war immer noch dabei, die Informationen zu verarbeiten. Er war … steril?

»Wollen Sie damit sagen, dass ich … kein Kind zeugen kann?«

Dr. Weston lehnte sich in seinem Sessel zurück, die Hände flach auf den Schreibtisch gelegt. »Biologisch betrachtet muss ich diese Frage bejahen. Aber ich brauche jemandem von Ihrem intellektuellen Kaliber nicht zu erklären, dass biologische Vaterschaft nicht das Wichtigste im Leben ist.«

Eine Sekunde lang konnte Carter ihm nicht folgen.

»Als Paar können Sie immer noch ein Kind haben, indem Sie zum Beispiel eine alternative Quelle für die Samen finden. Wir können ein anderes Mal darüber reden, wenn Sie möchten, sobald Sie Gelegenheit hatten, sich alles in Ruhe zu überlegen. Physiologisch ist Beth immer noch eine erstklassige Kandidatin, um Mutter zu werden.«

Carter spürte, wie sie ihre Hand langsam über die Stuhllehne schob und seine eigene ergriff. Ob seine Hand genauso eisig war wie ihre?

Sie konnten also ein Kind bekommen, oder zumindest Beth konnte eines gebären. Mit dem Sperma eines anderen Mannes? Eines Freundes? Eines Familienmitglieds? Eines anonymen Spenders? Meine Güte, dachte Carter, so viele phantastische Möglichkeiten, wie sollte er sich da bloß für eine entscheiden?

»Ich weiß, dass das keine gute Nachricht ist«, sagte Dr. Weston, »und Sie sollten sich so viel Zeit nehmen, wie Sie brauchen, um alle Optionen in Erwägung zu ziehen. Aber wenn ich Ihnen eines mit auf den Weg geben darf, dann dieses: Sie habenOptionen. Wenn Sie eine Familie haben möchten, dann können und werden Sie eine bekommen.«

Sicher,dachte Carter. Aber wessen Familie wäre es dann?

Er wusste, dass Dr. Westons abschließende Worte als Ermutigung gedacht waren, aber als er sich jetzt unter all den jungen Leuten in der Cafeteria umschaute, bekamen die Worte einen dumpfen Beiklang. Als er all die jungen Kerle anschaute, kam ihm ein unheimlicher und unwillkommener Gedanke: Jeder von ihnen könnte der Vater seines Kindes werden, jeder von ihnen könnte für seine Frau das tun, was er nicht fertigbrachte. Jeder von ihnen könnte ein Baby zeugen, könnte seine eigenen Gene an die nächste Generation weitergeben. Das war ja auch nicht weiter schwer, aber es war etwas, das er niemals zustande bringen würde. Er wusste, dass diese Gedanken falsch und selbstzerstörerisch waren, aber er konnte nichts dagegen machen. Er kam auch nicht gegen das Gefühl an, dass er jetzt, wo er die Wahrheit kannte, weniger ein Mann sei als noch am Morgen, als er vollkommen ahnungslos aufgestanden war. Er konnte nur hoffen, dass Beth nicht auf gleiche Weise empfand. Denn selbst wenn es so wäre, würde sie es niemals zugeben.

Er legte die Gabel fort und schob das halbaufgegessene Essen beiseite. Selbst von dem Geruch wurde ihm im Moment leicht übel.

Er verließ die Mensa, um nach Hause zu gehen, entschied sich jedoch, im jetzt verwaisten Labor vorbeizuschauen. Er musste seinen Bericht für das Büro des Präsidenten fertigstellen, und er wollte sich vergewissern, dass er an alles gedacht hatte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blieb er stehen und begutachtete von dort aus das gelbe Polizeiband, das inzwischen an einigen Stellen herunterhing. Die Stahltüren hatten sich unter der intensiven Hitze verdreht und verbogen, und die Außenmauern waren rußgeschwärzt. Erstaunt stellte er fest, dass der Brandgeruch immer noch ziemlich stark war.

Doch dann merkte er, dass der Geruch nicht vom Labor kam. Die Quelle lag wesentlich dichter, rechts hinter ihm. Er drehte sich um und sah eine Art laminierten Ausweis auf dem Beton liegen. Er bückte sich, um ihn aufzuhaben.

Es war der Führerschein eines Mannes, eines jungen Afroamerikaners mit dem Namen Donald Dobkins. An den Rändern war er angesengt, aber das Bild kam ihm vage bekannt vor.

Er blickte in den Kelleraufgang und sah ein Brillenetui, offen und leer.

Hier war der Geruch sogar noch stärker. Und er hörte ein Geräusch, ein leises Rascheln, im Schatten am Fuß der Treppe.

Was ging hier vor? Was war da unten? Konnte es irgendetwas mit dem Brand im Labor zu tun haben? Und wenn ja, wie war das all die Tage unentdeckt geblieben, so nah dabei?

Das Rascheln ertönte erneut, und Carter rief: »Hallo? Ist da unten jemand?«

Keine Antwort.

»Ist da jemand?«

Carter stieg eine Stufe hinunter, und der Brandgeruch, der Geruch nach verbranntem Fleisch, um genau zu sein, wurde noch stärker.

Schließlich konnte er etwas erkennen, einen geschwärzten Haufen, der auf dem Boden lag.

Er stieg noch eine Stufe hinab und sah, dass der Haufen Schuhe trug. Verbrannte, aber deutlich erkennbare Schuhe mit hohen Absätzen.

Carter blieb stehen. Das war eine Leiche. Ein Toter. Aber das Rascheln ertönte erneut, und er sah eine Bewegung.

O mein Gott, dachte er. Vielleicht auch nicht. Vielleicht lebt sie noch!Er sprang den Rest der Stufen hinab, und kaum berührte sein Fuß den Beton am Grund der Treppe, als es plötzlich hektisch zu werden begann. Es quietschte und huschte, rote Augen und kleine weiße Zähne blitzten auf. Ratten, manche schwarz und groß wie Katzen, stoben in alle Richtungen davon, rannten über seine Schuhe und jagten die Stufen hinauf. Carter blieb wie angewurzelt stehen, bis die Meute verschwunden war. So etwas war ihm schon einmal passiert, als er in eine uralte Abfallgrube in Yucatán hinabgestiegen war, und er war klug genug, um den Atem anzuhalten und es einfach geschehen zu lassen. Die Ratten wollten genauso wenig etwas von ihm wie er von ihnen.

Sein erster Eindruck hatte ihn nicht getäuscht. Die Leiche sah aus, als sei sie in sich zu einem Haufen aus verbrannten Gliedmaßen und verschmorten Knochen zusammengefallen. Das Gesicht, beziehungsweise das Wenige, was davon noch übrig war, starrte in einer stummen, schmerzverzerrten Grimasse nach oben. Als er sich tiefer beugte, war der Geruch von verbranntem Fleisch kaum noch zu ertragen. Er musste sich abwenden, einmal kräftig Luft holen und sich mit geschlossenem Mund wieder umdrehen. Was er sah, kam ihm, wie das Bild auf dem Führerschein, seltsam bekannt vor. Kannte er diese Person?

Ich sah einen Mann, aber eigentlich war es gar kein Mann. Er war ganz und gar aus Licht, und er leuchtete.

Jetzt fiel es ihm wieder ein.

Ich gab ihm meinen besten roten Mantel.

Der Transvestit, der in dieser Gegend arbeitete.

Dieser Mann war ein Engel.

Den hatte er hier vor sich – oder besser, was von ihm übrig war. Aber was um alles auf der Welt war ihm zugestoßen?

Carter wandte den Kopf ab und schnappte erneut nach Luft.

War es nicht merkwürdig? Erst Russo, und nun dieser Kerl, beide übel verbrannt. Fast am selben Ort, und innerhalb weniger Tage. Wie standen die Chancen, dass es sich um einen Zufall handelte? Carter schätzte sie als nicht besonders groß ein.

Er sah sich im dunklen Kelleraufgang um, aber alles, was er fand, waren Asche und Fetzen von verbranntem Zeitungspapier. Mehr nicht. Er konnte nichts mehr für den toten Donald Dobkins tun, außer die Polizei zu rufen.

In der Telefonzelle an der Ecke wählte er 911, und eine Minute später kreuzte ein Streifenwagen auf. Ein Mord, vermutete Carter, stand bei der Polizei immer noch hoch im Kurs.

Er reichte einem der Beamten den Führerschein, den er gefunden hatte, und war gerade dabei zu erklären, wie er die Leiche gefunden hatte, als ein weiterer Wagen, dieses Mal ein Zivilfahrzeug, auftauchte. Ein Mann mittleren Alters stieg aus. Er trug einen alten grauen Regenmantel sowie eine große schwarze Brille mit mindestens einem Zentimeter dicken Gläsern. »Haben Sie angerufen?«, fragte er Carter, und dieser nickte. »Dann bin ich derjenige, mit dem Sie sich unterhalten sollten.« Er öffnete seinen Mantel, um die goldene Plakette vorzuzeigen, die an seinem herabhängenden Gürtel befestigt war. »Ich bin Detective Finley.«

Er warf einen kurzen Blick in den Kelleraufgang, dann sagte er müde: »Warten Sie hier.«

Carter tat wie befohlen, obwohl er bereits bedauerte, jemals in diese Sache hineingeraten zu sein. Warum hatte er nicht einfach anonym angerufen, den Führerschein dort gelassen, wo er ihn gefunden hatte, und sich davongemacht? Das wäre nicht richtig gewesen, aber zumindest würde er jetzt nicht hier herumstehen und darauf warten, die kostbaren spärlichen Informationen weiterzugeben, die er hatte.

Detective Finley kam die Stufen hoch und steckte sich die Finger in die Ohren, als der Krankenwagen mit heulenden Sirenen am Tatort ankam. Als der Wagen anhielt und die Sirenen verstummten, nahm Detective Finley die Finger wieder raus. »Das machen sie immer«, sagte er zu Carter. »Ich werde noch taub davon.«

Carter lächelte mitfühlend. »Berufsrisiko, schätze ich.«

»Nicht das schlimmste.«

Nein, vermutlich nicht. Der Detective zog einen Notizblock aus der Tasche seines Regenmantels und nahm pflichtbewusst Carters Namen, seine Telefonnummer und ein paar Stichworte auf, wie er die Leiche gefunden hatte und warum er überhaupt hier gewesen war. Als Carter erwähnte, dass er in dem Labor auf der anderen Straßenseite arbeitete, schien der Detective die Ohren zu spitzen. »Ich wurde an dem Abend dazugerufen«, sagte er. »Wir haben eine Leiche da rausgeholt, die genauso übel verbrannt war wie diese hier, und einen Kerl, der noch geatmet hat.«

»Das ist ein Freund von mir, derjenige, der noch lebt. Er liegt jetzt im St. Vincent’s Hospital.«

»Ich weiß. Ich habe ihm die Hand gehalten, bis sie ihn in die Notaufnahme gebracht hatten.« Traurig schüttelte er den Kopf. »Armer Kerl – ich bin froh, dass er durchgehalten hat.« Er deutete auf den Kelleraufgang, wo die Sanitäter die Leiche auf eine Bahre legten. »Und jetzt sieht es so aus, als hätten wir ein weiteres Brandopfer, bloß dass dieses bereits seit ein oder zwei Tagen tot ist.«


    Ваша оценка произведения:

Популярные книги за неделю