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Das letzte Relikt
  • Текст добавлен: 8 октября 2016, 21:19

Текст книги "Das letzte Relikt"


Автор книги: Robert Masello


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Ужасы


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30. Kapitel

Wenn Beth nicht versprochen hätte, mit Abbie zusammen die letzten paar Sachen für das Landhaus zu besorgen, wäre sie vermutlich direkt nach Hause gegangen, hätte die Tür abgeschlossen und ein langes heißes Bad genommen. Aber sie hasste es, ihre Freundin zu enttäuschen, und da sie planten, am kommenden Wochenende hochzufahren, war heute die letzte Gelegenheit, um die Einkäufe zu erledigen.

Sobald Raleigh aus der Tür war, fügte Beth der Gästeliste noch einen weiteren Namen hinzu, damit die Liste der Einladungen zur Weihnachtsfeier am nächsten Tag an die Druckerei geschickt werden konnte, und loggte sich aus ihrem Computer aus. Der Nachtportier, Ramon, stand bereits an der Treppe, als sie ging.

»Guten Abend, Mrs Cox«, sagte er, während er etwas Kaffee aus seiner Thermoskanne in seinen Plastikbecher der Yankees goss. »Vergessen Sie Ihren Schirm nicht.«

»Regnet es?«, fragte Beth. Sie war den ganzen Tag hinten beschäftigt gewesen und hatte keine Ahnung, was draußen in der Welt vor sich ging.

»Noch nicht, aber es heißt, da würde noch was runterkommen.«

Sie war sicher, dass sie ihren Regenschirm zu Hause gelassen hatte. »Ich fürchte, ich muss es darauf ankommen lassen.«

Draußen war es kalt und windig, und Ramon hatte wahrscheinlich recht. Die Abendluft schmeckte feucht. Sie zog den Kragen ihres Mantels bis zu den Ohren hoch und setzte sich in Richtung Bloomingdale’s in Bewegung, wo sie sich Punkt sechs mit Abbie treffen wollte. Auf den Bürgersteigen drängten sich wie immer die Menschenmassen, und mehr als einmal hatte sie das unheimliche Gefühl, jemand würde ihr folgen. Jeden Moment rechnete sie damit, ein Tippen an der Schulter zu spüren. Doch sobald sie sich umdrehte, sah sie stets nur ein Meer aus fremden Gesichtern, von denen manche gar nicht glücklich wirkten, weil Beth ihr Vorankommen störte.

»Frohe Feiertage«, brummte ein Mann, »aber jetzt machen Sie schon.«

Zwischen den Straßenlaternen über ihren Köpfen waren Kabel gespannt, an denen Rauschgoldsterne und rote Zuckerstangen aus Aluminium baumelten, und die Schaufenster waren mit Kunstschnee beflockt. Normalerweise genoss Beth all die weihnachtlichen Dekorationen, aber dieses Jahr war sie einfach nicht in der Lage, sich darauf einzulassen. Heute Abend war sie sogar so erschöpft und ausgebrannt, dass sie es gerade noch schaffte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der Anruf aus Dr. Westons Praxis hatte die Sache auch nicht gerade besser gemacht. Sie solle die Dosis ihrer Eisentabletten erhöhen, hatte er gesagt und sie daran erinnert, dass sie eine sehr seltene Blutgruppe hatte, AB negativ.

»Falls Sie sich entscheiden sollten, auf alternativem Wege schwanger zu werden«, hatte der Arzt so taktvoll wie möglich erklärt, »würde ich Ihnen empfehlen, ein oder zwei Eigenblutspenden zu machen, nur für den Fall, dass es bei der Geburt gebraucht wird.«

Im Moment hatte sie das Gefühl, nicht einmal einen einzigen Tropfen entbehren zu können.

Auf den Gängen bei Bloomingdale’s war, wie zu erwarten, nahezu kein Durchkommen. Sie nahm den Fahrstuhl in die Einrichtungsabteilung und fand Abbie bereits mitten in einem angeregten Beratungsgespräch mit einer jungen eleganten Verkäuferin.

»Glauben Sie wirklich, dass diese Kissenfarbe sich nicht mit den Vorhängen beißt, die wir bereits bestellt haben? Der Stoff ist doch eher gelb als pfirsichfarben!«

»Nein«, sagte die junge Frau und schüttelte energisch den Kopf. »Die gehören alle zur selben Design-Linie und ergänzen einander.«

Abbie blickte auf und entdeckte Beth. »Glaubst du, dass dieser Stoff zu den Vorhängen im Esszimmer passt, die wir schon bestellt haben?«

Beth musste darüber nachdenken. »Ja, vielleicht.«

»Ja oder vielleicht?«, wollte Abbie wissen.

Die Verkäuferin wirkte verärgert, jetzt musste sie für jeden Einkauf zwei Stimmen gewinnen.

»Nein«, entschied Beth.

Abbie lachte, und die Verkäuferin lächelte durch die zusammengebissenen Zähne, ehe sie sich demonstrativ entschuldigte und verschwand, um eine andere Kundin zu bedienen.

»Danke für deine Meinung«, sagte Abbie leise. »Ich wollte sie sowieso loswerden.«

Beth lächelte.

»Und danke, dass du an so einem lausigen Abend gekommen bist.«

»Kein Problem.«

»Bist du sicher?«, fragte Abbie besorgt und legte Beth eine Hand auf den Arm. »Entschuldige meine Offenheit, aber du siehst nicht besonders gut aus.«

»Das ist schon in Ordnung – ich fühle mich auch nicht besonders gut.«

»Glaubst du, du brütest irgendetwas aus? Hast du dich gegen Grippe impfen lassen?«

»Ja, ich bin geimpft, und nein, ich glaube nicht, dass ich wirklich krank werde.«

Sie schlenderten einen anderen Gang entlang, vorbei an Tischen, auf denen sich extrem teure Haushaltstextilien stapelten.

»Ich fühle mich seit ein paar Nächten nicht mehr so richtig wie ich selbst. Ich kann nicht einschlafen, und wenn ich es schaffe, träume ich so schlecht, dass es sich kaum lohnt.«

»Hör zu, Beth … wenn dir nicht danach ist, am Wochenende mit aufs Land zu fahren, denk nicht weiter daran. Wir können es auch ein anderes Mal machen.«

»Nein, nein«, protestierte Beth. »Ich freue mich darauf. Ich glaube, der Tapetenwechsel wird mir ganz guttun.«

»Ich frage mich, ob ich Ben wohl auch dazu bekomme, es so zu sehen.«

»Ganz bestimmt«, versicherte Beth ihr, obwohl sie im Grunde ihres Herzens fand, dass Ben nicht ganz unrecht hatte. Obwohl das Haus auf den Bildern so heimelig ausgesehen hatte, ging von dem Ort etwas unbestimmt Tristes aus, etwas, das alle hellen Vorhänge und farbigen Tapeten der Welt nicht würden vertreiben können. Das Haus strahlte Einsamkeit aus, wirkte sogar ein wenig abweisend.

Ohne dass sie es geplant hätten, fanden sie sich am Ende eines Ganges in der Abteilung für Kinderzimmereinrichtungen wieder. Wo Beth auch hinsah, entdeckte sie Bettlaken und Kissenbezüge, verziert mit Karussells, tanzenden Seepferdchen und einer großen Auswahl an Disney-Figuren.

»Ist dir schon einmal aufgefallen, dass man, wenn man ohne Erfolg versucht schwanger zu werden, an jeder Ecke über Kinder und Kinderzeug stolpert?«, bemerkte Abbie.

Es war Beth aufgefallen. Und seit dem letzten Termin bei Dr. Weston, bei dem sie die schlechten Nachrichten über Carters Zeugungsunfähigkeit erhalten hatten, schien es nur noch schlimmer geworden zu sein. Egal, wohin sie ging, sie stieß auf Babys, Kinder und werdende Mütter.

»Ben und ich überlegen, ob wir es nächstes Jahr mit dieser In-vitro-Sache versuchen. Und wie sieht’s bei dir und Carter aus? Macht ihr irgendwelche Fortschritte?«

»Nein«, sagte Beth und versuchte, möglichst unbekümmert zu klingen. »Bisher jedenfalls nicht.« Obwohl Abbie ihre älteste und beste Freundin war, hatte sie ihr den jüngsten und in gewisser Weise endgültigen Rückschlag noch nicht mitgeteilt. »Macht es dir etwas aus, wenn ich mir kurz mal die Musterzimmer anschaue?«, sagte Beth. »Ich will immer wissen, wie weit ich der Mode hinterherhinke.«

»Nein, geh ruhig. Vielleicht mache ich mich auf die Suche nach der zickigen Verkäuferin und lasse sie überprüfen, wann meine Vorhänge geliefert werden.«

So schnell sie konnte, ließ Beth die Kinderabteilung hinter sich und ging ans andere Ende der Etage, wo die Dekorateure von Bloomingdale’s regelmäßig eine Reihe von Musterzimmern aufbauten, jedes in einem anderen phantastischen Stil. Stets aufs Neue amüsierte sie sich köstlich über das Nebeneinander eines englischen Salons und der Bude eines Hip-Hop-Gangsters, dem Schlupfwinkel auf einer Insel und der Berghütte aus Colorado. Gewöhnlich erging es einer Menge anderer Leute genauso, doch heute Abend war die Abteilung geradezu verwaist. Sie schlenderte an einem schnittigen Hightecharbeitszimmer und einem Hampton-Strandhaus vorbei, bis sie ganz allein vor dem letzten Musterzimmer in der Reihe stehen blieb.

Was sollte das bedeuten? Irgendeine Szene aus einem Roman von Paul Bowles? Es erinnerte vage an marokkanisches Dekor, ein Phantasie-Boudoir, komplett mit Webteppichen, Ornamenten aus gehämmertem Kupfer und einem riesigen Bett, das teilweise von einem hauchzarten hellgelben Vorhang verdeckt war. Hinter einem Türbogen sah sie die bemalte Leinwand mit wellenförmigen Sanddünen, die silbrig im Mondlicht glitzerten. Der Künstler, dachte sie, hatte vorzügliche Arbeit geleistet, es war überraschend überzeugend.

Tatsächlich war die gesamte Einrichtung gut gelungen – und äußerst einladend. Viel zueinladend. Plötzlich schien die Müdigkeit in ihren Knochen noch größer zu werden, und die Augen wurden ihr schwer. Den ganzen Tag schon war sie müde gewesen, aber jetzt hatte sie das Gefühl, als würde sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Sie musste sich hinlegen und die Augen schließen, und sei es nur für ein paar Minuten. Das Bett mit dem hauchzarten Vorhang war nur eine rote Absperrkordel weit entfernt.

Nein, das konnte sie nicht machen. Aber die Sehnsucht wurde rasch unwiderstehlich.

Und wer würde es schon merken? Es wäre ja nur für ein paar Minuten. Niemand war hier, niemand würde sie hinter dem Vorhang sehen, besonders, wenn sie sich beeilte. Wenn sie sich endlich entscheiden und es einfach machen würde.

Ehe sie recht wusste, was sie tat, hatte sie die Füße schon über das rote Absperrseil gehoben und tappte über die Webteppiche. Das Bett war massiv und hoch, und sie musste regelrecht hinaufklettern. Sie wusste, dass es verrückt war, trotzdem passte sie gut auf, damit sie die Bettdecke und die Vorhänge nicht durcheinanderbrachte. Das wäre nicht in Ordnung.

Die Decke musste aus der feinsten, weichsten Baumwolle gefertigt worden sein, die je gesponnen wurde, und die in Brokat gefassten Kissen waren perfekt arrangiert und schienen nur darauf zu warten, dass sie ihren müden Kopf und die schmerzenden Schultern darauf bettete. Nie zuvor in ihrem Leben war ein Bett so einladend, so bequem gewesen. Ich werde nur ein paar Minuten hier liegen bleiben, sagte sie sich. Sie würde ganz still liegen, versteckt hinter dem durchscheinenden Vorhang. Niemand würde es bemerken, niemand würde je davon erfahren.

Die Lider wurden ihr schwer. Die Dekorateure hatten einfach an alles gedacht und mussten sogar die Luft mit Düften bestäubt haben. Es roch nach … vom Regen gewaschenen Blättern. Beth empfand ein köstliches Gefühl des Wohlbehagens. Wenn sie doch nur ihre Schuhe ausziehen und unter das kühle glatte Laken schlüpfen könnte. Sie fühlte sich, als könnte sie ewig und unbehelligt schlafen, ohne durch schlechte Träume gestört zu werden.

Irgendwo in weiter Ferne meinte sie jemanden ihren Namen rufen zu hören. Aber sie war zu müde, um darauf zu reagieren.

Sie hörte ihren Namen erneut, etwas näher, und dieses Mal öffnete sie die Augen, gerade genug, um durch den Torbogen zu schauen, auf die gemalte Kulisse der endlosen wandernden Sanddünen. Jetzt konnte sie sehen, dass jemand oben auf der Düne stand. Im silbernen Licht des gemalten Mondes zeichneten sich die Umrisse eines Menschen ab.

Lächelnd schloss sie die Augen. Was für ein unglaublich talentierter Künstler. Vielleicht sollte sie herausfinden, wer es war. Er oder sie war zu gut, um Kulissen für ein Warenhaus zu malen.

Sie fragte sich, wo Carter wohl im Moment steckte. Wahrscheinlich im Krankenhaus, bei seinem armen Freund. Gott, wie furchtbar. Wenn Carter sich weiterhin die Schuld an den Ereignissen gab, würde es nur noch schlimmer. Sie wusste, dass er es tat, und sie kämpfte auf verlorenem Posten, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Erneut wurde ihr Name gerufen, und als sie dieses Mal zu den Dünen blickte, war die Gestalt wesentlich näher. Sie erkannte die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes. Bedächtig und langsam ging er durch den Sand … und ihr schläfriger Verstand versuchte, das unter einen Hut zu bringen. Wie um alles in der Welt hatte der Künstler diesen Effekt hervorgerufen?

Sie wollte aufstehen und nachsehen, aber ihre Glieder fühlten sich an wie Blei. Ihr Kopf war so schwer, dass sie bezweifelte, dass sie ihn jemals wieder von dem verzierten Kissen würde heben können, auf dem er ruhte.

Der Mann kam immer noch näher, bis sein Schatten durch den gewölbten Torbogen fiel. Nach und nach wurden seine perfekt geschnittenen Züge klarer … In diesem Moment spürte sie, wie ihr Magen sich umdrehte, und schmeckte eine heiße Flut in ihrer Kehle.

»Beth«, hörte sie, »Hier steckst du!«

Sie drehte sich zur Seite, und da nichts anderes zur Stelle war, erbrach sie sich in einen glänzenden Messingtopf, der neben dem Bett aufgebaut war.

»O mein Gott!«, rief Abbie, und riss die hellgelben Vorhänge zurück. »Ach, du meine Güte!«

Beth erbrach sich erneut, unfähig, es zurückzuhalten.

»Holen Sie ein paar Handtücher«, befahl Abbie der Verkäuferin, die entgeistert neben ihr stand.

»Das ist absolut nicht erlaubt«, rief die junge Frau aus. »Die Musterzimmer dürfen nicht betreten werden, und …«

»Holen Sie mir ein verdammtes Handtuch«, schrie Abbie, ehe sie sich neben Beth aufs Bett setzte und ihr einen Arm um die Schultern legte. »War es das?«, fragte sie sanft. »Geht es dir jetzt besser?«

Beth nickte beschämt. Dann blickte sie zum gewölbten Torbogen und der gemalten Kulisse. Niemand war dort.

Die Verkäuferin kehrte mit einigen Ralph-Lauren-Handtüchern zurück und reichte sie missmutig an Abbie weiter. »Die werden Sie bezahlen müssen«, sagte sie.

»Fein. Setzen Sie sie mit auf die Rechnung, zusammen mit diesem Nachttopf.« Mit einem Zipfel des Handtuchs tupfte sie Beth das Kinn ab, dann reichte sie es ihr. Beth vergrub das Gesicht in dem tröstlich dicken Stoff und dachte Ich will hier nie wieder weg.

»Willst du dich wieder hinlegen?«, frage Abbie sie, »oder kannst du aufstehen?«

»Ich denke schon«, sagte Beth und klammerte sich immer noch an das Handtuch. Unsicher stand sie von dem Bett auf, während die Verkäuferin durch den Türbogen in beide Richtungen spähte.

»Ihr Freund ist schon gegangen«, sagte sie zu Beth.

»Wovon reden Sie da?«, erwiderte Abbie scharf.

»Hier war ein Mann«, antwortete die junge Frau, »aber der ist inzwischen verschwunden.« Sie blickte auf den beschmutzten Messingtopf. »Scheiße.«

Abbie legte den Arm um Beths Schulter und geleitete sie aus dem Musterzimmer. »Schicken Sie ihn mir nach Hause«, sagte sie. »Leer.«

Im Waschraum bat Beth Abbie, draußen zu warten, während sie sich frisch machte. Sie wollte allein sein, im Boden versinken und diesen ganzen Vorfall ungeschehen machen. Sie ließ das kalte Wasser laufen und spülte sich das Gesicht ab. Davon bekam sie schwarze Flecken unter den Augen, die sie anschließend mit dem neuen Handtuch fortwischen musste, das sie immer noch bei sich hatte. Was stimmte bloß nicht mit ihr? Sie erinnerte sich an den Traum, an diese Halluzination, dass ein Mann durch den Sand auf sie zukam. Aber hatte die Verkäuferin nicht gesagt, sie hätte ebenfalls jemanden gesehen?

Wenn es kein schlechter Traum gewesen war, was dann?

Abbie steckte den Kopf durch die Tür. »Alles in Ordnung?«

»Ja«, sagte Beth und stellte das Wasser ab. »Ich werde mich nur nie wieder bei Bloomingdale’s blicken lassen können.«

Mit einem Arm an der Hüfte hielt Abbie sie fest, als sie zu den Fahrstühlen gingen. »Bist du sicher, dass du nicht schwanger bist?«, fragte sie halb im Scherz.

»Ganz sicher.«

»Dann brauchst du jetzt vor allem ein warmes Bett und ein ordentliches Erkältungsmittel. Du hast eindeutig Fieber.« Bei den Fahrstühlen warteten sie eine Weile, als eine Mutter mit zwei kleinen Kindern und einer zusammenklappbaren Sportkarre herauskam.

»Ich werde dich mit dem Taxi nach Hause bringen«, sagte Abbie, »und dir eine Brühe kochen.«

In Beths Ohren hörte sich das gut an. Sie traten in den Lift, und bevor dieser sie nach unten brachte, warf Beth einen letzten verstohlenen Blick auf das Musterzimmer.

Die Verkäuferin trug gerade den Messingtopf fort, unter einem Tuch versteckt. Doch der Torbogen hinter ihr war leer, und dahinter erblickte Beth nichts als die ewig wandernden Sanddünen.


31. Kapitel

Carter wusste, dass das ruinierte Labor noch nicht betreten werden durfte, aber er musste trotzdem hinein, durch den hinteren Gang. Er musste noch einmal den Ort sehen, an dem er seinen größten Triumph hatte feiern wollen und der stattdessen zum Schauplatz seiner größten Tragödie geworden war. Polizei und Spurensicherung waren bereits fertig und hatten alle möglichen Proben gesammelt, doch als er raus auf die Straße ging, musste er sich trotzdem unter dem gelben Absperrband der Polizei bücken.

Er war auf dem Weg zum biomedizinischen Labor, wo er sich mit Ezra treffen wollte. Dr. Permut hatte offensichtlich die Analyse der Tinte und des Materials der Schriftrolle beendet, und er war bereit, die Ergebnisse mit ihnen durchzugehen. Carter wartete, um die Straße zu überqueren, als ein schmutziger brauner Wagen neben ihm anhielt und er jemanden sagen hörte: »Sie wissen, dass das immer noch der Tatort ist, an dem wegen Brandstiftung ermittelt wird. Sie dürfen dort nicht rein.«

Carter bückte sich und spähte in den Wagen. Es war Detective Finley.

»Tut mir leid.«

»Wo wollen Sie hin? Ich kann Sie ein Stück mitnehmen.«

»Nicht nötig«, sagte Carter, »es sind nur ein paar Blocks.«

»Kommen Sie schon«, sagte Finley und winkte mit dem Arm, »springen Sie rein.«

Carter hatte den Eindruck, es sei mehr als ein Angebot, und nachdem der Detective das Gerümpel vom Beifahrersitz auf den Boden gefegt hatte, stieg er ein. »Geradeaus«, sagte Carter, »zur Sechsten. Dort können Sie rechts abbiegen.«

»Ehrlich gesagt«, sagte Finley und schob seine dicken Brillengläser auf dem Nasenrücken nach oben, »wollte ich ohnehin mit Ihnen reden.«

Genau das hatte Carter befürchtet. »Über die Leiche, die ich gefunden habe?« Dieser Satz, dachte er, gehört zu denen, von denen ich nie dachte, dass ich sie einmal aussprechen würde.

»Worüber sonst?«, sagte Finley, griff in die Brusttasche seiner Jacke und zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. »Sehen Sie sich das hier an.«

Carter nahm das Blatt und entfaltete es. Im Wagen roch es nach abgestandenem Kaffee und fettigen Burgern. Bei dem Papier handelte es sich um die Fotokopie von zwei Fingerabdrücken. Carter blickte zum Detective hinüber.

»Wir haben sie vom Handlauf am Kelleraufgang.«

»Sie sehen sehr deutlich aus«, sagte Carter und überlegte, was sich sonst noch über Fingerabdrücke sagen ließe. Er hatte sich noch nie zuvor welche näher angesehen.

»Ja, nicht wahr?«, sagte Finley. »Und viel zu perfekt.«

Carter schaute erneut auf das Blatt, und jetzt konnte er sehen, dass die Windungen des Abdrucks in der Tat bewundernswert komplett und intakt waren. Perfekte Kreise in der Mitte, perfekte Rechtecke am äußeren Rand, ohne einen einzelnen Bruch oder eine Abweichung.

»Es gibt keine perfekten Fingerabdrücke«, fügte Finley hinzu. »Wenn es sie gäbe, wären wir niemals in der Lage, mit ihrer Hilfe jemanden zu erwischen.« Er zog ein nicht besonders sauberes Taschentuch aus der Tasche und putzte damit erst die Brillengläser und anschließend die Innenseite der Frontscheibe. »Sie sind doch Wissenschaftler – was fangen Sie damit an?«

»Mit den Fingerabdrücken? Keine Ahnung. Vielleicht hat das Labor einen Fehler gemacht.«

Der Detective schüttelte den Kopf. »Nee, ich hab das alles höchstselbst erledigt.«

Carter schwieg. Das Einzige, was ihm dazu einfiel, war, dass ein perfekter Fingerabdruck von einem perfekten Wesen hinterlassen worden sein musste – so etwas wie einem Engel vielleicht. Aber er hatte nicht vor, den Vergehen, die der Detective ihm möglicherweise insgeheim zur Last legte, auch noch geistige Verwirrung hinzuzufügen.

»Sie können es mir jetzt zurückgeben«, sagte Finley, nahm das Papier und stopfte es zusammengefaltet zurück in die Tasche.

»Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann«, sagte Carter.

Der Detective nickte und bog rechts ab. »Welche Adresse?«

»Drei Blocks weiter, an der Ecke.«

Der Detective fuhr eine Weile schweigend, dann sagte er: »Vielleicht gibt es doch eine Sache, bei der Sie mir helfen könnten.«

»Ich werde es versuchen.«

»Der Gerichtsmediziner sagte, der Mann sei an den Verbrennungen gestorben.«

Carter wartete. War das nicht ziemlich offensichtlich?

»Aber da gibt es eine Merkwürdigkeit. Der Körper ist von innen nach außen verbrannt.«

Carter war verwirrt. »Falls Sie mich fragen, ob spontane Selbstverbrennungen tatsächlich vorkommen können, muss ich eindeutig verneinen.«

»Das habe ich auch gedacht. Aber da die beiden einzigen anderen Brandopfer, die ich dieses Jahr gesehen habe, in Ihrem Labor genau auf der anderen Straßenseite gearbeitet haben, dachte ich, Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen.«

Carter wusste nicht, was er sagen sollte. »Zufall?«, schlug er schließlich vor.

Hinter der Kreuzung fuhr der Detective an den Straßenrand und hielt an. »Vielleicht«, sagte er. »Aber dann muss es schon ein ziemlich gewaltiger Zufall sein.«

Das können Sie laut sagen, dachte Carter, behielt es jedoch für sich. »Danke fürs Mitnehmen«, sagte er und versuchte, nicht den Eindruck zu erwecken, als könne er es gar nicht abwarten, aus dem Auto zu kommen.

Der Detective wartete, bis Carter die Straße vor ihm überquert hatte, und fuhr davon.

Zum ersten Mal, seit er zu Finley in den Wagen gestiegen war, holte Carter tief Luft. Er hatte das ungute Gefühl, dass er ihn wiedersehen würde.

Als er Dr. Permuts Labor betrat, war Ezra bereits dort. Pünktlichkeit war nicht Ezras Problem. Seinen Fakultätskollegen allerdings hätte Carter fast nicht wiedererkannt. Letztes Mal, als er hier gewesen war, um das Bruchstück von Ezras Schriftrolle zur Analyse vorbeizubringen, war Permut wie aus dem Ei gepellt gewesen, kein Härchen war verrutscht, sein weißer Laborkittel fleckenlos und von oben bis unten zugeknöpft.

Aber jetzt sah er aus, als hätte er seit Tagen nicht mehr geschlafen. Das Haar war ungekämmt, der Laborkittel zerknittert und schmuddelig, und selbst hinter der Brille konnte Carter die dunklen Ringe unter den Augen erkennen.

»Ich bin froh, dass Sie es heute geschafft haben«, sagte Dr. Permut und schloss demonstrativ die Tür hinter ihnen. »Ich will damit nicht länger warten.«

»Wir auch nicht«, sagte Carter. »Ezra hier, für den Fall, dass er Ihnen das noch nicht erzählt hat, ist der Eigentümer der Schriftrolle, die Sie analysiert haben.«

»Ja, er hat es erwähnt«, sagte Dr. Permut und wandte sich rasch dem Labortisch zu. »Ich werde mit Ihnen die Ergebnisse durchgehen, wie sie mir vorliegen«, sagte er, »und Ihnen steht es frei, daraus zu machen, was Sie wollen.«

Carter und Ezra wechselten einen Blick, dann folgten sie dem sichtlich verstörten Wissenschaftler zum Tisch, auf dem große Datenblätter mit dichten Sequenzen aus Zahlen und Buchstaben ausgebreitet lagen. Obwohl er sie genauso wenig entziffern konnte wie beim ersten Mal, erkannte Carter sie als das, was sie waren. Ezra erging es offensichtlich genauso.

»Das sind DNA-Codierungen«, sagte er. »Das habe ich schon einmal gesehen.«

»Gut«, sagte Dr. Permut, fummelte in seiner Tasche herum und holte eine Rolle Pastillen hervor. »Eine Sache weniger, die ich erklären muss.« Mit einem Finger stieß er auf den rechten Ausdruck und sagte zu Carter: »Das sind die Ergebnisse, die ich Ihnen letztes Mal gezeigt habe, von der Fossilprobe.«

»Okay«, sagte Carter, »ich verlasse mich da ganz auf Sie.«

»Sie sind das, was ich als spekulative DNA bezeichne«, erklärte er Ezra. »Das meiste davon konnten wir zusammensetzen, aber bei ein paar kritischen Verbindungsstellen waren wir auf wohlbegründete Vermutungen angewiesen, um die Lücken zu füllen und zu überbrücken.«

Ezra nickte, während Permut sich eine Pastille in den Mund schob und anschließend die Rolle zurück in die Tasche steckte.

»Der Prozess nennt sich PCR oder Polymerase-Kettenreaktion.«

»Und das bedeutet?«

»Es bedeutet, dass wir die Probe zu einem Pulver zermahlen und anschließend Siliziumdioxid hinzufügen, weil das alle DNA-Spuren bindet, die noch übrig sind. Dann sind wir mithilfe der PCR in der Lage, die Fragmente der DNA zu verstärken und über eine Million Kopien von beispielsweise einem einzigen Molekül zu machen.«

»Damit Sie es besser lesen können?«, fragte Carter.

»Damit wir es überhaupt lesen können«, erklärte Permut.

»Aber ich weiß bereits, dass Sie nichts damit anzufangen wissen«, sagte Carter. »Das sind wir beim letzten Mal schon durchgegangen.«

»Das war, bevor Sie mir die Probe von der Schriftrolle gebracht haben. Sehen Sie sich das an«, sagte Permut und tippte mit dem Finger auf das linke Datenblatt. »Sehen Sie, wie ähnlich sich die Sequenzen sind?«

Carter sah sich die Papierausdrucke an, ebenso wie Ezra, und ja, er konnte vage erkennen, wie sehr manche Muster und Abfolgen von Zahlen und Buchstaben sich ähnelten. Aber wie kam das? Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Als er aufblickte, stellte er fest, dass Permut seine Gedanken erraten hatte.

»Seltsam, nicht wahr?«, sagte er mit einem leicht schiefen Lächeln. »Ein Stückchen Knochen und ein Fitzelchen Pergament, die so wunderbar zusammenpassen?«

»Ja, das ist seltsam«, stimmte Carter zu.

»Wenn Sie diese beiden genauer vergleichen – und glauben Sie mir, das habe ich getan –, werden Sie sogar feststellen, dass die DNA, die wir aus dem Pergament isolieren konnten, perfekt die Lücken im Genom des Fossils füllt.«

Permut wippte auf den Fersen und ließ seine Worte wirken. Das einzige Geräusch im Raum war das Quietschen seiner Gummisohlen auf dem Linoleumfußboden.

»Sie sagen also«, wagte Ezra sich schließlich vor, »dass diese beiden Proben von derselben … Quelle stammen?«

Permut schürzte die Lippen und legte den Kopf zur Seite. Auf Carter wirkte er leicht verstört.

»Noch besser«, sagte Permut. »Ich werde Ihnen etwas zeigen, bei dem Sie Augen machen werden.«

Er machte einen Schritt zur Seite und gab den Blick frei auf ein glänzendes weißes Trinokular-Mikroskop auf dem Labortisch hinter ihm. Carter erkannte es als Meiji ML 2700, ein Modell, für das er hätte töten können, um es in seinem eigenen Labor zu haben. »Werfen Sie einen Blick hier hinein«, sagte Permut. »Der Objektträger liegt bereits.«

Ezra, der näher stand, ging als Erster hin. Als er sich über das Okular beugte, sagte Permut: »Sie sehen eine Probe des Pergaments.«

Ezra blieb ein paar Sekunden lang reglos stehen, dann richtete er sich auf.

»Carter, Sie sind dran«, sagte Permut.

Ezra trat beiseite, mit einem merkwürdigen Ausdruck auf seinem Gesicht – als hätte er das Gefühl, sich irgendwie rechtfertigen zu müssen.

Carter senkte den Kopf, und nachdem er den eingebauten Kohler-Beleuchter justiert hatte, sah er etwas, das zuerst wie eine dieser Vergrößerungen der Marsoberfläche wirkte. Eine unebene gelbe Fläche voll Gruben und Kratern, hier und da durch enge verbogene Kanäle halbiert. Aber diese Kanäle waren nicht leer und trocken. Sie waren mit einer leicht violett-roten Flüssigkeit gefüllt, die durch sie hindurchströmte, rhythmisch pulsierend wie Blut.

»Was haben Sie der Probe beigefügt?«, fragte Carter ohne aufzublicken. »Einen Farbstoff oder so etwas?«

»Nein. Was Sie da sehen ist das, was wir fälschlicherweise für Tinte gehalten haben«, sagte Permut. »Tatsächlich ist es aber Blut.«

Carter richtete sich auf und trat vom Mikroskop zurück. »Aber was bringt es dazu, sich zu bewegen? Es fließt doch eindeutig!«

Aufgeregt kratzte Dr. Permut sich am Kopf. »Warum schon? Das Gewebe lebt.«

Ezra schloss die Augen, als wünschte er, er könnte die Neuigkeit ganz im Stillen verdauen.

Permut lutschte an seiner Pastille, als gäbe es kein Morgen.

Als Ezra die Augen wieder aufschlug, sah er Carter direkt an. »Sieht so aus, als hätte ich die Haut und du die Knochen.« Er wandte sich an Permut. »Würden Sie mir zustimmen, dass das zwei Enden ein und desselben Stocks sind?«

Permut nickte entschieden.

Carter bemühte sich, alles in den Kopf zu bekommen und irgendeinen Sinn in dem zu erkennen, was er soeben erfahren hatte.

Als ob Ezra das ahnte, rezitierte er laut: »Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, als Eure Schulweisheit sich erträumen lässt.«

Dr. Permut trat zum Mikroskop und entfernte den Objektträger. Er schob ihn in einen transparenten Umschlag, nahm einen weiteren, identischen Umschlag vom Labortisch und stopfte beide in die Tasche von Carters Lederjacke. »Ich will diese Proben nicht länger in meinem Labor haben«, sagte er und machte einen Schritt zurück, als hätte Carter eine Erkältung, die er sich nicht einfangen wollte. »Sie können sie mitnehmen, wenn Sie gehen.«

»Klar, natürlich«, sagte Carter. Er hatte Permut, oder irgendeinen anderen Wissenschaftler, den er je getroffen hatte, noch nie so kopflos erlebt. »Und danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben.« Er warf Ezra einen raschen Blick zu. Dieser sah aus, als verstünde er genau, warum Permut so reagierte.

»Was sind wir Ihnen schuldig?«, sagte Ezra, holte einen Blankoscheck hervor und zückte einen Stift. »Die Laboruntersuchungen allein müssen …«

»Nichts«, sagte Permut.

Ezras Stift verharrte mitten in der Luft über dem Scheck, den er auf dem Tisch neben das Mikroskop gelegt hatte. »Nichts? Ich weiß aus Erfahrung, dass DNA-Tests …«

»Ich will nichts mehr damit zu tun haben«, sagte Permut.

»Aber das muss Sie ein paar tausend Dollar gekostet haben«, warf Carter ein.

»Das ist mein Problem. Ich werde die Kosten auf ein paar andere Projekte verteilen. Lassen Sie das meine Sorge sein.« Ungeduldig tappte er mit dem Fuß auf den Linoleumboden. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich muss mich auch noch um andere Aufgaben kümmern.«

Carter zuckte die Achseln und nickte Ezra zu. »Ich glaube, hier sind wir fertig.« Als er das Labor zusammen mit Ezra verließ, hörte er, wie die Tür hinter ihnen geschlossen und abgesperrt wurde, sobald sie auf dem Flur standen.

Draußen piepste Ezra seinen Fahrer an. »Ich fahre nach Uptown, um meine Stiefmutter im Krankenhaus zu besuchen. Kann ich dich irgendwohin mitnehmen?«

»Nein, es geht schon«, sagte Carter. »Ich muss eine Weile spazieren gehen und meinen Kopf wieder klar bekommen.«

Die Lincolnlimousine mit Onkel Maury hinterm Steuer bog um die Ecke und parkte in zweiter Reihe auf der belebten Straße.

»Dazu braucht es mehr als einen Spaziergang«, sagte Ezra und hielt ihm die Hand entgegen, die Handfläche nach oben. Im ersten Moment wusste Carter nicht, was er wollte. »Die Probe der Schriftrolle«, sagte Ezra.


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