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Das letzte Relikt
  • Текст добавлен: 8 октября 2016, 21:19

Текст книги "Das letzte Relikt"


Автор книги: Robert Masello


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Ужасы


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Hatte die Stimme ihm nicht ein Jains Ohr geflüstert? Hatte sie ihn nicht in der Einsamkeit seines Zimmers gedrängt, weiterzumachen?

Eine Touristengruppe, eindeutig aus dem Nahen Osten, schlurfte an ihm vorbei. Die älteren Frauen trugen schwarze Tschadors und Gesichtsschleier, die Männer, oder zumindest ein paar von ihnen, die arabische Kopfbedeckung. Ihr Reiseleiter plapperte Arabisch mit einem Akzent, der sich für Ezra ägyptisch anhörte. Er hatte sich richtig in Schale geworfen, trug eine sich bauschende Dschellaba und trotz des kalten Wetters offene Ledersandalen. Er ging rückwärts, wobei er der Gruppe das Gesicht zuwandte und mit den Armen wedelte. Mit lauter Stimme erging er sich in allen Einzelheiten über die Vereinten Nationen und alles Mögliche. Als die Gruppe vorbeiging, flatterten ihre Gewänder im Wind, der vom Fluss her wehte. Ezra, der sich viel auf seine Sensibilität einbildete, nahm ihren Geruch wahr, das feine Aroma von Olivenseife und Tamarindensamen, getrockneten Datteln und reifen Feigen, gekochtem Lamm und Pfefferminztee. Unwillkürlich fühlte er sich zurückversetzt in die Straßen der Heiligen Stadt. Die meisten Menschen der Gruppe schlenderten vor ihm entlang, doch ein paar gingen auch hinter der Bank vorbei. Plötzlich fühlte er sich von ihnen umzingelt, einer wabernden Masse aus schwarz gewandeten Gestalten und halb vermummten Männern, und genau wie schon einmal zuvor hörte er eine Stimme etwas in sein Ohr flüstern. Aber dieses Mal schien sie aramäisch zu sprechen. Es klang wie die Worte für: » Bring es zu Ende

Sein Kopf wirbelte herum, aber die Gruppe spazierte einfach nur an ihm vorbei. Niemand schien dem Mann auf der Bank besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken. Aber irgendjemand hatte gesprochen! Dieselbe tiefe Stimme, die er zuvor schon einmal gehört hatte. Ezra sprang auf die Füße.

»Wer hat das gesagt?«, verlangte er zu wissen. »Wer hat gerade zu mir gesprochen?«

Niemand antwortete. Ein Mann blickte ihn fragend an, und Ezra sagte: »Waren Sie das? Haben Sie etwas zu mir gesagt?«

Der Mann schreckte zurück, und mehrere Frauen wichen ihm ebenfalls aus. Sie murmelten etwas und kicherten verhalten unter ihren Schleiern, was Ezra nur noch wütender machte. Was sagten sie da? Versuchten sie, ihn irgendwie hereinzulegen?

»Jemand hier hat gerade mit mir gesprochen, und ich möchte wissen, wer es war.«

»Ich versichere Ihnen, Sir«, sagte der Reiseleiter, »niemand aus dieser Gruppe hat etwas zu Ihnen gesagt. Niemand aus dieser Gruppe spricht Englisch.«

»Derjenige hat auch kein Englisch gesprochen«, blaffte Ezra zurück, »sondern Aramäisch.«

Die Haut des Reiseleiters war faltig und hatte die Farbe einer Walnuss. Seine Miene verriet noch größere Verwunderung als zuvor. »Das, Sir, ist ebenfalls nicht möglich, Sir. Wir bedauern sehr, falls wir Sie irgendwie gestört haben«, sagte er und führte die Gruppe weiter. Leise sagte er etwas auf Arabisch zu ihnen, doch Ezra verstand genug von der Sprache, um das Wort majnoonaufzuschnappen, Verrückter.

»Erzählen Sie ihnen, ich sei ein majnoon?«, sagte er. »Wollen Sie behaupten, ich sei verrückt?«

»Bitte entfernen Sie sich, Sir«, sagte der Reiseleiter, »oder ich werde Maßnahmen ergreifen müssen.«

»Sie wollen Maßnahmen ergreifen? Was für Maßnahmen können das schon sein!«

Ezra ging auf den Mann zu, aber ehe er näher herankam, stellten sich ihm plötzlich zwei Sicherheitsleute der Vereinten Nationen in den Weg. »Okay, und jetzt beruhigen Sie sich erst einmal«, sagte der eine.

»Was ist das Problem?«, fragte der andere.

»Einer dieser Leute hat etwas zu mir gesagt«, erklärte Ezra, »und ich will wissen, wer es war.«

»Dieser Mann belästigt uns«, sagte der Reiseleiter und scheuchte rasch die letzten Nachzügler der Gruppe auf die Treppe des Gebäudes zu. »Er sollte unter Arrest gestellt werden!«

»So etwas machen wir nicht in diesem Land!«, schrie Ezra ihn an. »Habt ihr das immer noch nicht kapiert? Ihr seid hier in Amerika! Nicht in irgendeinem mittelalterlichen arabischen Provinznest! Amerika!«

Selbst Ezra wusste nicht, wo diese Wut herrührte. Es war, als hätte sie sich hinter dem schwächsten Damm angestaut, der jetzt unvermittelt brach.

»Ihr Land ist ein Land der Ungläubigen und Teufel«, fauchte der Reiseleiter zurück. Und dann, nachdem er seinen Feind korrekt eingeschätzt hatte, fügte er in deutlichem, aber leisem Arabisch hinzu: » Und der zionistischen Schweinehunde

Ezra stürzte sich auf ihn, die Arme nach der Kehle des Mannes ausgestreckt, doch einer der UN-Sicherheitsleute schlug plötzlich seinen Arm nach unten, während der andere ihn von hinten packte.

»Ich warne Sie«, rief Ezra, »der Gott Israels ist sehr lebendig!«, doch ehe er seinen Gedanken zu Ende führen konnte, wurde die Luft aus seinen Lungen gepresst, und er fand sich bäuchlings auf dem Gehweg wieder. Er hörte, wie einer der Wächter die Araber aufforderte, weiterzugehen, während der andere sein Knie in Ezras schmalen Rücken presste, eine Codenummer in sein Walkie-Talkie murmelte und um sofortige Unterstützung bat.

Wenn er nur genug Luft bekäme, könnte Ezra ihm erklären, dass das nicht nötig sei. Er war bereits bedient, und ihm war nicht nach Kämpfen zumute.

Doch diese Chance bekam er nicht. Als Nächstes wurden seine Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, und er wurde auf die Füße gezerrt. Ein paar Touristen sahen erschrocken zu, einige machten sogar Fotos, dann wurde er zum Ausgang des Parks zur First Avenue geschleift, wo ein Polizeiwagen mit rotem Blinklicht und quietschenden Reifen zum Stehen kam.

Ein Cop sprang heraus und riss die hintere Tür auf.

»Sie müssen das nicht tun«, brachte Ezra heraus, aber der Cop legte nur die Hand auf Ezras Kopf, drückte ihn nach unten und schob ihn auf die Rückbank.

Krachend schlug die Tür zu. Ezra musste sich bis zu einem Drahtgitter vorbeugen, damit die Handschellen nicht in seine Handgelenke schnitten. Die Sicherheitsleute reckten die Daumen in die Höhe, und der Wagen fuhr rasch vom Bordstein los. Als Ezra aus dem Rückfenster und das Eisengitter schaute, das den Park umgab, konnte er sehen, wie der arabische Reiseleiter hinterhältig über seinen Sieg lächelte. Lächle, wenn du willst, dachte Ezra. Deine Tage sind gezählt … und schwinden rasch.


18. Kapitel

Sobald Raleigh die Galerie verlassen hatte, schob Beth die unvollständigen Pläne für die Weihnachtsfeier in den Ordner und eilte zur Tür hinaus. Sie nahm ein Taxi direkt nach Hause, doch Carter war wie erwartet nicht dort. Die letzte Nacht hatte er im St. Vincent’s Hospital verbracht, und sie vermutete, dass er heute ebenfalls dort bleiben wollte. Sie schnappte sich die kleine Tasche, die sie nach ihrem Ausflug aufs Land gerade ausgepackt hatte, und warf seinen Rasierer, Rasiercreme, frische Socken, Unterwäsche und ein sauberes Hemd hinein.

Im Krankenhaus machte sie den Fehler, das Gebäude durch den Eingang der Notfallambulanz zu betreten. Es war, als sei sie in ein Tollhaus geraten. Dutzende von Menschen, von denen manche noch bluteten, irrten herum, andere waren auf Tragen geschnallt, die im Flur aufgereiht standen wie Flugzeuge auf einem Flughafen, die auf die Starterlaubnis warteten. Über die Sprechanlage gab eine Krankenschwester Namen wieder, forderte diverse Ärzte auf, sich auf der Stelle zu melden, erinnerte Neuankömmlinge daran, dass sie zuerst ihre Formulare ausfüllen mussten und, was das Wichtigste überhaupt war, ihren Versicherungsnachweis bereithalten sollten.

Beth folgte den Schildern und Pfeilen durch mehrere lange Flure bis zum Haupteingang und Empfangsschalter. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass Giuseppe Russo auf der Intensivstation im fünften Stock behandelt wurde. Die Tasche mit den Übernachtungssachen in der Hand, nahm sie den Fahrstuhl nach oben.

Verglichen mit der Notaufnahme war der fünfte Stock wie eine Raumstation. Alles war in weißes Licht getaucht, die Geräusche waren gedämpft, die Gänge glänzten, die Türen waren geschlossen. Als sie zum Empfangsbereich außerhalb der eigentlichen Intensivstation kam, sah sie zwei Ärzte, die sich leise über ein Diagramm auf einem Klemmbrett unterhielten. Ein Pfleger schob einen schlafenden Patienten im Rollstuhl, ein großer Mann in einem Mantel, der verdächtig nach einem roten Damenmantel aussah, beugte sich über einen Wasserbrunnen. Auf einem blauen Plastikstuhl saß Carter mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte Beth und stellte die Tasche neben seinem Stuhl ab.

Carter blickte auf. Er war unrasiert, die Augen müde und blutunterlaufen. »Nein, bisher nichts. Er ist immer noch ohne Bewusstsein.«

Beth setzte sich neben ihn, legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Hattest du schon Gelegenheit, mit den Ärzten zu sprechen?«

»Vor ein paar Stunden. Die zuständige Ärztin, Dr. Baptiste, sagte, sie würden mich informieren, sobald es etwas Neues gäbe.«

Beth rieb seine Schulter. »Hat sie irgendetwas gesagt, wann das sein könnte? Ich meine«, sagte sie und suchte nach den richtigen Worten, »glaubt sie, dass Joe heute Nacht wieder zu sich kommt? Oder morgen?« Und obwohl sie es nicht aussprach, dachte sie: Jemals?

Carter schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und streckte die langen Beine von sich. »Darum will ich nicht gehen. Keiner weiß, wann er wieder aufwacht, es kann jeden Moment so weit sein, und ich will sichergehen, dass ich dann da bin.«

Beth hatte gewusst, dass er das sagen würde. »Ich habe dir ein paar Sachen gebracht; ich dachte, du könntest sie vielleicht gebrauchen. Deinen Rasierer, etwas zum Anziehen, das Buch von deinem Nachttisch.«

»Danke. Unten gibt es einen öffentlichen Waschraum. Ich werde mich dort später waschen.«

Schweigend saßen sie da und lauschten dem Gemurmel der Schwestern am Empfangsschalter, dem gelegentlichen Klappern einer zufallenden Tür oder der Stimme aus der Sprechanlage über ihren Köpfen. Beth hatte gehofft, dass Carter bereit sei, nach Hause zu kommen, zumindest für ein paar Stunden, aber sie war nicht überrascht. Sie wusste, dass er sich nicht allein um Joe Sorgen machte. Er fühlte sich verantwortlich für alles, was geschehen war. Den Tod von Bill Mitchell. Joes schreckliche Verletzungen. Was das anging, konnte sie nur beten, dass Joe durchkäme.

»Du weißt«, sagte sie behutsam, »dass ich hierbleibe, wenn du nach Hause gehen und ein paar Stunden schlafen willst. Wenn diese Dr. Baptiste nach dir sucht, rufe ich dich an.«

»Nein, es ist schon in Ordnung. Ich muss hierbleiben.«

Sie wog ihre Worte sorgfältig ab und fuhr dann fort: »Was geschehen ist, ist furchtbar. Aber du musst dir klarmachen, dass nichts davon deine Schuld ist. Du hast nichts falsch gemacht.«

Er reagierte nicht.

»Es war ein Unfall. Ein furchtbarer, unvorhersehbarer Unfall.«

Sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Sie wusste, dass er sie gehört hatte, aber sie wusste auch, dass das, was sie gesagt hatte, kaum einen Eindruck hinterlassen hatte. Vielleicht würde er eines Tages in der Lage sein, die Schuldgefühle abzulegen, aber heute, das spürte sie instinktiv, war es dazu noch zu früh.

Die Tür zur Intensivstation öffnete sich mit einem leisen Summen, und eine junge Ärztin steuerte auf sie zu. Sie hatte das Haar zu einem Knoten gebunden, und ihre Haut hatte die Farbe von Zimt. Carter blickte zu ihr auf, mit mehr Grauen als Hoffnung im Blick.

Die Ärztin musste es gesehen haben, denn sie nickte rasch und lächelte ihm kurz zu. »Erwarten Sie nicht zu viel«, sagte sie, »aber Ihr Freund ist wieder bei Bewusstsein.«

Carter brauchte eine Sekunde, um diese Neuigkeit zu verdauen.

»Das ist doch eine gute Nachricht, oder?«, sagte Beth. »Ich meine, wenn er jetzt wach ist und spricht …«

»Ich habe nicht gesagt, dass er schon spricht«, unterbrach Dr. Baptiste sie. »Sind sie eine Verwandte?«, fragte sie Beth. In ihrer Stimme schwang das leichte Trällern eines karibischen Akzents mit.

»Nein, das ist mein Mann«, sagte sie und drückte Carters Schulter. »Wir sind seine Freunde.«

»Die einzigen, die er in diesem Land hat«, fügte Carter hinzu.

»Dann sollten Sie auf jeden Fall versuchen, sich mit seiner Familie in Verbindung zu setzen, wo immer sie lebt. Es kann jederzeit sein, dass jemand Entscheidungen treffen muss.«

»Entscheidungen?«, sagte Beth.

»Über seine Pflege und Behandlung.«

»Können Sie nicht mit Joe selbst reden … über was auch immer?«, fragte Carter.

»Sie müssen verstehen, dass Ihr Freund sich immer noch in einem kritischen Zustand befindet. Wir können nicht darauf zählen, dass er lange genug klar bleibt, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Im Moment konzentrieren wir uns lediglich darauf, ihn zu stabilisieren und stabil zu halten. Später, wenn wir die Gelegenheit hatten, alle Verletzungen neu zu beurteilen, werden wir entscheiden, wie wir weitermachen. Er hat Verbrennungen dritten Grades an mindestens fünfundzwanzig Prozent der Körperoberfläche erlitten.«

Verbrennungen dritten Grades? Soviel Beth wusste, waren das die schlimmsten Brandwunden, die möglich waren.

»Aber im Moment«, sagte Dr. Baptiste zu Carter, »wird es ihm wahrscheinlich helfen, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Möchten Sie jetzt zu ihm? Sie dürfen aber nur ein paar Minuten bleiben.«

»Ja, auf jeden Fall«, sagte Carter und stand auf.

Beth wollte sich ebenfalls erheben, doch Dr. Baptiste bedeutete ihr, sitzen zu bleiben.

»Tut mir leid, aber wir können nur einen Besucher auf einmal auf die Station lassen.«

»Ich bleibe mit der Tasche hier«, sagte Beth zu Carter. »Geh schon.«

Dr. Baptiste ging voran, und Carter verschwand hinter den Glastüren der Intensivstation.

Fast sofort stellte Carter fest, dass die Luft sich hier kälter und frischer anfühlte als draußen auf dem Flur. Ein leises stetiges Summen war zu hören, das von den ganzen Maschinen und Geräten herrührte, die neben den Betten der verschiedenen Patienten standen. Bei der Stationszentrale, einem halbrunden Tresen mit schwach leuchtenden Monitoren, reichte Dr. Baptiste Carter eine Gesichtsmaske aus Papier.

»Wir müssen sicherstellen, dass die Situation nicht noch durch eine Infektion verkompliziert wird«, sagte sie. Carter zog die Maske über Mund und Nase. »Sie dürfen Mr Russo auch auf keinen Fall berühren. Keine Umarmung, kein Händeschütteln, nichts.«

Dann wandte sie sich um, und Carter folgte ihr zum anderen Ende der Station. Als sie sich dem letzten Bett näherten, das fast vollständig durch einen blickdichten Vorhang verdeckt war, spürte er sein Herz rasen. Wie würde Joe aussehen? Würde er klar genug sein, um Carter zu erkennen? Würde Carter selbst seinen alten Freund wiedererkennen, egal in wie vielen Bandagen er eingewickelt war? Er versteifte sich.

Dr. Baptiste stand bereits neben dem Bett und überprüfte einen der Infusionsschläuche. Davon gab es einige, zusammen mit einer ganzen Menge anderer Kabel und Schläuche, die mit den Monitoren und Maschinen neben und über dem Bett verbunden waren. Joe selbst war kaum zu sehen. Ein Laken schien zeltförmig ein paar Zentimeter über seinem Körper aufgespannt zu sein, nur sein Kopf lugte oben heraus. Konnte es sein, dass selbst der Stoff zu schmerzvoll auf seiner verbrannten Haut war? Er trug eine Art Papierhut, der wie eine Krone geformt war, und das Gesicht glänzte von der vermutlich antiseptischen Salbe, mit der es bedeckt war. Die Augen waren riesig und dunkel. Sein Blick war, wie es Carter schien, erfüllt mit dem frustrierten Bedürfnis, sich auszudrücken. Sobald Carter an das Bett herantrat, fixierten ihn die Augen.

»Hey, Joe«, sagte Carter leise. Himmel, was ist in dem Labor passiert?Was sollte er als Nächstes sagen? Er war immer noch betroffen, seinen Freund in diesem Zustand zu sehen, aber er wollte seine Reaktion nicht zeigen. Er war dankbar für die Maske vor seinem Gesicht.

»Es tut mir leid«, sagte Carter einfach. Er wollte nach Joes Hand greifen, doch Dr. Baptiste erinnerte ihn rasch: »Keine Berührungen, bitte.«

»Tut mir leid, ich hatte es vergessen.«

»Und ich fürchte, Ihr Freund ist im Moment nicht in der Lage, Ihnen zu antworten.«

Warum nicht?, wunderte Carter sich. Er war ziemlich eindeutig bei Bewusstsein. Doch dann sah er den Atemschlauch zwischen Joes verbrannten und abblätternden Lippen.

»Wenn er so weit ist«, sagte Dr. Baptiste, »kann er versuchen, das hier zu benutzen.« Sie reichte Carter eine weiße glänzende Tafel und einen Filzstift. »Aber er steht unter so starken Beruhigungs-und Schmerzmitteln, dass er sich vielleicht nicht zusammenhängend ausdrücken kann.« Sie überprüfte noch ein paar letzte Einstellungen, dann sagte sie: »Bleiben Sie nicht länger als fünf Minuten«, und ging.

Sobald sie verschwunden war, ächzte Joe leise und warf einen Blick auf die kleine Tafel. Carter hielt sie ihm hin, und Joe hob eine Hand. Die Fingernägel waren nur noch schwarze Halbmonde. Mühsam ergriff er den Filzstift.

Während Carter die Tafel festhielt, schrieb Joe ein Wort in unpassend fröhlicher grüner Farbe. Als er den Stift fallen ließ, drehte Carter die Tafel um und las Bill?

Bill Mitchell. Carter schüttelte den Kopf. »Er hat es nicht geschafft.«

Joe blinzelte einmal mit den großen Augen. Dann griff er erneut zum Stift und kritzelte das Wort Laserauf die Tafel.

Was sollte mit dem Laser sein? »Der ist ebenfalls hinüber. Das Feuer hat alles zerstört.« Natürlich einschließlich des Fossils. Doch wenn Carter es irgendwie vermeiden könnte, würde er dieses Thema im Moment meiden.

Doch Joe schüttelte vorsichtig den Kopf und tippte erneut auf das Wort.

Der Laser? Dann begriff Carter. »War der Laser an, als das Feuer ausbrach?«

Joe nickte.

»Hat der Laser es verursacht?«

Er nickte noch einmal.

Aber Joe hätte sich gehütet, den Laser ohne Carters Hilfe in Gang zu setzen. Er hatte schon Probleme gehabt, einen Sinn in die englische Beschreibung im Handbuch zu bringen. Carter wischte die Tafel sauber. Wollte er damit sagen, dass Bill, Bill Mitchell … »Hat Mitchell mit dem Laser gearbeitet?«

Joe schloss zustimmend die Augen und öffnete sie erneut.

»Er ist irgendwie auf eigene Faust ins Labor gekommen?«

Joe nickte fast unmerklich, dann nahm er den Stift und kritzelte Fossil.

So viel zu Carters Hoffnung, das Thema zu vermeiden. »Alles im Labor«, wiederholte Carter langsam, »wurde zerstört.«

Joe schüttelte den Kopf, und dieses Mal ließ er Carter nicht aus den Augen.

»Nicht?« Was konnte er damit meinen? »Hast du es geschafft, irgendetwas zu retten?« Carter dachte daran, dass sie bereits winzige Proben vom Fossil und dem Felsen genommen hatten. Proben, die sich in sicherer Verwahrung befanden und in einem anderen Labor verschiedenen Tests unterzogen wurden. Aber Joe schien auf etwas anderes hinauszuwollen. »Tut mir leid, Joe, aber ich kann dir nicht folgen.« Vielleicht begannen die Beruhigungsmittel wieder zu wirken.

Joe griff erneut nach dem Stift. Dieses Mal zitterte seine Hand ein wenig, als er das Wort lebendigschrieb.

Was bedeutete das? Carter konnte nur annehmen, dass Joe von sich selbst sprach. »Ja, du lebst«, sagte er mit gespielter Fröhlichkeit, »und eines Tages, ob du es glaubst oder nicht, wirst du wieder all das machen, was du immer gemacht hast.« Carter fragte sich, ob das stimmte. »Selbst Tauchen.«

Aber der Ausdruck in Joes Blick wurde nur noch unruhiger. Carter hatte ihn nicht richtig verstanden. Mit der Spitze des Stifts tippte Joe auf das Wort Fossil, dann auf lebendig.

Als Carter nicht reagierte, wiederholte er das Ganze mit mehr Nachdruck.

Nun konnte es kein Missverständnis mehr geben, egal wie unglaubwürdig es war. »Versuchst du mir zu sagen, dass das Fossil gelebt hat?«

Schon wieder falsch. Joe stöhnte und runzelte die Stirn. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er den Stift ein weiteres Mal aufnahm und etwas zwischen die beiden anderen Wörter auf der Tafel kritzelte. Als Carter die komplette Nachricht las, lautete sie: Fossil ist lebendig.

Carter wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich heute noch weiter mit Joe zu unterhalten. Sein Freund musste unter dem Einfluss der Medikamente stehen. Und das war wahrscheinlich auch das Beste für ihn.

»Okay«, sagte Carter. »Ich habe verstanden.« Er nickte zur Bestätigung. »Die Ärztin hat gesagt, dass ich nicht länger als fünf Minuten bleiben darf, aber morgen früh komme ich als Erstes hierher.«

Carter legte die Tafel und den Stift auf den Nachttisch neben dem Bett. Als er Joe erneut anschaute, sah sein Freund erschöpfter und gequälter aus als je zuvor. Carter befürchtete, dass er mit seinem Besuch mehr Schaden angerichtet als Gutes getan hatte.

»Mach dir keine Sorgen um das Fossil oder das Labor oder irgendetwas«, sagte er. »Versuch jetzt einfach nur zu schlafen.«

Carter wandte sich vom Bett ab. Obwohl er den Gedanken hasste, musste er zugeben, dass es eine Erleichterung war, Joe nicht länger anblicken zu müssen, und sei es auch nur für eine Sekunde. Am Vorhang schaute er noch einmal zurück. Russo hatte den Blick in seine Richtung gelenkt. Zum Abschied hob er die Hand, aber es gab keine Reaktion. Und er hatte den Eindruck, dass Russo ihn nicht einmal sah. Er starrte an ihm vorbei, durch ihn hindurch, in etwas sehr Dunkles und sehr Tiefes.


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