Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
сообщить о нарушении
Текущая страница: 13 (всего у книги 27 страниц)
Vier
Das Auto im Schuppen hatte sein früheres Äußeres bereits zurückgewonnen. Allerdings wagte ich es nicht, mich ans Steuer zu setzen, um zu testen, ob der vielgeplagte Motor, nachdem russische Mechaniker, Spezialisten für landwirtschaftliche Maschinen, an ihm herumhantiert hatten, auch funktionierte. Mucksmäuschenleise schlich ich ins Haus, wobei ich lauschte: Meine Schwiegermutter schlief bereits in ihrem Zimmer, während in unserem matt das Nachtlicht brannte. Ich öffnete die Tür und trat ein.
»Hat alles geklappt?«, wollte Swetlana wissen. Der fragende Ton in ihrer Stimme ließ sich übrigens kaum wahrnehmen. Sie spürte auch ohne Worte alles ganz genau.
»Mehr oder weniger«, nickte ich. Ich sah zu Nadjuschkas Bett hinüber. Meine Tochter schlief fest. »Die Werwölfe habe ich nicht gefunden. Mit der Hexe habe ich geredet.«
»Erzähl mal«, forderte Swetlana mich auf. Sie saß nur im Nachthemd im Bett, neben ihr lag das dicke Buch Die Mumins. Entweder hatte sie Nadja daraus vorgelesen – der war es noch egal, was sie vorm Einschlafen hörte, es konnte auch ein Lehrbuch zur Festigkeitslehre sein, solange sie nur die Stimme ihrer Mutter vernahm -, oder sie hatte sich selbst vor dem Einschlafen mit einem guten Kinderbuch entspannen wollen.
Ich zog meine Schuhe aus und setzte mich neben sie. Dann fing ich zu erzählen an.
Ein paar Mal verzog Swetlana das Gesicht. Ein paar Mal lächelte sie. Als ich die Worte der Hexe, »deine Frau hat dich verzaubert«wiederholte, wurde Swetlana ganz verlegen.
»Hör auf damit!«, rief sie völlig hilflos. »Frag Geser… er sieht jeden meiner Zauber… Ich bin noch nicht mal auf den Gedanken gekommen!«
»Ich weiß«, beruhigte ich sie. »Die Hexe hat zugegeben, dass sie gelogen hat.«
»Freilich, darüber nachgedacht habe ich schon«, lachte Swetlana plötzlich. »Wer kann seinen Gedanken schon entkommen… Aber das war nur Spinnerei, nicht ernst gemeint. Als Olga und ich mal über Männer gesprochen haben… vor ewigen Zeiten…»
»Sehnst du dich nach der Wache?«, platzte ich heraus.
»Ja«, gab Swetlana zu. »Aber lass uns nicht darüber reden… Anton, du bist fabelhaft! Du bist wirklich in die dritte Schicht des Zwielichts vorgedrungen?«Ich nickte. »Erste Kategorie…«, sagte Swetlana unsicher.
»Das ist eine Nummer zu groß für mich«, widersprach ich. »Zweite. Eine solide zweite. Das ist meine Grenze. Und auch darüber werden wir nicht weiter sprechen, ja?«
»Lass uns lieber über die Hexe reden.«Swetlana lächelte. »Sie hat sich also in Winterschlaf gelegt? Von so etwas habe ich schon gehört, aber es ist unglaublich selten. Du könntest einen Artikel darüber schreiben.«
»Für wen? Für die Zeitung Argumente und Fakten? Hexe gefunden, die sechzig Jahre lang in einem Wald bei Moskau geschlafen hat?«
»Für die Informationsbroschüre der Nachtwache«, schlug Swetlana vor. »Überhaupt, wir sollten unsere eigene Zeitung herausbringen. Für Menschen müsste sie einen zweiten Text enthalten… worüber auch immer. Irgendwas Hochspezielles. Der russische Aquarianer zum Beispiel. Wie man Skalare hält und in seiner Wohnung ein Aquarium mit Wasserabfluss aufstellt.«
»Woher weißt du das alles?«, wunderte ich mich. Und erstarrte. Mir fiel wieder ein, dass ihr erster Mann, den ich nie gesehen hatte, sich für Aquarien begeisterte.
»Ach, das ist mir einfach so eingefallen«, meinte sie stirnrunzelnd. »Auf alle Fälle müsste jeder Andere, selbst der schwächste, den richtigen Text sehen können.«
»Mir schwebt bereits eine erste Überschrift vor«, sagte ich. »Für progressive Magie. Im Zweifelsfall kann das erste R in progressive auch wegfallen«Wir lächelten beide. »Zeig mir mal dieses Artefakt«, bat Swetlana.
Ich griff nach meiner Jacke und holte den in ein Taschentuch gewickelten Kamm heraus. »Ich kann darin keine Magie erkennen«, gab ich zu. Swetlana hielt den Kamm eine Zeit lang in Händen.
»Und?«, fragte ich. »Was musst du tun? Ihn über die Schulter werfen, damit dort ein Wald entsteht?«
»Du solltest sie auch gar nicht sehen«, erklärte Swetlana mit einem Lächeln. »Das liegt nicht an der Kraft, da hat die Hexe dich hinters Licht geführt. Vermutlich würde selbst Geser nichts erkennen… Das ist nichts für Männer.«
Sie führte den Kamm zum Haar und fing an, sich mit gleichmäßigen Bewegungen zu kämmen. »Stell dir mal vor…«, sagte sie beiläufig. »Es ist Sommer, heiß, du bist müde, hast die Nacht über nicht geschlafen, den ganzen Tag gearbeitet… Und dann schwimmst du im kühlen Wasser, wirst massiert, isst vorzüglich und trinkst ein Glas guten Weins. Danach geht es dir richtig gut…«
»Er macht, dass es dir besser geht?«, begriff ich. »Nimmt dir die Müdigkeit?«
»Nur bei Frauen«, lächelte Swetlana. »Er ist schon alt, dreihundert Jahre mindestens. Anscheinend ein Geschenk eines mächtigen Magiers für seine Geliebte. Bei der es sich möglicherweise sogar um eine Menschenfrau handelte…«
Sie sah mich an, ihre Augen leuchteten. »Außerdem soll er eine Frau anziehend machen«, sagte sie sanft. »Unwiderstehlich. Betörend. Funktioniert es?«
Ich sah sie eine Sekunde lang an. Dann löschte ich mit einem Blick das Nachtlicht.
Den magischen Baldachin, der alle Geräusche erstickte, hatte Swetlana selbst über uns geworfen.
Ich wachte früh auf, es war noch nicht einmal fünf Uhr morgens. Erstaunlicherweise fühlte ich mich jedoch völlig frisch, ganz wie die Herrin des magischen Kamms, die sich ordentlich gekämmt hatte. Große Taten wollte ich vollbringen. Und ein anständiges Frühstück zu mir nehmen.
Ohne jemanden zu wecken, schlich ich leise in die winzige Küche, brach mir ein paar Stücke Weißbrot ab und fand ein Päckchen mit Wurstaufschnitt. In einen großen Becher goss ich mir selbstgemachten Kwass – und mit all dieser Pracht ging ich nach draußen.
Es tagte bereits, doch über dem Dorf lag noch Stille. Niemand musste hier früh die Kühe melken, der Stall stand seit fünf Jahren leer. Überhaupt musste niemand dringend irgendwohin…
Seufzend setzte ich mich ins Gras unter einen Apfelbaum, der schon lange einfach wild wucherte und nicht mehr trug. Ich aß ein riesiges Stück Brot mit Wurst und trank den Kwass. Und, um meinem Wohlbefinden noch eins drauf zu geben, beförderte ich das Buch über das Fuaran auf magische Weise durchs Fenster. In der Hoffnung, dass meine Schwiegermutter noch schlief und das levitierende Ding nicht sah… Beim zweiten Stück Brot vertiefte ich mich in die Lektüre.
Die, ehrlich gesagt, höchst aufschlussreich war!
Zu jener Zeit, als das Fuaran geschrieben worden war, gab es all die gelehrten Ausdrücke wie»Gene«, »Mutation«samt der ganzen biologischen Schlauheit, die heutzutage die Natur der Anderen erklären soll, noch nicht. Deshalb hat das Hexenkollektiv, das das Buch verfasst hatte (insgesamt fünf Autorinnen, die nur mit Vornamen aufgezählt wurden) auf Formulierungen wie»Neigung zu Zauberkunst«, »Veränderung der Natur«und dergleichen zurückgegriffen. Zu den Autorinnen gehörte auch Arina, worüber sich die Hexe gestern jedoch in aller Bescheidenheit ausgeschwiegen hatte!
Im ersten Kapitel diskutierten die belesenen Hexen lange über die Natur der Anderen selbst. Sie gelangten zu folgendem Schluss: In jedem Menschen findet sich»eine Neigung zur Zauberei«. Das Niveau dieser»Neigung«ist bei allen unterschiedlich. Als Bezugsgröße kann man das natürliche Niveau der Magie nehmen, die über die ganze Welt ausgebreitet ist. Wenn die»Neigung«bei einem Menschen stärker ist als das Niveau der Magie in seiner Umwelt, dann wächst er zu einem ganz gewöhnlichen Menschen heran! Er wird nicht ins Zwielicht eintreten können und nur in seltenen Ausnahmen, wenn es zu Schwankungen des natürlichen magischen Niveaus kommt, wird er etwas Seltsames wahrnehmen. Wenn die»Neigung«in einem Menschen jedoch schwächer ist als in seiner Umwelt, wird er sich das Zwielicht zunutze machen können!
Das klang höchst merkwürdig. Ich selbst hatte immer angenommen, die Anderen seien Menschen mit stark entwickelten magischen Anlagen. Die Hexen vertraten genau den entgegengesetzten Standpunkt.
Als Beispiel führten sie eine komische Analogie an: Einmal angenommen, die Temperatur betrüge weltweit 36,5 °C. Dann würden die meisten Menschen, deren Körpertemperatur ja höher ist, Wärme abgeben und damit»die Natur aufheizen«. Die wenigen jedoch, deren Körpertemperatur aus irgendeinem Grund unter 36,5 °C liegen sollte, würden die Wärme aufnehmen. Wenn nun der permanente Strom von Kraft auf sie stößt, können sie diese Kraft nutzen, während die wärmeren Menschen ziellos»die Natur aufheizen«.
Eine interessante Theorie. Ich hatte mich mit verschiedenen möglichen Erklärungen zu unserer Entstehung und den Unterschieden zu den Menschen auseinander gesetzt. Auf diese war ich bislang nicht gestoßen. Sie hatte etwas Demütigendes…
Doch was spielte das für eine Rolle! Am Ergebnis änderte sie nichts! Es gab Menschen, und es gab Andere… Ich las weiter.
Das zweite Kapitel war den Unterschieden zwischen»Magiern und Zauberinnen«einerseits und»Hexen und Hexenmeistern«andererseits gewidmet. Zu dieser Zeit wurden mit dem Wort»Hexenmeister«nicht Dunkle Magier bezeichnet, sondern alle»Hexen männlichen Geschlechts«, also alle Anderen, die Artefakte verwendeten. Das Kapitel war interessant, und ich hatte den Eindruck, Arina habe es geschrieben. Es lief darauf hinaus, dass es im Prinzip keine Unterschiede gebe. Eine Zauberin operiert unmittelbar mit dem Zwielicht, aus dem sie Kraft abzieht, um verschiedene magische Handlungen zu vollführen. Die Hexe schafft zunächst ein»Kleinod«, das die Kraft des Zwielichts speichert und über einen langen Zeitraum eigenständig funktioniert. Der Vorteil der Zauberinnen und Magier ist der, dass sie keine Utensilien, Stäbe oder Ringe, Bücher oder Amulette brauchen. Der Vorteil der Hexen und Hexenmeister ist der, dass sie, nachdem sie einen brauchbaren Artefakt kreiert haben, in ihm einen derartigen Vorrat an Kraft speichern können, wie man ihn nur mit äußerster Anstrengung auf einen Schlag aus dem Zwielicht abziehen könnte. Die Schlussfolgerung drängte sich von selbst auf, doch Arina formulierte sie auch explizit: Ein vernünftiger Magier wird sich nicht gegen Artefakte sperren, ein kluger Hexenmeister versuchen zu lernen, auch direkt mit dem Zwielicht zu arbeiten. Nach Auffassung der Autorin werden wir»in hundert Jahren erleben, wie die größten und hochmütigsten Magier sich nicht mehr zu schade sind, Amulette zu benutzen, während es durch und durch orthodoxen Hexen nicht mehr zum Nachteil gereicht, ins Zwielicht einzutreten«.
Mit dieser Prognose lag sie absolut richtig, daran ließ sich nicht rütteln. In der Nachtwache arbeiten hauptsächlich Magier. Aber Artefakte benutzen wir ständig…
Ich ging in die Küche, brach mir noch Brot ab und goss mir Kwass ein. Sah auf die Uhr: sechs Uhr morgens. Irgendwo bellten zwar schon die ersten Hunde, aber das Dorf schlief noch.
Das dritte Kapitel behandelte die zahlreichen Versuche von Anderen, einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln -in der Regel trieben Liebe oder der eigene Vorteil die Anderen dazu -, aber auch die Versuche von Menschen, zu einem Anderen zu werden, nachdem sie auf die eine oder andere Weise hinter die Wahrheit gekommen waren.
Ausführlich wurde auf die Geschichte von Gilles de Rais eingegangen, dem Waffengefährten von Jeanne d'Arc. Jeanne war eine sehr schwache Dunkle, eine»Hexe siebten Ranges«, was sie im Übrigen nicht daran hinderte, größtenteils edle Taten zu vollbringen. Über Jeannes Tod wurde höchst nebulös berichtet, selbst eine Andeutung, sie habe den Blick der Inquisitoren abgelenkt und sich vom Scheiterhaufen retten können, fehlte nicht. Ich hegte da so meine Zweifel: Jeanne hatte den Großen Vertrag verletzt, indem sie ihre menschlichen Beziehungen magisch geregelt hatte, sodass auch unsere Inquisition ein Auge auf die Vollstreckung der Strafe gehabt hatte. Und deren Blick lenkt niemand ab… Die Geschichte des unglückseligen Gilles de Rais wurde dagegen weitaus detaillierter wiedergegeben. Sei es aus Liebe, sei es aus Verschrobenheit oder Nachlässigkeit, jedenfalls hatte Jeanne ihm alles über die Natur der Anderen erzählt. Der junge Ritter, für seine Kühnheit und seinen Edelmut berühmt, geriet auf Abwege. Man konnte also, so sinnierte er, magische Kraft bei ganz normalen Menschen sammeln, bei jungen und gesunden Menschen. Dafür müsste man sie nur peinigen, dem Kannibalismus frönen und die dunklen Kräfte um Hilfe bitten… Kurzum, der Mann wollte ein Dunkler Anderer werden. Er quälte mehrere hundert Frauen und Kinder, wofür er – ebenso wie für unterlassene Zinszahlungen – am Ende ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landete.
Aus dem Text ging hervor, dass selbst die Hexen dieses Vorgehen nicht billigen konnten. Die empörten Seitenhiebe gegen die Klatschbase Jeanne ließen sich nicht überlesen, die nicht druckreifen Beinamen für ihren übergeschnappten Waffengefährten sprachen für sich. Die Schlussfolgerung dagegen fiel trocken und wissenschaftlich aus: Es gebe absolut keine Möglichkeit, die»Neigung zur Zauberei«bei einem gewöhnlichen Menschen zu nutzen, um ihn in einen Anderen zu verwandeln. Denn ein Anderer zeichnet sich nicht durch seine größere»Neigung«aus, die der blutrünstige und dumme Gilles de Rais zu erreichen hoffte, sondern durch seine geringere! Daher machten alle grausamen Experimente ihn nur mehr und mehr zum Menschen…
Das klang überzeugend. Ich kratzte mir den Nacken. Also… meine magische Veranlagung war also weitaus geringer als die des Alkoholikers Onkel Kolja? Und nur deshalb konnte ich mir das Zwielicht zunutze machen? Na so was… Swetlana hätte demnach wohl eine noch geringere»Neigung«?
Und sollte Nadjuschka dann theoretisch überhaupt nicht magisch veranlagt sein? Weshalb die Kraft sich schier in sie ergoss? Ungehemmt, ohne jedes Problem? So sind sie, die Hexen, immer für einen Spaß zu haben!
Das nächste Kapitel diskutierte die Frage, ob es möglich sei, das Niveau der Kraft der Natur anzuheben, damit sich eine höhere Zahl von Menschen in Andere verwandelte. Das Ergebnis bot nicht viel Trost: nein. Denn die Kraft nutzen nicht nur die Anderen, die im Prinzip zeitweise auf Magie verzichten konnten. Auch das blaue Moos, die einzige bekannte Pflanze, die in der ersten Zwielicht-Schicht wächst, fraß begeistert Kraft. Je mehr Kraft es gab, desto stärker würde das Zwielicht-Moos wachsen. Möglicherweise gab es in tieferen Schichten weitere Kraftverbraucher… Daher stellt das Kraftniveau eine Konstante dar. Als ich diesen Ausdruck in dem alten Buch las, musste ich schmunzeln.
Danach folgte die Geschichte des Fuaran. Der Titel ging auf den Namen einer alten orientalischen Zaubermeisterin zurück, die unbedingt aus ihrer Tochter eine Andere machen wollte. Lange Zeit hatte die Zaubermeisterin experimentiert. Zunächst schlug sie den Weg von Gilles de Rais ein, dann erkannte sie ihren Fehler und versuchte, das Kraftniveau der Natur anzuheben… Kurzum, sie irrte in alle denkbaren falschen Richtungen. Am Ende verstand sie, dass es nötig war, die»Neigung der Tochter zu Zauberei herabzusenken«. Ihre entsprechenden Versuche sollen Gerüchten zufolge im Fuaran beschrieben sein. Das Ganze wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass die Natur der»Neigung«zu dieser Zeit nicht bekannt war. An dieser Situation hatte sich weder bis zum Erscheinungsjahr des Buches noch bis heute etwas geändert. Dennoch hatte die Hexe mit der Methode von Versuch und Irrtum Erfolg und machte aus ihrer Tochter eine Andere!
Zum Pech der Hexe interessierte eine dermaßen bedeutende Entdeckung ausnahmslos alle Anderen. Damals gab es noch keinen Großen Vertrag und keine Wachen, keine Inquisition… Kurzum, dem Zauberspruch jagten alle nach, die gerüchteweise von diesem Wunder gehört hatten. Eine Zeit lang wehrten sich Fuaran und ihre Tochter erfolgreich gegen alle Angriffe. Anscheinend hatte die ohnehin schon mächtige Hexe nicht nur aus ihrer Tochter eine starke Andere gemacht, sondern auch ihre eigene Kraft noch gesteigert. Die erbitterten Anderen formierten sich zu einer ganzen Armee von Magiern, ohne in Dunkle und Lichte zu unterscheiden, schlugen gemeinsam zu und vernichteten in einer schrecklichen Schlacht die kleine Familie der Hexe. In ihrer letzten Stunde kämpfte Fuaran verzweifelt um ihr Leben, verwandelte sogar ihre menschlichen Diener in Andere. Diese gewannen zwar tatsächlich Kraft, waren aber zu verzweifelt und ungeschickt. Nur ein Diener stellte sich als klüger als die übrigen heraus, indem er sich nicht blindlings in den Kampf stürzte, sondern das Buch an sich nahm und Fersengeld gab. Als die siegreichen Magier merkten, dass der»Laborbericht«der Hexe verschwunden war (denn beim Fuaran handelte es sich schlicht um die Laboraufzeichnungen der Hexe), hatten sich die Spuren des Flüchtlings bereits verloren. Danach suchte man lange und erfolglos nach dem Buch. Ab und an versicherte jemand, dem flüchtigen Diener, der inzwischen zu einem recht starken Anderen geworden war, begegnet zu sein und das Buch gesehen und durchgeblättert zu haben. Fälschungen tauchten auf – teilweise stammten sie aus der Hand verrückter Anhänger der Hexe, teilweise von abenteuerlustigen Anderen. Alle Fälle wurden sorgfältig untersucht und dokumentiert.
Das letzte Kapitel beschäftigte sich mit dem Thema»Worauf war Fuaran gestoßen?«. Die Autorinnen bezweifelten nicht, dass die Frau wirklich Erfolg gehabt hatte, hielten das Buch jedoch für unwiederbringlich verloren. Sie zogen einen traurigen Schluss: Ihre Entdeckung muss so zufällig und außergewöhnlich gewesen sein, dass sich ihre Natur nicht mehr rekonstruieren lässt.
Am meisten erstaunte mich das kurze Resümee. Falls das Fuaran heute noch existieren sollte, dann sei es die Pflicht jedes einzelnen Anderen, es zu vernichten, und zwar»aus allgemein einsichtigen Gründen, ungeachtet der außerordentlichen Versuchung und des eigenen Vorteils…«Ach, diese Dunklen! Wie sie an ihrer Macht kleben!
Ich schloss das Buch und schlenderte durch den Garten. Abermals schaute ich in den Schuppen, wagte es aber auch diesmal nicht, den Motor anzulassen.
Fuaran und ihr Buch waren real. Daran hegten die Hexen keinen Zweifel. Ich ließ die Möglichkeit einer Mystifizierung zu, glaubte im tiefsten Herzen jedoch nicht daran.
Damit gab es also theoretisch die Möglichkeit, einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln!
Das warf auch ein völlig neues Licht auf die Ereignisse im Assol. Der Sohn von Geser und Olga war ein Mensch gewesen – wie es üblicherweise bei Anderen der Fall ist. Deshalb konnten die beiden Großen ihn nicht finden. Sobald sie ihn jedoch gefunden hatten, machten sie einen Anderen aus ihm, erst dann zogen sie das ganze Theater auf. Bei dem sie noch nicht einmal davor zurückschreckten, die Inquisition zu täuschen.
Ich legte mich in die Hängematte, griff nach meinem MD-Player. Stellte den Zufallsgenerator ein und schloss die Augen. Ich wollte mich aus der Welt ausklinken, meine Ohren mit irgendetwas Sinnlosem zustopfen… Doch ich hatte kein Glück. Es kam Piknik.
Mir ist gar nicht mehr zum Lachen,
Tür und Fenster sind verschwommen,
Ist der Große Inquisitor
Mich zu foltern doch gekommen.
Mich bedrängt der Inquisitor
Er sortiert die Instrumente:
»Sag mir, was du weißt, sag alles,
weil es dir nur nützen könnte.«
Glaubt, er kriegt mich auf, als ob ich
Irgend so ein Koffer wär,
Weiß, da ist ein Doppelboden,
Scheint der Koffer noch so leer.
Solche Zufälle mag ich nicht! Selbst ganz gewöhnliche Menschen können die Realität beeinflussen, sie sind bloß nicht in der Lage, ihre Kraft zu lenken. Jeder Mensch kennt das: Der Autobus, der genau im richtigen Moment kommt – oder eben hartnäckig nicht kommt; ein Lied aus dem Radio, das hundertprozentig zu deinen Gedanken passt; ein Anruf von jemandem, an den du gerade gedacht hast… Es gibt übrigens eine sehr einfache Möglichkeit, um herauszubekommen, ob du nah an den Möglichkeiten eines Anderen bist. Wenn du mehrere Tage hintereinander bei einem zufälligen Blick auf die Uhr die Ziffern 11:11, 22:22 oder 00:00 siehst, heißt das, dass deine Beziehung zum Zwielicht an Bedeutung gewinnt. In diesen Tagen solltest du auf deine Vorgefühle und Ahnungen hören…
Aber das sind Lappalien, die Menschen betreffen. Für Andere ist die Beziehung mit dem Zwielicht genauso unbewusst wie für Menschen, wirkt sich aber weitaus stärker aus. Und mir gefiel überhaupt nicht, dass ausgerechnet jetzt das Lied vom Großinquisitor kam.
Wenn ich noch bei Kräften wäre, Sagte ich zu ihm: »Mein Herr, Ich weiß gar nicht, was hier vorgeht, Wo ich bin und was und wer;
So verwirrt sind alle Straßen, dass ich kaum noch gehen kann.«Doch das will er mir nicht glauben, Zieht die Daumenschraube an.
Glaubt, er kriegt mich auf, als ob ich
Irgend so ein Koffer wär,
Weiß, da ist ein Doppelboden,
Scheint der Koffer noch so leer.
Hm. Auch ich hätte zu gern gewusst, was die Welt im Innerstenzusammenhält…
Jemand klopfte mir sanft auf die Schulter.
»Ich schlafe nicht, Sweta«, sagte ich. Und öffnete die Augen.
Der Inquisitor Edgar schüttelte den Kopf und deutete ein Lächeln an. Von seinen Lippen las ich: »Tut mir leid, Anton, aber ich bin nicht Sweta.«Trotz der Hitze trug Edgar Anzug, Krawatte und schwarze Lackschuhe, auf denen sich nicht ein einziges Staubkörnchen niedergelassen hatte. In dieser Stadtkleidung wirkte er noch nicht mal albern. Das nenn ich baltisches Blut!
»Ja, woher…!«, rief ich und wälzte mich aus der Hängematte. »Edgar?«
Edgar wartete geduldig. Ich stöpselte die Kopfhörer aus den Ohren, atmete durch. »Ich habe Urlaub«, sagte ich. »Einen Mitarbeiter der Nachtwache in der arbeitsfreien Zeit zu stören ist laut Vorschrift…«
»Anton, ich wollte Sie nur mal besuchen«, versicherte Edgar. »Haben Sie etwas dagegen?«
Edgar war mir nicht unsympathisch. Niemals würde aus ihm ein Lichter werden, doch sein Wechsel zur Inquisition hatte mir Respekt abgenötigt. Wenn Edgar mit mir reden wollte, würde ich mich jederzeit mit ihm treffen.
Aber nicht auf der Datscha, wo Sweta und Nadjuschka Urlaub machten!
»Ja«, erwiderte ich eisern. »Wenn Sie keine offizielle Verfügung haben, dann verlassen Sie mein Territorium!«
Mit einer unsagbar albernen Geste wies ich auf den schiefen Zaun. Territorium – das Wort war mir einfach so herausgerutscht.
Edgar seufzte. Und griff langsam in die Innentasche seines Jacketts.
Ich wusste, was er herausholen würde. Doch es war zu spät, um jetzt einen Rückzieher zu machen.
Die Verfügung des Moskauer Büros der Inquisition teilte mir mit, dass»wir im Rahmen einer dienstlichen Aufklärung dem Mitarbeiter der Moskauer Nachtwache Anton Gorodezki, Lichter Magier zweiten Ranges, gebieten, er möge dem Inquisitor dritten Ranges Edgar alle nur denkbare Hilfe gewähren«. Eine Verfügung der Inquisition hatte ich nie zuvor gesehen, und auch jetzt fielen mir nur Kleinigkeiten auf: Die Inquisition maß die Kraft weiterhin in den altmodischen»Rängen«, genierte sich nicht, ein Wort wie»gebieten«zu gebrauchen und nannte die eigenen Mitarbeiter selbst in offiziellen Dokumenten nur mit dem Vornamen.
Dann bemerkte ich das Wesentliche. Unten prangte der Stempel der Nachtwache und in Gesers Schrift: »Zur Kenntnis genommen, stattgegeben«. Das wurde ja immer schöner!
»Und wenn ich ablehne?«, fragte ich. »Sie müssen wissen, es gefällt mir nicht, wenn mir jemand etwas gebietet.«
Edgar runzelte die Stirn und linste zu dem Formular hinunter. »Unsere Sekretärin ist schon dreihundert Jahre alt«, erklärte er. »Nehmen Sie es nicht übel, Anton. Das ist nur ihre archaische Ausdrucksweise. So wie Rang.«
»Ist es auch Tradition, ohne Familiennamen auszukommen?«, hakte ich nach. »Nur interessehalber.«
Verständnislos sah Edgar auf das Blatt Papier. Abermals runzelte er die Stirn. »Ach, die alte Blausocke…«, meinte er ärgerlich. »Sie hat meinen Familiennamen vergessen, und mich danach zu fragen, hat der Stolz ihr verboten.«
»Das würde mir das Recht geben, die Verfügung in den Komposthaufen zu werfen.«Meine Augen suchten die Datscha nach besagtem Haufen ab, fanden ihn jedoch nicht. »Oder ins Klo. Wenn in der Anordnung kein Familienname steht, heißt das, sie ist nicht rechtskräftig. Oder etwa nicht?«Edgar hüllte sich in Schweigen.
»Und was droht mir, wenn ich die Zusammenarbeit verweigere?«, wiederholte ich meine Frage.
»Nichts Schlimmes«, meinte Edgar bedrückt. »Selbst wenn ich eine neue Verfügung bringe. Eine Beschwerde an Ihren unmittelbaren Vorgesetzten, eine Strafe nach seinem Ermessen…«
»Damit läuft das strenge Papier also auf eine einfach Bitte um Hilfe hinaus? »
»Ja.«Edgar nickte.
Eine Situation ganz nach meinem Geschmack. Die schreckliche Inquisition, mit der Neulinge einander Angst einjagen, stellte sich als zahnlose alte Blausocke heraus!
»Was ist denn überhaupt passiert?«, wollte ich wissen. »Ich bin schließlich im Urlaub. Mit meiner Frau und meiner Tochter. Und meiner Schwiegermutter. Ich bin nicht im Dienst.«
»Das hat Sie aber nicht daran gehindert, Arina zu besuchen«, antwortete Edgar, ohne mit der Wimper zu zucken.
Das hatte ich nun davon! Wieso musste ich das Ganze auch auf die leichte Schulter nehmen…
»Das gehört zu meinen unmittelbaren dienstlichen Verpflichtungen«, konterte ich. »Menschen zu schützen, Dunkle zu kontrollieren. Immer und überall. Woher weiß die Inquisition übrigens von Arina?«
Jetzt war die Reihe an Edgar zu grinsen und die Antwort hinauszuzögern. »Geser hat es uns mitgeteilt«, sagte er schließlich. »Sie haben ihn doch gestern angerufen und ihm alles berichtet, oder? Da es eine ungewöhnliche Situation ist, hielt Geser es für seine Pflicht, die Inquisition in Kenntnis zu setzen. Als Zeichen unserer unverändert freundschaftlichen Beziehungen.«
Das sollte einer verstehen!
Wenn die Hexe irgendwie in die Geschichte mit Gesers Sohn verwickelt war… Oder war sie es am Ende doch nicht?
»Ich muss ihn anrufen«, sagte ich und ging demonstrativ zum Haus. Edgar blieb gehorsam neben der Hängematte stehen. Er linste zwar zu dem Plastikstuhl hinüber, hielt ihn aber nicht für sauber genug. Ich wartete, das Handy ans Ohr gepresst. »Hallo, Anton. »
»Edgar ist zu mir gekommen…«
»Ja, ja, ja«, sagte Geser zerstreut. »Nach deinem Bericht gestern habe ich es für nötig erachtet, die Inquisition über die Hexe zu informieren. Wenn du willst, hilf ihm. Wenn nicht, jag ihn sonst wohin. Seine Verfügung ist nicht rechtskräftig, ist dir das aufgefallen?«
»Ja«, antwortete ich, während ich zu Edgar hinüberschielte. »Was ist mit diesen Werwölfen, Chef?«
»Die überprüfen wir«, erwiderte Geser nach kurzem Zögern. »Noch haben wir nichts.«
»Und noch einmal zu dieser Hexe…«Ich linste zu dem Buch über das Buch. »Ich habe bei ihr ein erstaunliches Buch beschlagnahmt… Fuaran. Phantasie oder Wahrheit?«
»Das kenn ich, das kenn ich«, sagte Geser in gutmütigem Ton. »Wenn du das echte Fuaran gefunden hättest… Darauf hättest du dir was einbilden können. Ist das alles, Anton? »
»Ja«, gab ich zu. Und Geser unterbrach die Verbindung. Edgar wartete geduldig.
Ich ging zu ihm, legte eine Kunstpause ein. »Welches Ziel hat Ihre Untersuchung?«, fragte ich dann. »Und was soll ich dabei tun?«
»Sie werden mit mir zusammenarbeiten, Anton?«Edgar freute sich aufrichtig. »Meine Untersuchung betrifft die Hexe Arina, die Sie entdeckt haben. Sie müssten mir den Weg zu ihr zeigen.«
»Und was will die Inquisition von der Alten?«, wollte ich wissen. »Meiner Ansicht nach hat sie nicht das geringste Verbrechen begangen. Auch nicht aus Sicht der Nachtwache.«
Edgar geriet in Verlegenheit. Er wollte lügen – und gleichzeitig wusste er, dass ich die Lüge spüren könnte. Von der Kraft her konnten wir beide uns ungefähr messen. Und seine inquisitorischen Tricks mussten nicht immer funktionieren.
»Es geht da um eine alte Sache«, gab der Dunkle Magier zu. »Die seit den dreißiger Jahren anhängig ist. Die Inquisition hat eine Reihe von Fragen an sie…«
Ich nickte. Von Anfang an hatte mich die Geschichte von den Ermittlungen des bösen NKWD gestört. Gewiss, die Bauern hätten durchaus versuchen können, die Hexe hintenrum loszuwerden. Aber eben nur versuchen. Mit einem Anderen niedrigen Grades konnte eine solche Sache durchaus noch klappen. Aber nicht mit einer so mächtigen Hexe…
»Gut, ich zeig Ihnen, wo sie wohnt«, stimmte ich zu. »Wollen Sie noch etwas frühstücken, Edgar?«
»Da sage ich nicht nein.«Der Magier zierte sich nicht. »Und… Ihre Gattin hat nichts dagegen? »
»Das werden wir gleich in Erfahrung bringen«, meinte ich.
Ein interessantes Frühstück. Trotz allem fühlte sich der Inquisitor nicht ganz wohl in seiner Haut, versuchte krampfhaft, lustig zu sein, machte Swetlana und Ljudmila Iwanowna Komplimente, plapperte mit Nadjuschka in der Kindersprache und lobte das einfache Spiegelei.
Nadjuschka, meine kleine Kluge, sah den»Onkel Edgar«aufmerksam an und schüttelte den Kopf. »Du bist ein andrer«, sagte sie. Danach wich sie ihrer Mutter nicht von der Seite.
Swetlana amüsierte Edgars Besuch. Sie stellte Edgar verschiedene unverfängliche Fragen, erinnerte ihn an die»Geschichte mit dem Spiegel«und verhielt sich insgesamt so, als ob ein Arbeitskollege oder guter Bekannter gekommen sei.
Dafür zeigte sich Ljudmila Iwanowna schier entzückt von Edgar. Ihr gefiel seine Art, sich zu kleiden, zu reden, selbst dass er die Gabel in der linken Hand hielt und das Messer in der rechten, begeisterte meine Schwiegermutter. Man hätte glauben können, alle übrigen äßen mit Fingern… Als Edgar dann auch noch ganz entschieden ein Schnäpschen ablehnte, erntete ich einen derart gouvernantenhaften Blick, als ob ich die Angewohnheit hätte, mir jeden Morgen erst mal ein oder zwei Gläschen Wodka hinter die Binde zu kippen.
Deshalb machten Edgar und ich uns satt, aber leicht verärgert auf den Weg. Ich über die Begeisterung meiner Schwiegermutter, er anscheinend über ihre Aufmerksamkeit.
»Können Sie mir sagen, was Sie der Hexe vorzuwerfen haben?«, fragte ich, während wir auf den Wald zusteuerten.
»Eigentlich haben wir doch Brüderschaft getrunken«, erinnerte mich Edgar. »Wollen wir wieder zum Du übergehen? Oder steht meine neue Arbeit…«
»Die ist nicht schlechter als die Arbeit in der Tagwache«, unterbrach ich ihn. »Gut, duzen wir uns.«
Zufrieden drückte sich Edgar nicht länger um die Antwort. »Arina ist eine starke und ehrenwerte Hexe… innerhalb ihrer engen Kreise. Wie du weißt, Anton, hat jede Gruppe ihre eigene Hierarchie. Geser kann sich noch so sehr über Viteszlav lustig machen, aber unter den Vampiren ist er der stärkste. Bei den Hexen nimmt Arina eine vergleichbare Position ein. Eine sehr hohe.«



























