Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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Drei
Eine typische Bahnhofsszene: Über die Bahnsteige hastete eine Hand voll Menschen, die versuchten herauszukriegen, von wo ihr Zug abfährt – wenn er nicht schon längst abgefahren war. Aus irgendeinem Grund übernahmen die Rolle der Zuspätkommenden am häufigsten entweder als Shuttles arbeitende Frauen, die mit gestreiften Plastiktaschen beladen waren, oder – das absolute Gegenteil von ihnen – intelligente Menschen, die lediglich einen Aktenkoffer von Samsonite und ein ledernes Handtäschchen bei sich trugen.
Wir gehörten zu einer exotischen Unterart der zweiten Kategorie: Gepäck hatten wir überhaupt nicht, äußerlich wirkten wir in erster Linie seltsam, dabei aber respekteinflößend.
Auf dem Bahnsteig fing die Nadel wieder an, sich zu drehen: Wir näherten uns dem Buch.
»Er versucht abzuhauen«, verkündete Sebulon triumphierend. »Also… klären wir als Erstes, welche Züge abfahren…«
Der Blick des Dunklen verschleierte sich, als er in die Zukunft sah, um festzustellen, welcher Zug als nächster abfahren würde.
Ich studierte die Informationstafel, die hinter mir hing. »Jetzt fährt der Zug Moskau – Almaty ab. In fünf Minuten. Von Gleis 2.«
Sebulon kehrte aus seinen seherischen Gefilden zurück. »Ein Zug nach Kasachstan von Gleis 2«, teilte er uns mit. »In fünf Minuten.«
Er machte eine sehr zufriedene Miene. Kostja schnaubte kaum hörbar.
Geser starrte demonstrativ auf die Tafel. »Ja, du hast Recht, Sebulon…«, sagte er. »Der nächste geht dann erst in einer halben Stunde.«
»Halten wir den Zug auf und durchkämmen alle Abteile«, schlug Edgar schnell vor. »Ja?«
»Sind deine Jungs imstande, den Anderen zu finden?«, fragte Geser. »Wenn er sich maskiert? Wenn er ein Magier außerhalb jeder Kategorie ist?«
Von einer Sekunde zur nächsten fiel Edgar in sich zusammen. Er schüttelte den Kopf.
»Siehst du«, meinte Geser nickend. »Das Buch ist im Bahnhof gewesen. Er ist im Bahnhof gewesen. Doch wir haben weder das Fuaran noch den Täter aufspüren können. Woher nimmst du die Gewissheit, dass es im Zug leichter wäre?«
»Wenn er im Zug ist, wäre es am einfachsten, den Zug in die Luft zu sprengen«, bemerkte Sebulon. »Dann hätten unsere Probleme ein Ende.«Stille senke sich herab. Geser schüttelte den Kopf.
»Mir ist klar, dass das eine unangenehme Entscheidung ist«, meinte Sebulon. »Mir gefällt sie ja auch nicht. Weshalb sollten wir einfach so Tausende von Menschenleben auslöschen… Aber haben wir denn eine Wahl? »
»Was schlägst du vor, Großer?«, fragte Edgar.
»Wenn…«Sebulon betonte dieses Wort ausdrücklich. »… das Fuaran tatsächlich im Zug ist, müssen wir einen Moment abpassen, in dem der Zug durch eine unbewohnte Gegend fährt. Die kasachische Steppe böte sich an. Alles Weitere würde dann… entsprechend den Plänen ablaufen, die die Inquisition für solche Fällen bereithält.«Edgar schüttelte nervös den Kopf. Wie immer, wenn er sich aufregte, schlug ein leichter baltischer Akzent bei ihm durch.
»Das ist kein guter Plan, Großer. Außerdem kann ich ihn nicht allein bewilligen, den müsste das Tribunal sanktionieren.«
Sebulon zuckte mit den Achseln und brachte durch sein ganzes Gebaren zum Ausdruck: Er wollte ja bloß einen Vorschlag machen.
»Auf alle Fälle müssen wir uns überzeugen, dass das Buch im Zug ist«, meinte Geser. »Ich schlage vor…«Er schaute zu mir hinüber und deutete ein Nicken an. »Ich schlage vor, Anton von der Nachtwache, Konstantin von der Tagwache und jemanden von der Inquisition in den Zug zu setzen. Damit sie ihn überprüfen. Eine große Gruppe ist dafür nicht nötig. Wir… wir würden morgen früh dazustoßen. Und dann entscheiden, was wir weiter unternehmen.«
»Fahr, Kostja«, sagte Sebulon zärtlich und klopfte dem jungen Vampir auf die Schulter. »Geser hat Recht. Das ist eine gute Gruppe, ihr habt einen langen Weg vor euch, eine interessante Sache – das wird dir gefallen.«Der amüsierte Blick in meine Richtung fiel kaum auf.
»Das… gibt uns Zeit«, stimmte Edgar dem Vorschlag zu. »Ich werde selbst mitfahren. Und meine Leute nehme ich ebenfalls mit. Alle.«
»Es bleibt noch eine Minute«, sagte Olga leise. »Wenn ihr das tun wollt, müsst ihr jetzt los.«
Edgar winkte seinen Trupp heran, und wir rannten zum Zug. Am ersten Waggon sagte Edgar etwas zum Waggonbetreuer, einem jungen Kasachen mit Schnurrbart. Seine Gesichtszüge wurden weich, spiegelten Müdigkeit wider – aber auch Fröhlichkeit. Dann trat der Mann einen Schritt zur Seite, um uns einsteigen zu lassen. Wir zwängten uns rein. Ich drehte mich noch einmal um. Sebulon, Geser und Olga standen auf dem Bahnsteig und blickten uns nach. Olga sagte leise etwas.
»In der jetzigen Situation werde ich die Gesamtleitung übernehmen«, erklärte Edgar. »Gibt es Einwände dagegen?«
Ich schielte zu den sechs Inquisitoren hinüber, die hinter ihm standen, und schwieg. Kostja konnte sich jedoch nicht beherrschen. »Kommt auf die Befehle an. Ich bin nur der Tagwache zu Gehorsam verpflichtet.«
»Ich wiederhole noch einmal: Die Operation leite ich«, sagte Edgar kalt. »Wenn Sie nicht einverstanden sind, schlage ich vor, dass Sie abziehen.«
Kostja schwankte nur eine Sekunde, dann senkte er den Kopf. »Verzeihen Sie, Inquisitor. Das war ein dummer Scherz. Natürlich übernehmen Sie das Kommando. Aber wenn es nötig sein sollte, würde ich mich mit meinem Chef in Verbindung setzen.«
»Erst wirst du springen, dann die Erlaubnis erbitten.«Edgar machte Nägel mit Köpfen.
»Gut«, sagte Kostja. »Verzeihen Sie, Inquisitor.«
Damit war jeder Aufstand im Keim erstickt. Edgar nickte und lehnte sich zur Tür hinaus, um den Waggonbetreuer zu rufen. »Wann fahren wir ab?«
»Jetzt!«, antwortete der Mann, der Edgar mit der Begeisterung eines treu ergebenen Hundes anschaute. »Jetzt! Wir müssen einsteigen! »
»Dann steig ein.«Edgar gab die Tür frei.
Der Mann stieg ein, immer noch den Ausdruck freudiger Unterwürfigkeit im Gesicht. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Um Gleichgewicht ringend, stand der Waggonbetreuer in der offenen Tür. »Wie heißt du?«, fragte Edgar. »Ashat. Ashat Kurmangalijew.«
»Schließ die Tür. Gehe deiner Arbeit entsprechend deinen Anweisungen nach.«Edgar runzelte die Stirn. »Wir sind deine besten Freunde. Wir sind deine Gäste. Du musst uns in diesem Zug unterbringen. Verstanden?«
Die Tür schlug zu, Ashat schloss sie ab und wandte sich wieder Edgar zu. »Ja. Wir müssen zum Zugführer. Ich habe kaum Platz. Nur noch vier freie Plätze.«
»Gehen wir zu deinem Chef«, stimmte Edgar zu. »Anton, was ist mit dem»Kompass«?«
Ich hob den Brief an und schaute auf den im Zwielicht hängenden»Kompass«. Die Nadel drehte sich langsam. »Offensichtlich ist das Buch im Zug.«
»Um sicher zu sein, werden wir noch ein bisschen warten«, verkündete Edgar.
Doch auch nachdem wir den Bahnhof gut einen Kilometer hinter uns gelassen hatten, drehte die Nadel sich immer noch. Der Täter, wer immer es auch sein mochte, saß mit uns im Zug.
»Er ist im Zug, das Schwein«, sagte Edgar. »Wartet hier auf mich. Ich geh zum Zugführer, wir müssen irgendwo unterkommen.«
Zusammen mit dem zufrieden lächelnden Ashat ging er den Gang hinunter. Ein zweiter Waggonbetreuer sagte, sobald er seinen Kollegen sah, etwas auf Kasachisch und fuchtelte wütend mit den Armen. Doch dann fing er Edgars Blick auf und verstummte.
»Wir können uns auch gleich ein Schild umhängen: Wir sind die Anderen«, bemerkte Kostja. »Was denkt er sich denn? Wenn in dem Zug wirklich ein Hoher Anderer sein sollte, spürt er die Magie…«
Kostja hatte Recht. Weitaus klüger wäre es, alles mit Geld zu regeln – dessen Magie ist bei Menschen nicht weniger effektiv. Aber Edgar war vermutlich zu konfus…
»Und du? Spürst du die Magie?«, fragte plötzlich einer der niedrigeren Inquisitoren.
Irritiert drehte sich Kostja zu ihm um. Dann schüttelte er den Kopf.
»Auch sonst spürt sie niemand. Edgar hat ein Gehorsamsamulett. Es wirkt nur aus der Nähe.«
»Die Tricks der Inquisition…«, murmelte Kostja eingeschnappt. »Trotzdem sollten wir besser nicht auffallen, oder, Anton?«Widerwillig nickte ich.
Zwanzig Minuten später kam Edgar zurück. Auf welche Weise er sich mit dem Zugführer geeinigt hatte – mit Geld oder, was wahrscheinlicher war, unter Zuhilfenahme seines mysteriösen Gehorsamsamuletts -, fragte ich nicht. In Edgars Gesicht standen Zufriedenheit und Beruhigung geschrieben.
»Wir teilen uns in zwei Gruppen.«Sofort übernahm er das Kommando. »Ihr«– er nickte in Richtung der Inquisitoren -»bleibt in diesem Waggon. Ihr bekommt den Raum der Waggonbetreuer und dazu noch das Abteil 1, das sind genau sechs Plätze. Ashat wird es euch zeigen… Überhaupt, zögert nicht, euch an ihn zu wenden, falls etwas sein sollte. Handelt nicht auf eigene Faust, spielt nicht Detektiv. Benehmt euch wie… wie Menschen. Liefert mir alle drei Stunden persönlich einen Bericht über die Lage… oder wann immer es sonst nötig ist. Wir sind im Waggon 7.«
Schweigend folgten die Inquisitoren dem lächelnden Waggonbetreuer zu ihrem Abteil. Edgar drehte sich zu Kostja und mir um. »Wir sind in Waggon 7, Abteil 4. Das können wir als unsere zeitweilige Basis betrachten. Gehen wir.«
»Haben Sie irgendeinen Plan, Chef?«, fragte Kostja in einer Mischung aus Ironie und Aufrichtigkeit.
Edgar sah ihn kurz an. Offenbar versuchte er, sich darüber klar zu werden, was in dieser Frage überwog, das Interesse oder die Frechheit, auf die er dann nicht antworten müsste. »Wenn ich einen Plan habe, werdet ihr es erfahren«, sagte er schließlich doch. »Alles zu seiner Zeit. Im Moment möchte ich nur einen Kaffee trinken und zwei, drei Stunden schlafen. In dieser Reihenfolge.«
Kostja und ich folgten Edgar. Der Vampir grinste. Wohl oder übel zwinkerte ich ihm daraufhin zu. Letzten Endes verband uns die untergeordnete Stellung ja doch – ungeachtet dessen, was ich über Kostja dachte.
Der Waggon, in dem der Zugführer mitfährt, ist der beste im ganzen Zug. Die Klimaanlage fällt hier nie aus. Es gibt immer heißes Wasser für Tee und beim Waggonbetreuer auch Sud. Außerdem ist es hier sauber, selbst in den asiatischen Zügen, die Bettwäsche wird in verschweißten Päckchen ausgegeben und tatsächlich nach jeder Fahrt gewaschen. Beide Toiletten funktionieren, und man kann sie beherzt ohne Gummistiefel betreten.
Zur Krönung des anspruchslosen Glücks eines Reisenden liegt der Waggon direkt zwischen Speisewagen und Schlafwagen – falls es den überhaupt gibt.
Im Zug Moskau-Almaty gab es einen Schlafwagen. Während wir durch ihn hindurchgingen, betrachteten wir neugierig die Passagiere. Bei den meisten handelte es sich um wichtige, wohlgenährte Kasachen. Fast alle trugen ein Aktenköfferchen in der Hand, von dem sie sich auch nicht trennten, wenn sie mal in den Gang hinaustraten. Einige tranken bereits Tee aus bunten Porzellanschalen, einige breiteten ihren Wurstaufschnitt aus, stellten Flaschen auf und tranchierten gekochtes Huhn. Die meisten standen jedoch noch im Gang, um auf die vorbeiziehenden Moskauer Vororte zu schauen.
Was sie wohl empfinden mögen, die Bürger des heute unabhängigen Landes, wenn sie auf ihre ehemalige Hauptstadt blicken? Ob ihnen die Unabhängigkeit wirklich Genugtuung verschafft? Oder ob sie nicht doch Nostalgie befällt?
Keine Ahnung. Fragen kannst du sie nicht, und selbst wenn du fragst, wäre nicht gesagt, dass du eine ehrliche Antwort bekommst. Und in ihr Bewusstsein eindringen, sie zwingen, die Wahrheit zu sagen, das ist nicht mein Ding.
Sollen sie sich ruhig freuen und stolz sein – auf ihre Unabhängigkeit, ihren eigenen Staat, ihre Korruption. Als man vor kurzem in St. Petersburg das dreihundertjährige Bestehen der Stadt gefeiert hat, machte ein Wort die Runde-. »Sollen sie uns doch nach Strich und Faden bestehlen – immerhin sind es unsere Diebe, keine Moskauer.«Warum sollten Kasachen und Usbeken, Ukrainer und Tadschiken nicht dieselben Gefühle hegen? Wenn schon innerhalb eines Landes ein Graben zwischen den Republiken und Städten verläuft, was sollte man dann den Nachbarn aus der einstigen Wohngemeinschaft vorwerfen? Man sondert sich ab, wenn man ein Zimmer mit Fenster zur Ostsee hat, die stolzen Georgier und die Kirgisen mit der einzigen Hochgebirgs-Kriegsflotte der Welt – alle haben mit Freuden abgespalten. Am Ende bleibt dann nur eine große Küche übrig, Russland nämlich, wo früher einmal in einem einzigen imperialen Kessel die verschiedenen Völker gekocht wurden. Ach ja. Was will man da schon machen. Wir haben zu Hause Gas. – Und ihr, werdet ihr da nicht ganz blass?
Sollen sie sich doch freuen. Sollen es sich doch alle gut gehen lassen. Sowohl die mit ihrem Jubiläum beglückten Petersburger – denn ein solches Fest reicht bekanntlich für ein ganzes Jahrhundert – wie auch die Kasachen und Kirgisen, die jetzt erstmals ihren eigenen Staat haben, wobei sie natürlich eine Unmenge an Beweisen für ihre Staatlichkeit in der Vergangenheit vorgebracht haben. Und auch unsere slawischen Brüder sollen es sich gut gehen lassen, die so unter der Existenz des großen Bruders gelitten haben, und nicht zuletzt wir, die Russen, die wir uns mit Feuereifer verachten: die Moskauer die Provinzler und umgekehrt.
Einen Moment lang empfand ich zu meiner eigenen Überraschung Ekel. Nein, nicht vor den hier mitfahrenden Kasachen oder meinen russischen Mitbürgern. Vor den Menschen. Vor allen Menschen auf der Welt. Womit beschäftigen wir von der Nachtwache uns denn? Abgrenzen und schützen? Quatsch! Nicht ein Dunkler, nicht eine Tagwache fügt den Menschen so viel Böses zu wie sie sich selbst. Was ist schon ein hungriger Vampir im Vergleich zu einem stinknormalen Verrückten, der in Fahrstühlen kleine Mädchen vergewaltigt und ermordet? Was ist eine mitleidlose Hexe, die gegen Geld Unheil wirkt, im Vergleich mit einem humanen Präsidenten, der Langstreckenraketen losschickt – wegen Öl? Verflucht seien sie alle…
Ich blieb vor der Waggontür stehen, ließ Kostja vorbei. Erstarrte, glotzte auf den vollgerotzten Boden, wo sich bereits das erste Dutzend stinkender Kippen angesammelt hatte. Was war nur mit mir los? Hatte ich diese Gedanken?
O nein, ich brauchte mir da nichts vorzumachen. Das waren meine, keine fremden. Niemand kroch in meinen Kopf hinein, selbst ein Hoher Anderer hätte das nicht unbemerkt geschafft. Das war ich. Pur. Ein ehemaliger Mensch. Ein sehr müder, von allem auf der Welt enttäuschter Lichter.
In diesen Fällen gehen Andere zur Inquisition. Wenn du den Unterschied zwischen Lichten und Dunklen nicht mehr bestimmen kannst. Wenn die Menschen für dich nicht mal mehr eine Hammelherde sind, sondern eine Hand voll Spinnen im Glas. Wenn du nicht mehr daran glaubst, dass alles besser wird, sondern nur noch eins willst: den Status quo erhalten. Für dich. Für die wenigen, an denen dir noch liegt.
»Ich will nicht«, sagte ich, gleichsam als rezitiere ich einen Zauberspruch, als höbe ich einen unsichtbaren Schild gegen meinen Feind – der ich selbst war. »Ich will nicht! Du hast… keine Macht… über mich… Anton Gorodezki!«
Zwei Türen und vier dicke Scheiben weiter drehte Kostja sich um und sah mich verständnislos an. Hatte er etwas gehört? Oder konnte er sich einfach keinen Reim darauf machen, warum ich nicht nachkam?
Mit einem verkrampften Lächeln öffnete ich die Tür und ging in den rumpelnden Ziehharmonikadurchgang zwischen den beiden Waggons.
Der Waggon des Zugführers genoss in der Tat eine Vorzugsstellung. Saubere kleine Teppiche auf dem Fußboden, ein Läufer im Gang. Weiße Vorhänge vor den Fenstern, weiche Matratzen, die nicht an jenen mit Maiskolben gestopften Sack des Negers Jim denken ließen.
»Wer schläft unten? Wer oben?«, erkundigte sich Edgar geschäftig.
»Mir ist es egal«, antwortete Kostja.
»Ich würde lieber oben schlafen«, sagte ich.
»Ich auch«, meinte Edgar. »Dann wäre das klar.«Höflich klopfte jemand an der Tür.
»Herein!«Der Inquisitor wandte nicht einmal den Kopf um.
Es war der Zugführer – mit einem Tablett in der Hand, auf dem ein vernickelter Kessel mit heißem Wasser, eine kleine Kanne mit Teesud, Tassen, Waffelgebäck und sogar ein Päckchen Kondensmilch standen. Ein ernster Mann, kräftig, mit einem prächtigen Schnurrbart und einer Uniform, die wie angegossen saß.
Das Gesicht war jedoch so einfältig wie bei einem neugeborenen Hündchen. »Lassen Sie sich den Tee schmecken, meine lieben Gäste!«
Alles klar. Die Wirkung des Amuletts. Letzten Endes drückte die Tatsache, dass Edgar ein Dunkler war, seiner Arbeitsweise eben doch einen Stempel auf.
»Vielen Dank. Informieren Sie uns bitte über alle, die in Moskau eingestiegen sind und vor Almaty aussteigen, mein Bester«, bat Edgar, während er dem Mann das Tablett abnahm. »Vor allem über diejenigen, die nicht an ihrem Ziel aussteigen, sondern früher.«
»Wird gemacht, Euer Wohlgeboren«, meinte der Zugführer mit einem Nicken. Kostja kicherte.
Ich wartete, bis der arme Kerl wieder draußen war. »Euer Wohlgeboren – was soll das?«, fragte ich dann.
»Woher soll ich das wissen?«Edgar zuckte mit den Schultern. »Das Amulett zwingt die Menschen zu Gehorsam. Aber es ist einzig und allein ihre Sache, wen sie dann in mir sehen: einen gestrengen Revisor, den heißgeliebten Opa, einen Schauspieler, den sie verehren, oder den Generalissimus Stalin. Der da muss Akunin gelesen haben. Oder sich alte Filme anschauen.«Kostja schnaubte.
»Das ist nicht lustig«, blaffte Edgar. »Aber auch nicht schrecklich. Es ist die Methode, die die Psyche der Menschen am meisten schont. Die Hälfte der Geschichten, wie jemand den Fernsehmoderator Jakubowitsch im Auto mitnimmt oder Gorbatschow seinen Platz in einer Schlange anbietet, ist solchen Manipulationen zuzuschreiben.«
»Deswegen lache ich ja gar nicht«, erklärte Kostja. »Ich habe Sie mir in der Uniform eines weißgardistischen Offiziers vorgestellt… Chef. Sie flößen wirklich Respekt ein.«
»Lach nur, lach…«, sagte Edgar, während er sich Kaffee einschenkte. »Was macht der»Kompass«?«
Schweigend legte ich den Brief auf den Tisch. Das ZwielichtBild hing sich in die Luft – ein runder»Kompass«, eine sich langsam drehende Nadel.
Ich goss mir Tee ein und trank einen Schluck. Der Tee war gut. Mit Liebe gemacht, wie es sich gehört, wenn man ihn»Wohlgeboren«serviert.
»Er ist also im Zug, der Mistkerl…«, seufzte Edgar. »Meine Herren, ich werde euch unsere Alternativen nicht vorenthalten. Entweder wir fassen den Täter oder wir müssen den Zug eliminieren. Zusammen mit allen Passagieren.«
»Wie?«, wollte Kostja sachlich wissen.
»Es gibt verschiedene Varianten. In der Nähe des Zuges könnte eine Gasleitung explodieren, ein Jagdflugzeug könnte versehentlich eine Rakete abwerfen… im Extremfall wird diese Rakete einen Atomsprengkopf haben.«
»Edgar!«Alles in mir wollte glauben, dass er bloß in allzu dicken Farben auftrug. »Im Zug sitzen mindestens fünfhundert Menschen.«
»Leicht darüber«, korrigierte mich der Inquisitor. »Das dürfen wir nicht tun!«
»Wir dürfen das Buch nicht verlieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass ein prinzipienloser Anderer sich eine Garde aufbaut und sich daran macht, die Welt nach seinem Gusto umzubauen. »
»Aber wir wissen doch gar nicht, was er will!«
»Wir wissen, dass er ohne zu zögern einen Inquisitor umgebracht hat. Wir wissen, dass er sehr stark ist und ein uns nicht bekanntes Ziel verfolgt. Was hat er in Zentralasien verloren, Gorodezki?«Ich zuckte mit den Achseln.
»Dort gibt es eine Reihe von alten Kraftzentren…«, murmelte Edgar. »Ein paar spurlos verschwundener Artefakte, einige schlecht zu kontrollierende Gebiete… Was noch? »
»Eine Milliarde Chinesen«, mischte sich Kostja plötzlich ein. Die Dunklen starrten einander an.
»Du bist ja völlig verrückt geworden…«, brachte Edgar unsicher hervor.
»Eine Milliarde und ein paar Zerquetschte«, präzisierte Kostja amüsiert. »Was, wenn er vorhat, sich von Kasachstan aus nach China durchzuschlagen? Eine Armee könnte er da aufbauen! Eine Milliarde Andere! Dann gibt es noch Indien…«
»Nun krieg dich mal wieder ein«, winkte Edgar ab. »Kein Idiot würde so etwas versuchen. Woher will er Kraft schöpfen, wenn er ein Drittel der Bevölkerung zu Anderen macht?«
»Vielleicht ist er ein Idiot?«, gab Kostja nicht nach.
»Deshalb greifen wir ja auch zu extremen Maßnahmen«, fuhr Edgar ihn an.
Was sie sagten, meinten sie ernst. Ohne jeden Zweifel: Sie durften diese manipulierten Waggonbetreuer, dickwangigen Geschäftsreisenden und die armen Menschen in den Waggons dritter Klasse ermorden. Was sein muss, muss sein. Ein Landwirt, der das an Maul– und Klauenseuche erkrankte Vieh schlachten muss, leidet schließlich auch darunter.
Irgendwie stand mir der Sinn nicht mehr danach, Tee zu trinken. Ich erhob mich und verließ das Abteil. Edgar schickte mir einen wissenden, aber keinesfalls mitfühlenden Blick hinterher.
Im Waggon war es bereits ruhiger geworden, die Leute bereiteten sich auf die Nacht vor. Einige Abteiltüren standen zwar noch offen, irgendjemand drückte sich im Gang zwischen zwei Waggons herum und wartete, bis die Toilette frei wurde, irgendwo war zu hören, wie Leute anstießen; die meisten Mitreisenden aber hatte Moskau sehr müde gemacht.
Ungerührt ließ ich mir den Gedanken durch den Kopf gehen, dass nach allen Gesetzen des Melodramas jetzt engelsgleiche Kinderchen mit unschuldigen Gesichtern durch den Gang rennen müssten. Damit mir die Perversität von Edgars Plan so richtig aufginge…
Kinder kamen keine vorbei. Stattdessen spähte aus einem Abteil ein fetter Kerl in verwaschener Trainingshose und ausgeleiertem Hemd heraus. Das rote, verschwitzte Gesicht war durch den bereits genossenen Alkohol schon aufgedunsen. Der Mann schaute mit trübem Blick durch mich hindurch, hickste und zog sich ins Abteil zurück.
Meine Hände griffen ganz von selbst nach dem MD-Player. Ich stöpselte mir die Kopfhörer in die Ohren, legte aufs Geratewohl eine Scheibe ein und presste mich ans Fenster. Ich sah nichts, ich hörte nichts. Und – aber das verstand sich von selbst – ich sagte nichts.
Eine leise, sanfte Melodie erklang, eine zarte Stimme sang.
Du kannst dich nicht mehr in die Büsche schlagen,
Wenn dich der Schuss aus der Lupara fällt.
Es ist fürwahr das Schönste auf der Welt,
Morphinbeflügelt allem zu entsagen.
Ach ja, von Lass, meinem Bekannten aus dem Assol. Die Scheibe hatte er mir geschenkt. Grinsend stellte ich den Ton lauter. Das war's, was ich jetzt brauchte…
Die Seele kehrt zurück zu Kindertagen,
Man schmilzt das Eisen, das das Blut enthält,
Es ist fürwahr das Schönste auf der Welt,
Morphinbeflügelt allem zu entsagen.
Wow, das ging ab… Oberpunk. Da konnte selbst Schnur mit den überdrehten Schreihälsen abstinken…
Eine Hand schlug mir auf die Schulter.
»Jeder entspannt auf seine Weise, Edgar«, murmelte ich.
Jemand pikte mich leicht in die Rippen.
Ich drehte mich um.
Und erstarrte.
Vor mir stand Lass. Zufrieden grienend und im Takt tanzend: Hatte ich die Musik also doch zu laut eingestellt.
»Ach nee!«, rief er begeistert, sobald ich die Kopfhörer ausgestöpselt hatte. »Da gehst du so durch den Waggon, nichts Böses ahnend – und plötzlich hört da jemand deine Songs! Was machst du denn hier, Anton?«
»Ich fahr weg…«, konnte ich nur herausbringen, während ich den MD-Player ausschaltete.
»Wirklich?«, rief Lass begeistert. »Ich wär im Leben nicht darauf gekommen, dich hier zu treffen! Wohin fährst du? »
»Nach Alma-Ata.«
»Das heißt jetzt Almaty!«, dozierte Lass. »Aber gut, setzen wir unser Gespräch fort. Warum fliegst du nicht?«
»Warum fliegst du nicht?«Allmählich ging mir auf, dass das Ganze mich an ein Verhör erinnerte.
»Ich bin aerophob«, verkündete Lass stolz. »Gut, wenn es unbedingt sein muss, hilft mir ein Liter Whisky, an die Aerodynamik zu glauben. Aber das kommt nur äußerst selten vor, wenn ich nach Japan muss oder in die Staaten…, wo keine Züge hinfahren. »
»Bist du geschäftlich unterwegs?«
»Zum Vergnügen«, grinste Lass. »In der Türkei oder auf den Kanaren kann man doch wohl keinen Urlaub machen, oder? Und du? Bist du auf Geschäftsreise?«
»Hm.«Ich nickte. »Ich will in Moskau einen Handel für Kumys und Schubat aufziehen. »
»Was ist denn Schubat?«, wollte Lass wissen.
»Das ist… Kefir aus Kamelmilch. »
»Cool«, begeisterte sich Lass. »Bist du allein unterwegs? »
»Mit Freunden.«
»Wollen wir zu mir gehen? Mein Abteil ist leer. Schubat habe ich zwar nicht, aber deine Stutenmilch werden wir schon auftreiben.«Eine Falle?
Ich betrachtete Lass durchs Zwielicht. So aufmerksam wie möglich. Nicht das kleinste Zeichen eines Anderen.
Entweder war er ein Mensch – oder ein Anderer von unvorstellbarer Kraft. Imstande, sich in allen Schichten des Zwielichts zu tarnen.
Sollten wir doch Glück haben? Stand hier, vor mir, der mysteriöse Dieb des Fuaran!
»Gleich. Ich hol nur noch schnell was«, antwortete ich lächelnd.
»Aber ich hab doch alles!«, protestierte Lass. »Bring deine Freunde ruhig mit. Ich bin im nächsten Waggon, Abteil 2.«
»Sie haben sich schon schlafen gelegt«, tischte ich ihm eine grobe Lüge auf. »Also, es dauert nicht lange…«
Nur gut, dass Lass seitlich von mir stand und nicht sehen konnte, wer im Abteil saß. Ich öffnete die Tür nur einen Spalt und schlüpfte hinein. Lass musste denken, hinter der Tür verberge sich eine halb nackte Frau. »Was ist passiert?«Edgar sah mich forschend an.
»Da ist jemand aus dem Assol«, berichtete ich schnell. »Der Musiker, vielleicht erinnert ihr euch noch an ihn, den wir auch in Verdacht hatten, aber anscheinend ist er kein Anderer… Er hat mich auf ein Gläschen in sein Abteil eingeladen.«
Auf Edgars Gesicht zeichnete sich Jagdfieber ab. Kostja sprang sogar auf. »Schnappen wir ihn uns?«, rief er. »Der wird singen…«
»Stopp.«Edgar schüttelte den Kopf. »Überstürzen wir nichts. Das kann alles Mögliche bedeuten. Anton, nimm das.«
Ich erhielt ein kleines gläsernes Fläschchen, das mit einem kupfernen oder einem bronzenen Draht umwickelt war. Es sah furchtbar alt aus. In der Flasche schwappte eine dunkelbraune Flüssigkeit. »Was ist das?«
»Allergewöhnlichster Armagnac, zwanzig Jahre alt. Aber die Flasche hat es in sich. Die kann nur ein Anderer öffnen.«Edgar grinste. »Im Grunde ist das Firlefanz. Irgendwann vor langer Zeit hat ein Magier all seine Flaschen auf diese Weise verzaubert, damit seine Diener sie ihm nicht stahlen. Wenn dein Bekannter sie öffnen kann, dann ist er ein Anderer.«
»Aber ich spüre keine Magie…«, sagte ich, während ich die Flasche in den Händen drehte.
»Darum geht es ja gerade«, meinte Edgar zufrieden. »Es ist ein einfacher und zuverlässiger Test.«Ich nickte.
»Und hier habt ihr noch eine Kleinigkeit, die ihr dazu essen könnt.«Edgar holte aus der Innentasche seines Mantels eine dreieckige Stange Toblerone. »Das ist alles, mach dich an die Arbeit. Halt! Welches Abteil? »
»Der Schlafwagen, Abteil 2.«
»Wir werden euch im Auge behalten«, versprach Edgar. Er stand auf und schaltete das Licht im Abteil aus. »Kostja, unter die Decke!«, kommandierte er. »Wir schlafen schon!«
So lagen meine Reisegefährten kurz darauf, als ich mit der Flasche und der Schokolade in den Gang hinaustrat, wirklich friedlich unter der Decke.
Lass schaute übrigens taktvoll an der geöffneten Tür vorbei – offenbar hatte er in der Tat seine eigenen Vorstellungen, was das Geschlecht meiner Freunde anging.
»Kognak?«, fragte Lass, als er die Flasche in meiner Hand sah.
»Besser. Zwanzig Jahre alter Armagnac.«
»Der ist nicht von schlechten Eltern«, stimmte Lass mir zu. »Manch andere kennen noch nicht einmal das Wort.«
»Andere?«, hakte ich nach, während ich Lass in den Nachbarwaggon folgte.
»Hm. Irgendwie ernste Menschen, durch deren Hände Millionen gehen und deren Wissen im Bereich der Trinkkultur sich auf das Weiße Pferd und Napoleon beschränkt. Mich hat der enge Horizont unserer politischen und wirtschaftlichen Elite immer erstaunt. Warum ist bei uns das Symbol für Erfolg ein 600er-Mercedes? Du unterhältst dich mit einem ernsten, seriösen Menschen, und plötzlich platzt der voller Stolz heraus: »Mein Benz ist Schrott, ich muss jetzt eine Woche lang mit dem 500er fahren!«Und in seinen Augen liegt sowohl die Selbstbeherrschung des Asketen, der sich mit einem 500er begnügt, wie auch der Stolz des Besitzers eines 6ooer! Früher habe ich gedacht, solange die neureichen Russen nicht auf den ihnen angemessenen Bentley oder Jaguar umsteigen, wird es mit diesem Land nicht bergauf gehen. Jetzt sitzen sie in den Schlitten, aber geändert hat sich trotzdem nichts! Die roten Jacketts schimmern immer noch unter den Hemden von Versace durch… Übrigens… einen tollen Modemacher haben sie da für kultig erklärt…«
Ich folgte Lass in ein gemütliches Abteil des Schlafwagens. Hier gab es nur zwei Betten, einen kleinen Ecktisch, ein darunter verstecktes dreieckiges Waschbecken und einen hochklappbaren Stuhl.
»Ehrlich gesagt ist es hier kleiner als in einem normalen Abteil«, bemerkte ich.
»Hm. Dafür funktioniert die Klimaanlage. Und dann das Waschbecken… eine Vorrichtung, die in vielen Situationen des Lebens gute Dienste leistet…«
Lass zog unter einer Bank seinen Aluminiumkoffer hervor und fing an, darin herumzukramen. Im Handumdrehen stand eine Einliterflasche aus Plastik auf dem Tisch. Ich langte danach, um mir das Etikett anzugucken. Tatsächlich: Kumys.
»Hast du gedacht, ich mach Spaß?«, grinste mein»Nachbar«. »Das ist ein sehr gesundes Getränk. Damit willst du handeln? »
»Ja, genau damit«, brummte ich.
»Daraus wird nichts, das Zeug ist kirgisisch. Du solltest sowieso besser nach Ufa fahren. Das ist näher, und du hast keine Probleme mit dem Zoll. Die machen Kumys und Busa. Hast du schon mal Busa probiert? Das ist eine Mischung aus Kumys und Haferschleim. Absolut widerlich! Macht dich aber schlagartig nüchtern!«
Auf dem Tisch waren in der Zwischenzeit eine Wurst, Karbonade, ein angeschnittenes Brot, eine Literflasche französischer Kognak der Marke Polignac, die ich nicht kannte, und eine Flasche französisches Evian-Wasser erschienen.
Ich schluckte und ergänzte das kulinarische Angebot um meine bescheidene Gabe. »Lass uns als Erstes den Armagnac probieren«, schlug ich vor.
»Gut«, meinte Lass, während er Plastikbecher für Wasser und zwei kleine Becher aus Neusilber für den Kognak hinstellte. »Öffne du.«
»Deinen Armagnac musst du schon selbst aufmachen«, parierte Lass mühelos. Stimmt schon, irgendwie klang da was faul!
»Mach du das lieber!«, verlangte ich ganz direkt. »Bei mir kriegen nie alle gleich viel.«
Lass guckte mich an, als sei ich ein Idiot. »Du nimmst das Ganze aber ernst«, konstatierte er. »Genehmigst dir wohl oft ein Gläschen mit Freunden?«



























