Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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»Gut«, sagte ich. Rasch, damit Swetlana mir nicht ins Wort fiel. »Wenn ihr uns helft, belassen wir es bei geringfügiger Fahrlässigkeit.«Und dafür werde ich auch geradestehen.
Igor entspannte sich. Vermutlich hatte er mit zäheren Verhandlungen gerechnet.
»Erzähl alles, Galja«, verlangte er. Uns erklärte er: »Sie hat sie gesehen… unsere Galja hat Hummeln im Hintern, nie kann sie stillsitzen…«
Swetlana ging zu dem Mädchen. Ich forderte Igor mit einer Geste auf, zu mir zu kommen. Abermals verkrampfte er sich, folgte mir aber gehorsam ein Stück zur Seite.
»Ich habe einige Fragen«, erklärte ich. »Und ich empfehle dir, ehrlich zu antworten.«Igor nickte.
»Wie hast du das Recht bekommen, drei fremde Kinder zu initiieren?«, wollte ich wissen, wobei ich den Wunsch runterschluckte, »du Schwein«an meine Frage anzuhängen.
»Alle drei waren zum Tode verdammt«, erklärte Igor. »Ich habe Medizin studiert. Mein Praktikum habe ich auf einer Station für krebskranke Kinder gemacht… Die drei wären an Leukämie gestorben. Ein Arzt dort war ebenfalls ein Anderer. Ein Lichter. Er hat mir vorgeschlagen… die drei zu beißen und sie in Tiermenschen zu verwandeln, damit sie gesund werden. Im Gegenzug würde er dafür das Recht erhalten, ebenfalls einige Kinder zu heilen.«
Ich schwieg. Ich erinnerte mich an diesen Fall von vor einem Jahr. Ein idiotischer, klarer Handel zwischen einem Dunklen und einem Lichten, den beide Wachen lieber unter den Teppich gekehrt hätten. Der Lichte hatte zwei Dutzend Kinder gerettet, obwohl es im Grunde über seine Kräfte ging, sie zu heilen. Doch er wollte die seltene Chance nicht ungenutzt lassen – und gerettet hat er sie dann ja auch. Die Dunklen bekamen drei Werwölfe. Ein kleiner Tausch. Alle waren glücklich, die Kinder und ihre Eltern inbegriffen. Wieder einmal wurden danach einschränkende Bestimmungen in den Großen Vertrag aufgenommen, um solche Fälle in Zukunft zu vermeiden. Und diesen Präzedenzfall wollte man so schnell wie möglich vergessen…»Verurteilst du mich?«, fragte Igor.
»Es ist nicht an mir, dich zu verurteilen«, flüsterte ich. »Gut. Was auch immer dein Motiv war… lassen wir das. Zweite Frage: Warum hast du sie mit auf die Jagd genommen? Lüg nicht, lüg jetzt bloß nicht! Denn du hast Jagd auf die Kinder gemacht! Du wolltest den Vertrag verletzen!«
»Es ist mit mir durchgegangen«, antwortete Igor gelassen. »Warum sollte ich lügen. Ich bin mit den Kleinen draußen herumgepirscht. Ich habe extra die ruhigste Gegend ausgesucht. Und plötzlich tauchen diese Kinder auf… Lebendige Kinder. Die gut riechen. Mit mir geht es durch, es packt mich. Und dann meine Kleinen… Sie haben in diesem Jahr ihr erstes Kaninchen gefangen, den Geschmack von Blut kennen gelernt.«
Und er lächelte – schuldbewusst, gequält, sehr aufrichtig. »Dein Kopf funktioniert ganz anders, wenn du in einem Tierkörper steckst«, erklärte er mir. »Nächstes Mal werde ich besser aufpassen. »
»Gut«, meinte ich.
Was hätte ich auch sonst sagen sollen? Jetzt, wo Nadjuschkas Leben an einem seidenen Faden hing? Selbst wenn er log, würde ich ihn nicht in die Mangel nehmen.
»Anton!«, rief Sweta mir zu. »Fang!«
Ich sah sie an – und in meinem Kopf wirbelten unzählige Bilder durcheinander.
Eine schöne Frau in einem langen altmodischen Gewand, mit einem groß geblümten Tuch…
Ein Mädchen, das neben ihr einhergeht… stehen bleibt… die Frau nimmt es bei der Hand… In der Nähe ein Fluss…
Gras… hohes Gras… Warum ist es so hoch?… Es reicht ihr bis über den Kopf…
Ich springe über einen Bach, auf vier Pfoten, mit der Nase am Boden, wittere die Spur…
Ein kahler Wald, der in höckeriges Feld übergeht… Gräben, Rinnen…
Geruch… ein seltsamer Geruch steigt von dieser Erde auf… er wühlt mich auf… zwingt mich, den Schwanz einzuziehen…
Die Frau mit dem Mädchen an der Hand steigt in einen tiefen Graben hinab…
Zurück… zurück… das ist genau die Hexe, das ist die Hexe, ihr Geruch…
»Was bedeutet das?«, fragte Swetlana. »Wenn es so dicht ist, warum habe ich die beiden dann nicht gefunden?«
»Ein Schlachtfeld«, flüsterte ich, während ich aus meinem Kopf die Bilder von dem Mädchen und dem Wolf vertrieb. »Dort verlief die Front, Sweta. Der ganze Boden ist mit Blut getränkt. Dort muss man gezielt suchen, um wenigstens etwas zu finden. Es ist, als wolltest du den Kreml auf magische Weise sondieren.«
Igor trat an uns heran, taktvoll hüstelnd. »Ist alles in Ordnung?«, fragte er. »Sollen wir im Lager auf das Verhör warten? Oder können wir das Ganze auch ruhiger angehen? In einer Woche ist meine Zeit hier zu Ende, dann melde ich mich selbst bei der Nachtwache und erkläre alles…«
Ich überlegte. Versuchte das, was ich gesehen hatte, auf einer Karte der Umgebung zu orten, die ich in mir ins Gedächtnis rief. Zwanzig Kilometer – da war die Hexe mit Nadjuschka nicht zu Fuß hingekommen. Sie hatte den Weg abgekürzt, Hexen können so was. Mit dem Auto würden wir sie nicht erwischen, denn ich hatte keinen Jeep und im ganzen Dorf gab es keinen Niwa, keinen Uas. Vielleicht käme man mit einem Traktor über solche Wege…
Natürlich könnte ich ins Zwielicht gehen. Oder noch besser: Mich in es hineinstürzen. »Sweta.«Ich sah ihr in die Augen. »Du bleibst hier. »
»Was?«Diese Worte warfen sie um.
»Die Hexe ist nicht dumm. Sie gibt uns keine drei Stunden zum Nachdenken. Sie setzt sich früher mit uns in Verbindung. Mit dir, besser gesagt, denn von mir verspricht sie sich nichts. Du bleibst hier, und wenn die Hexe sich meldet, redest du mit ihr. Sag ihr, dass ich einen Weg durch die Absperrung bahnen würde… lüg irgendwas zusammen. Ich rufe dich später und lenke sie ab.«
»Das schaffst du nicht«, sagte Swetlana. »Anton, du hast nicht die Kraft, um sie zu überwältigen! Und ich habe keine Ahnung, wie schnell ich ein Portal öffnen kann. Ich weiß nicht mal, ob ich das überhaupt kann. Ich habe das noch nie versucht, sondern nur darüber gelesen! Anton! »
»Ich bin nicht allein«, erwiderte ich. »Nicht wahr, Igor?«
Er erbleichte und schüttelte den Kopf. »He, he, Wächter… das haben wir aber nicht vereinbart.«
»Wir haben abgemacht, dass du mir hilfst«, erinnerte ich ihn. »Wie die Hilfe aussieht, haben wir nicht gesagt. Stimmt's?«
Igor schielte zu seinen Schützlingen hinüber. Runzelte die Stirn. »Du bist ein Schwein, Wächter…«, seufzte er. »Es wäre für mich einfacher, mich mit einem Magier als mit einer Hexe anzulegen! Ihre Magie kommt ausschließlich aus der Erde! Sie weiß auf Anhieb, wo sie dich am schmerzlichsten trifft…«
»Keine Angst, wir sind ja zusammen«, beruhigte ich ihn. »Zu fünft.«
Die Jungen – ich zwang mich, in ihnen ausschließlich Wolfsjungen zu sehen – wechselten Blicke. Galja stieß Petja die Faust in die Seite und flüsterte etwas.
»Was haben sie dir getan?«, fragte Igor mit erhobener Stimme. »Wächter! Das sind Kinder!«
»Junge Werwölfe«, korrigierte ich ihn. »Die beinahe Kinder gerissen hätten. Möchtest du dich von deiner Schuld freikaufen? Mit einer Verwarnung davonkommen? Dann hör auf, hier sinnlos herumzukläffen!«
»Wir haben keine Angst, Onkel Igor«, sagte plötzlich der Junge, der Petja hieß.
»Wir bleiben bei dir!«, stieß mein Namensvetter ins gleiche Horn.
Mich sahen sie gelassen an, ohne mir etwas übel zu nehmen. Anscheinend hatten sie genau das von mir erwartet. »Sie können noch gar nichts…«, sagte Igor. »Wächter…«
»Keine Bange, sie werden die Hexe ablenken. Dafür wäre ich ihnen dankbar. Mutiert jetzt!«Swetlana drehte sich um. Sagte aber kein Wort.
Wortlos fingen die Werwölfe an, sich auszuziehen. Nur das Mädchen sah sich in ihrer Scham um – und verschwand hinter einem Johannesbeerstrauch, die übrigen scherten sich nicht um uns.
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich eine Bauersfrau mit einem Eimer voll Kartoffeln, die den Weg entlangkam. Vermutlich hatte sie die auf dem Feld der Kolchose gesammelt. Als sie sah, was jenseits des Zauns vor sich ging, blieb sie kurz stehen, doch ich konnte mich jetzt nicht weiter um sie kümmern. Ich war sowieso nicht in Hochform, geschweige denn, dass ich noch Kraft an eine zufällige Zeugin vergeuden konnte. Ich musste rennen lernen. Schnell rennen, damit die Werwölfe mich nicht abhängten.
»Lass mich dir helfen«, sagte Swetlana. Sie fuhr mit der Hand durch die Luft, und ich spürte, wie mein Körper angenehm aufheulte und Kraft in meine Beinmuskeln schoss. Sofort wurde mir dermaßen heiß, als sei ich in eine überheizte Sauna gekommen. Der»Lauf«, ein einfacher Zauber, der jedoch nur äußerst vorsichtig angewendet werden darf. Wenn du außer den Beinen den Herzmuskel erwischst, erleidest du einen Infarkt.
Neben mir stöhnte Igor heiser auf und krümmte sich auf allen vieren, wobei das Rückgrat, als sei es in zwei Hälften gebrochen, zum Himmel zeigte. Daher rühren alle die Märchen von der Notwendigkeit, über einen morschen Baumstumpf zu springen… Die Haut dunkelte ein, ein grellroter Ausschlag überzog sie, der sich in kleinen Klumpen zu einem feuchten, rasch wachsenden Fell aufblähte.
»Schneller!«, schrie ich. Heiß und feucht quoll mir die Luft aus dem Mund, ich meinte sogar, wie im Winter den Dampf vom meinem Atem zu sehen. Zu stehen fiel mir unglaublich schwer – mein Körper jieperte nach Bewegung. Einen Trost hatte ich: Den Werwölfen erging es genauso.
Der große Wolf fletschte die Zähne. Aus irgendeinem Grund mutierten seine Zähne als Letztes. In der Wolfsschnauze sahen die Menschenzähne komisch und zugleich schrecklich aus. Mir schoss plötzlich der seltsame Gedanke durch den Kopf, dass Werwölfe ohne Plomben und Kronen leben müssen.
Allerdings ist ihr Organismus auch wesentlich stärker als der eines Menschen. Werwölfe kriegen keine Karies.
»Ge-he-hen wir…«, bellte der Wolf vernuschelt. »Es… bre-re-rennt.«
Winselnd rannten die Wolfsjungen zum Wolf, auch sie nass, wie schweißgebadet. Eines hatte noch Menschenaugen, aber mir war nicht klar, ob es sich dabei um einen der Jungen oder um das Mädchen handelte. »Los«, sagte ich.
Und schoss davon, ohne mich noch einmal zu Swetlana umzudrehen, ohne darüber nachzudenken, ob man uns sah oder nicht. Damit würde ich mich später auseinander setzen. Oder Swetlana würde die Spuren beseitigen.
Auf den Straßen war niemand, nicht einmal die Frau mit dem Eimer. Ob Swetlana die Menschen in die Häuser getrieben hatte? Falls ja, war das nur gut. Denn es ist ein komischer Anblick: Ein Mensch, der schneller läuft, als die Natur es ihm erlaubt, und vier Wölfe, die ihm folgen.
Meine Beine trugen mich wie von selbst vorwärts. Die Siebenmeilenstiefel aus den Kindermärchen, der Schnellläufer, der der Gefährte des Barons Münchhausen war – so spiegelt sich diese kleine Magie in den Mythen der Menschen wider. Nur wird in den Märchen nicht gesagt, wie schmerzhaft der Asphalt gegen die Fußsohlen schlägt…
Innerhalb einer Minute gelangten wir zum Fluss, und über die weiche Erde zu laufen war entschieden angenehmer. Ich hielt mich mit dem Wolf auf gleicher Höhe, ein taktvoller Iwan Zarewitsch, der seinen grauen Freund nicht ermüden will. Die Jungen blieben etwas zurück, denn ihnen machte die Rennerei mehr zu schaffen. Werwölfe sind sehr stark, doch ihre Schnelligkeit wird nicht durch Magie hervorgerufen.
»Was… hast… du… dir… überlegt?«, bellte der Wolf. »Was… willst… du… tun?«Wenn ich darauf eine Antwort wüsste!
Ein Kampf zwischen Anderen, das ist eine Manipulation der Kraft, die im Zwielicht liegt. Ich bin ein Magier zweiten Grades, was nicht zu verachten ist. Arina fällt gänzlich aus dem Klassifikationsschema. Aber Arina ist eine Hexe, das ist ein Plus und ein Minus zugleich. Sie hat keinen Talisman oder Glücksbringer, keinen Trank und kein Amulett mitnehmen können… oder allenfalls etwas ganz Kleines. Dafür kann sie unmittelbar aus der Natur Kraft schöpfen. In der Stadt sinken ihre Möglichkeiten, hier steigen sie. Für ernsthafte Magie müsste sie irgendein Amulett einsetzen, das kostet Zeit… Andererseits könnte im Amulett ein Kraftvorrat von unglaublicher Stärke gespeichert sein.
Ich weiß nicht. Zu viele Wenn und Aber. Ich würde mir nicht einmal zutrauen, den Ausgang eines Kampfs zwischen Geser und Arina zu prognostizieren. Vermutlich würde der Große Magier gewinnen, doch einfach wäre es nicht. Was konnte ich der Hexe entgegensetzen? Schnelligkeit?
Dann tritt sie ins Zwielicht ein, wo sie sich weitaus sicherer fühlt. Und mit jeder tieferen Zwielicht-Schicht würde ich für sie langsamer und langsamer werden. Das Überraschungsmoment?
Teilweise. Denn trotz allem hoffte ich, dass Arina nicht mit meinem Erscheinen rechnete.
Schlichte Körperkraft? Ihr mit einem Stein eins überbraten? Dafür musste ich erst mal an sie rankommen.
Alles in allem lief es darauf hinaus, dass ich so dicht wie möglich an sie heran musste. Um auf die Hexe loszugehen, sobald sie abgelenkt war. Um hart und ohne jede Raffinesse auf sie einzudreschen.
»Hör zu!«, rief ich dem Wolf zu. »Wenn wir in ihre Nähe kommen, gehe ich ins Zwielicht. Ich überhol dich und pirsch mich an die Hexe ran. Ihr geht offen auf sie zu. Wenn sie mit euch spricht und abgelenkt ist, stürze ich mich auf sie. Dann helft mir.«
»Gu-gut«, knurrte der Wolf, ohne im Geringsten anzudeuten, wie er zu dem Plan stand.
Sieben
Ob dieser Ort auf den Karten des Zweiten Weltkriegs vermerkt ist? Vielleicht ist das ein den Historikern bekanntes, in Büchern besungenes Schlachtfeld, wo sich einst zwei Armeen in blutigem Kampf ineinander verbissen haben – sodass die ins Stocken geratene Maschinerie des Blitzkrieges zurückrollte?
Vielleicht ist dies aber auch eines jener namenlosen Felder unserer Schande, wo die Eliteeinheiten der Deutschen die ihnen entgegengeworfenen, nicht ausgebildeten und schlecht bewaffneten Landwehrsoldaten niedertrampelten? Sodass der Ort nur noch in den Archiven des Verteidigungsministeriums seinen Platz hat?
Ich bin in Geschichte nicht sehr bewandert. Aber vermutlich trifft das zweite zu. Denn hier ist es schmerzlich leer, finster, tot. Vergessene, aufgegebene Erde, auf die noch nicht einmal Kolchose scharf waren.
In unserem Land errichtet man auf den Feldern der Niederlage nicht gern Denkmäler.
Ob vielleicht deshalb auch mit den Siegen nicht alles so glatt läuft?
Ich stand am Ufer des kleinen Flusses und sah auf das tote Feld. Es war nicht sehr groß: ein Streifen Erde zwischen dem Wald und dem Fluss, einen Kilometer breit, zehn Kilometer lang. Hier konnten nicht so viele Menschen gefallen sein. Eher Hunderte als Tausende.
Falls man das wirklich wenig nennen kann…
Das Feld war absolut leer. Mit meinem gewöhnlichen Blick sah ich niemanden, auch ein Blick durchs Zwielicht brachte nichts.
Als ich meinen Schatten aufnahm, brannte die untergehende Sonne in meinem Rücken. Ich trat ins Zwielicht ein.
In der ersten Schicht bedeckte blaues Moos den Boden, jedoch nicht sehr dicht. Die üblichen dicken Klumpen, die sich gierig auf die Echos menschlicher Gefühle stürzen.
Doch etwas ließ mich aufmerken. Das Moos schien einen bestimmten Punkt ringförmig einzukreisen. Ich wusste, dass das Moos kriechen kann – um sich langsam, aber sicher seiner Nahrung zu nähern.
Hier konnte es nur einen Grund geben, warum es Kreise bildete.
Ich ging durch den wolkigen grauen Rauch, um mich herum schimmerte die Menschenwelt durch wie eine unscharfe, überbelichtete Schwarzweißfotografie. Es war kalt und ungemütlich – mit jeder Sekunde verlor ich hier mehr Energie. Was jedoch auch ein Plus bedeutete. Selbst Arina kann sich nicht permanent im Zwielicht aufhalten. Sie kann aus der Menschenwelt in die erste Schicht blicken, doch auch das kostet Kraft.
Und momentan befindet sie sich nicht in der Lage, unüberlegt den Vorrat von Jahren zu vergeuden.
In der ersten Schicht entsprach das Profil der Landschaft fast dem der realen Welt. Hier gab es Erde, Bodenrinnen und kleinere Hügel. Aber auch noch was. Ich sah – besser erahnte – in der Erde alte Waffen. Nicht alle, natürlich nicht, sondern nur die, die jemanden getötet hatten. Halb verrostete Maschinenpistolen, kaum besser erhaltene Gewehre… Die Gewehre überwogen.
Hundert Meter vor Arina ging ich in die Hocke und lief im Entengang weiter. Swetlanas Zauber wirkte noch, sonst wär mir ziemlich bald die Puste ausgegangen. Fünfzig Meter vor ihr legte ich mich hin und robbte weiter. Der Boden war feucht, ich saute mich sofort ein. Nur gut, dass dieser Dreck abbröckeln würde, sobald ich aus dem Zwielicht heraustrat. Das blaue Moos wogte, wusste nicht, was es jetzt tun sollte: auf mich zukriechen oder sich in Sicherheit bringen. Das war nicht gut. Arina könnte ahnen, weshalb das Moos in Aufregung geriet…
Und ganz in der Nähe, fünf Meter vor mir, erhob sich langsam ein schwarzhaariger Kopf. Es sah aus, als wachse Arina direkt aus der Erde heraus. Zu eng und zu dicht bewachsen war dieser Graben… Ich erstarrte.
Aber Arina blickte nicht in meine Richtung. Ganz, ganz langsam richtete sie sich zu voller Größe auf. Zuvor musste sie am Boden eines dieser alten Schützengräben gesessen haben. Elegant schirmte sie die Augen mit der Hand ab. Mir war klar, dass sie durchs Zwielicht spähte. Zum Glück nicht zu mir hin. Meine unfreiwilligen Rekruten näherten sich.
Wie schön sie rannten! Selbst aus dem Zwielicht heraus sah ihr Lauf schnell aus, nur bei den Sprüngen hingen sie etwas zu lange in der Luft. Vorneweg das alte, weise Leittier, hinter ihm die Wolfsjungen. Ein Mensch hätte Angst bekommen.
Arina lachte. Sie stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, eine junge kräftige Ukrainerin, die beobachtet, wie ein leichtsinniger Mann samt seinen Zechkumpanen auf sie zustürmt. Als sie anfing zu reden, schwangen tiefe, hohle Töne durch die Luft. Sie hatte keine Eile, ins Zwielicht einzutreten. Ich begab mich jetzt ebenfalls in die Menschenwelt.
»… Kläffhälse!«, klang es zu mir herüber. »Habe ich euch etwa schlecht gefüttert?«
Die Wölfe trabten jetzt nur noch. Sie hielten zwanzig Meter vor Arina an.
Der Leitwolf trat vor. »Hexe!«, bellte er. »Reden… wir müssen reden! »
»Sprich, Grauer«, sagte Arina gutmütig.
Lange würde Igor die Hexe nicht ablenken können, das wurde mir klar. Jeden Augenblick könnte sie ins Zwielicht abtauchen und sich ordentlich umsehen. Wo war Nadjuschka?
»Gib… das Mädchen… raus«, stieß der Wolf in einer Mischung aus Gebrüll und Heulen heraus. »Der Lichte… tobt… Gib das Mädchen raus… sonst wird alles schlimmer…«
»Du willst mir doch nicht irgendwie drohen?«, wunderte sich Arina. »Du bist ja völlig verrückt geworden. Wer würde schon Wölfen ein Mädchen anvertrauen? Macht lieber, dass ihr fortkommt!«Komisch, sie schien irgendwie auf Zeit zu spielen.
»Das Kind… ist in Ordnung?«, brachte der Wolf etwas deutlicher hervor.
»Nadenka, ist mit dir alles in Ordnung?«, fragte Arina, wobei sie nach unten spähte. Dann beugte sie sich hinunter und hob das Mädchen aus dem Graben, um es oben auf den Boden abzusetzen.
Mir stockte der Atem. Nadjuschka sah überhaupt nicht verschreckt oder müde aus. Ihr schien zu gefallen, was hier passierte – und zwar weitaus besser als die Spaziergänge mit ihrer Oma. Aber sie stand nah, viel zu nah an der Hexe!
»Ein kleiner Wolf«, sagte Nadja und betrachtete den Tiermenschen. Sie streckte die Patschhand nach ihm aus und lachte fröhlich.
Der Werwolf wedelte mit dem Schwanz!
Freilich, das dauerte nur ein paar Sekunden. Dann spannte Igor sich an, sträubte sein Fell – und vor uns stand wieder ein wildes Tier, kein Schoßhund. Trotzdem hatte es diesen Moment gegeben, in dem der Werwolf vor einem zweijährigen Mädchen, vor einer nicht initiierten Anderen, scharwenzelt hat!
»Ein Wolf«, pflichtete Arina ihr bei. »Nadenka, guck doch mal, wer noch da ist. Mach die Augen zu und guck. So, wie ich es dir beigebracht habe.«
Bereitwillig deckte Nadjuschka die Augen mit den Händen ab. Und drehte sich in meine Richtung um. Auf die Weise würde sie sie ja initiieren!
Wenn Nadjuschka tatsächlich gelernt haben sollte, durchs Zwielicht zu sehen…
Meine Tochter drehte sich zu mir um. Lächelte. »Papka…«Zwei Dinge gingen mir im nächsten Moment auf.
Erstens: Arina wusste ganz genau, dass ich in der Nähe war! Die Hexe spielte mit mir.
Zweitens: Nadjuschka sah nicht durchs Zwielicht! Sie hatte die Finger gespreizt und linste durch sie hindurch.
Sofort trat ich ins Zwielicht zurück. Meine Nerven waren so angespannt, dass ich prompt in der zweiten Schicht landete, in dieser dumpfen wattigen Stille, in jenem fahlen grauen Schatten.
Arinas Aura loderte orangefarben und türkis. Nadjuschka hüllte eine reine weiße Aureole ein, gleichsam als hämmere ein Leuchtturm seine Botschaft in den Raum: eine potenzielle Andere! Eine Lichte! Von enormer Kraft!
Und die Werwölfe, die losrasten, rote und purpurne Klumpen, Wut und Bosheit, Hunger und Angst…
»Swetlana!«, schrie ich hochschnellend. Hinein in den grauen Raum, hinein in die weiche Stille. »Komm!«Eine Stelle für das Portal markierte ich problemlos, indem ich einfach reine Kraft ins Zwielicht schleuderte, als wollte ich eine Lichterkette spannen, eine Landebahn schaffen. Zwischen mir und Arina.
Gleichzeitig rannte ich los, damit Nadjuschka Arina nicht gegen mich abschirmte, und feuerte aus meinen Fingerspitzen vor langer Zeit gelernte Zauber ab. Den»Freeze«, mit dem die Zeit vor Ort angehalten wird. »Opium«, der Schlaf bringt. Die»Dreifachschneide«, der gröbste und einfachste Kraftzauber. »Thanatos«, den Tod.
Von keinem von ihnen versprach ich mir viel. All das konnte funktionieren, wenn du es mit einem sehr schwachen Anderen zu tun hast. Ein Anderer, dessen Kraft deine übersteigt, pariert alle Schläge, egal, ob er sich im Zwielicht oder in der Menschenwelt aufhält.
Ich musste die Hexe jedoch nur ablenken und aufhalten. Sie zwingen, ihre Verteidigung zu verpulvern, die vermutlich aus Amuletten und Talismanen bestand. All diese imposanten Feuerwerksspiele sollten nur die Lücke in ihrem Schutz ausfindig machen. Der»Freeze«schien im Nichts zu verpuffen.
Der Schlafzauber verfehlte sein Ziel und schoss in den Himmel hinauf. Hoffentlich flog über uns nicht gerade ein Flugzeug.
Die»Dreifachschneide«versagte nicht: Die funkelnden Klingen bohrten sich in die Hexe. Nur dass sie auf die drei Schneiden schiss.
Mit der Anrufung des Todes erlebte ich ein Desaster! Es hat seinen Grund, dass ich diese Magie nicht mag, die den Zaubern der Dunklen so gefährlich ähnelt. Arina konnte, da sie sich in der Menschenwelt befand, die Hand heben. Ein Klumpen grauen Dunkels, der den Willen tötet und das Herz stillstehen lässt, legte sich ihr gehorsam auf den Handteller.
Arina sah mich durchs Zwielicht an und lächelte. Ihre Hand schwebte über Nadjuschkas Kopf, die graue Masse sickerte langsam durch die Finger der Hexe.
Ich sprang zu den beiden hin. Abwehren konnte ich den Schlag nicht – aber ihn auf mich umlenken, das ja…
Doch Arina, die schnelle und blendend schöne, war bereits in der zweiten Zwielicht-Schicht Mit einer Bewegung ihrer Finger knüllte sie meinen Zauber zusammen – und warf ihn achtlos gegen die Wölfe.
»Überstürze nichts…«, riet die Hexe mir, jede Silbe in die Länge ziehend. In der Stille der zweiten Schicht dröhnten ihre Worte – und meine Beine ließen mich im Stich. Einen Schritt vor Arina und Nadjuschka fiel ich auf die Knie. »Rühr sie nicht an!«, schrie ich.
»Ich habe dich doch gebeten…«, sagte die Hexe leise. »Willst du mir nicht raushelfen… Was habe ich alte Hexe dir denn getan? »
»Ich glaube dir nicht!«
Arina nickte. »Und Recht hast du…«, sagte sie mit müder, bitterer Stimme. »Aber was soll ich denn machen, Zauberkundiger?«
Sie huschte mit einer Hand über den Rocksaum und zog einen kleinen Zweig getrockneter Trauben daraus hervor. Als sie ihn in die lodernden weißen Feuer warf, stiegen Wolken schwarzen Rauchs auf. Und die Markierung für das Portal verschwand. Swetlana hatte es nicht geschafft!
»Du lässt mir keine Wahl, Lichter…«Arina setzte ein schiefes Lächeln auf. »Hast du verstanden? Ich werde dich ermorden müssen, und deine Tochter wird niemandem mehr nützen. Was willst du mit deinem zweiten Grad schon ausrichten?«
In diesem Moment traf ein lodernder weißer Keil Arina im Rücken. Einen Moment lugte er aus ihrer Brust heraus, dann zog er sich langsam, einer unsichtbaren Hand gehorchend, zurück.
»Ah, ah, ah…«, stöhnte die Hexe, die unwillkürlich nach vorn stürzte.
Die Feuerschneide loderte im Zwielicht. Dann verzog sich die graue Finsternis und gab Swetlana frei.
Die Hexe schien sich bereits von dem Schlag erholt zu haben. Tänzelnd wich sie zurück, ohne Swetlana aus den Augen zu lassen. Von dem angesengten Riss in ihrem Kleid stieg Rauch auf, Blut floss jedoch nicht. In ihren Augen stand eher Respekt als Hass zu lesen.
»Ach du… Große…«Arina stieß ein krächzendes Gelächter aus. »Habe ich dich übersehen?«
Swetlana antwortete nicht. Nie hätte ich mir einen solchen Hass in ihren Augen vorstellen können: Ein Mensch wäre gestorben, wenn er sie bloß angesehen hätte. In ihrer rechten Hand hielt sie ein weißes Schwert, die Finger ihrer linken fuhrwerkten in der Luft herum, als drehten sie an einem unsichtbaren Zauberwürfel.
Das Zwielicht dunkelte ein. Um Nadjuschka herum bildete sich eine regenbogenfarbene Kugel. Die nächsten Passes Swetla-nas galten mir: Mein Körper bekam seine Beweglichkeit zurück. Ich sprang auf und lief hinter die Hexe. In diesem Krieg spielte ich nur eine Nebenrolle.
»Aus welcher Schicht bist du gekommen, du Irrlichternde?«, fragte die Hexe fast gutmütig. »Doch wohl nicht aus der vierten? Aber die dritte habe ich abgesucht…«Ich spürte, dass ihr sehr, sehr viel an der Antwort lag. »Aus der fünften«, sagte Swetlana plötzlich.
»Das ist nicht gut…«, murmelte die Hexe. »Das schafft sie, die Wut einer Mutter…«Sie linste aus den Augenwinkeln zu mir herüber, richtete den Blick dann jedoch wieder auf Swetlana. »Behalte besser für dich, was du dort gesehen hast…»
»Spar dir deine klugen Ausführungen«, meinte Swetlana. Die Hexe nickte. Abrupt krempelte sie die Ärmel hoch und riss sich ein paar Haare aus. Ich weiß nicht, ob Swetlana damit gerechnet hatte – ich hielt es jedoch für geboten wegzuspringen. Woran ich gut tat: Um die Hexe herum toste ein schwarzer Schneesturm los, als ob sich jedes einzelne Haar in eine dünne, feine Klinge aus schwarzem Stahl verwandelt hätte. Die Hexe ging auf Swetlana zu. Diese schleuderte das weiße Schwert gegen die Hexe. Die Klingen zerstückelten es jedoch, löschten es aus. Daraufhin bildete sich vor Swetlana ein durchscheinender, durch die Luft gleitender Schild. Ich glaube, er heißt»Lushin-Verteidigung«.
Lautlos und fast unverzüglich zerbrachen die Klingen an dem Schild.
»Ach, diese Mamotschkas…«, sagte Arina kläglich. Komisch, aber ich hegte keinen Zweifel daran, dass sie das ernst meinte. Gleichzeitig war es theatralisch, für ein Publikum gedacht. In dem Fall für mich.
»Ergib dich, du Miststück«, sagte Swetlana. »Noch biete ich dir das an: dich zu ergeben!«
»Und wenn… wenn ich tatsächlich…«, meinte Arina plötzlich. »Was dann?«
Diesmal hatte sie nicht nach ihren Amuletten gelangt. Sondern nur in einer Art Singsang ihre Knittelverse vorgetragen.
Staub, zu andrem Staub gerafft,
In den Händen spüre Kraft,
Diener sollst du sein und Halt,
Sonst verstreue ich dich bald!
Von Arina hatte ich alles Mögliche erwartet. Aber nicht das.
Selbst bei den Dunklen trifft man nur selten echte Nekromanten an.
Langsam stiegen die Toten aus der Erde!
Die deutschen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg zogen abermals in den Kampf!
Vier in Lumpen gehüllte Skelette. Zwischen den Knochen klebte Erde, das Fleisch war längst zerfallen. Sie stellten sich im Kreis um Arina herum auf. Einer torkelte blind auf mich zu, fuchtelte ungeschickt mit den fingerlosen Händen; die Fingerknochen waren vollständig verrottet. Bei Jedem Schritt des plumpen Zombies fielen Erdklumpen herunter. Die drei andern unglückseligen Monster bewegten sich auf Swetlana zu. Einer von ihnen hielt sogar eine schwarze Maschinenpistole in den Händen, deren Magazin jedoch fehlte.
»Kannst du die Rote Armee auferstehen lassen?«, schrie Arina keck.
Das hätte sie besser nicht getan. Swetlana schien zu versteinern. »Mein Großvater hat den Krieg mitgemacht«, presste sie zwischen den Zähnen hervor. »Glaubst du, du kannst mir damit Angst einjagen?«
Was sie tat, kriegte ich nicht mit. Ich hätte die»graue Andacht«eingesetzt, doch sie griff auf höhere Magie zurück, die mir verschlossen war. Die Zombies zerfielen zu Staub. Swetlana und Arina starrten sich feindselig an. Der Spaß hatte ein Ende.
Jetzt würden die Zauberin und die Hexe ihre Kräfte in einem offenen Zweikampf messen.
Ich nutzte die kurze Pause, um ebenfalls Kraft zu sammeln. Sollte Swetlana überraschend ins Hintertreffen geraten, würde ich zuschlagen… Doch es war Arina, die das Nachsehen hatte.
Als Erstes fiel ihr das Gewand vom Körper. Einen Mann hätte das sicher demoralisiert.
Dann fing die Hexe an, mit ungeheurem Tempo zu altern. Das prächtige schwarze Haar verwandelte sich in einen erbärmlichen weißgrauen Mopp. Die Brüste fielen ein, Arme und Beine trockneten aus. Sie sah aus wie die Hexe Gingema aus den Märchen von Wolkow, wie die Gagool von Rider Haggard.
Schluss mit den schönen Effekten. »Name!«, schrie Swetlana. Arina zögerte nur kurz.
Der zahnlose Mund bewegte sich. »Arina…«, nuschelte sie. »Ich bin in deiner Macht, Zaubermeisterin…«
Erst jetzt entspannte sich Swetlana – und schien förmlich in sich zusammenzusacken. Ich ging um die ruhig gestellte Arina herum, um meine Frau zu stützen.
»Schon gut… ich halte mich.«Swetlana lächelte. »Es hat geklappt.«
Die Alte – meine Zunge weigerte sich, sie Arina zu nennen – sah uns traurig an.
»Erlaubst du ihr, ihr bisheriges Aussehen wieder anzunehmen?«, fragte ich.
»War das etwa ansprechender?«, versuchte Swetlana zu scher zen.
»Sie kann jeden Augenblick an Altersschwäche sterben«, sagte ich. »Schließlich ist sie über zweihundert Jahre alt…«
»Soll sie doch verrecken…«, murmelte Swetlana. Von unten herauf sah Swetlana Arina an. »Hexe! Ich erlaube dir, jünger zu werden!«
Zügig richtete sich Arinas Körper auf, strömte Leben in ihn. Gierig rang die Hexe nach Luft. Sie sah mich an. »Danke, Zauberkundiger…«, sagte sie.
»Gehen wir hier raus«, befahl Swetlana. »Und keine Dummheiten… Ich habe dir nur das Recht eingeräumt, das Zwielicht zu verlassen!«
Die ganze Kraft der Hexe – jener Teil, der nicht mit der Kleidung und den Amuletten verschwunden war – unterlag jetzt der uneingeschränkten Kontrolle Swetlanas. Bildlich gesprochen hatte sie die Hand am Hebel.



























