Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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»Glaubst du, dass die Mehrheit aus Affen besteht?«, wollte ich wissen.
»Wir alle sind Affen.«
»Dein Weg führt in die Wache«, murmelte ich. »Wart mal gerade… ich muss mir Rat holen.«
»Was für eine Wache?«, fragte Lass misstrauisch. »Vielen Dank auch! Glücklicherweise bin ich nämlich kein Magier!«
Ich schloss die Augen und lauschte. Stille.
»Geser!«
Stille.
»Geser! Lehrer!«
»Wir beratschlagen gerade, Anton.«
In einem telepathischen Gespräch fehlt jede Intonation. Und trotzdem… trotzdem witterte ich einen Hauch von Müdigkeit in Gesers Worten.
»Er ist nach Baikonur unterwegs. Das Fuaran funktioniert wirklich. Er will alle Menschen auf der Welt in Andere verwandeln!«
Ich verstummte, weil ich begriff: Geser wusste bereits Bescheid. Er hatte alles, was passiert war, angesehen und angehört – ob mit meinen Augen und meinen Ohren oder mit sonstigen magischen Methoden, was spielte das für eine Rolle. »Du musst ihn aufhalten, Anton. Folge ihm und halte ihn auf. »
»Und Sie?«
»Wir halten den Kanal aufrecht, Anton. Versorgen dich mit Kraft. Weißt du, wie viele Andere ihre Kraft für die»graue Andacht«gegeben haben? »
»Ich ahne es.«
»Anton, ich kann mich nicht mit ihm messen. Sebulon auch nicht. Und auch Swetlana nicht. Wir können jetzt nur noch eins machen: dich mit Energie versorgen. Wir ziehen aus allen Anderen Moskaus Kraft. Falls nötig, fangen wir an, sie direkt bei den Menschen abzupumpen. Wir haben keine Zeit, jetzt noch was umzuorganisieren oder weitere Magier als Leiter hinzuziehen. Du bist es, der Kostja aufhalten muss… mit unserer Hilfe. Die Alternative wäre ein Atomangriff auf Baikonur. »
»Ich kann kein direktes Portal öffnen, Geser.«
»Doch. Das Portal ist noch nicht endgültig wieder geschlossen. Du musst den Eingangsschacht finden und es erneut aktivieren.«
»Überschätzen Sie mich nicht, Geser! Selbst mir Ihrer Hilfe bin ich nur ein Magier zweiten Grades!«
»Wach auf, Anton. Du hast Sauschkin gegenübergestanden, als er den Zauberspruch rezitiert hat. Du bist über den zweiten Grad hinaus. »
»Und welchen…?«
»Über dem ersten gibt es nur noch eine Kategorie. Die höchste. Schluss jetzt mit dem Gerede! Folge ihm! »
»Aber wie kann ich ihn besiegen? »
»Wie du willst.«Ich öffnete die Augen.
Lass stand vor mir und fuchtelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum.
»Oh! Er lebt noch!«, freute er sich. »Was ist das für eine Wache? Und soll das heißen, dass ich jetzt auch ein Magier bin? »
»Fast.«Ich machte einen Schritt nach vorn.
Hier hatte Kostja gestanden… er war hingefallen… hatte die Arme ausgebreitet… das Portal war entstanden… Die Menschenwelt war leer.
Wind ging, die zerknüllte Zellophanhülle einer Zigarettenschachtel raschelte über den Beton… Das Zwielicht war leer.
Die graue Finsternis, die steinernen Klötze anstelle des elastischen, wabernden Geflechts aus blauem Moos… Die zweite Schicht des Zwielichts.
Der schwere schieferfarbene Nebel… das gespenstische tote Licht unter schweren Wolken… ein winziger blauer Funken, wo das Portal gewesen war… Ich streckte die Hand aus -in der Menschenwelt, in der ersten Schicht des Zwielichts, in der zweiten Schicht des Zwielichts… Und erfasste mit den Fingern den ersterbenden blauen Funken.
Halt! Erlisch nicht! Hier bekommst du es mit einer Kraft, mit einer wütenden Energie zu tun, die die Grenzen zwischen den Welten aufhebt. Von meinen Fingern regneten brennende Tropfen. Herab auf die verlöschende Glut…
Wachse, öffne dich, kriech unter die heiße Sonne, denn du musst noch arbeiten! Ich nahm die Spur desjenigen wahr, der das Portal geöffnet hatte. Sah, wie er es gemacht hatte. Konnte seinen Weg nachgehen.
Und ich brauchte dazu nicht einmal mehr Zauber, nicht all diese komischen Formeln in unverständlichen alten Sprachen. Auf die auch die Hexe Arina nicht angewiesen ist, wenn sie ihren Kräutertrunk braut. Auf die auch Geser und Swetlana nicht angewiesen sind. Ist es das, was einen Hohen Magier ausmacht?
Dass er keine Schemata mehr lernen muss, sondern die Bewegung der Kraft spürt? Wie erstaunlich – und wie einfach.
Dabei sind noch nicht mal die Möglichkeiten das Erstaunlichste, nicht die beeindruckende Kraft des Fireballs oder die Stärke des»Freeze«. Denn mit abgezapfter fremder Kraft oder mit kunstvoll angesammelter eigener kann selbst ein gewöhnlicher Magier so loslegen, dass er einen Hohen Mores lehrt. Nein, alles steht und fällt mit der Freiheit. Ein Unterschied wie zwischen einem Schwimmer – und möge er noch so begabt sein – und einem Delphin – selbst wenn dieser extrem träge ist.
Wie schwer muss es für Swetlana gewesen sein, mit mir zusammenzuleben, ihre Kraft zu vergessen, ihre Freiheit zu vergessen? Das lässt sich nicht mit dem Unterschied zwischen stark und schwach vergleichen, sondern nur mit dem zwischen einem Gesunden und einem Invaliden…
Aber die gewöhnlichen Menschen leben doch auch, oder? Zusammen mit Blinden und Lahmen. Denn das Wichtigste ist eben nicht die Freiheit. Freiheit – das ist eine Rechtfertigung für Arschlöcher und Idioten. Wenn die von Freiheit sprechen, denken sie nicht an die Freiheit der andern, sondern an die eigene Sklaverei.
Und selbst Kostja – der kein Idiot und kein Arschloch ist – hängt an jenem Haken, an dem sich schon die Revolutionäre aller Couleur die Lippen aufgerissen haben – von Spartakus bis Trotzki, vom Bürger Robespierre bis zum Commandante Che Guevara, von Jemelka Pugatschow bis zum namenlosen Selbstmordattentäter.
Wäre ich selbst nicht auch daran hängen geblieben? Noch vor fünf oder zehn Jahren?
Wenn man mir gesagt hätte: »Man kann alles auf einen Schlag ändern – und zwar zum Guten!«Aber das hat zum Glück keiner.
So bin ich noch einmal davongekommen, zusammen mit denjenigen, die mir etwas bedeuten. Die bei den Worten»Freiheit und Gleichheit«immer voller Zweifel den Kopf schütteln.
Vor mir öffnete sich das Portal: ein hellblaues Prisma, leuchtende Schnüre als Rippen, eine glimmernde Hülle als Grenze…
Ich schob die Schnüre mit den Händen auseinander und trat ins Portal.
Sieben
Was an Portalen nicht gut ist: Man hat keine Möglichkeit, sich auf den neuen Ort einzustellen. Ein Zug ist in dieser Hinsicht ideal. Du betrittst dein Abteil, wechselst die Jeans gegen Trainingshosen und die Schuhe gegen Gummilatschen, entspannst dich bei Speis und Trank und kommst – falls du das Pech hast, allein zu fahren – mit deinen Mitreisenden ins Gespräch. Die Räder rattern, der Bahnsteig entschwindet. Das war's, du bist unterwegs. Du bist ein andrer Mensch. Du teilst deine geheimsten Sorgen mit Unbekannten, streitest über Politik, obwohl du dir gelobt hast, nie über sie zu streiten, trinkst fragwürdigen, auf einem kleinen Bahnhof erworbenen Wodka. Du bist nicht hier und nicht da. Du bist unterwegs. Unternimmst deine eigene kleine Queste, in dir steckt etwas von Frodo und etwas von Paganel, dann noch ein Tröpfchen Robinson und ein ganz klein wenig von Radischtschew. Vielleicht dauert deine Reise nur ein paar Stunden, vielleicht ein paar Tage. Das Land ist groß, und es zieht vor den Fenstern deines Abteils vorbei. Du bist nicht hier. Du bist nicht da. Du bist ein Reisender.
Bei einem Flugzeug sieht die Sache schon anders aus. Trotzdem bereitest du dich auch hier auf deine Reise vor. Du kaufst ein Ticket, stehst in aller Herrgottsfrühe auf, setzt dich in ein Taxi und fährst zum Flughafen. Die Räder schlucken die Kilometer, du guckst in den Himmel, bist in Gedanken bereits in der Luft. Das nervöse Durcheinander im Wartesaal, löslicher Kaffee im Restaurant, das Einchecken, die Sicherheitskontrolle, wenn du ins Ausland fliegst der Zoll und der Duty-free-Shop, die kleinen Freuden der Reise vor den engen Flugzeugsitzen, dem Heulen der Turbinen und dem optimistischen Slogan der Stewardess. »Die Notausgänge befinden sich…«Und dann verschwindet die Erde bereits unter dir, die Hinweisschilder gehen aus, die Raucher verdrücken sich schamhaft in die Toilette, die Stewardessen übersehen sie taktvoll, das Mittagessen wird in kleinen Plastikschüsseln gebracht, denn aus irgendeinem Grund schlagen sich bei Flügen immer alle den Magen voll. Das ist keine Reise im eigentlichen Sinne. Das ist ein Ortswechsel. Aber… aber trotzdem siehst du unter dir Städte und Flüsse dahinschwinden, blätterst im Reiseführer oder überprüfst, ob die Bestätigung deiner Dienstreise in Ordnung ist, denkst darüber nach, wie du die Geschäftsverhandlungen führen sollst oder wie du den zehntägigen Urlaub im gastfreundlichen Land Türkei/Spanien/Kroatien am vergnüglichsten verbringen kannst. So oder so, du bist unterwegs.
Ein Portal ist ein Schock. Ein Portal ist ein Wechsel im Bühnenbild, ist eine Drehbühne im Theater. Du bist hier – und du bist da. Ohne unterwegs zu sein. Und ohne Zeit zum Nachdenken.
Ich stürzte aus dem Portal. Mit einem Bein schlug ich auf dem gefliesten Boden auf, mit dem andern landete ich im Klosett.
Nur gut, dass es ein recht sauberes Klo war. Als ob ich in einem anständigen amerikanischen Film wäre, wo sich die Helden auf der Toilette die Fresse polieren. Trotzdem zog ich mein Bein heraus – und Schmerz ließ mich das Gesicht verziehen.
Eine winzige Kabine. An der Decke eine Minilampe und ein Lüftungsgitter, ein Halter mit einer Rolle Klopapier. Ein tolles Portal! Aus irgendeinem Grund hatte ich erwartet, dass Kostja das Portal direkt an der Startrampe aufhängen würde, an der Einstiegsluke der Rakete.
Mit immer noch schmerzverzerrtem Gesicht öffnete ich die Tür einen Spalt und lugte vorsichtig hinaus. Anscheinend war die Toilette leer. Kein Geräusch war zu hören, nur an einem der Waschbecken tropfte der Hahn…
In diesem Augenblick prallte mir etwas voller Wucht in den Rücken, sodass ich aus der Kabine flog, indem ich die Tür mit dem Kopf aufstieß. Ich stürzte auf den Rücken und riss eine Hand hoch, bereit zuzuschlagen.
In der Kabine stand Lass – der, gegen die Wand gelehnt, mit den Armen ruderte und sich verdutzt umsah.
»Was machst du denn hier?«, brüllte ich. »Warum bist du mir gefolgt?«
»Du hast mir doch selbst gesagt, ich soll dir nachkommen!«, schmollte Lass. »Du hundsmiserabler Zauberer!«Ich stand auf. Jetzt zu streiten wäre in der Tat dumm.
»Ich muss einen durchgedrehten Vampir aufhalten«, sagte ich. »Den heute stärksten Magier der Welt. Es… es wird hier sehr heiß hergehen…«
»Wo sind wir? In Baikonur?«, fragte Lass, der nicht die geringste Angst zeigte. »Wow! Einfach klasse! Aber war es unbedingt nötig, für die Teleportation die Kanalisation zu wählen?«
Ich winkte bloß ab. Hörte in mich hinein. Ja, Geser war in der Nähe. Geser und Sebulon… und Swetlana… und noch Hunderte oder Tausende von Anderen. Sie alle warteten. Sie hofften auf mich.
»Wie kann ich dir helfen?«, fragte Lass. »Soll ich vielleicht Stöcke aus Espenholz suchen? Übrigens werden Streichhölzer aus Espenholz gemacht, wusstest du das? Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet aus diesem Holz. Das brennt doch wohl nicht besser, oder? Jetzt ist mir klar, dass man es macht, um Vampire zu bekämpfen. Du spitzt einfach ein Dutzend Streichhölzer an…«Ich sah Lass an.
Der breitete die Arme aus. »Schon gut, schon gut… War ja bloß ein Vorschlag.«
Ich ging zur Toilettentür und spähte nach draußen. Ein langer Gang, Neonlicht, keine Fenster. Am Ende des Gangs stand ein Mann in Uniform mit einer Pistole am Gürtel. Ein Wachtposten? Ja, vermutlich dürfte es hier Wachen geben. Sogar in der heutigen Zeit.
Aber warum war der Mann in dieser unnatürlichen Pose erstarrt?
Ich ging den Gang hinunter, auf den Soldaten zu. »Entschuldigen Sie bitte«, sprach ich ihn leise an. »Dürfte ich Sie kurz stören?«
Der Soldat erwiderte nichts. Er starrte in den Raum – und lächelte. Ein junger Mann, noch keine dreißig. Völlig reglos. Und sehr blass.
Ich legte ihm die Finger an die Halsschlagader. Der Puls ließ sich kaum noch spüren. Die Bissspuren waren fast nicht zu sehen, nur am Kragen entdeckte ich ein paar Blutstropfen. Ja, Kostja musste nach der Flucht sehr müde gewesen sein. Er hatte sich stärken müssen – und eine Katze war ihm nicht über den Weg gelaufen.
Wenn der Soldat jetzt noch am Leben war, hatte er übrigens Chancen, das Ganze zu überstehen.
Ich zog die Pistole aus seinem Halfter – offenbar hatte er nach ihr greifen wollen, als der Befehl des Vampirs ihn zwang zu erstarren – und legte den Mann sorgfältig auf den Fußboden. Sollte er ruhig ein bisschen liegen. Dann drehte ich mich um.
Natürlich war Lass mir gefolgt. Jetzt betrachtete er schweigend den reglosen Wachtposten. »Kannst du schießen?«, fragte ich.
»Ich werde es versuchen.«
»Falls nötig, schieß ihm ins Herz und in den Kopf. Wenn du triffst, haben wir Chancen, ihn aufzuhalten.«
Selbstverständlich machte ich mir nichts vor. Selbst wenn Lass das ganze Magazin in Kostja abfeuerte – was ihm wohl kaum gelingen dürfte -, würden die Kugeln den Hohen Vampir nicht aufhalten. Besser rechneten wir mit dem Schlimmsten.
Und Hauptsache, er schoss mir nicht vor lauter Angst in den Rücken…
Kostja zu finden war nicht schwer, selbst ohne Magie anzuwenden. Wir stießen noch auf drei weitere Männer, einen Wachtposten und zwei Zivilpersonen, die erstarrt und gebissen waren. Vermutlich bewegte sich Kostja in dieser Vampirmanier fort, bei der jede Bewegung unfassbar schnell wird und der Prozess des»Essens«nur ein paar Sekunden in Anspruch nimmt. »Werden sie jetzt zu Vampiren?«, wollte Lass wissen.
»Nur wenn er das gewollt hat. Und nur wenn sie selbst einverstanden waren. »
»Ich hätte nicht gedacht, dass man noch die Wahl hat.«
»Man hat immer die Wahl«, antwortete ich, während ich die nächste Tür öffnete. Und begriff, dass wir am Ziel angelangt waren.
Ein weitläufiger heller Saal. Voller Menschen, mindestens zwanzig Menschen. Darunter auch Kosmonauten, der russische Kommandant des Raumschiffs, ein Amerikaner und der Weltraumtourist, ein Schokoladenfabrikant aus Deutschland.
Natürlich wiesen alle die gleiche wonnige Starre auf – mit Ausnahme von zwei Technikern in weißen Kitteln, deren Augen zwar ebenso ausdruckslos waren, deren Hände Kostja jedoch mit gewohnter Leichtigkeit in den Skaphander halfen. Keine leichte Aufgabe, denn die Raumanzüge sind maßgeschneidert und Kostja war etwas größer als der Deutsche.
Der glücklose Tourist saß völlig nackt – Kostja war sich nicht zu fein gewesen, sogar seine Unterwäsche anzuziehen – etwas abseits und nuckelte an seinem Zeigefinger.
»Ich habe nur noch zwei, drei Minuten«, sagte Kostja fröhlich. »Halt mich also nicht auf, Anton. Wenn du versuchst, dich mir in den Weg zu stellen, bring ich dich um.«Natürlich überraschte ihn mein Auftauchen nicht.
»Die Rakete bekommt keine Starterlaubnis«, sagte ich. »Worauf hoffst du eigentlich? Die Hohen wissen, was du vorhast.«
»Die Rakete wird starten, da kannst du machen, was du willst«, antwortete Kostja gelassen. »Die Luftverteidigung hier ist durchaus akzeptabel, das kannst du mir glauben. Und der Chef der Wachtposten vom Kosmodrom hat gerade eben alle notwendigen Befehle gegeben. Willst du mir weismachen, ihr würdet zum massiven Angriff mit ballistischen Raketen gegen mich blasen? »
»Ja.«
»Du bluffst«, antwortete Kostja ungerührt. »Ein Schlag seitens der Chinesen oder Amerikaner ist ausgeschlossen, das würde einen Weltkrieg auslösen. Unsere Raketen sind nicht auf Baikonur gerichtet. Flugzeuge mit taktischen Geschossen kommen hier nicht rein. Euch bleibt kein Ausweg. Lehnt euch zurück und genießt das Ganze.«Vielleicht hatte er Recht.
Aber vielleicht hatten die Großen auch einen Plan, wie sie Baikonur durch einen Atomschlag vernichten konnten, ohne einen Weltkrieg zu provozieren. Das spielte keine Rolle.
Das Wichtigste war, dass Kostja für sich schon alles entschieden hatte. Er würde sich nicht aufhalten lassen. Gleich würde man ihn zur Rakete bringen, ihn hineinsetzen… Und dann?
Was könnte er tun, wenn er in diesem Eisenfass saß und ein Dutzend Hohe ihre Portale im Raumfahrtzentrum öffnen würden? Wenn sie im Handumdrehen das Gedächtnis des Chefs der Wachtposten reinigen würden und von all denjenigen, die auf einen Startknopf drücken müssen? Wenn sie den Befehl zur Sprengung der Rakete geben oder»aus der Hüfte«mit einem transportablen Kernsprengkopf schmeißen oder irgendeinen geheimen Sputnik mit einem Röntgenlaser einsetzen würden? Nichts könnte er machen!
Ein Raumschiff ist kein Automobil, das man einfach klauen kann! Bei einem Raketenstart müssen Tausende von Menschen Hand anlegen, und in jeder Phase gibt es genügend»Knöpfchen zu drücken«, damit das Raumschiff auf gar keine Umlaufbahn kommt.
Selbst wenn Kostja ein Idiot wäre – er ist jetzt ein Hoher Vampir und sollte die Realitätslinien lesen, die Zukunft voraussagen können und begreifen, dass wir ihn aufhalten würden. Oder…
Oder das Kosmodrom, die Menschen, die er unter seine Kontrolle gebracht beziehungsweise betäubt hatte – all das musste eine Finte sein. Eine Finte, wie der Flughafen in Saratow. Er brauchte keine Rakete! Genau wie er kein Flugzeug brauchte! Er würde das Portal direkt im Kosmos öffnen.
Aber warum war er dann erst nach Baikonur gekommen? Für den Skaphander? Quatsch. Das Zentrum zur Ausbildung von Kosmonauten wäre weitaus näher gewesen, und dort hätte er mit Sicherheit einen passenden Skaphander gefunden. Also war er nicht nur wegen des Anzugs hier…
»Ich muss die Zaubersprüche lesen«, sagte Kostja. »Blut über die Seite verteilen. Im Vakuum geht das nicht.«
Er erhob sich und schob die Techniker beiseite, die gehorsam strammstanden.
»Ich muss das Portal in der Raumstation öffnen. Dafür muss ich die genaue Lage kennen. Trotzdem kann ich Fehler machen… Manche lassen sich gar nicht vermeiden.«
Ich hatte nicht gespürt, wie er meine Gedanken gelesen hatte. Obwohl er genau das getan hatte.
»Du hast alles richtig verstanden, Anton. Ich bin bereit, jede Sekunde zur Station zu starten. Bevor ihr noch irgendwas dagegen unternehmen könnt. Und selbst wenn Geser und Sebulon sich gewaltig ins Zeug legen würden, würden eure Kräfte nicht ausreichen. Ich habe meine Kraft nämlich maximal entfaltet. Ich habe die absolute Kraft erlangt! Darüber gibt es nichts mehr! Geser hat davon geträumt, dass deine Tochter die erste Zauberin mit einer solchen Kraft wird…«Kostja grinste. »Aber jetzt bin ich es geworden! »
»Eine Zauberin?«Ich gestattete mir ein Grinsen.
»Ein absoluter Magier«, entgegnete Kostja scharf. »Deshalb werdet ihr mich nicht besiegen. Denn ihr werdet nicht mehr Kraft zusammenbekommen, als ich habe, das ist euch doch klar, oder? Ich bin absolut!«
»Du bist eine absolute Null«, sagte ich. »Du bist ein absoluter Vampir.«
»Ein Vampir, ein Magier… was macht das schon für einen Unterschied? Ich bin ein absoluter Anderer.«
»Stimmt, es gibt keinen Unterschied. Wir leben nämlich alle auf Kosten der menschlichen Kraft. Und du bist mit Sicherheit nicht der Stärkste, du bist der Schwächste. Du bist die absolute Leere, in die fremde Kraft strömt.«
»Von mir aus auch das.«Kostja ließ sich auf keinen Streit ein. »Das ändert nämlich gar nichts, Anton! Ihr werdet mich nicht aufhalten, und ich werde das tun, was ich vorhabe.«Er zögerte kurz, dann fügte er hinzu: »Und du schlägst dich sowieso nicht auf meine Seite… Worüber denkst du nach?«Ich antwortete nicht. Ich schöpfte Kraft.
Von Geser und Sebulon, von den Dunklen und den Lichten, von den Guten und den Bösen. Irgendwo dort, weit weg von mir, gaben mir diejenigen, die ich liebte, ihre Kraft. Und auch diejenigen, die ich hasste. Jetzt spielte es für mich keine Rolle mehr, ob die Kraft licht oder dunkel war. Wir alle saßen im selben Boot… in einem Raumschiff, das in die absolute Leere flog…
»Was ist? Schlag schon zu«, sagte Kostja amüsiert. »Überraschen wirst du mich sowieso nie wieder.«
»Schlag«, flüsterte Geser. »Schlag mit dem»weißen Höhenrauch«.«
Das Wissen, was es mit dem»weißen Höhenrauch«auf sich hatte, kroch mit der lichten Kraft in mich hinein. Ein schreckliches Wissen, ein beängstigendes – deshalb hatte selbst Geser diesen Zauber nur ein einziges Mal angewendet und danach geschworen, es nie wieder zu tun…
»Schlag«, riet Sebulon. »Am besten mit dem»Schatten der Herrscher«.«
Das Wissen, was es mit dem»Schatten der Herrscher«auf sich hatte, huschte mit der dunklen Kraft in mich hinein. Ein ekelhafter Zauber, der Entsetzen verbreitete – deshalb hatte selbst Sebulon es nie riskiert, diesen Schatten aus der fünften Schicht des Zwielichts aufzuheben…
»Schlag«, sagte Edgar. »Mit dem»Sarkophag der Zeiten«. Unbedingt mit dem»Sarkophag der Zeiten«.«
Das Wissen, was es mit dem»Sarkophag der Zeiten«auf sich hatte, sprudelte mit der Kraft der Inquisitoren in mich. Ein kaltes Wissen, ein tödliches – denn derjenige, der den Zauber wirkte, blieb zusammen mit seinem Opfer im Sarkophag. Für immer, bis ans Ende des Universums…
»Und wenn wir ihm den Skaphander durchlöchern?«, fragte Lass, der mit der Pistole in der Tür stand. Ein absoluter Anderer. Eine absolute Null. Der Stärkste, der Schwächste… Ich sammelte die mir verliehene Kraft – und legte sie in einen
Zauber siebten Grades, einen der einfachsten Zauber, die jeder Andere beherrscht.
Den»Schild des Magiers«.
Vermutlich wurde noch nie so viel Kraft so sinnlos vergeudet.
Und vermutlich war noch nie ein Magier auf der Welt so gut abgeschirmt. Gegen alles.
Ein weißer netzartiger Kokon entstand um mich herum. Die durch die Fäden des Kokons strömende Energie ließ sie leise knistern. Der Kokon verlor sich im Nirgendwo, tief im Universum, dort, wo man aufhört, die Schichten des Zwielichts zu zählen, wo es keine Materie mehr gibt, keinen Raum, keine Zeit, rein gar nichts, was ein Mensch oder ein Anderer verstehen könnte.
»Was… machst du da?«, fragte Kostja – und sein Gesicht nahm einen kindlich verletzten Ausdruck an. »Was machst du, Anton?«
Ich schwieg. Stand da und sah ihn an. Nicht einmal der Schatten eines Gedankens durfte über mein Gesicht huschen. Sollte Kostja doch denken, was er wollte. Sollte er doch.
»Hast du Angst bekommen?«, fragte Kostja. »Du… ja… du bist ein Angsthase, Anton!«Ich schwieg.
Und die Hohen schwiegen. Nein, vermutlich schwiegen sie nicht. Sie schrien, schimpften, verfluchten mich – weil ich die von ihnen gesammelte Kraft zum absoluten Schutz von mir selbst verschwendete.
Wenn in diesem Moment über Baikonur eine Wasserstoffbombe abgeworfen werden würde, würde ich heil und unversehrt bleiben. In einer Wolke aus Plasma schwimmend, eingeschmolzen in einen kochenden Stein, aber absolut unversehrt. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll…«Kostja breitete die Arme aus. »Ich wollte dich doch nicht umbringen! Ich weiß doch noch, dass du einmal mein Freund gewesen bist!«Ich schwieg.
Verzeih mir, aber ich kann dich jetzt nicht mehr als meinen Freund bezeichnen. Denn du darfst nicht das verstehen, was ich verstanden habe. Du darfst meine Gedanken nicht lesen. »Leb wohl, Anton«, sagte Kostja.
Die Techniker kamen zu ihm und ließen die Scheibe des Druckhelms herunter. Er sah mich noch einmal durch das Glas an – verständnislos, gekränkt. Dann drehte er sich um.
Ich dachte, er würde das Portal in den Kosmos jetzt gleich öffnen. Aber Kostja hatte sich in der Tat gründlich auf den Sprung vorbereitet. Gewiss, ich habe nie zuvor auch nur von dem Versuch gehört, sich an Bord eines in der Luft befindlichen Flugzeugs zu katapultieren. Geschweige denn auf eine Raumstation.
Kostja ließ die Kosmonauten und Techniker einfach in ihrer Erstarrung zurück und ging aus dem Saal. Lass wich ihm aus, schielte zu mir hinüber und deutete mit dem Blick auf die Pistole. Ich schüttelte den Kopf, und er schoss nicht. Wir folgten ihm nur.
Im Koordinationsraum saßen die Techniker und Programmierer irgendwie schlaftrunken hinter ihren Computern.
Wann hatte er es geschafft, sie alle seinem Willen zu unterwerfen?
Doch nicht gleich in dem Moment, als er in Baikonur angekommen war?
Ein normaler Vampir bringt leicht ein oder zwei Menschen unter seiner Kontrolle. Ein Hoher kann es mit ein paar Dutzend aufnehmen.
Aber Kostja war in der Tat zu einem absoluten Anderen geworden – der gesamte Betrieb des riesigen Raumfahrtzentrums drehte sich jetzt um ihn. Man brachte ihm irgendwelche Listen. Zeigte ihm etwas auf den Bildschirmen. Er hörte zu, nickte – und blickte noch nicht einmal in unsere Richtung.
Ein kluger Junge. Mit solider Bildung. Er hatte erst Physik studiert, dann Biologie, aber Physik und Mathematik konnte er anscheinend immer noch etwas abgewinnen. Mir hätten diese Schemata und Graphiken nichts gesagt, aber er bereitete alles vor, um im Orbit ein Portal aufzuhängen. Mit magischen Mitteln in den Kosmos zu gelangen, das ist ein kleiner Schritt für einen Anderen, aber ein großer Sprung für die ganze Menschheit… Wenn er jetzt bloß nicht trödelte. Wenn Geser bloß keine Panik bekam.
Wenn sie bloß auf einen atomaren Schlag verzichteten, denn der brachte nichts und war überflüssig. Völlig überflüssig!
Kostja sah mich erst an, als er das Prisma des Portals öffnete. Blickte mich herablassend und beleidigt an. Die Lippen hinter der Scheibe seines Helms bewegten sich. »Lebe wohl«, las ich. »Lebe wohl«, wünschte auch ich ihm.
Mit dem Behälter der Lebenserhaltungssysteme in der einen Hand und dem Aktenkoffer mit dem Fuaran in der andern betrat Kostja das Portal.
In dem Moment erlaubte ich mir, den Schild zu senken. Die fremde Kraft brandete in den Raum, ergoss sich überall hin. »Wie willst du das alles erklären?«, fragte Geser.
»Was meinen Sie?«Ich nahm auf dem nächstbesten Stuhl Platz. Ich zitterte am ganzen Körper. Wie lange reicht der Sauerstoff in einem leichten Skaphander, der nicht für einen Ausstieg im Weltall gedacht ist? Ein paar Stunden? Bestimmt nicht länger. Kostja Sauschkin würde nicht mehr lange leben.
»Warum bist du sicher…«, setzte Geser an. Um dann zu verstummen. Ich meinte sogar, ein Gespräch zwischen ihm und Sebulon aufzuschnappen. In dem es um Befehle ging, die geändert werden müssten, um die Bomber, die ins Kosmodrom zurückkehren müssten. Um ein Team von Magiern, das die Spuren des Wahnsinns in Baikonur beseitigen sollte. Um eine offizielle Version für den geplatzten Start.
»Was ist passiert?«, fragte Lass, während er sich zu mir setzte. Der Techniker, den er ohne zu fackeln von seinem Stuhl vertrieben hatte, sah sich begriffsstutzig um. Die Menschen in unserer Nähe kamen wieder zu sich.
»Schluss«, sagte ich. »Jetzt ist alles aus. Fast.«
Aber ich wusste, dass das noch nicht das Ende war. Denn irgendwo weit oben am Himmel, über den Wolken, in der kalten Sternenwelt, purzelte der absolute Andere Kostja Sauschkin in einem gestohlenen Skaphander herum. Er wollte ein Portal öffnen – und schaffte es nicht. Wollte die an ihm vorbeiziehende Weltraumstation erreichen – und schaffte es nicht. Wollte zur Erde zurückkehren – und schaffte es nicht. Denn er war eine Absolute Null. Denn wir alle sind Vampire.
Und dort, jenseits der warmen, lebenden Erde, weit weg von Mensch und Tier, von Pflanzen und Mikroben, von allem, was atmet, sich bewegt, leben will – dort werden wir alle zu absoluten Nullen. Dort sind wir jener Gratiskraft beraubt, die es uns erlaubt, uns gegenseitig mit so schönen und grellen Blitzen zu befeuern, Krankheiten zu heilen und Unheil anzurichten, ein Ahornblatt in eine Banknote zu verwandeln und saure Milch in alten Whisky.
Unsere ganze Kraft ist eine fremde. Unsere ganze Kraft liegt in unserer Schwäche.
Und das war das, was der brave Junge Kostja Sauschkin nicht verstehen konnte und wollte.
Ich hörte Sebulons Gelächter, weit, weit weg, in der Stadt Saratow, wo er in einem Gartencafe mit einem Glas Bier unter einem Sonnenschirm stand und in den Abendhimmel hinaufschaute – an dem er einen neuen, schnell dahinziehenden Stern suchte, der seine Bahn klar, aber nur kurz beschreiben würde.
»Ich glaube, du weinst«, sagte Lass. »Nur ohne Tränen.«
»Stimmt«, antwortete ich. »Ich habe keine Tränen, und ich habe keine Kraft. Ich kann kein Portal für den Rückweg öffnen. Wir müssen fliegen. Oder auf die Gruppe von Putzmagiern warten, vielleicht kann die uns helfen.«
»Wer sind denn Sie?«, fragte ein Techniker. »Was geht hier eigentlich vor?«
»Wir sind Inspektoren vom Gesundheitsministerium«, sagte Lass. »Und Sie sollten uns lieber mal erklären, wer auf die Idee gekommen ist, abgeernteten Hanf im Luftfänger des Entlüftungssystems zu verbrennen! »
»W-was für Hanf?«, fing der Techniker an zu stottern.
»Baumartigen!«, gab ich scharf zurück. »Gehen wir, Lass. Ich schulde dir noch ein paar Erklärungen.«
Wir verließen den Saal. Ein paar Mitarbeiter und ein paar Soldaten mit Maschinenpistolen kamen uns entgegengerannt. Bei der enormen Aufregung achtete niemand auf uns. Vielleicht schützten uns aber auch die Reste des magischen Schilds. Am Ende des Ganges leuchtete kurz der rosarote Hintern des deutschen Weltraumtouristen auf: Hüpfend rannte er davon, den Finger immer noch im Mund. Ihm folgten zwei Männer in weißen Kitteln.
»Hör mal«, sagte ich zu Lass. »Außer der normalen Menschenwelt, die du mit dem Auge sehen kannst, gibt es noch die Welt des Zwielichts. Und ins Zwielicht eintreten können nur diejenigen…«
Ich schluckte und stockte. Ein Bild von Kostja tauchte wieder auf. Kostja, wie er vor langer Zeit einmal gewesen ist, dieser Vampirjunge, der nichts zustande brachte…
»Guck mal, ich verwandel mich! Ich bin eine schreckliche Fledermaus! Ich fliege! Ich fliege!«Leb wohl. Du hast es in der Tat geschafft. Du fliegst.
»Ins Zwielicht eintreten können nur diejenigen, die über etwas verfügen, das…«, fuhr ich fort.



























