Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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Und Nadjuschka war eine Andere! Nie würde ich den Horror eines Anderen durchmachen, dessen Kind heranwächst, altert und stirbt. Früher oder später würden wir Nadenka erzählen, was sie war. Dann würde sie eine Große werden wollen, ohne Zweifel. Und sie würde eine Große werden. Vielleicht würde sie diese unvollendete Welt sogar etwas besser machen.
Und ich spielte irgendwelche kindlichen Agentenspiele! Machte mir Sorgen, dass ich meinen Auftrag nicht erfüllte, statt mich abends mit meinem lustigen Nachbarn zu amüsieren oder – natürlich nur um meine Tarnung aufrechtzuerhalten – ins Casino zu gehen.
Ich stand auf, legte das Geld auf den Tisch und ging. In ein, zwei Stunden würde sich der Vorhang auflösen, der Wirt das Geld sowie die leeren Gläser sehen und sich daran erinnern, dass irgendwelche unscheinbaren Männer hier ihr Bier getrunken hatten.
Fünf
Den halben Tag verbrachte ich mit absolut nebensächlichen Dingen, die niemandem etwas nutzten. Vermutlich hätte der Vampir Kostja seinen weißlippigen Mund verzogen und mir einen Vortrag darüber gehalten, was er von meiner Naivität hielt…
Als Erstes fuhr ich ins Assol, zog mir Jeans und ein einfaches Hemd an, danach ging ich in den nächsten normalen Hof, der zu einem tristen achtstöckigen Plattenbau gehörte. Zu meiner uneingeschränkten Genugtuung entdeckte ich dort einen Fußballplatz, auf dem die Schule schwänzende ältere Jungen einem abgewetzten Ball hinterherjagten. Auch ein paar jüngere Männer waren dabei. Trotz allem machte sich die gerade zu Ende gegangene Fußballweltmeisterschaft, bei der sich unsre Mannschaft nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte, positiv bemerkbar. In einige der noch erhaltenen Höfen kehrte der Hofgeist zurück, der völlig verloren gegangen schien.
Man nahm mich in eine Mannschaft auf. In die, in der nur ein erwachsener Mann spielte – der eine beeindruckende Wampe vor sich hertrug, aber dennoch ausgesprochen agil und draufgängerisch war. Ich selbst spiele nicht gut, aber hier hatten sich auch nicht gerade Weltmeister versammelt.
Etwa eine Stunde rannte ich über die staubige, fest gestampfte Erde, schrie, schoss auf das Tor aus durchlöchertem Maschendraht und traf sogar ein paar Mal. Einmal schaffte es ein baumlanger kräftiger Zehntklässler, mich geschickt auszutrippeln. Er lächelte mich großmütig an. Ich nahm's nicht krumm, ärgerte mich nicht.
Als das Spiel dem Ende zuging – irgendwie ganz von selbst -, steuerte ich das nächste Geschäft an, kaufte Mineralwasser und Bier sowie für die jüngsten Fußballer Limo der Marke Baikal. Natürlich hätten sie Coca-Cola bevorzugt, doch allmählich sollte man anfangen, ihnen das transatlantische Gift wieder…
Was mich enttäuschte: Mein großzügiges Verhalten – das entging mir nicht – beschwor die unterschiedlichsten Mutmaßungen herauf. Gute Taten muss man also in Maßen vollbringen.
Nachdem ich mich von den»eigenen«und den»gegnerischen«Spielern verabschiedet hatte, ging ich zum Ufer hinunter, wo ich begeistert ins dreckige, aber erfrischende Wasser stieg. Ganz in der Nähe erhob sich das Assol mit seinem pompösen Hof. Soll es doch…
Irgendwann ging mir etwas auf, das urkomisch war: Ein Dunkler Magier an meiner Stelle könnte genauso handeln. Nicht einer der ganz jungen, der sich noch auf alle zuvor unerreichbaren Vergnügen wie frische Austern und teure Prostituierte stürzt, sondern ein älterer Dunkler, der bereits hinter das Prinzip dieser Welt gekommen war: Vanitas vanitatum (et omnia vanitas) – alles ist nichtig.
Auch er wäre über den kleinen Bolzplatz gejagt, hätte geschrien, den Ball getreten und die ungeschickt fluchenden Jugendlichen angeschnauzt: »Halt deine Zunge im Zaum, du Knallkopf!«Dann wäre er an den Strand gegangen, hätte im trüben Wasser geplanscht, im Gras gelegen, in den Himmel geschaut…
Wo verläuft sie, die Grenze? Gut, bei den niederen Dunklen ist alles klar. Sie sind die Untoten. Sie müssen töten, um existieren zu können. Hier hilft auch kein sprachlicher Eiertanz. Sie sind das Böse.
Aber wo verläuft die eigentliche Grenze?
Und warum verschwindet sie mitunter? In Momenten, wenn es darum geht, dass ein einzelner Mensch ein Anderer werden will? Ein einziger! Wen setzt man da gleich an, um ihn zu suchen! Dunkle, Lichte, die Inquisition… Denn nicht nur ich befasse mich mit diesem Fall, ich bin schließlich nur ein vorgeschobener Bauer, der für Ordnung vor Ort sorgt. Nein, Geser runzelt die Stirn, Sebulon blickt finster drein, Viteszlav bleckt die Zähne. Ein Mensch möchte ein Anderer werden! Packt ihn, fasst ihn! Doch wer würde das schließlich nicht wollen?
Nicht den ewigen Hunger der Vampire, nicht die Anfälle von Wahnsinn der Tiermenschen, sondern ein befriedigendes Leben als Magier. Wo alles wie bei einem Menschen ist. Nur besser.
Du brauchst keine Angst mehr zu haben, dass aus deinem Auto die teure Musikanlage gestohlen wird, wenn du es auf einem unbewachten Parkplatz abgestellt hast.
Du kriegst nie wieder Grippe, und wenn du an einer unheilbaren Schweinerei erkrankst, stehen Dunkle Hexenmeister oder Lichte Heiler zu deinen Diensten.
Du brauchst dir nicht länger den Kopf darüber zu zerbrechen, wie du bis Ultimo überleben sollst.
Du hast nachts unterwegs keine Angst mehr und fürchtest dich nicht vor besoffenen Halbstarken. Selbst die Miliz lässt dich kalt.
Du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen, ob dein Kind sicher von der Schule nach Hause kommt und nicht im Hauseingang einem wahnsinnigen Psycho in die Arme läuft…
Andererseits liegt gerade hier der Hund begraben. Deine Familie ist in Sicherheit, sie werden sogar aus der Vampirlotterie herausgenommen. Dennoch rettest du sie nicht vor Alter und Tod.
Sicher, noch ist das alles weit weg. Ganz weit weg.
Und insgesamt ist es schon weitaus angenehmer, ein Anderer zu sein.
Außerdem würdest du nichts gewinnen, wenn du dich nicht initiieren lässt. Im Gegenteil, selbst Verwandte dürften dich dann als Idioten beschimpfen. Denn als Anderer könntest du dich für sie einsetzen. So wie Semjon es erzählt hat… Jemand vergiftet einem Bauern das Vieh, und der Sohn, ein Anderer, sorgt dafür, dass ein Anderer die Sache untersucht. Die Blutsbande machen sich eben doch bemerkbar. Sie sind dicker als Wasser…
Ich erschauerte, als hätte ich einen Stromschlag bekommen. Sprang auf und starrte zum Assol hinüber.
Aus welchem Grund gab ein Lichter einem Menschen das leichtsinnige Verspechen, für ihn alles nur denkbar Mögliche zu tun?
Aus einem einzigen! Das war sie, die Spur!
»Ist dir eine Idee gekommen, Anton?«, erklang in meinem Rücken eine Stimme.
Ich drehte mich und erblickte Kostja. Er hatte, wie am Strand nicht anders zu erwarten, lediglich eine Badehose an, trug allerdings noch eine Sonnenbrille sowie einen weißen Kinderhut, der ihm wie ein orientalisches Käppchen auf dem Kopf thronte (bestimmt hatte er ihn ohne Gewissensbisse einem Kind weggenommen). »Brennt die Sonne?«, fragte ich höhnisch.
Kostja verzog das Gesicht. »Total. Hängt da im Himmel wie ein Bügeleisen… Ist dir etwa nicht heiß? »
»Doch«, gab ich zu. »Aber das ist eine andre Hitze.«
»Wollen wir die Sticheleien nicht lassen?«, fragte Kostja. Er setzte sich in den Sand und warf angeekelt eine Kippe beiseite.
»Ich bade jetzt nur nachts. Aber ich bin gekommen… um mit dir zu reden.«
Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Vor mir saß ein missmutiger junger Mann, der obendrein ein Untoter war. Aber ich erinnerte mich noch an den verschlossenen Jugendlichen, der verlegen vor meiner Tür stand. »Sie dürfen mich nicht einladen. Ich bin doch ein Vampir, ich könnte sonst eines Nachts wiederkommen und Sie beißen…«
Relativ lange hatte dieser Junge sich beherrschen können. Hatte nur Schweine– und Spenderblut getrunken. Davon geträumt, ein Lebender zu werden. »Wie Pinocchio«, brachte er irgendwann als Vergleich an, nachdem er Collodi gelesen oder den Film A. I. – Künstliche Intelligenz gesehen hatte.
Wenn Geser mich nicht losgeschickt hätte, um Vampire zu jagen…
Nein, Quatsch. Die Natur hätte so oder so das Ihre verlangt. Und Kostja seine Lizenz bekommen.
Trotzdem durfte ich mich nicht über ihn lustig machen. Ich hatte einen ungeheuren Vorteil – ich war ein Lebender.
Ich konnte mich mit alten Menschen unterhalten, ohne mich zu schämen. Denn darum ging es: um Scham. Viteszlav hatte sich um die Wahrheit herumgedrückt. Weder Angst noch Ekel hielten ihn von den Alten fern. Sondern Scham.
»Tut mir leid, Kostja«, sagte ich und legte mich neben ihn in den Sand. »Lass uns reden.«
»Ich glaube, die ständigen Bewohner des Assol haben mit dem Fall nichts zu tun«, begann Kostja finster. »Der Auftraggeber ist unter denjenigen zu suchen, die sich nur ab und an dort aufhalten. »
»Wir müssen alle überprüfen…«, seufzte ich theatralisch.
»Und dann haben wir noch eine kleine Aufgabe. Wir müssen den Verräter finden.«
»Dann müssen wir ihn suchen.«
»Ich seh schon, wie du ihn suchst… Dir ist doch klar, dass es einer von euch ist?«
»Wie kommst du denn darauf!«, empörte ich mich. »Es kann durchaus sein, dass ein Dunkler Mist gebaut hat…«
Eine Zeit lang diskutierten wir über die Situation. Offenbar waren wir zur selben Zeit zum selben Schluss gekommen.
Nur dass ich Kostja jetzt einen halben Schritt voraus war. Und nicht die Absicht hatte, ihm zu helfen.
»Der Brief befand sich in dem Stapel, den der Bauarbeiter zur Post gebracht hat«, meinte Kostja, der nicht ahnte, wie ich ihn auflaufen ließ. »Nichts leichter als das. Alle diese Gastarbeiter sind in einer alten Schule untergebracht, die jetzt eine Art Wohnheim ist. Im Parterre werden auf dem Tisch des Wachtposten die Briefe gesammelt. Morgens geht dann jemand zur Post und gibt sie auf. Einem Anderen dürfte es keine Mühe bereiten, ins Wohnheim zu gehen, den Blick des Wachtposten abzulenken… oder einfach abzuwarten, bis der seinen Platz einmal verlässt, um zur Toilette zu gehen. Dann steckt er den Brief in den großen Stapel. Das war's! Ohne jede Spur. »
»Einfach und sicher«, stimmte ich zu.
»Und typisch für die Lichten«, meinte Kostja stirnrunzelnd. »Lasst andre für euch die Kastanien aus dem Feuer holen.«
Aus irgendeinem Grund nahm ich ihm das nicht krumm. Sondern grinste nur amüsiert und drehte mich auf den Rücken, um in den Himmel zu gucken, in die zärtliche gelbe Sonne.
»Gut, wir machen das ganz genauso…«, brummte Kostja. Ich schwieg.
»Was ist? Willst du mir etwa weismachen, ihr würdet niemals Menschen bei euren Operationen einsetzen?«, blaffte Kostja.
»Das kommt schon vor. Das haben wir schon getan. Aber wir verraten sie nicht.«
»Aber hier hat ein Anderer einen Menschen ja auch nur gebraucht und nicht verraten«, erklärte Kostja, sich selbst widersprechend und die»Kastanien«vergessend. »Also, ich glaube… Sollten wir diese Spur nicht weiterverfolgen? Bisher hat der Verräter alle Spuren sehr gut verwischt. Wir jagen einem Gespenst hinterher…«
»Angeblich haben vor ein paar Tagen zwei Security-Männer im Assol in den Büschen etwas Schreckliches beobachtet«, sagte ich. »Sie haben sogar angefangen zu schießen.«In Kostjas Augen loderte es auf. »Hast du das schon überprüft?«
»Nein«, sagte ich. »Ich arbeite undercover und habe dazu keine Möglichkeit.«
»Soll ich das vielleicht machen?«, fragte Kostja eifrig. »Ich sag auch, dass du das…»
»Mach das«, beschloss ich.
»Danke, Anton!«Kostjas Gesicht erstrahlte in einem Lächeln, und er stieß mir recht schmerzhaft mit der Faust gegen die Schulter. »Trotz allem bist du ein prima Kerl! Danke!«
»Mach es ordentlich«, konnte ich mir nicht verkneifen, »vielleicht bekommst du dann ja eine Extralizenz.«
Sofort verstummte Kostja. Sein Blick verfinsterte sich. Er starrte zum Fluss hinunter.
»Wie viele Menschen hast du umgebracht, um ein Hoher Vampir zu werden?«, wollte ich wissen. »Spielt das für dich eine Rolle? »
»Es… interessiert mich.«
»Geh halt irgendwann in eure Archive und guck nach«, meinte Kostja mit schiefem Lächeln. »Das dürfte doch nicht so schwer sein, oder?«
Natürlich war das nicht schwer. Trotzdem hatte ich nie einen Blick in Kostjas Dossier geworfen. Ich wollte das nicht wissen…
»Onkel Kostja, gib mir meinen Hut wieder!«, fiepte jemand in unserer Nähe mit fordernder Stimme.
Ich schielte zu einem kleinen, etwa vierjährigen Mädchen hinüber, das auf Kostja zugerannt kam. Also doch, hatte er tatsächlich ein Kind ausgeschaltet und ihm den Hut geklaut…
Gehorsam zog Kostja jetzt den Hut vom Kopf und gab ihn dem Mädchen.
»Kommst du heute Abend wieder zu uns?«, fragte das Mädchen, während es mich anguckte und die Lippen spitzte. »Erzählst du mir ein Märchen? »
»Hm«, nickte Kostja.
Das Mädchen strahlte und lief zu einer jungen Frau, die in der Nähe ihre Sachen zusammenpackte. Ließ nur noch aufgewirbelten Sand erkennen…
»Hast du völlig den Verstand verloren?!«, brüllte ich und schnellte hoch. »Ich sollte dich gleich hier an Ort und Stelle zu Asche verbrennen!«
Vermutlich machte ich ein fürchterliches Gesicht. »Was glaubst du denn?«, rief Kostja sofort. »Was glaubst du bloß, Anton? Das ist meine Nichte! Ihre Mutter ist meine Schwester! Sie wohnen in Strogino, ich wohne vorübergehend bei ihnen, damit ich nicht durch die ganze Stadt fahren muss!«Ich erstarrte.
»Hast du geglaubt, ich würde Blut aus ihr heraussaugen?«, fragte Kostja, der mich noch immer erschrocken anstarrte. »Dann geh hin und überzeug dich! Sie hat keine Bisswunden! Das ist meine kleine Nichte, verstehst du? Für sie würde ich alles tun.«
»Puh«, schnaubte ich. »Was hätte ich denn sonst denken sollen? »Kommst du heute Abend wieder zu uns?«, »Erzählst du mir ein Märchen?«…«
»Typisch für einen Lichten…«, kommentierte Kostja schon etwas gelassener. »Wo ich schon ein Vampir bin, verhalte ich mich gleich wie ein Schwein. So ist es doch, oder?«
Noch war unser brüchiger Waffenstillstand zwar nicht aufgehoben, hatte sich aber in den üblichen kalten Krieg verwandelt.
Kostja saß da und kochte vor Wut, ich saß da und ärgerte mich über mich selbst und über meine voreiligen Schlussfolgerungen. Für Kinder unter zwölf Jahren werden keine Lizenzen ausgegeben, und Kostja ist kein Idiot und würde nicht ohne Lizenz auf Jagd gehen… Immer würde uns etwas trennen.
»Du hast doch eine Tochter«, meinte Kostja plötzlich. »Hast doch auch so ein kleines Mädchen, oder? »
»Jünger«, erwiderte ich. »Und besser.«
»Na klar, wo sie deine Tochter ist, muss sie auch besser sein«, grinste Kostja. »In Ordnung, Gorodezki. Ich hab's verstanden. Vergessen wir das. Und vielen Dank für den Tipp.«
»Keine Ursache«, wiegelte ich ab. »Vielleicht haben diese Security-Leute gar nichts gesehen. Sondern nur Wodka getrunken, gekifft…«
»Wir werden das überprüfen«, meinte Kostja munter. »Wir überprüfen alles.«
Er strich sich mit der Hand über den Kopf und stand auf. »Du gehst?«, fragte ich.
»Es ist heiß«, antwortete Kostja, während er in den Himmel hinaufschielte. »Ich verschwinde.«
Das tat er in der Tat. Nachdem er zuvor von allen Menschen um uns herum den Blick abgelenkt hatte. Nur ein diffuser Schatten hing noch eine Sekunde in der Luft. »Angeber«, murmelte ich und drehte mich auf den Bauch.
Ehrlich gesagt war mir auch heiß. Aber ich hatte mich nun mal in die Entscheidung verbissen, nicht zusammen mit dem Dunklen aufzubrechen.
Außerdem musste ich noch über etwas nachdenken, bevor ich mich an die Security-Leute im Assol wandte.
Viteszlav hatte ordentliche Arbeit geleistet. Als ich das Büro des Chefs der Security-Firma betrat, begrüßte dieser mich mit einem freudestrahlenden Lachen. »Was für ein angenehmer Besuch!«, rief er, während er diverse Papiere zur Seite schob. »Tee? Kaffee? »
»Kaffee«, antwortete ich.
»Andrej, bring uns Kaffee«, ordnete der Mann an. »Und eine Zitrone.«
Dann machte er sich am Tresor zu schaffen und. beförderte eine Flasche guten georgischen Kognak zu Tage.
Der Angestellte, der mich zum Büro des Security-Chefs gebracht hatte, wirkte leicht entgeistert. Sagte aber kein Wort.
»Was haben Sie denn für Fragen?«, erkundigte sich der Mann, während er mit raschen Schnitten die Zitrone zerteilte. »Wollen Sie einen Kognak, Anton? Der ist gut, Ehrenwort!«
Ich wusste noch nicht mal, wie er hieß… Der alte Chef der Security-Leute hatte mir besser gefallen. Der war mir gegenüber wenigstens ehrlich gewesen.
Aber der alte Chef hätte mir nie die Information gegeben, die ich jetzt zu bekommen hoffen durfte.
»Ich muss mir die persönlichen Akten von allen Mietern ansehen«, meinte ich. Und fügte dann lächelnd hinzu: »In einem Haus wie diesen überprüfen Sie doch sicher alle, oder?«
»Natürlich«, pflichtete der Chef mir sofort bei. »Geld ist ja gut und schön, aber hier sollen anständige Leute wohnen, wir brauchen keine nichtsnutzigen Mafiosi… Möchten Sie alle persönlichen Akten?«
»Ja«, sagte ich. »Von allen, die hier eine Wohnung gekauft haben, unabhängig davon, ob sie hier auch wohnen oder nicht.«
»Und möchten Sie die Dossiers zu den eigentlichen Wohnungsinhabern oder zu denen, auf deren Namen die Wohnungen laufen?«, hakte der Chef freundlich nach. »Zu den eigentlichen Besitzern.«Der Chef nickte und hantierte abermals am Safe herum. Zehn Minuten später saß ich hinter seinem Schreibtisch und blätterte die ordentlichen, nicht sehr dicken Mappen durch. Aus verständlicher Neugier fing ich bei mir selbst an.
»Brauchen Sie mich noch?«, wollte der Security-Chef wissen.
»Nein, vielen Dank.«Ich taxierte die Zahl der Mappen. »In einer Stunde bin ich fertig.«
Der Mann ging und zog leise die Tür hinter sich zu. Ich vertiefte mich in die Lektüre.
Anton Gorodezki war, wie sich herausstellte, mit Swetlana Gorodezkaja verheiratet, mit der er die zweijährige Tochter Nadeshda hatte. Ihm gehörte ein kleines Unternehmen, das Milchprodukte vertrieb. Milch, Kefir, Quark, Joghurt…
Die Firma kannte ich. Ein normales Tochterunternehmen der Nachtwache, das für uns Geld erwirtschaftete. Davon unterhielten wir rund zwanzig in Moskau, in ihnen arbeiteten normale Menschen, die nicht die geringste Ahnung hatten, an wen die Gewinne eigentlich flossen.
Kurzum, alles bescheiden, einfach und schlicht. Auf der Mauer, auf der Lauer, wer da wohl kauert? Eben, die Anderen. Da konnte ich ja wohl schlecht mit Wodka handeln…
Ich legte mein Dossier zur Seite und nahm mir die übrigen Mieter vor.
Natürlich brachte das nichts – und es konnte ja kaum viele Informationen über die Menschen geben. Schließlich ist ein Security-Unternehmen – und sei es das eines noch so luxuriösen Wohnkomplexes – nicht das KGB.
Allerdings brauchte ich auch fast nichts. Bloß Informationen über Verwandte. Vor allem über die Eltern.
Als Erstes legte ich diejenigen zur Seite, deren Eltern gesund und munter waren. Auf einen zweiten Stapel packte ich die Mappen von denjenigen, deren Eltern gestorben waren.
Vor allem interessierten mich die einstigen Heimkinder – von ihnen gab es zwei – und diejenigen, bei denen in der Spalte von Vater oder Mutter ein Strich gezogen war.
Von Letzteren gab es acht.
Diese Fälle legte ich vor mich, um sie genauer zu studieren.
Ein Heimkind sortierte ich sofort aus, das laut Dossier Kontakte zu Verbrecherkreisen unterhielt. Im letzten Jahr war der Mann nicht in Russland gewesen und hatte ungeachtet der Bitte der Justizbehörden nicht die Absicht zurückzukehren. Dann schied ich zwei Kinder mit nur einem Elternteil aus.
Der eine Mann stellte sich als schwacher Dunkler Magier heraus, den ich von einem belangslosen Fall her kannte. Den würden sich jetzt vermutlich die Dunklen vorknöpfen. Wenn sie nichts rauskriegen sollten, hatte der Mann mit der Sache nichts zu tun.
Der zweite Mann war ein recht bekannter Schlagersänger, von dem ich absolut zufällig wusste, dass er seit drei Monaten auf einer Auslandstournee weilte, in den USA, Deutschland und Israel. Vermutlich verdiente er sich das Geld für die Modernisierung zusammen.
Es blieben noch sieben. Eine gute Zahl. Auf sie konnte ich mich jetzt konzentrieren.
Ich öffnete die Mappe und las sie gründlich. Zwei Frauen, fünf Männer… Wer kam für mich in Frage?
Chlopow, Roman Lwowitsch, 42 Jahre, Geschäftsmann… Das Gesicht rief keine Assoziationen hervor. Ob er es war? Vielleicht…
Komarenko, Andrej Iwanowitsch, 31 Jahre, Geschäftsmann… Was für ein entschlossenes Gesicht! Und noch relativ jung… Er? Möglicherweise… Nein, unmöglich! Ich legte die Akte des Unternehmers Komarenko zur Seite. Ein Mann, der mit dreißig Jahren eine hübsche Stange Geld für den Bau von Kirchen opfert und sich durch seine»überdurchschnittliche Religiosität«auszeichnet, hegt nicht den Wunsch, sich in einen Anderen zu verwandeln.
Rawenbach, Timur Borissowitsch, 61 Jahre, Geschäftsmann… Er wirkte relativ jung für sein Alter. Der entschlossene junge Andrei Iwanowitsch hätte bei einer Begegnung mit Timur Borissowitsch respektvoll den Blick abgewandt. Mir selbst kam das Gesicht bekannt vor, sei es vom Fernsehen, sei es…
Ich legte die Mappe weg. Bekam feuchte Hände. Über meinen Rücken lief ein Kälteschauder.
Nein, nicht aus dem Fernseher, genauer: Nicht nur aus dem Fernseher kannte ich dieses Gesicht… Das konnte nicht sein!
»Das kann nicht sein!«, wiederholte ich meinen Gedanken laut. Ich goss mir einen Kognak ein und trank ihn auf ex. Dann sah ich mir das Gesicht von Timur Borissowitsch noch einmal an. Ein ruhiges, intelligentes Gesicht mit leicht asiatischem Einschlag. Das konnte nicht sein.
Ich öffnete die Mappe und begann zu lesen. Er wurde in Taschkent geboren. Der Vater… war nicht bekannt. Die Mutter… starb bei Kriegsende, als der kleine Timur noch keine fünf Jahre alt war. Danach wuchs er in einem Kinderheim auf. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Bauzeichner, danach ein Studium als Ingenieur. Karriere im Komsomol. Irgendwie gelang es ihm, um einen Parteibeitritt herumzukommen. Er hatte eine der ersten Baukooperativen der UdSSR gegründet, die sich übrigens weit stärker mit dem Handel importierter Herde und sanitärer Einrichtungen beschäftigte, als tatsächlich etwas baute. Er zog nach Moskau… gründete eine Firma… ging in die Politik… Ehe? Nein. Straffälligkeit? Nein. Zweite Ehe? Nein.
Ich hatte den Auftraggeber aus den Reihen der Menschen gefunden.
Aber was das Schrecklichste war: Ich hatte damit auch den abtrünnigen Anderen gefunden.
Und dieser Fund kam so überraschend, als sei das Universum eingestürzt.
»Wie konnten Sie nur«, meinte ich tadelnd. »Wie konnten Sie nur… Chef…«
Wenn man Timur Borissowitsch um zehn, fünfzehn Jahre verjüngen würde, dann wäre er Geser – mit zivilem Namen Boris Ignatjewitsch – wie aus dem Gesicht geschnitten, der vor sechzig Jahren in ebendieser Gegend gelebt hatte… Taschkent, Samarkand und andere Orte in Zentralasien…
Am stärksten erschütterte mich noch nicht mal das Verhalten des Chefs. Geser ein Verbrecher? Das war so unwahrscheinlich, dass ich mich nicht mal darüber aufregte. Mich erschütterte, wie leicht der Chef in eine Falle geraten war.
Geser war also vor sechzig Jahren im fernen Usbekistan Vater geworden. Danach hatte man ihm Arbeit in Moskau angeboten. Die Mutter des Jungen, eine gewöhnliche Frau, starb in den Kriegsjahren. Der kleine Mensch Timur, dessen Vater ein großer Magier war, kam ins Kinderheim…
Möglich ist alles. Geser brauchte von der Existenz seines Kindes nichts gewusst zu haben. Oder er hatte etwas gewusst, konnte sich aber aus verschiedenen Gründen nicht um das Schicksal des Jungen kümmern. Jetzt musste in dem Alten ein Hebel umgelegt worden sein, er bekam Sehnsucht nach ihm, traf sich mit seinem in die Jahre gekommenen Sohn und gab ihm das leichtsinnige Versprechen… Und das war in der Tat erstaunlich!
Seit Hunderten, seit Tausenden von Jahren spann Geser seine Intrigen. Kein Wort sprach er unbedacht aus. Und dann lief er so in die Falle? Kaum vorstellbar. Aber Tatsache.
Man brauchte kein Experte für Physiognomie zu sein, um in Timur Borissowitsch und Boris Ignatjewitsch nahe Verwandte zu erkennen. Selbst wenn ich schwiege, würden die Dunklen dahinter kommen. Oder die Inquisitoren. Sie würden den älteren Geschäftsmann in die Zange nehmen… Oder nein, weshalb sollten sie ihn bedrängen? Wir sind keine üblen Erpresser. Wir sind die Anderen. Viteszlav bräuchte ihm nur in die Augen zu sehen, Sebulon nur mit den Fingern zu schnippen, und schon würde Timur Borissowitsch alles so frei heraus erzählen, als sitze er im Beichtstuhl. Was würde Geser dann tun?
Ich dachte nach. Nun… Wenn er zugab, dass er selbst die Briefe abgeschickt hatte… hieße das, er hatte keine schlimmen Hintergedanken gehegt… Schließlich durfte er sich grundsätzlich einem Menschen gegenüber zu erkennen geben…
Kurz ging ich in Gedanken die einzelnen Punkte des Vertrages, der Ergänzungen und Nachbesserungen, der Präzedenzfälle und Ausnahmen, Kommentare und Fußnoten durch. Eine komische Situation.
Geser würde bestraft werden, aber nicht sehr streng. Im Höchstfall eine Rüge vom Europabüro der Nachtwache. Und irgendwas Aufsehenerregendes, aber wenig Sinnvolles von der Inquisition. Selbst seinen Posten könnte Geser behalten. Nur…
Ich stellte mir vor, was daraufhin in der Tagwache losbrechen würde. Wie Sebulon feixen würde. Mit welch unverhohlener Neugier die Dunklen über Gesers Familienangelegenheiten herfallen und seinem menschlichen Sohn einen Gruß zukommen lassen würden.
Sicher, in den Jahren, die Geser schon hinter sich hatte, hätte sich jeder ein dickes Fell zugelegt. Gelernt, Spott zu ertragen. Trotzdem würde ich jetzt nicht mit ihm tauschen wollen!
Und auch unsere Leute neigten zur Ironie. Nein, niemand würde Geser einen Vorwurf machen. Oder hinter seinem Rücken über ihn tuscheln.
Ein Grinsen hier und da, das ja. Ein verständnisloses Kopfschütteln. Und Geflüster: »Er wird doch alt, der Große, ja, er wird alt…«
Heute kannte ich Geser gegenüber keine hündische Unterwürfigkeit und keine Begeisterung mehr. Zu oft beurteilten wir die Dinge völlig unterschiedlich. Manches konnte ich ihm bis heute nicht verzeihen… Aber so in der Tinte zu sitzen!
»Was hast du da bloß gemacht, Großer?«, sagte ich. Dann legte ich die Mappen in den offenen Tresor zurück und goss mir ein weiteres Glas Kognak ein. Konnte ich Geser helfen? Wie? Indem ich mich als Erster an Timur Borissowitsch wandte?
Wie dann weiter? Sollte ich ihn mit einem Schweigezauber belegen? Den nur wahre Meister aufheben könnten?
Und wenn der Geschäftsmann Russland verlassen musste? Fliehen musste, als seien sämtliche Gangsterbanden der Stadt und auch alle Justizorgane hinter ihm?
Vielleicht würde er das sogar tun. Sich irgendwo in der Tundra oder in Polynesien verstecken.
Geschah ihm ganz recht. Sollte er doch für den Rest seines Lebens Robben jagen oder Kokosnüsse von den Palmen schlagen! Schließlich hatte er zur»Herrscherin über das Meer«werden wollen…
Ich nahm den Telefonhörer, wählte die Nummer der Zentrale unseres Büros. Dann noch die Durchwahl für das Rechenzentrum. »Ja?«, erklang im Hörer Toliks Stimme.
»Tolik, du musst einen Menschen für mich durchleuchten. Sofort.«
»Gib mir den Namen, dann durchleuchte ich ihn«, erwiderte Tolik unerschütterlich.
Ich gab ihm alles durch, was ich von Timur Borissowitsch hatte in Erfahrung bringen können. »He, was brauchst du denn sonst noch?«, wunderte sich Tolik.
»Auf welcher Seite er schläft oder wann er das letzte Mal beim
Zahnarzt gewesen war?«
»Wo er jetzt ist«, meinte ich finster.
Tolik schnaubte, aber ich hörte, wie er am andern Ende der Leitung munter auf die Tastatur einschlug. »Er hat ein Handy«, sagte ich für alle Fälle.
»Versuch nicht, einen Weisen zu belehren. Er hat sogar zwei Handys… beide befinden sich… sind… Gut, ich lade jetzt die Karte…«Ich wartete.
»Wohnanlage Assol. Genauer kann es dir der CIA auch nicht sagen. Präzisere Angaben sind nicht möglich.«
»Ich schulde dir ein Fläschchen«, meinte ich und legte auf. Sprang hoch. Doch wozu die Eile? Schließlich saß ich vorm Bildschirm der Überwachungskameras. Ich musste nicht lange suchen.
Timur Borissowitsch betrat gerade den Fahrstuhl. Ihm folgte ein Pärchen mit steinernen Mienen. Zwei Bodyguards. Oder ein Bodyguard und der Chauffeur, der obendrein den zweiten Leibwächter abgab.
Ich stellte den Bildschirm ab und stürmte los. Rannte in den Flur – gerade rechtzeitig, um den Chef der Security-Firma zu treffen.
»Hatten Sie Erfolg?«, fragte er freudestrahlend. »Hm«, nickte ich ihm im Lauf zu.
»Brauchen Sie noch weitere Hilfe?«, rief mir der Mann fürsorglich hinterher. Ich schüttelte nur den Kopf.



























