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Wächter des Zwielichts
  • Текст добавлен: 29 сентября 2016, 04:49

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Автор книги: Сергей Лукьяненко



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»Dann kommen eben auch Geser, Sebulon, Swetlana, Olga… haben die Dunklen noch weitere starke Magier?«Ich sah Kostja an.

»Die werden sich finden«, wich Kostja aus. »Reichen unsere Kräfte denn? »

»Gegen einen einzigen Anderen?«

»Der nicht irgendein Anderer ist«, erinnerte mich Edgar. »Der Legende zufolge haben sich mehrere hundert Magier zusammengefunden, um Fuaran zu töten.«

»Dann werden auch wir unsere Kräfte zusammenziehen. Die Nachtwache hat fast zweihundert Mitarbeiter, in der Tagwache sind es nicht weniger. Hinzu kommen noch Hunderte von Reservisten. Jede Seite kann mindestens tausend Andere aufstellen.«

»Die in der Regel schwach sind, sechster, siebter Grad. Die echten Magier, vom dritten Grad an aufwärts, zählen nicht mehr als ein paar Hundert.«Edgar sprach so überzeugt, dass kein Zweifel aufkommen konnte: Er hatte die Variante eines direkten Kräftemessens tatsächlich schon in Gedanken durchgespielt. »Das könnte reichen, wenn die Dunklen und die Lichten durch Inquisitoren unterstützt werden, die Amulette einsetzen und beide Kräfte vereinen. Aber es muss nicht reichen. Dann würden die stärksten Kämpfer sterben, und der Täter hätte freie Hand. Meinst du nicht, dass er genau darauf hofft?«Ich schüttelte den Kopf.

»Darüber habe ich nämlich schon nachgedacht«, meinte Edgar mit düsterer Genugtuung. »Der Täter kann den Zug als Falle benutzen, in die alle starken Magier Russlands tappen. Er könnte den ganzen Zug mit Zaubern beladen haben, die wir nicht spüren.«

»Warum machen wir uns dann überhaupt noch die Mühe?«, fragte ich. »Warum sind wir dann hier? Eine Atombombe – und alle unsere Probleme wären gelöst.«

»Ja«, meinte Edgar nickend. »Wir brauchten eine Atombombe, denn sie geht durch alle Schichten des Zwielichts hindurch. Aber zunächst müssen wir sicherstellen, dass uns das Zielobjekt nicht im letzten Moment entwischt. »

»Schlägst du dich jetzt auf Sebulons Seite?«, wollte ich wissen.

Edgar seufzte. »Ich schlage mich auf die Seite des gesunden Verstandes. Bei einer vollständigen Überprüfung des Zuges unter Hinzuziehung etlicher Kräfte droht uns ein magisches Gemetzel. Die Menschen sterben jedoch so oder so. Sprengen wir den Zug – ja, dann würden mir die Menschen leid tun. Aber immerhin würden wir auf diese Weise weltweite Konflikte vermeiden. »

»Aber wenn es noch eine Chance gibt…«, setzte ich an.

»Die gibt es«, pflichtete Edgar mir bei. »Deshalb schlage ich vor, unsere Suche fortzusetzen. Kostja und ich schnappen uns meine Jungs als Hilfe und durchkämmen den Zug – gleichzeitig vom ersten und vom letzten Waggon aus. Wir werden Amulette einsetzen und gegebenenfalls versuchen, den Verdächtigen durchs Zwielicht zu überprüfen. Und du sprich noch mal mit Lass. Schließlich gehört er immer noch zu unseren Verdächtigen.«

Ich zuckte mit den Schultern. All das erinnerte mich bloß schrecklich an die Imitation einer Suche. Im tiefsten Herzen hatte Edgar bereits kapituliert. »Wann ist die Stunde X?«, fragte ich.

»Morgen Abend«, antwortete Edgar. »Wenn wir durch die menschenleeren Landstriche bei Semipalatinsk kommen. Dort sind sowieso schon Bomben gezündet worden… ein taktischer Sprengkörper mehr richtet dort keinen großen Schaden an. »

»Erfolgreiche Jagd«, sagte ich und ging aus dem Abteil.

Das war doch Wahnsinn. Das alles war nur eine Zeile in einem Bericht, an dem Edgar innerlich schon schrieb. »Ungeachtet der ergriffenen Maßnahmen konnten weder der Täter lokalisiert noch das Fuaran sichergestellt werden…«

Ab und zu hatte ich schon mal darüber nachgedacht, ob die Inquisition nicht eine reale Alternative zu den Wachen ist. Womit beschäftigen wir uns denn schon? Wir grenzen Menschen und Andere voneinander ab. Achten darauf, dass die Menschen durch die Handlungen der Anderen nur minimal betroffen sind. Gewiss, praktisch ist das unmöglich, denn einige Andere sind von Natur aus Parasiten. Und die Widersprüche zwischen Dunklen und Lichten sind nun mal so, dass Konfrontationen unvermeidlich sind.

Aber es gibt noch die Inquisition, sie steht über den Wachen, sie bewahrt das Gleichgewicht, sie ist die dritte Kraft und die abgrenzende Struktur einer höheren Ordnung, sie korrigiert die Fehler der Wachen… Und jetzt stellte sich raus: Dem ist nicht so.

Es gibt keine dritte Kraft. Es gibt sie nicht – und hat sie nie gegeben.

Die Inquisition ist das Werkzeug, um Dunkle und Lichte voneinander abzugrenzen. Mehr nicht. Sie achtet auf die Einhaltung des Großen Vertrages, aber nicht im Interesse der Menschen, sondern ausschließlich im Interesse der Anderen. Die Inquisition, das sind die Anderen, die wissen: Wir sind alle Parasiten, ein Lichter Magier ist um keinen Deut besser als ein Vampir.

Und in der Inquisition zu arbeiten heißt, sich damit abzufinden. Es heißt, endgültig erwachsen zu werden, den naiven jugendlichen Maximalismus gegen einen gesunden erwachsenen Zynismus einzutauschen. Anzuerkennen, dass es Menschen gibt und dass es Andere gibt – und das die beiden nichts miteinander verbindet.

Bin ich bereit, das anzuerkennen? Ja, vermutlich.

Aber aus irgendeinem Grund will ich nicht in die Inquisition wechseln.

Lieber reiß ich in der Nachtwache meine Stunden ab. Gehe meiner absolut überflüssigen Arbeit nach, die darin besteht, absolut überflüssige Menschen zu schützen.

Und warum überprüfte ich dann nicht jetzt unsern einzigen Verdächtigen? Noch hatte ich Zeit.

Lass war bereits wach. Er saß in seinem Abteil, schaute finster auf die erbärmliche Landschaft draußen. Der Tisch war hochgeklappt, im Waschbecken kühlte er unter dem dünnen Wasserstrahl eine Flasche Kumys.

»Hier fehlt ein Kühlschrank«, sagte er traurig. »Selbst im besten Waggon ist kein Kühlschrank im Abteil vorgesehen. Willst du Kumys?«

»Ich habe bereits gefrühstückt. »

»Wann? »

»Na gut, ein klitzekleines Schlückchen…«, stimmte ich zu.

Den Kognak goss Lass in der Tat tröpfchenweise ein, gerade so viel, um die Lippen zu befeuchten. Wir tranken ex. »Was hat mich nur gestern gepikt?«, meinte Lass nachdenklich. »Sag mir mal ganz ehrlich, warum ein normaler Mensch plötzlich auf die Idee kommt, in Kasachstan Urlaub zu machen? Spanien, gut. Türkei, ja. Peking, ja – zum Kussfestival, falls du auf Extremtourismus stehst. Aber Kasachstan?«Ich zuckte mit den Schultern.

»Das muss eine merkwürdige Fluktuation meines Bewusstseins gewesen sein«, sagte Lass. »Ich habe einfach gedacht…»

»Und jetzt willst du aussteigen«, fuhr ich fort.

»Richtig. Und dann steige ich in den nächsten Zug wieder ein. In die entgegengesetzte Richtung.«

»Eine kluge Entscheidung«, sagte ich ehrlich. Erstens waren wir damit einen Verdächtigen los. Zweitens würde ein anständiger Mensch gerettet.

»In ein paar Stunden sind wir in Saratow«, überlegte Lass laut. »Da steige ich aus. Ich rufe jetzt meinen Geschäftspartner an und bitte ihn, mich abzuholen. Saratow ist eine schöne Stadt. »

»Und was ist daran schön?«, wollte ich wissen.

»Nun…«Abermals füllte Lass unsere Becher, diesmal etwas großzügiger. »Im Gebiet von Saratow leben seit Jahrhunderten Menschen. Das unterscheidet es auch aufs Vorteilhafteste von den Gebieten im Hohen Norden und ähnlichen Gegenden. Zur Zarenzeit gab es dort ein Gouvernement, das jedoch in der Entwicklung etwas hinterherhinkte. Nicht umsonst hat Tschazki gesagt: »Auf in die Wildnis, auf nach Saratow!«Heute ist es das Industrie– und Kulturzentrum der Region, ein großer Eisenbahnknotenpunkt.«

»Nun übertreib mal nicht«, merkte ich vorsichtig an. Mir war nicht klar, ob er das ernst meinte oder einfach Unsinn faselte, bei dem er Saratow leicht durch Kostroma, Rostow am Don oder jede x-beliebige andre Stadt hätte austauschen können.

»Das Wichtigste dort ist der Eisenbahnknotenpunkt«, erklärte Lass. »Ich werde in einem McDonald's essen – und dann ab nach Hause. Außerdem gibt es dort noch eine alte Kathedrale, die werde ich bestimmt besichtigen. Damit habe ich die Reise nicht umsonst gemacht, oder?«

Ach ja, hatte unser unbekannter Gegner am Ende doch nicht richtig aufgepasst. Die Intervention war zu schwach und verflog innerhalb von vierundzwanzig Stunden.

»Und weshalb wolltest du nun unbedingt nach Kasachstan?«, fragte ich noch einmal.

»Ich habe es dir doch schon gesagt: einfach so«, seufzte Lass.

»Wirklich einfach so?«

»Na ja… ich habe so rumgesessen, nichts Böses ahnend, die Saiten meiner Gitarre gewechselt. Plötzlich klingelt das Telefon. Jemand hatte sich verwählt, wollte irgendeinen Kasachen sprechen… den Namen habe ich schon wieder vergessen. Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, fing ich an darüber nachzudenken, wie viele Kasachen in Moskau leben. Auf meiner Gitarre waren gerade genau zwei Saiten aufgezogen, wie bei einer Dombra, so einer Art kasachischer Balalaika. Ich spannte sie und fing an zu klimpern. Das war komisch. Denn es kam irgendeine Melodie heraus… die sich in mir festsetzte und mich betörte. Da habe ich gedacht: Jetzt fahre ich nach Kasachstan! »

»Eine Melodie?«, hakte ich nach.

»Hmm. Eine betörende, lockende. Die Steppe, Kumys, all das…«

Ob es doch Viteszlav gewesen war? Ein normaler Mensch bemerkt die Magie in der Regel nicht. Aber die Magie der Vampire steht zwischen richtiger Magie und sehr starker Hypnose. Sie ist auf Blickkontakt angewiesen, auf Geräusche, eine Berührung – auf einen wenn auch minimalen Kontakt zwischen Vampir und Mensch. Und sie hinterlässt Spuren: Der Mensch meint, einen Blick zu spüren, eine Berührung, ein Geräusch zu hören… Ob der alte Vampir uns alle betrogen hatte?

»Anton«, sagte Lass nachdenklich. »Du handelst doch nicht wirklich mit Milch, oder?«Ich schwieg.

»Wenn da irgendwas wäre, was den FSB interessieren könnte, dann würde ich mir vor Angst in die Hosen pinkeln«, fuhr Lass fort. »Nur glaube ich, dass auch der FSB in meiner Situation Angst hätte.«

»Wir wollen diese Frage nicht weiter vertiefen, ja?«, schlug ich vor. »Das ist besser.«

»Hmm«, stimmte Lass mir schnell zu. »Gut. Was ist? Kann ich in Saratow aussteigen?«

Ich nickte. »Steig aus und fahr nach Hause. Danke für den Kognak. »

»Zu Befehl«, entgegnete Lass. »Ich helfe immer gern.«

Mir war nicht klar, ob er mich verarschte. Bei manchen Menschen ergibt sich diese Art zu sprechen wohl von selbst.

Lass und ich drückten uns recht feierlich die Hand, ich trat in den Gang hinaus und steuerte auf meinen Waggon zu.

Also doch Viteszlav? Ach ja, dieser schlaue Kerl… dieser verdiente Mitarbeiter der Inquisition!

Jagdfieber packte mich. Natürlich konnte Viteszlav sich die Unvorstellbarkeit des Ganzen zunutze machen und sich als sonst wer tarnen. Als dieser Rotzbengel von zwei Jahren, der vorsichtig aus einem Abteil herausspähte. Als diese dicke junge Frau mit den geschmacklosen, großen goldenen Ohrringen. Als Waggonbetreuer, der um Edgar herumscharwenzelte. Warum nicht? Sogar als Edgar oder Kostja…

Ich blieb stehen, sah auf den Vampir und den Inquisitor, die vor unserer Abteiltür im Gang standen. Und wenn er wirklich…

Nein, stopp. Langsam werde ich wahnsinnig. Alles ist möglich – aber nicht alles geschieht auch. Ich bin ich, Edgar ist Edgar, Viteszlav ist Viteszlav. Sonst könnte ich gar nicht arbeiten.

»Es gibt was Neues«, sagte ich, als ich zwischen Kostja und Edgar trat.

»Ja?«, meinte Edgar.

»Lass ist von einem Vampir manipuliert worden. Er erinnert sich… dass er so etwas wie Musik gehört hat, die ihn zur Reise aufgefordert hat.«

»Wie poetisch«, schnaubte Edgar. Er lächelte jedoch nicht, lobte mich aber: »Musik? Das klingt sehr nach einem Blutsau… entschuldige, Kostja. Nach einem Vampir.«

»Du könntest dich auch einer politisch korrekten Ausdrucksweise bedienen: nach einem Hämoglobinabhängigen«, meinte Kostja, wobei er die Lippen zu einem Lächeln verzog.

»Das Hämoglobin hat damit nichts zu tun, das weißt du selbst«, fuhr Edgar ihn an. »Gut, das ist eine Spur.«Plötzlich lächelte er und klopfte mir auf die Schultern. »Du bist hartnäckig. Nun denn, so hat der Zug eine Chance. Wartet hier auf mich.«

Mit schnellen Schritten ging Edgar den Gang hinunter. Ich glaubte schon, er wolle zu seinen Kämpfern, aber Edgar betrat das Abteil des Zugführers und schloss hinter sich die Tür. »Was er wohl vorhat?«, fragte Kostja.

»Woher soll ich das wissen?«Ich schielte zu ihm hinüber. »Vielleicht gibt es ja spezielle Zaubersprüche, mit denen man einen Vampir erkennen kann.«

»Nein«, entgegnete Kostja scharf. »Das ist so wie bei allen Anderen. Wenn Viteszlav sich als Mensch tarnt, können wir ihn mit keinem Zauberspruch aufdecken. Das ist zu dumm…«

Er wurde nervös. Ich verstand ihn. Es ist schwer, der am stärksten diskriminierten Minderheit der Anderen anzugehören – und dann den eigenen Artgenossen zu jagen. Was hatte er mir mal gesagt… als ich noch ein junger, kühner Vampirjäger war: »Wir sind nur sehr wenige, Anton. Wenn einer von uns stirbt, spüren wir das sofort. »

»Kostja, hast du Viteszlavs Tod gespürt? »

»Was meinst du, Anton?«

»Du hast mal gesagt, dass ihr spürt, wenn… einer von euch stirbt.«

»Wir spüren es, wenn es ein Vampir mit Lizenz ist. Wenn ihn das Registrierungssiegel tötet – dann fühlen alle in der Nähe ein schmerzhaftes Echo. Viteszlav hatte kein Siegel.«

»Aber Edgar hat doch offenbar etwas vor?«, murmelte ich. »Ist das irgendein Trick der Inquisition?«

»Vermutlich.«Kostja kniff die Augen zusammen. »Warum, Anton? Warum sind wir die einzigen, die permanent gejagt werden… selbst von den eigenen Leuten? Die Dunklen Magier morden schließlich auch!«

Plötzlich redete er mit mir genauso wie früher. Als er noch ein unschuldiger Vampirjunge gewesen war… Obwohl: Wie kann ein Vampir unschuldig sein?

Und das war schrecklich, das stellte alles auf den Kopf. Verfluchte Fragen und verfluchte Vorherbestimmung, das alles präsentiert von jemandem, der diese Grenze bereits überschritten hatte. Der jagte und mordete…»Ihr mordet… um an Nahrung zu kommen«, sagte ich.

»Aber für Macht, für Geld, zum Spaß – das ist anständiger?«, fragte Kostja bitter. Er wandte sich mir zu und schaute mich an. »Warum… widert es dich so an, mit mir zu reden? Wir sind doch mal Freunde gewesen. Was hat sich bloß geändert? »

»Du bist ein Hoher Vampir geworden. »

»Ja, und? »

»Ich weiß, wie Vampire zu Hohen Vampiren werden, Kostja.«

Einige Sekunden lang sah er mir in die Augen. Dann zeichnete sich ein Lächeln auf seinen Lippen ab. Ein Vampirlächeln – bei dem du im Mund die Eckzähne zwar noch nicht sehen kannst, du die Dinger aber schon an deinem Hals spürst.

»Ach ja… Man muss das Blut unschuldiger junger Frauen und Kinder trinken, sie ermorden… Das alte, klassische Rezept. So ist Viteszlav ein Hoher Vampir geworden… Willst du damit sagen, du hättest niemals einen Blick in mein Dossier geworfen? »

»Ja«, bestätigte ich.

Er sackte förmlich in sich zusammen. Sein Lächeln wirkte mit einem Mal mitleidheischend und verwirrt. »Nicht einmal?«

»Genau«, antwortete ich, obwohl mir bereits schwante, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

Ungeschickt breitete Kostja die Arme aus – und dann legte er los, wobei er ausschließlich mit Konjunktionen, Interjektion und Pronomen auskam. »Ah… ha… wie… du… dabei… ich… aber du…«

»Ich schaue nicht gern in das Dossier eines Freundes«, sagte ich und fügte dummerweise hinzu: »Selbst wenn es ein ehemaliger Freund ist.«

»Und ich habe gedacht, du hättest es dir angesehen«, sagte Kostja. »Gut. Wir leben im 21. Jahrhundert, Anton. Also…«Er griff in die Tasche seines Jacketts und zog sein Fläschchen heraus. »Das ist ein Konzentrat… Spenderblut. Zwölf Menschen haben ihr Blut gegeben… Man muss niemanden umbringen. Hämoglobin hat in der Tat nichts damit zu tun! Wichtiger sind die Emotionen, die ein Mensch empfindet, wenn er Blut spendet. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie viele Menschen eine Todesangst davor haben und trotzdem zum Arzt gehen, um Blut für ihre Verwandten zu spenden. Mein persönliches Rezept… das Sauschkin-Rezept. Meist spricht man jedoch vom Sauschkin-Cocktail. Vermutlich steht das im Dossier.«

Triumphierend sah er mich an – und konnte einfach nicht begreifen, warum ich nicht lächelte. Warum ich nicht schuldbewusst murmelte: »Kostja, verzeih mir, ich habe dich für ein Arschloch und einen Mörder gehalten… dabei bist du ein ehrlicher Vampir, ein guter Vampir, ein moderner Vampir…«

Ja, auch das war er. Ehrlich, gut und modern. Nicht umsonst hatte er in einem Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für Hämatologie gearbeitet.

Aber warum hatte er die Zusammensetzung erwähnt? Das Blut von zwölf Menschen?

Obwohl schon klar war, warum. Woher sollte ich den Inhalt des Fuaran kennen? Woher sollte ich wissen, dass für den Zauber eben das Blut von zwölf Menschen nötig ist?

Viteszlav standen keine zwölf Menschen zur Verfügung. Er konnte den Zauber aus dem Fuaran nicht wirken und seine Kraft auf diese Weise nicht erhöhen. Aber Kostja hatte sein Fläschchen.

»Anton, was hast du?«, fragte Kostja. »Warum sagst du denn nichts?«

Gerade trat Edgar aus dem Abteil des Zugführers, sagte etwas, drückte dem Mann die Hand und kam auf uns zu, auf den Lippen immer noch ein zufriedenes Lächeln. Ich starrte Kostja an. Und las alles in seinen Augen. Er hatte verstanden, dass ich verstanden hatte.

»Wo hast du das Buch versteckt?«, fragte ich. »Sag's. Das ist deine letzte Chance. Deine einzige Chance. Mach dich nicht unglücklich…«

In dem Augenblick schlug er zu. Ohne jede Magie – wenn man die übermenschliche Kraft eines Vampirs nicht als Magie betrachtet. Mit einem weißen Blitz explodierte die Welt, in meinem Mund knackten die Zähne, und mein Kiefer schien wie gelähmt. Ich flog bis ans eine Ende des Ganges und prallte auf einen Mitreisenden, der nicht rechtzeitig aus dem Weg gegangen war. Vermutlich sollte ich mich bei ihm bedanken, dass ich nicht das Bewusstsein verloren hatte – an meiner Stelle wurde er ohnmächtig.

Kostja stand da und rieb sich die Faust. Sein Körper flimmerte, weil er immer wieder kurz ins Zwielicht eintrat, weil er zwischen den Welten hin und her huschte. Wie hatte mich diese Besonderheit der Vampire einst fasziniert: Gennadi, Kostjas Vater, war über den Hof auf mich zugekommen, Kostjas Mutter Polina hatte dem damals noch so jungen Vampir den Arm um die Schulter gelegt… wir sind gesetzestreu… wir ermorden niemanden… was müssen wir auch ausgerechnet mit einem Lichten Magier Tür an Tür leben! »Kostja?!«, rief Edgar und blieb stehen.

Langsam drehte ihm Kostja den Kopf zu. Ich sah nicht, spürte aber, wie er die Zähne fletschte.

Edgar riss die Hände hoch, worauf den Gang eine trübe Mauer versperrte, die an Bergkristall erinnerte. Möglicherweise durchschaute er noch nicht hundertprozentig, was hier vor sich ging – doch die Instinkte des Inquisitors funktionierten einwandfrei.

Kostja stieß ein tiefes Heulen aus und drückte mit den Händen gegen die Mauer. Die gab nicht nach. Der Waggon erbebte, hinter mir fing eine Frau an, langsam und gedehnt zu kreischen. Kostja schwankte hin und her und versuchte, Edgars Verteidigung zu durchbrechen.

Ich hob die Hand und schickte eine»graue Andacht«auf Kostja, jenen alten Zauber gegen die Untoten. Jeden Organismus, der sich aus seinem Grab erhoben hat, kein Bewusstsein besitzt, sondern nur durch den Willen eines Zauberers lebt, hackt die»graue Andacht«kurz und klein. Vampiren nimmt sie die Schnelligkeit und Stärke.

Kostja drehte sich um, als die dünnen grauen Fäden ihn im Zwielicht umwickelten. Er kam auf mich zu und schüttelte sich – worauf der Zauber sich sofort auflöste. Niemals hatte ich eine derart grobe, aber effektive Arbeit gesehen.

»Stör mich nicht!«, brüllte er. Kostjas Gesicht war spitz geworden, die Eckzähne hatten sich jetzt wirklich gebildet. »Ich will dich nicht… ich will dich nicht umbringen…«

Ich konnte mich hochrappeln und kroch über den zu Boden gegangenen Mann in ein Abteil. Auf den oberen Liegen fingen irgendwelche Männer mit beeindruckenden Fratzen an zu winseln, und zwar keinesfalls schlechter als jene Frau, die vor der Toilettentür stand und schrie. Über den Fußboden rollten Gläser und Flaschen.

Mit einem Sprung tauchte Kostja in der Türfüllung auf. Er bedachte die Männer mit einem einzigen Blick – und sie verstummten.

»Ergib dich…«, flüsterte ich, während ich mich vor dem Tisch auf den Boden setzte. Mit meinem Kiefer stimmte was nicht – er schien zwar nicht ausgerenkt, aber jede Bewegung tat mir weh.

Kostja lachte. »Ich erledige euch alle hier… Wenn ich will. Komm mit mir, Anton. Komm! Ich will nichts Böses! Was hast du bei der Inquisition verloren? Was bei den Wachen? Wir werden alles verändern!«Er sprach absolut aufrichtig. Sogar bittend.

Warum musste er der Allerstärkste werden, um sich diese Schwäche zu leisten? »Wach auf…«, flüsterte ich.

»Du bist ein Idiot! Ein Oberidiot!«, brüllte Kostja, während er einen Schritt auf mich zumachte. Er streckte die Hand aus. Seine Finger mündeten bereits in Krallen. »Du…«

Eine offene Flasche Posolskaja, aus der träge der Wodka tropfte, fiel mir von selbst in die Hände. »Es ist an der Zeit, Brüderschaft zu trinken«, sagte ich.

Er schaffte es zwar auszuweichen, doch ein paar Spritzer trafen sein Gesicht dennoch. Kostja heulte auf und warf den Kopf in den Nacken. Selbst wenn du der Allerhöchste Vampir bist – Alkohol ist und bleibt Gift für dich.

Ich stand auf, griff mir vom Tisch ein nicht ausgetrunkenes Glas und holte aus. »Nachtwache!«, schrie ich. »Du bist verhaftet! Hände hinter den Kopf! Zieh die Eckzähne ein!«

Genau in diesem Moment zwängten sich drei Inquisitoren durch die Tür herein. Ob Edgar sie gerufen hatte? Oder ob sie selbst gespürt hatten, dass etwas nicht stimmte? Sie stürzten sich auf Kostja, der sich immer noch das blutüberströmte Gesicht rieb. Einer versuchte Kostja eine graue Metallscheibe an den Hals zu drücken, ein Ding, das bis zum Anschlag magisch aufgeladen sein musste…

Im nächsten Moment stellte Kostja unter Beweis, wozu er in der Lage war.

Mit dem Fuß trat er mir das Glas aus der Hand und presste mich mit dem Rücken gegen das Fenster. Der Rahmen knackte. Dort, wo eben noch Kostja gestanden hatte, erhob sich jetzt ein grauer Wirbel – und mit einer unsagbaren, nur Kinohelden eigenen Schnelligkeit hagelten Fausthiebe und Tritte auf mich ein. Von allen Seiten spritzte Blut und flogen Fleischfetzen durch die Luft, so, als ob jemand Frischfleisch mit einem Mixer püriere.

Dann sprang Kostja in den Gang, sah sich um – und schlüpfte durchs Fenster, als bemerke er die dicke Doppelglasscheibe gar nicht. Umgekehrt bemerkte die Scheibe ihn auch nicht.

Kostja tauchte noch einmal kurz im Fenster auf, dann schlüpfte er seitlich nach unten weg – der Zug hatte ihn hinter sich gelassen.

Wann immer ich von diesem Vampirtrick gehört hatte, hatte ich ihn als reines Phantasieprodukt abgetan. Selbst in Nachschlagewerken stand unter dem Eintrag zu den Möglichkeiten»in der realen Welt durch Wände und Fenster zu gehen«, ein verschämtes»n.b.«, ein»nicht bewiesen«.

Im Abteil lagen zwei Inquisitoren in einem formlosen Haufen. Sie waren derart zerfetzt, dass niemand auf die Idee kam, ihren Puls zu fühlen.

Der dritte hatte Glück gehabt, er saß auf einer Liege und hielt sich eine Bauchwunde. Der Boden schwamm in Blut.

Die Reisenden in den oberen Liegen schrien nicht mehr. Der eine hatte den Kopf unter ein Kissen gesteckt, der zweite sah mit starren Augen nach unten und kicherte leise.

Ich kroch unterm Tisch hervor und trat auf wackligen Beinen in den Gang hinaus.


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