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Wächter des Zwielichts
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Автор книги: Сергей Лукьяненко



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Vier

Das Schicksal, das nach Überzeugung unserer Magier nicht existierte, war mir wohlgesonnen.

Im Foyer des Assol (dieser Raum sollte nicht Treppenhaus genannt werden!) erblickte ich die Alte, mit der ein Gespräch anzufangen der Vampir sich fürchtete. Sie stand am Fahrstuhl und schaute nachdenklich auf die Knöpfe.

Ich betrachtete sie durchs Zwielicht – und konnte mich davon überzeugen, dass die Alte total verzweifelt war. Fast schon panisch. Die professionellen Security-Leute würden ihr nicht zu Hilfe eilen, denn äußerlich wirkte die Alte absolut gelassen.

Entschlossen trat ich an die ältere Dame heran. In der Tat: eine»ältere Dame«. Das bescheidene, gute russische Wort»Alte«traf es überhaupt nicht.

»Entschuldigen Sie, aber kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?«, fragte ich.

Die ältere Dame schielte zu mir hinüber. Ohne den üblichen Argwohn alter Menschen, eher beschämt.

»Ich habe vergessen, wo ich wohne«, gestand sie. »Wissen Sie es zufällig?«

»Im zehnten Stock«, antwortete ich. »Darf ich Sie vielleicht hinbringen?«Die silbergrauen Locken, zwischen denen zarte rosafarbene

Haut hindurchschimmerte, gerieten kaum merklich in Bewegung.

»Achtzig Jahre«, erklärte die Alte. »Das weiß ich noch… Wenn es mir auch schwer fällt. Aber das habe ich nicht vergessen.«

Ich hakte mich bei der Dame ein und führte sie zum Aufzug. Einer der Security-Männer kam auf uns zu, doch meine Begleiterin älteren Semesters schüttelte den Kopf. »Der Herr bringt mich…«

Der Herr brachte sie. Ihre Tür erkannte die alte Dame wieder, sie beschleunigte sogar fröhlich den Schritt. Die Wohnung war nicht abgeschlossen und aufs Prachtvollste modernisiert und eingerichtet. Durch die Diele tigerte eine energische junge Frau um die zwanzig. »Und unten habe ich auch schon alles abgesucht!«, jammerte sie ins Handy. »Sie ist schon wieder entwischt…«

Unser Erscheinen begeisterte die Frau. Nur fürchtete ich, dass sowohl das freundliche Lächeln wie auch die rührende Sorge in erster Linie für mich bestimmt waren.

Sieh her, junge sympathische Frauen wie wir arbeiten in solchen Häusern nicht um des Geldes willen als Angestellte.

»Maschenka, bring uns einen Tee«, unterbrach die Alte ihr Gegacker. Vermutlich hegte auch sie keine Illusionen. »Ins große Zimmer.«

Die junge Frau stürmte beflissen in die Küche, nicht ohne mir vorher noch einmal zuzulächeln. »Es wird immer schlimmer mit ihr…«, flüsterte sie mir ins Ohr, wobei sie voller Bedacht ihren drallen Busen gegen mich presste. »Ich bin Tamara.«

Ich selbst wollte mich nicht vorstellen, warum auch immer. Stattdessen folgte ich der Alten einfach ins»große Zimmer«. In ein sehr großes Zimmer. Mit alten Möbeln aus der Stalinzeit und unübersehbar das Werk eines teuren Innenarchitekten. An den Wänden hingen Schwarzweißfotografien, die ich auf den ersten Blick ebenfalls für Details der Einrichtung hielt. Dann begriff ich jedoch, dass es sich bei der jungen, betörenden Schönheit mit den weißen Zähnen und der Pilotenmütze um keine Geringere als meine Dame handelte.

»Ich habe Bomben auf die Fritzen geworfen«, erklärte die Dame bescheiden, während sie an dem runden Tisch Platz nahm, auf dem eine bordeauxfarbene Samtdecke mit Fransen lag. »Kalinin selbst hat mir einen Orden überreicht…«

Völlig perplex setzte ich mich der einstigen Fliegerin gegenüber.

Frauen wie sie beschließen ihr Leben im besten Fall auf einer Staatsdatscha oder in einem dieser riesigen baufälligen Stalinbauten. Aber auf gar keinen Fall in einem elitären Wohnkomplex! Sie hat Bomben auf die Faschisten abgeworfen, nicht die Goldvorräte aus dem Reichstag geklaut!

»Mein Enkel hat mir die Wohnung gekauft«, erklärte die Alte, als habe sie meine Gedanken gelesen. »Eine große Wohnung. Aber ich kann mir einfach nichts merken… Ist mir zwar alles irgendwie nicht fremd, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern…«

Ich nickte. Ein guter Enkel, ohne Frage. Natürlich besorgt er der ordengeschmückten Oma eine teure Wohnung – die er später erben würde. Ein vernünftiger Zug. Und auf alle Fälle eine sehr gutmütige Geste. Nur das Hausmädchen hätte er sorgfältiger aussuchen sollen. Keine zwanzigjährige Frau, die sich um den Kapitalwert ihres jungen Gesichtchens und ihre gute Figur sorgte, sondern eine ältere, gestandene Krankenschwester…

Die Alte blickte nachdenklich zum Fenster hinaus. »Besser hätte ich es in diesen andern Häusern, diesen kleinen…«, meinte sie. »Das würde besser zu mir passen…«

Ich hörte jedoch nicht zu. Sondern blickte auf den Tisch, der mit zerknitterten Briefen mit dem Stempel»Unbekannt verzogen«übersät war. Kein Wunder: Bei den Adressaten handelte es sich sowohl um den Allunionsvorsteher Kalinin wie auch um den Generalissimus Jossif Stalin, den Genossen Chruschtschow und sogar den»lieben Leonid Iljitsch Breschnew«.

Die letzten Staatsoberhäupter hatte das Gedächtnis der Alten offenbar nicht mehr behalten können.

Man brauchte nicht die Fähigkeiten eines Anderen, um zu schlussfolgern, was für einen Brief die Alte vor drei Tagen abgeschickt hatte.

»Ich kann die Hände nicht in den Schoß legen«, jammerte die Alte, als sie meinen Blick auffing. »Ich bitte alle, mich in eine Schule zu schicken, eine Fliegerschule… Um der Jugend zu erzählen, wie wir damals gelebt haben…«

Trotzdem sah ich sie mir noch einmal durchs Zwielicht an. Und hätte beinah aufgeschrien.

Die alte Pilotin war eine potenzielle Andere. Freilich, ihre Kraft war nicht besonders groß, aber nicht zu übersehen!

Nur, sie in diesem Alter zu initiieren, das konnte ich mir nicht vorstellen. Mit sechzig Jahren, mit siebzig – aber mit achtzig?

Die Belastung würde sie umbringen. Sie würde als körperloser, wahnsinniger Schatten ins Zwielicht eingehen…

Alle kannst du nicht aufspüren. Selbst in Moskau nicht, wo es so viele Wächter gibt. Mitunter erkennen wir unsere Brüder und Schwestern zu spät!

Tamara trat ein, mit einem Tablett, auf dem Schälchen mit Gebäck und Pralinen, eine Teekanne und wunderschöne alte Tassen standen. Lautlos stellte sie die Schalen auf den Tisch.

Die Alte döste bereits, obwohl sie nach wie vor gerade und sicher auf dem Stuhl saß.

Leise stand ich auf. »Ich gehe dann«, meinte ich mit einem Nicken zu Tamara. »Passen Sie ein bisschen besser auf sie auf, sie vergisst schon mal, wo sie wohnt.«

»Ich lasse sie nicht aus den Augen!«, entgegnete Tamara, wobei sie mit den Wimpern klimperte. »Wie können Sie so was nur denken…«

Ich überprüfte auch sie. Keine Anlagen zur Anderen. Eine normale junge Frau. Auf ihre Art sogar gut.

»Schreibt sie viele Briefe?«, fragte ich sie und deutete ein Lächeln an.

Mein Lächeln fasste Tamara als Einladung auf, ebenfalls zu lächeln. »Die ganze Zeit! An Stalin, Breschnew… Komischer Humor, nicht wahr?«Kein Widerspruch meinerseits.

Von allen Cafes und Restaurants, mit denen das Assol gespickt war, hatte nur das Cafe im Supermarkt auf. Eine sehr sympathische Lokalität, die eine Ebene über den Kassen lag. Mit einem einzigartigen Blick auf den gesamten Supermarkt. Vermutlich machte es Spaß, dort einen Kaffee zu trinken, bevor man durch die Warenregale schlenderte, und sich die Route fürs Shopping zurechtlegte. Was für ein grauenvolles Wort, ein schrecklicher Anglizismus, der über das Russische hergefallen ist wie eine Zecke über wehrlose Beute!

Dort aß ich zu Mittag und gab mir alle Mühe, mich von den Preisen nicht einschüchtern zu lassen. Danach bestellte ich mir einen doppelten Espresso, kaufte mir ein Päckchen Zigaretten – ich rauche nicht oft – und versuchte, wie ein Detektiv zu denken. Wer hatte den Brief abgeschickt?

Ein abtrünniger Anderer oder ein Mensch, der Auftraggeber des Anderen?

Irgendwie schien das beiden nicht sonderlich viel zu bringen. Es war sogar völlig blödsinnig! Und die Version mit einem weiteren Menschen, der versuchte, eine Initiierung zu verhindern, schien mir reichlich melodramatisch.

Denke, Kopf, denke! Du hast es schon mit vertrackteren Problemen zu tun gehabt. Es gibt einen Anderen, der zum Verräter geworden ist. Er hat einen Auftraggeber. Jeweils ein Brief ist an die Wachen und die Inquisition geschickt worden. Also stammen diese Briefe vermutlich von einem Anderen. Einem starken, klugen Anderen, der viel weiß. Bleibt die Frage, wozu.

Vermutlich gab es darauf eine Antwort. Nämlich um diese Initiierung zu verhindern. Um uns den Auftraggeber auszuliefern und von der Pflicht entbunden zu sein, das gegebene Versprechen einzuhalten.

Folglich ging es nicht um Geld. Der Auftraggeber musste – wie auch immer! – Macht über den Anderen bekommen haben. Eine schreckliche, absolute Macht, die es ihm erlaubte, jede denkbare Forderung zu stellen. Zugeben, dass ein Mensch solche Gewalt über ihn erlangt hatte, konnte der Andere nicht. Weshalb er einen Rösselsprung wagte… Ha!

Ich zündete mir eine Zigarette an, nippte an meinem Kaffee. Wie ein Dandy lümmelte ich mich in dem weichen Sessel.

Allmählich kristallisierte sich ein Bild heraus. Wie kann ein Anderer zum Sklaven eines Menschen werden? Eines gewöhnlichen Menschen, mochte er noch so wohlhabend, einflussreich und klug sein…

Es gab nur eine Möglichkeit, und die gefiel mir überhaupt nicht. Unser geheimnisvoller Verräter musste sich in die gleiche Lage gebracht haben wie der goldene Fisch im Märchen. Er hatte dem Menschen sein Ehrenwort gegeben, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Auch der Fisch hatte nicht damit gerechnet, dass die meschuggene Alte – apropos Alte: Ich musste Geser mitteilen, das ich eine potenzielle Andere entdeckt hatte -, dass die meschuggene Alte Herrscherin über das Meer werden wollte. Und genau hier lag der Hund begraben.

Sowohl ein Vampir wie auch ein Tiermensch oder ein Dunkler Magier hätten auf das Versprechen gepfiffen.

Sie geben ihr Wort – und nehmen es wieder zurück. Fängt ein Mensch dann noch an, auf seinem Recht zu bestehen, gibt's einen Biss in den Hals.

Also musste ein Lichter Magier das unbedachte Versprechen gegeben haben! Konnte das sein? Ja.

Ohne weiteres. Wir alle sind leicht naiv, da hatte Kostja Recht. Man kriegt uns bei unseren menschlichen Schwächen, bei un-serm Schuldgefühl, bei allerlei romantischem Kram…

Also mussten wir den Verräter in unsern Reihen suchen. Er hat sein Wort gegeben, wir wissen bloß noch nicht, warum. Er sitzt in der Falle. Wenn ein Lichter Magier sein Versprechen nicht hält, muss er sich dematerialisieren…

Stopp! Auch das war nicht uninteressant. Ich kann einem Menschen versprechen, »alles Mögliche«für ihn zu tun. Doch wenn er mich um etwas Unmögliches bittet – keine Ahnung, worum genau, nichts, was schwierig, eklig oder verboten ist, sondern in der Tat um etwas, das sich nicht erfüllen lässt, zum Beispiel die Sonne auszulöschen oder einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln -, was würde ich dann antworten? Dass das nicht geht. Unter gar keinen Umständen. Und es stimmt ja, weshalb ich mich auch nicht zu dematerialisieren bräuchte. Mein Herr, mein Mensch müsste sich damit abfinden. Müsste etwas Neues verlangen: Geld, Gesundheit, eine umwerfende sexuelle Anziehungskraft, Erfolg bei Börsenspekulationen und ein Gespür für Gefahr – kurzum, die üblichen menschlichen Freuden, die ein starker Anderer ihm problemlos garantieren kann.

Aber der Verräter gerät in Panik! Und zwar so heftig, dass er seinen»Herrn«gleich beiden Wachen und der Inquisition ausliefert. Er steht mit dem Rücken zur Wand, fürchtet, für immer ins Zwielicht einzugehen.

Das heißt, es musste tatsächlich eine Möglichkeit geben, einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln!

Das heißt, das Unmögliche war möglich. Es gab einen Weg. Der nur wenigen offen stand, aber es gab ihn. Mir wurde unheimlich zumute.

Der Verräter musste einer von unsern ältesten und kundigsten Magiern sein. Nicht unbedingt ein Magier außerhalb jeder Kategorie, nicht unbedingt einer, der einen wichtigen Posten bekleidete. Aber einer, den das Leben Manches gelehrt hatte, einer, der die großen Geheimnisse kannte… Aus irgendeinem Grund fiel mir sofort Semjon ein.

Semjon, der mitunter Dinge weiß, deretwegen ihm, dem Lichten Magier, das Zeichen des Straffeuers an den Körper geheftet wird.

»Ich bin schon mehr als ein Jahrhundert alt…«Kann sein. Er weiß sehr viel. Wer noch?

Es gibt eine ganze Reihe alter, erfahrener Magier, die nicht in der Wache arbeiten. Sie leben in Moskau, sehen fern, trinken Bier, gehen zum Fußball…

Ich kannte sie nicht, das ist mein Problem. Diese weisen Magier, die sich aus unsern Angelegenheiten heraushalten, wollen nicht in den endlosen Krieg der Wachen verwickelt werden.

Wen sollte ich jetzt um Rat fragen? Wem konnte ich meine fürchterlichen Ahnungen darlegen? Geser? Olga? Letzten Endes zählten auch sie zum Kreis der potenziell Verdächtigen.

Selbst wenn ich nicht an ihre Leichtfertigkeit glauben konnte. Nach allem, was Olga durchgemacht hatte – über den durchtriebenen Geser brauchte man in diesem Zusammenhang kein Wort zu verlieren -, würde ihr ein solcher Lapsus nicht unterlaufen. Beide würden einem Menschen keine unerfüllbaren Versprechungen machen. Was auch für Semjon zutraf! Ich konnte nicht glauben, dass der weise, im ursprünglichen, allgemein gebräuchlichen Sinne weise Semjon in eine solche Falle laufen würde…

Also musste ein andrer unserer Meister den Fehler begangen haben.

Wie stünde ich da, wenn ich eine solche Beschuldigung vorbrächte? »Also, meines Erachtens ist einer von uns der Schuldige. Ein Lichter. Vermutlich Semjon. Oder Olga. Oder Sie selbst, Geser…«

Wie sollte ich danach noch zur Arbeit gehen? Wie meinen Kollegen ins Gesicht schauen?

Nein, einen solchen Verdacht konnte ich nicht aussprechen. Ich brauchte Gewissheit.

Irgendwie schien es nicht angemessen, die Kellnerin zu rufen. Daher ging ich zum Tresen und bat, mir noch einen Kaffee zu machen. Auf das Geländer gestützt, starrte ich nach unten.

Und entdeckte dort meinen nächtlichen Bekannten. Der Gitarrist und Sammler von albernen T-Shirts, der glückliche Besitzer eines großen englischen Klosetts, stand neben einem offenen Becken, in dem lebende Hummer krabbelten. Auf dem Gesicht von Lass spiegelte sich angestrengte Denkarbeit wider. Dann grinste er und schob seinen Wagen zur Kasse. Ich merkte auf.

Lass legte gemächlich seine bescheidenen Einkäufe aufs Fließband, unter denen eine Flasche tschechischer Absinth herausragte. »Wissen Sie«, meinte er beim Bezahlen, »da bei Ihrem Hummerbecken…«

Die Kassiererin lächelte und brachte mit ihrer ganzen Miene zum Ausdruck, dass es in der Tat ein solches Becken gebe, dass in ihm Hummer schwämmen und ein Paar dieser Gliederfüßer ganz ausgezeichnet zu Absinth, Kefir und Tiefkühlpelmenis passe.

»Also da«, fuhr Lass ungerührt fort, »habe ich gerade gesehen, wie ein Hummer auf den Rücken eines andern geklettert ist, dann den Beckenrand erklommen hat und unter den Tiefkühltruhen verschwunden ist…«

Die Frau blinzelte ein paar Mal. Kurz darauf erschienen zwei Security-Leute und eine kräftige Putzfrau an der Kasse. Sobald sie die schreckliche Nachricht von der Flucht hörten, stürzten sie auf die Tiefkühltruhen zu. Lass sah sich noch einmal im Supermarkt um und bezahlte.

Die Jagd nach dem nicht existierenden Hummer erreichte ihren Höhepunkt. Die Putzfrau fuchtelte mit ihrem Schrubber unter den Truhen herum, die Security-Männer wuselten um sie herum. »Zu mir«, schnappte ich auf, »treib ihn zu mir! Gleich hab ich ihn.«

Mit einem Ausdruck stiller Freude im Gesicht wandte sich Lass dem Ausgang zu.

»Schlag nicht so toll zu, sonst verbeulst du den Panzer, dann können wir das Ding nicht mehr verkaufen«, warnte einer der Security-Leute.

Während ich versuchte, das einem Lichten Magier unwürdige Lächeln von meinen Lippen zu scheuchen, nahm ich von der Barfrau meinen Kaffee entgegen. Nein, so einer würde bestimmt nicht mit einer Schere Buchstaben aus einer Zeitung ausschneiden. Das war viel zu langweilig. Mein Handy klingelte. »Hallo, Sweta«, sagte ich. »Wie geht's dir, Anton?«Diesmal lag weniger Sorge in ihrer Stimme.

»Ich trinke gerade einen Kaffee. Mit den Kollegen habe ich bereits gesprochen. Mit denen von den Konkurrenzfirmen.«

»Aha«, erwiderte Swetlana. »Gut gemacht. Brauchst du meine Hilfe, Anton? »

»Du gehörst doch nicht… zum Personal«, meinte ich verdutzt.

»Ja und?!«, blaffte Swetlana prompt. »Ich mach mir um dich Sorgen, nicht um die Wache!«

»Bislang ist das nicht nötig«, beruhigte ich sie. »Was macht Nadjuschka?«

»Sie hilft Mama Borschtsch kochen«, amüsierte sich Swetlana. »Wird wohl noch ein Weilchen dauern mit dem Mittagessen. Soll ich sie rufen? »

»Hm«, meinte ich entspannt und setzte mich ans Fenster.

Nadja kam jedoch nicht, denn sie wollte nicht mit ihrem Papa telefonieren. Mit zwei Jahren kommt solche Direktheit vor.

Ein Weilchen unterhielt ich mich noch mit Swetlana. Eigentlich wollte ich sie fragen, ob sie noch immer ihre dummen Vorahnungen hatte, ließ es dann aber doch bleiben. Ihre Stimme sagte mir bereits, dass dem nicht so war.

Schließlich beendete ich das Gespräch, legte das Handy jedoch nicht beiseite. Im Büro rief ich besser nicht an. Aber wenn ich nun mit jemanden privat sprechen wollte?

Außerdem musste ich doch wohl in die Stadt fahren, jemanden treffen, mich um meine Handelsgeschäfte kümmern und neue Verträge abschließen? Ich wählte Semjons Nummer. Genug des Detektivspiels. Lichte lügen einander nicht an.

Für Treffen, die nicht ganz beruflich, aber auch nicht völlig privat sind, gibt es nichts besseres als kleine Kneipen mit maximal fünf, sechs Tischen. Kneipen fand man früher in Moskau gar nicht. Wenn schon öffentliche Verköstigung, dann in einem Raum, in dem man wunderbar große Partys geben konnte.

Jetzt haben wir auch Kneipen.

Eine solche völlig unauffällige Lokalität lag im Zentrum, in der Soljanka. Die Haustür führte direkt auf die Straße hinaus, drinnen gab es fünf Tische, eine kleine Bar – im Assol sind selbst die Bartresen in den Wohnungen beeindruckender.

Auch das Publikum wirkte absolut durchschnittlich. Kein Club für Verfechter bestimmter Interessen, wie Geser sie so gern sammelt: Hier treffen sich die Taucher, hier die Profidiebe.

Die Küche konnte schon gar keine Extravaganz für sich beanspruchen. Zwei Sorten Bier vom Fass, diverse Alkoholika, Würstchen aus der Mikrowelle und Pommes. Fastfood.

Ob Semjon deshalb vorgeschlagen hatte, dass wir uns hier treffen? Er passte nämlich hundertprozentig in diese Kneipe. Auch ich fiel übrigens nicht sonderlich aus dem Rahmen…

Nachdem Semjon den Schaum geräuschvoll an den Glasrand gepustet hatte – nur in alten Filmen hatte ich dergleichen schon gesehen -, trank er den ersten Schluck von seinem Klinsker Goldbräu und sah mich friedfertig an. »Erzähl mal.«

»Hast du schon von der Krise gehört?«, packte ich den Stier gleich bei den Hörnern. »Von welche genau?«, wollte Semjon wissen. »Von der Krise mit den anonymen Briefen.«

Semjon nickte. »Ich habe gerade die zeitweilige Registrierung für unsern Gast aus Prag vorgenommen«, erzählte er mir sogar.

»Weißt du, was ich glaube«, sagte ich, wobei ich das Bierglas auf dem sauberen Tischtuch drehte. »Der Absender ist ein Anderer.«

»Ohne Zweifel!«, erwiderte Semjon. »Trink ruhig dein Bier. Wenn du willst, mach ich dich nachher wieder nüchtern. »

»Da wirst du keinen Erfolg haben, ich bin versiegelt.«

Mit zusammengekniffenen Augen sah Semjon mich an. Und musste erkennen, dass es stimmte und dass es über seine Kräfte ging, die für jede Magie undurchdringliche Schale aufzubrechen, die von keinem Geringeren als Geser um mich gelegt worden war.

»Also«, fuhr ich fort. »Wenn der Absender ein Anderer ist, was will er dann damit erreichen?«

»Die Isolierung oder Eliminierung des Menschen, der sein Auftraggeber ist«, antwortete Semjon gelassen. »Offenbar hat er ihm das leichtfertige Versprechen gegeben, aus ihm einen Anderen zu machen. Und jetzt kriegt er Muffensausen.«

Meine gesamten heroischen geistigen Mühen hätte ich mir sparen können. Semjon, der nicht direkt mit dem Fall befasst war, kam mit seinem eigenen Verstand problemlos genauso weit.

»Es ist ein Lichter Anderer«, sagte ich. »Warum?«, wunderte sich Semjon.

»Ein Dunkler hätte jede Menge Möglichkeiten, ein Versprechen nicht einzuhalten.«

Semjon dachte nach, kaute auf einem Stück Pommes herum und meinte dann, dass dem wohl so sei. Aber hundertprozentig wollte er die Verwicklung eines Dunklen in die Sache nicht ausschließen. Denn auch Dunkle könnten unüberlegt etwas schwören, woran sie dann gebunden seien. Sie könnten zum Beispiel etwas beim Dunkel schwören, die Urkraft als Zeuge anrufen. Danach kämen sie nicht so ohne weiteres davon los.

»Stimmt«, pflichtete ich ihm bei. »Trotzdem sind die Chancen größer, dass einer von unsern Leuten Mist gebaut hat.«Semjon nickte. »Ich war's nicht«, sagte er dann. Ich wich seinem Blick aus.

»Mach dir keinen Kopf«, beruhigte mich Semjon mit gelassener Stimme. »Du hast alles richtig analysiert und richtig gemacht. Auch wir können Mist bauen. Auch ich kann unbedacht handeln. Danke, dass du mit mir reden wolltest und nicht zum Chef gerannt bist… Ich gebe dir mein Wort, Lichter Magier Anton Gorodezki, dass ich die dir bekannten Briefe nicht abgeschickt habe und ihren Absender nicht kenne. »

»Weißt du, da bin ich sehr froh«, gab ich ehrlich zu.

»Und ich erst«, grinste Semjon. »Ich sage dir eins: Der Andere, der diesen Fehler gemacht hat, ist ein echter Dreckskerl. Nicht nur, dass er die Wachen mit in die Sache zieht, nein, auch noch die Inquisition. Entweder hat er nur Stroh im Kopf, oder er hat alles bestens kalkuliert. Im ersten Fall ist er erledigt, im zweiten wird er seine Haut retten können. Ich wette zwei zu eins, dass er ungeschoren davonkommt.«

»Kann man einen normalen Menschen also doch in einen Anderen verwandeln, Semjon?«, fragte ich. Ehrlichkeit ist die beste Politik.

»Ich weiß es nicht.«Semjon schüttelte den Kopf. »Früher habe ich gedacht, es sei unmöglich. Doch die letzten Ereignisse legen nahe, dass es irgendein Schlupfloch geben muss. Ein sehr enges, sehr unbequemes. Aber es muss da sein. »

»Warum unbequem?«, griff ich dieses Wort auf.

»Ansonsten würden wir diesen Weg gehen. Was für ein Plus, wenn wir beispielsweise aus dem Präsidenten einen von uns machen könnten! Ach, nicht nur aus dem Präsidenten, sondern aus allen mehr oder weniger einflussreichen Leuten. Es müsste einen Anhang zum Vertrag geben, der die Initiierung regelt, es gäbe die gleichen Konflikte, aber auf neuem Niveau.«

»Und ich dachte, das sei absolut verboten«, gab ich zu. »Die Mächtigen haben sich doch getroffen und vereinbart, dass Gleichgewicht nicht zu zerstören… und sich gegenseitig mit einer ultimativen Waffe gedroht…»

»Womit?«Semjon erstarrte.

»Mit einer ultimativen Waffe. Erinnerst du dich noch, wie du mir von Wasserstoffbomben mit gewaltiger Sprengkraft erzählt hast? Eine für uns, eine für die Amis… Vermutlicht gibt es in der Magie doch etwas Ähnliches…«

»Was redest du denn da, Anton!«Semjon lachte. »Solche Bomben gibt es nicht, das ist reine Phantasie, hat sich jemand ausgedacht! Beschäftige dich mal mit Physik! In den Ozeanen gibt es zu wenig schweres Wasser, als dass es zu einer permanenten thermonuklearen Reaktion kommen könnte!«

»Weshalb hast du mir das dann erzählt?«, fragte ich fassungslos.

»Wir haben damals allerlei dummes Zeug zusammengeredet. Ich habe nicht geglaubt, dass du das für bare Münze nehmen würdest…«

»Hohlkopf«, murmelte ich, während ich an meinem Bier nippte. »Danach habe ich übrigens nächtelang schlecht geschlafen…«

»Es gibt keine ultimative Waffe, du kannst beruhigt schlafen«, grinste Semjon. »Keine echte, keine magische. Und selbst wenn wir davon ausgehen, dass es möglich ist, gewöhnliche Menschen zu initiieren, muss die Prozedur wohl ausgesprochen schwierig sein, widerwärtig und mit Nebeneffekten. Mit einem Wort, alle lassen die Finger davon. Sowohl wir als auch die Dunklen.«

»Weißt du was von einer solchen Prozedur?«, hakte ich noch mal nach.

»Nein.«Semjon dachte nach. »Nein, ganz bestimmt nicht. Sich den Menschen gegenüber zu erkennen geben, ihnen entsprechende Befehle zu erteilen oder, sagen wir es mal so, sie als Freiwillige zu rekrutieren – all das ist schon vorgekommen. Aber dass man einen Menschen, den man braucht, in einen Anderen verwandelt hat, das ist mir noch nie zu Ohren gekommen.«Schon wieder eine Sackgasse. Ich nickte. Blickte düster in mein Bierglas.

»Verbeiß dich nicht in die Sache«, riet Semjon mir. »Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist der Andere ein Idiot oder ein absolut ausgebuffter Kerl. Im ersten Fall finden ihn die Dunklen oder die Inquisitoren. Im zweiten findet ihn niemand, aber man wird dem Menschen auf die Spur kommen und ihn von seinem seltsamen Wunsch abbringen. Solche Fälle hat es bereits gegeben…«

»Und was soll ich jetzt machen?«, fragte ich. »Ich beklag mich ja nicht, es ist schon interessant, an so einem komischen Ort zu leben. Vor allem auf Firmenkosten…«

»Dann genieß es«, riet Semjon gelassen. »Oder lässt dein Stolz das nicht zu? Möchtest du es allen zeigen und den Verräter finden? »

»Ich bringe Sachen nun mal gerne zu Ende«, gab ich zu.

Semjon lachte los. »Ich mach nun schon ein Jahrhundert lang nichts andres, als Sachen auf halber Strecke hinzuwerfen… Es hat da zum Beispiel mal einen hübschen kleinen Fall gegeben, wo das Vieh des reichen Bauern Besputnow im Gouvernement Kostroma vergiftet worden ist. Ein Fall, der es in sich hatte, Anton! Ein Rätsel! Eine verworrene Intrige! Eine magische Vergiftung, aber so raffiniert ausgeführt… das Gift war im Hanf! »

»Fressen Tiere denn Hanf?«Meine Neugier war geweckt.

»Wer würde ihnen denn welchen geben? Aus diesem Hanf hat der Bauer Besputnow seine Leinen gedreht. An diesen Schnüren hat er das Vieh geführt. Durch sie ist dann der Schaden angerichtet worden. Ein heimtückisches Gift, das langsam wirkte und absolut verheerend war. Und im Umkreis von hundert Werst gab es keinen einzigen registrierten Anderen! Ich habe mich dann in diesem Dorf eingenistet, um den Halunken zu suchen…«

»Habt ihr früher wirklich so ordentliche Arbeit geleistet?«, wunderte ich mich. »Wurde tatsächlich wegen Vieh, wegen irgendeines Bauern ein Wächter hinzugezogen?«

»Auch früher hat man mal so, mal so gearbeitet«, lächelte Semjon. »Der Sohn des Bauern war ein Anderer, er hat darum gebeten, dass wir uns um seinen Vater kümmern, der sich schon beinah aus dieser Schnur seinen Strick gedreht hätte… Also bin ich da hingefahren, ganz der einsame Wolf, habe einen Haushalt gegründet, hab sogar bei einer Witwe landen können. Nebenbei habe ich den Täter gesucht. Und verstanden, dass ich auf die Spur einer alten Hexe gestoßen bin, die sich sehr gut getarnt hatte, bei keiner Wache arbeitete und in keiner Liste geführt wurde. Kannst du dir vorstellen, was für eine Intrige sie angezettelt hat? Die Hexe war zwei-, dreihundert Jahre! Sie hatte so viel Kraft gesammelt, dass sie es mit einem Magier ersten Grades aufnehmen konnte! Wie ein Detektiv von Pinkerton habe ich… nach ihr gefahndet… Die Hohen Magier wollte ich nicht um Hilfe bitten, das war mir peinlich. Nach und nach habe ich dann einige Anhaltspunkte herausbekommen, den Kreis der Verdächtigen eingegrenzt. Zu ihnen gehörte übrigens auch jene Witwe, die mir so gewogen war…«

»Und weiter?«, fragte ich begeistert. Auch wenn Semjon gern aufschnitt, diese Geschichte schien zu stimmen.

»Nichts weiter«, seufzte Semjon. »In Petrograd ist es zum Aufstand gekommen. Die Revolution. Da konnte mir eine abgebrühte Hexe echt egal sein, das wirst du verstehen. Dort floss Menschenblut in Strömen. Ich wurde abbeordert. Ich wollte noch einmal zurück, habe aber nie die Zeit dazu gefunden. Dann ist das Dorf überflutet worden, alle wurden evakuiert. Vielleicht lebt die Hexe gar nicht mehr. »

»Schade«, sagte ich.

Semjon nickte. »Das ist meine Geschichte. Und von der Sorte habe ich noch Unmengen auf Lager. Also nimm's nicht so schwer und mach dich nicht verrückt!«

»Wenn du ein Dunkler wärst«, meinte ich, »wäre ich mir sicher, dass du den Verdacht nur von dir ablenken willst.«

Semjon grinste. »Ich bin kein Dunkler, Anton. Das weißt du genau.«

»Und du weißt nichts über die Initiierung von Menschen…«, seufzte ich. »Ich hatte so gehofft…«

Semjon wurde wieder ernst. »Anton, ich sage dir noch etwas. Die Frau, die ich mehr als alles auf der Welt geliebt habe, ist 1921 gestorben. An Altersschwäche.«

Ich sah ihn an – und wagte es nicht zu lächeln. Semjon machte keinen Spaß.

»Wenn ich gewusst hätte, wie ich aus ihr eine Andere machen kann…«, flüsterte Semjon, wobei er ins Nichts starrte. »Wenn ich es doch bloß gewusst hätte… Ich habe ihr meine Identität enthüllt. Habe alles für sie getan. Sie ist nie krank gewesen. Mit dreiundsiebzig sah sie mal gerade wie dreißig aus. Selbst in Petersburg während der Blockade hat es ihr an nichts gefehlt. Als die Rotarmisten ihren Schutzbrief gesehen haben, hat es ihnen die Sprache verschlagen. Ich hatte mir eine Vollmacht von Lenin besorgt… Aber mein Leben konnte ich ihr nicht geben. So etwas geht über unsere Kraft.«Er sah mir finster in die Augen. »Wenn ich gewusst hätte, wie ich Ljubow Petrowna hätte initiieren können…, hätte ich niemanden um Erlaubnis gebeten. Alles hätte ich auf mich genommen. Ich hätte mich dematerialisiert, wenn ich nur aus ihr eine Andere hätte machen können…«

Semjon stand auf. Seufzte. »Jetzt ist mir ehrlich gesagt alles egal. Ob es verboten ist, aus Menschen Andere zu machen, interessiert mich nicht im Geringsten. Und dich sollte es auch nicht um deinen Schlaf bringen. Deine Frau ist eine Andere. Deine Tochter ist eine Andere. Reicht dir dieses Glück nicht? Selbst Geser kann davon nur träumen.«

Er ging, während ich noch ein Weilchen am Tisch sitzen blieb und mein Bier austrank. Der Wirt – der auch Kellner, Koch und Barkeeper war – sah nicht einmal zu mir herüber. Als Semjon hinausgegangen war, hatte er vor den Tisch einen magischen Vorhang gezogen. Was bildete ich mir eigentlich ein?

Drei Inquisitoren waren hinter der Sache her. Der talentierte Vampir Kostja flatterte als Fledermaus ums Assol herum. Sie würden herausbekommen, wer ein Anderer werden möchte. Ganz bestimmt. Und den Absender würden sie finden – oder auch nicht.

Warum gab ich keine Ruhe?

Die Frau, die ich liebte, war eine Andere. Die außerdem freiwillig auf die Arbeit in der Wache, auf eine glänzende Karriere als Große Zauberin verzichtet hatte. All das wegen mir, diesem Idioten. Damit ich, der ich auf der zweiten Kraftstufe versauern würde, keine Komplexe bekam…


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