Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
сообщить о нарушении
Текущая страница: 4 (всего у книги 27 страниц)
Ja, genau so dachte ich allmählich. Einen guten Menschen mit Anlagen zum Anderen zu finden, ihn auf unsere Seite zu ziehen, das ist ein pures Vergnügen. Aber durchweg aus allen Andere zu machen wäre kindisch, gefährlich und verantwortungslos.
Ich hatte Grund, stolz zu sein. Keine zehn Jahre hatte ich gebraucht, um endgültig aufzuhören, ein Mensch zu sein.
Mein Morgen begann mit der Erkundung der Geheimnisse der Dusche. Mein Verstand trug den Sieg über das seelenlose Metall davon, ich duschte, sogar bei Musik, und stellte mir dann ein Frühstück aus Zwieback, Wurst und Joghurt zusammen. Durch den Sonnenschein stieg meine Laune gleich, ich setzte mich aufs Fensterbrett und frühstückte mit Blick auf die Moskwa. Aus irgendeinem Grund fiel mir ein, dass Kostja zugegeben hatte, Vampire könnten nicht in die Sonne gucken. Sonnenlicht verbrannte sie nicht, sie mochten es einfach nicht.
Allerdings hatte ich keine Zeit, lange über das traurige Schicksal meiner alten Bekannten nachzugrübeln. Ich musste jemanden suchen. Aber wen? Einen Anderen, der zum Verräter geworden war? Da befand ich mich nicht gerade in der besten Ausgangsposition. Seinen menschlichen Auftraggeber? Eine lange und mühevolle Angelegenheit.
Gut, beschloss ich, gehen wir nach den strengen Gesetzen des klassischen Kriminalromans vor. Was haben wir in der Hand? Einen Hinweis. Einen Brief, der aus dem Assol abgeschickt worden ist. Was bringt uns das? Nichts! Es sei denn, jemand hat gesehen, wer den Brief vor drei Tagen eingesteckt hat. Die Chancen, dass er sich daran erinnerte, standen natürlich nicht gerade gut…
Ich Idiot! Ich schlug mir sogar gegen die Stirn. Natürlich denkt ein Anderer nicht an die moderne Technik, denn die Anderen lieben komplizierte Technik nicht. Aber ich bin immerhin ein Computerfreak!
Das gesamte Territorium des Assol wird durch Videokameras überwacht!
Ich zog meinen Anzug an und band mir die Krawatte um. Bespritzte mich mit dem Eau de Cologne, das Ignat gestern für mich ausgesucht hatte. Steckte das Handy in die Innentasche…»Nur kleine Jungs und Verkäufer tragen das Handy am Gürtel!«So hatte Geser es mir beigebracht.
Das Handy war auch neu, ungewohnt. Mit irgendwelchen Spielen, eingebautem Player, einem Diktiergerät und weiterem in einem Telefon absolut überflüssigen Kram.
In der angenehm kühlen Stille des funkelnagelneuen Otis fuhr ich ins Vestibül hinunter. Und stieß als Erstes auf meinen nächtlichen Bekannten. Der jetzt noch seltsamer aussah…
Lass, in einem neuen Blaumann mit dem stolzen Aufdruck»Assol«auf dem Rücken, erklärte einem bedripsten älteren Mann, der genau so einen Overall trug, etwas. »Das ist kein Besen, verstehst du das denn nicht?«, klang es zu mir herüber. »Da ist ein Computer, der dir das Niveau der Verschmutzung des Asphalts anzeigt und dir sagt, welchen Druck das Spülwasser haben muss… Ich zeig's dir einfach…«Meine Beine trugen mich den beiden von selbst hinterher.
Vor dem Hauseingang standen zwei grell orangefarbene Kehrfahrzeuge. Mit Wasserbehälter, Tellerbürsten und kleiner Glaskabine für den Fahrer. Die Wagen beschworen die Erinnerung an ein Spielzeug herauf, als kämen sie direkt aus einem Märchenland, wo kleine Jungen und Mädchen fröhlich ihre Miniaturboulevards säuberten.
Geschickt kroch Lass in das Fahrerhäuschen eines der Wagen, der ältere Mann zwängte sich ebenfalls halb hinein. Er ließ sich von Lass etwas erklären, nickte und ging zu dem zweiten orangefarbenen Fahrzeug.
»Wenn du eine ruhige Kugel schieben willst, solltest du dein Leben lang irgendwo schwarz als Hausmeister arbeiten!«, vernahm ich Lass' Worte. Sein Fahrzeug setzte sich in Bewegung, die Bürsten kreisten munter, und er drehte seine Runden über den Asphalt. Der Hof, ohnehin sauber, nahm im Handumdrehen ein steriles Aussehen an. Hast du Töne! Was bedeutete das? Arbeitete Lass als Hausmeister im Assol?
Ich versuchte, mich leise davonzustehlen, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Doch Lass hatte mich bereits entdeckt, winkte mir fröhlich zu und fuhr mir entgegen. Die Bürsten brummten jetzt leiser.
»Einen wunderschönen Morgen!«, rief Lass und steckte den Kopf zum Fenster des Fahrerhäuschens raus. »Willst du's mal probieren?«
»Du arbeitest hier?«, fragte ich. Urplötzlich malte ich mir die phantastischsten Bilder aus: Lass wohnte überhaupt nicht im Assol, sondern hatte sich nur in einer der vorübergehend leeren Wohnungen eingenistet. Schließlich würde jemand, dem in einem solchen Luxusschuppen eine Wohnung gehörte, nicht den Hof kehren!
»Ich verdien mir was zu«, erklärte Lass ruhig. »Das ist ziemlich cool, musst du wissen! Morgens fährst du ein Stündchen über den Hof, als Frühsport sozusagen – und dafür bekommst du auch noch Geld. Und zwar nicht zu wenig!«Ich hüllte mich in Schweigen.
»Gefallen dir die Sachen beim Rummel?«, fragte Lass. »Diese Skooter, bei denen du für drei Minuten zehn Dollar zahlst? Und hier kriegst du sogar noch was dafür. Für dein eigenes Vergnügen. Oder nehmen wir mal die Computerspiele… Du sitzt da, fuhrwerkst mit dem Joystick herum…«
»Alles hängt davon ab, ob sie dich zwingen, den Zaun zu streichen…«, murmelte ich.
»Eben!«, triumphierte Lass. »Mich zwingt niemand. Mir macht es Spaß, den Hof zu fegen. Genau wie damals Lew Tolstoi das Heumähen. Nur muss mir niemand hinterherfegen, im Unterschied zum Grafen, bei dem die Bauern immer noch mal nachschneiden mussten… Ich bin hier eh gut angesehen und bekomme regelmäßig eine Prämie. Was ist nun, willst du 'ne Runde drehen? Ich kann dir übrigens auch was organisieren, wenn du willst. Professionelle Hausmeister kommen mit dieser Technik einfach nicht klar.«
»Ich denk drüber nach«, antwortete ich und beäugte die Bürsten, die sich munter drehten, das Wasser, das aus vernickelten Düsen spritzte, das funkelnde Fahrerhäuschen. Wer von uns wollte als kleiner Junge nicht den Wagen fahren, mit dem der Rasen gesprengt wurde? Damals, in der frühen Kindheit, als wir noch nicht davon träumten, Banker oder Killer zu werden…
»Überleg's dir, ich muss mich jetzt wieder an die Arbeit machen«, meinte Lass aufgeräumt. Der Wagen fuhr über den Hof, fegend, waschend, Dreck aufsaugend. Aus dem Fahrerhäuschen schallte es herüber:
Von Hausmeistern und Aufpassern eine ganze Generation
In den Weiten eines endlosen Winters ging einander verlor'n…
Ein jeder stürmte davon, zurück in sein Haus.
In unsrer Zeit, wo jeder Dritte wird zum Held erkor'n
Lassen sie die Finger vom Feuilleton
Schicken sie keine Telegramme in die Welt hinaus…
Leicht perplex kehrte ich zurück ins Vestibül. Von den Security-Leuten erfuhr ich, wo sich die Postabteilung des Assol befand. Dorthin ging ich. Die Post war offen. In einem gemütlichen Saal langweilten sich drei junge Frauen, hier stand auch ebenjener Kasten, in den besagter Brief gesteckt worden war. Unter der Decke flimmerten die Augen der Videokameras.
Alles in allem könnten auch wir ein paar professionelle Ermittler gut gebrauchen. Die wären sofort auf diesen Gedanken gekommen.
Ich kaufte eine Ansichtskarte mit einem hüpfenden Küken im Brutkasten und dem Aufdruck: »Ich vermisse meine Familie!«Nicht gerade lustig, aber ich wusste die Adresse von dem Dorf, in dem meine Familie Urlaub machte, sowieso nicht auswendig. Deshalb schickte ich die Karte mit einem hämischen Grinsen Geser nach Hause: seine Adresse kannte ich.
Ich unterhielt mich ein bisschen mit den Frauen. In einem derart elitären Haus zu arbeiten verlangte ohnehin, dass sie freundlich auftraten. Außerdem langweilten sie sich. Danach verließ ich die Post.
Und ging in die Sicherheitsabteilung im Parterre.
Hätte ich das Recht gehabt, auf meine Fähigkeiten als Anderer zurückzugreifen, hätte ich dem Security-Mann einfach Sympathie für mich eingeflößt und mir damit Zugang zu allen Videocassetten verschafft. Aber ich durfte meine Tarnung nicht aufgeben. Weshalb ich beschloss, den universellsten aller Sympathieheraufbeschwörer einzusetzen: Geld.
Von dem mir ausgehändigten Geld nahm ich hundert Dollar in Rubeln – mehr brauchte ich doch wohl nicht, oder? Damit ging ich ins Zimmer der Security-Leute, wo sich ein junger Mann in streng geschnittener Uniform langweilte.
»Guten Tag!«, begrüßte ich ihn mit freudestrahlendem Lächeln.
Mit seiner ganzen Miene drückte der Security-Mann seine uneingeschränkte Zustimmung zu meiner Einschätzung des heutigen Tages aus. Ich schielte zu den Monitoren vor ihm hinüber, mindestens ein Dutzend Videokameras übermittelten hier ihre Bilder. Vermutlich könnte er jeden x-beliebigen Moment wiederholen. Wenn das Ganze auf einer OAW gespeichert wurde (und wo sonst?), brauchten die Aufzeichnungen der letzten drei Tage noch nicht ins Archiv gewandert zu sein.
»Ich habe ein Problem«, erklärte ich. »Gestern habe ich einen komischen Brief bekommen…«Ich zwinkerte. »Von einer Frau. Soweit ich es verstanden habe, wohnt sie auch hier. »
»Einen Drohbrief?«, hakte der Mann nach.
»Nein, nein«, beschwichtigte ich ihn. »Ganz im Gegenteil… Aber die geheimnisvolle Unbekannte möchte ihr Inkognito wahren. Ob ich wohl mal sehen könnte, wer hier vor drei Tagen einen Brief abgeschickt hat?«Der Security-Mann dachte nach.
Und dann verdarb ich alles. Indem ich das Geld auf den Tisch legte. Und lächelnd»Ich wäre Ihnen sehr dankbar…«sagte.
Sofort erstarrte der Mann. Dann musste er mit dem Fuß auf einen Knopf gedrückt haben.
Zehn Sekunden später kamen zwei seiner Kollegen herein -ausgesprochen höfliche Männer, was sich bei ihrer massiven Statur recht komisch ausnahm -, die mich aufforderten, sie zu ihrem Chef zu begleiten.
Es gibt eben doch einen Unterschied – einen gewaltigen sogar – zwischen Staatsbeamten und einem privaten Security-Service…
Ob sie mich auch mit Gewalt zu ihrem Chef bringen würden? Wäre interessant, das einmal herauszukriegen. Schließlich handelt es sich bei ihnen nicht um die Miliz. Am Ende zog ich es aber doch vor, die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen, und schloss mich dem Zivilkonvoi an.
Der Chef der Security-Leute, ein älterer Mann, der ganz klar aus dem KGB oder der Miliz hervorgegangen war, schaute mich vorwurfsvoll an.
»Was haben Sie sich denn dabei gedacht, Herr Gorodezki…«, meinte er, während er den Ausweis, der mich berechtigte, das Gelände des Assol zu betreten, in den Fingern hin und her drehte. »Wir sind doch keine staatliche Institution…«
Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er nur zu gern meinen Assol-Ausweis zerrissen, einen seiner Männer gerufen und befohlen hätte, mich vom Gelände des elitären Wohnkomplexes zu jagen.
Zu gern hätte ich mich entschuldigt und ihm versichert, dass ich dergleichen nie wieder tun würde. Vor allem, weil es mir in der Tat peinlich war.
Nur war dies der Wunsch des Lichten Magiers Anton Gorodezki, aber nicht der des A. Gorodezki, Besitzer einer kleinen Firma, die mit Milchprodukten handelte. »Was ist denn eigentlich passiert?«, fragte ich. »Wenn Sie meine Bitte nicht erfüllen können, dann sagen Sie es doch einfach.«
»Und wozu das Geld?«, antwortete der Chef der Security-Leute mit einer Gegenfrage.
»Was für Geld?«, wunderte ich mich. »Ach… hat Ihr Mitarbeiter etwa geglaubt, ich biete ihm Geld an?«Der Security-Chef grinste.
»Ausgeschlossen!«, beteuerte ich. »Ich habe in meiner Tasche nach einem neuen Taschentuch gesucht. Meine Allergie macht mir heute zu schaffen. In meiner Tasche sammelt sich immer allerlei Kleinkram an, den ich erst rausholen musste… Dann konnte ich mir nicht mal mehr die Nase putzen.«Anscheinend war das übertrieben.
Der Chef hielt mir mit steinerner Miene meinen Assol-Aus-weis hin. »Vergessen wir den Zwischenfall«, schlug er ausgesprochen höflich vor. »Wie Sie verstehen, Herr Gorodezki, ist es Privatpersonen untersagt, die Aufzeichnungen unserer Überwachungskameras einzusehen.«
Ich spürte, dass dem Mann hauptsächlich der Ausdruck»allerlei Kleinkram«pikierte. Natürlich nagte hier niemand am Hungertuch. Aber sie schwammen auch nicht dermaßen im Geld, um hundert Dollar»Kleinkram«zu nennen.
»Verzeihen Sie einem alten Dummkopf«, bat ich seufzend und senkte den Kopf. »Ich habe wirklich… eine Belohnung anbieten wollen. Die ganze Woche bin ich zu Behörden gerannt, um meine Firma neu registrieren zu lassen… da muss das eine Art Reflex gewesen sein.«
Mit forschendem Blick sah mich der Chef der Security-Leute an. Schien ein wenig einzulenken.
»Meine Schuld«, bekannte ich. »Aber die Neugier hat mich einfach gepackt. Glauben Sie mir, ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen, weil ich darüber nachgegrübelt habe…»
»Dass Sie nicht geschlafen haben, sehe ich«, versicherte der Mann mit einem Blick auf mich. Und dann hielt er es nicht mehr aus. Die Neugier im Menschen ist einfach nicht totzukriegen. »Was wollen Sie denn nun eigentlich wissen?«
»Meine Frau ist mit meiner kleinen Tochter auf der Datscha«, berichtete ich. »Ich bin verdonnert worden, mich hier um tausenderlei Dinge zu kümmern und aufzupassen, dass die Handwerker endlich fertig werden… Und dann bekomme ich plötzlich diesen Brief. Einen anonymen Brief. Geschrieben von einer Frau. Und in dem Brief… nun, wie soll ich Ihnen das erklären… ein Kilo Koketterie und ein halbes Kilo Versprechungen. Stellen Sie sich das doch mal vor: Eine schöne Unbekannte träumt davon, Sie kennen zu lernen, wagt es aber nicht, den ersten Schritt zu machen. Wenn ich die Augen offen halte und rausbekommen würde, von wem der Brief ist, dann bräuchte ich nur noch auf sie zuzugehen…«
In den Augen meines Gegenübers funkelte ein belustigtes Feuerchen auf. »Und Ihre Frau ist auf der Datscha?«, wollte er wissen.
»Ja«, nickte ich. »Sie dürfen nicht glauben… ich habe keine ernsthaften Absichten. Ich will nur wissen, wer die Unbekannte ist. »
»Haben Sie den Brief dabei?«, wollte der Security-Chef wissen.
»Den habe ich gleich weggeworfen«, gestand ich. »Nachher sieht meine Frau ihn noch… Und dann soll mal einer beweisen, dass da absolut nichts gewesen ist. »
»Wann ist er abgeschickt worden? »
»Vor drei Tagen. Von hier, von unserer Postfiliale aus.«Der Mann dachte nach.
»Der Kasten dort wird einmal am Tag geleert. Abends«, erklärte ich. »Ich glaube nicht, dass viele Leute die Post benutzen. Vielleicht fünf, sechs pro Tag… Wenn ich mir nur mal anschauen könnte…«Der Mann schüttelte den Kopf. Grinste.
»Ich verstehe ja, dass es nicht geht«, räumte ich traurig ein. »Aber vielleicht könnten Sie sich dann einmal alles ansehen? Vielleicht war da ja gar keine Frau. Möglicherweise erlaubt sich mein Nachbar einen Scherz mit mir. Er ist… ein sehr alberner Mensch.«
»Etwa der aus dem neunten Stock?«Der Security-Chef verzog das Gesicht.
Ich nickte. »Schauen Sie sich doch mal alles an… Sagen Sie mir einfach, ob da eine Frau war oder nicht…«
»Dieser Brief kompromittiert Sie doch, oder?«, wollte der Mann wissen.
»In gewisser Weise schon«, bestätigte ich. »Gegenüber meiner Frau.«
»Damit haben Sie einen triftigen Grund, die Aufzeichnung anzusehen«, beschloss der Security-Chef. »Vielen Dank!«, rief ich. »Vielen herzlichen Dank!«
»Sehen Sie, so einfach kann das gehen«, entgegnete der Mann, nachdem er nach einer Kunstpause auf einen Knopf an der Tastatur für seinen Computer gedrückt hatte. »Und Sie wedeln mit Geld… Damit sind Sie zu Sowjetzeiten durchgekommen… aber jetzt…«
Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, erhob mich und stellte mich hinter ihn. Der Mann hatte nichts dagegen. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt – anscheinend brachte er sich auf dem Gelände des Assol nicht gerade um vor Arbeit.
Auf dem Bildschirm erschien das Bild der Postfiliale. Zunächst aus einer Ecke, sodass hervorragend zu erkennen war, was die Angestellten gerade taten. Dann aus einer andern, mit Blick auf den Eingang und den Briefkasten.
»Montag. Acht Uhr«, verkündete der Security-Chef feierlich. »Wie jetzt weiter? Wollen Sie zwölf Stunden auf den Bildschirm starren?«
»Ach ja…«Ich spielte den Enttäuschen. »Daran habe ich gar nicht gedacht.«
»Dann drücken wir doch mal auf diesen Knopf… nein, auf diesen hier… Und was sehen wir dann?«Das Bild wackelte leicht.
»Was denn?«, fragte ich, als hätte ich für unser Büro nicht ein analoges System durchgesetzt.
»Der Bewegungssucher!«, rief der Security-Chef triumphierend aus.
Zum ersten Mal tat sich etwas um halb zehn. Ein orientalisch aussehender Arbeiter betrat die Post. Und gab einen ganzen Stapel Briefe auf.
»Das ist wohl nicht Ihre Unbekannte?«, stichelte der Security-Mensch. »Er gehört zu den Bauarbeitern im zweiten Block«, erklärte er mir dann. »Die schicken dauernd Briefe nach Taschkent…«Ich nickte.
Der zweite Besucher kam um Viertel nach eins. Ein mir unbekannter Mann, der höchst solide wirkte. Ihm folgte ein Bodyguard.
Der Mann steckte keinen Brief ein. Überhaupt verstand ich nicht, was er auf der Post wollte: vielleicht die jungen Frauen beglotzen oder das Territorium des Assol erkunden. Beim Dritten handelte es sich um Lass!
»Ach nee!«, rief der Security-Mann. »Ist das nicht Ihr Spaßvogel von Nachbar? Der nachts seine Liedchen schmettert?«Was bin ich bloß für ein miserabler Ermittler…»Ja!«, flüsterte ich. »Sollte er wirklich…»
»Gut, sehen wir mal weiter«, erbarmte sich mein Gegenüber.
Danach, nach einer zweistündigen Mittagspause, strömten etliche Leute herein.
Drei weitere Mieter steckten Briefe ein. Alles Männer, die sehr seriös wirkten.
Dann eine Frau. Von etwa siebzig Jahren. Kurz vor Feierabend. Eine dicke Alte in prachtvollem Kleid und mit riesigen, geschmacklosen Perlen. Dünnes silbergraues dauergewelltes Haar.
»Die doch wohl nicht?«, feixte der Mann. Er stand auf und klopfte mir auf die Schulter. »Und? Ob es noch etwas bringt, weiter nach der geheimnisvollen Flirterin zu suchen?«
»Ist schon alles klar«, entgegnete ich. »Da hat sich jemand einen Spaß erlaubt!«
»Halb so wild, ein Späßchen hat noch niemandem geschadet«, philosophierte der Mann. »Aber eine Bitte habe ich noch an Sie… Sehen Sie doch zukünftig bitte von zweideutigen Gesten ab. Legen Sie kein Geld auf den Tisch, wenn Sie nicht vorhaben, jemanden zu bestechen.«Ich ließ den Kopf hängen.
»Wir selbst sind es, die die Menschen verderben«, meinte der Security-Mann bitter. »Verstehen Sie das? Wir selbst! Wir bieten einmal Geld an, zweimal… und beim dritten Mal verlangt man es von uns. Dann geht das Lamento los; Was bloß aus den Menschen geworden ist… Sie sind doch ein guter Mensch! Ein Licht in der Dunkelheit!«Erstaunt blickte ich den Mann an.
»Doch, doch, ein guter Mensch«, versicherte der Mann. »Dafür habe ich ein Gespür. In zwanzig Jahren bei der Kripo habe ich manches gesehen… Machen Sie das einfach nicht wieder, ja? Säen Sie um sich herum nicht das Böse aus.«
Es war lange her, dass ich mich das letzte Mal so geschämt hatte.
Einen Lichten Magier darauf hinzuweisen, nichts Böses anzurichten!
»Ich werde mir Mühe geben«, versprach ich. Schuldbewusst schaute ich dem Security-Mann in die Augen. »Vielen Dank für Ihre Hilfe…«
Der Mann antwortete mit keinem Wort. Seine Augen wurden glasig, rein und leer wie bei einem Baby. Der Mund stand ihm leicht offen. Die Finger hielten die Armlehnen des Sessels gepackt, die Knöchel traten weiß hervor. Der Gefrierzauber. Nicht schwer, absolut üblich.
Hinter mir stand jemand. Am Fenster. Ich sah ihn nicht, spürte ihn nur mit dem Rücken…
So schnell ich konnte, sprang ich zur Seite. Dennoch bekam ich den eisigen Atem der Kraft mit, die auf mich gerichtet war. Nein, das war kein Gefrierzauber. Aber etwas Vergleichbares aus dem Repertoire der Vampire. Einer ihrer kleinen Späße.
Die Kraft glitt über mich hinweg. Und entlud sich in dem unglückseligen Security-Mann. Der von Geser gefertigte Schild tarnte mich nicht nur, sondern schützte mich auch!
Ich prallte mit der Schulter gegen die Wand. Gleichzeitig riss ich die Arme nach vorn, hielt aber in letzter Sekunde inne und schlug nicht zu. Blinzelte. Und zog den Schatten meiner Lider vor meine Augen.
Am Fenster stand ein Vampir mit vor Anspannung gebleckten Zähnen. Ein hochgewachsener, mit den Gesichtszügen eines vornehmen Europäers. Ein Hoher Vampir, da gab's keinen Zweifel. Nicht so ein frühreifer wie Kostja. Mindestens dreihundert Jahre alt war er. Und seine Kraft hätte meine ganz bestimmt überstiegen.
Aber nicht Gesers! Dass ich ein Anderer war, konnte der Vampir nicht erkennen. Jetzt brachen all die unterdrückten Instinkte eines Untoten, die Hohe Vampire normalerweise im Zaum halten, aus ihm heraus. Keine Ahnung, was er in mir sah: einen besonderen Menschen, dessen Reaktionsvermögen sich mit dem eines Vampirs messen kann, ein mythisches»Halbblut«, das Kind einer Menschenfrau und eines Vampirmannes, einen nicht weniger phantastischen»Hexer«, der Jagd auf niedere Andere machte. Auf alle Fälle würde der Vampir keine Sekunde zögern, die Zügel schießen zu lassen und alles um sich herum kurz und klein zu schlagen. Sein Gesicht zerfloss – wie Knete, die über die Stirn eines Tierkopfs modelliert ist. Aus dem Oberkiefer ragten nun Eckzähne hervor, an den Fingern wuchsen ihm rasiermesserscharfe Krallen. Ein rasender Vampir ist etwas Schreckliches. Schlimmer ist nur noch ein abgeklärter Vampir.
Vor einem Duell mit unklarem Ausgang bewahrten mich meine Reflexe. Ich hielt mich zurück und schlug nicht zu, sondern schrie die traditionelle Formel bei einer Verhaftung heraus: »Nachtwache! Treten Sie aus dem Zwielicht!«
»Stopp!«, erklang in diesem Moment eine Stimme von der Tür her. »Das ist einer von uns!«
Erstaunlich, wie schnell sich der Vampir wieder im Griff hatte. Krallen und Eckzähne schrumpften ein, sein Gesicht schwabbelte, als sei es Sülze, während er nach und nach wieder den gefassten, vornehmen Ausdruck eines durch und durch erfolgreichen Europäers annahm. Und an diesen Europäer erinnerte ich mich noch gut: von der ruhmreichen Stadt Prag her, wo es das weltweit beste Bier und die weltweit schönste Gotik der Welt gibt. »Viteszlav?«, rief ich. »Was erlauben Sie sich denn?«
An der Tür stand natürlich Edgar. Der Dunkle Magier, der nach nur kurzer Arbeit in der Moskauer Tagwache zur Inquisition gewechselt war.
»Anton, das tut mir leid!«Der gelassene Balte wirkte in der Tat verunsichert. »Uns ist da ein kleiner Fehler unterlaufen. Das kann im Eifer des Gefechts schon mal vorkommen…«
Viteszlav war nun die Freundlichkeit in Person. »Nehmen Sie unsere Entschuldigungen an, Wächter. Wir haben Sie einfach nicht erkannt…«Sein Blick huschte rasch über mich hinweg, in seiner Stimme schwang Anerkennung mit. »Was für eine Tarnung… Meinen Glückwunsch, Wächter. Wenn das Ihre Arbeit ist, kann ich nur ehrfürchtig das Haupt neigen.«
Auf wen mein Schutzschild zurückging, erklärte ich nicht. Nur selten gelingt es einem Lichten Magier (und einem Dunklen übrigens auch, da braucht man kein Geheimnis draus zu machen), einen Inquisitor so befriedigend runterzuputzen.
»Was haben Sie dem Mann angetan?«, brüllte ich. »Er steht unter meinem Schutz!«
»Wie mein Kollege schon gesagt hat, dergleichen kann bei der Arbeit vorkommen«, erwiderte Viteszlav schulterzuckend. »Uns interessieren die Aufzeichnungen dieser Videokameras.«
Edgar schob den Sessel mit dem eingefrorenen Security-Mann kurzerhand zur Seite und kam auf mich zu. Lächelnd. »Es ist alles in Ordnung, Gorodezki. Wir bearbeiten doch denselben Fall, oder?«
»Habt ihr eine Genehmigung für… diese Art des Vorgehens?«, fragte ich.
»Wir haben jede Menge Genehmigungen«, presste Viteszlav kalt hervor. »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele.«
Vorbei. Er hatte seine Fassung zurückgewonnen. Und wollte es jetzt auf einen Streit ankommen lassen. Kein Wunder -schließlich hätte er sich beinahe seinen Instinkten überlassen, hätte seine Selbstbeherrschung verloren – für einen Hohen Vampir ein unverzeihbarer Fehler. »Wollen Sie sich davon überzeugen, Wächter?«In Viteszlavs Stimme schwang echte, ruhige Wut mit.
Natürlich darf sich ein Inquisitor anschreien lassen. Doch auch ich konnte jetzt nicht mehr zurück!
Es war Edgar, der die Situation rettete. Er hob die Hände und deklamierte theatralisch: »Das ist alles meine Schuld! Ich hätte Herrn Gorodezki erkennen müssen! Viteszlav, das ist mein persönliches Versäumnis! Verzeihen Sie!«
Ich streckte dem Vampir als Erster die Hand hin. »Richtig, wir bearbeiten denselben Fall. Ich habe einfach nicht erwartet, Sie hier zu sehen.«
Das stimmte. Viteszlav blickte kurz zur Seite. Dann ergriff er mit einem ausgesprochen freundlichen Lächeln meine Hand. Die Hand des Vampirs war warm… Ich wusste, was das hieß.
»Der Kollege Viteszlav ist gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen«, erklärte Edgar.
»Und hat es noch nicht geschafft, eine temporäre Registrierung vornehmen zu lassen?«, hakte ich nach.
Wie mächtig Viteszlav auch sein, welchen Posten er auch innerhalb der Inquisition bekleiden mochte, er blieb doch ein Vampir. Und musste die erniedrigende Prozedur der Registrierung über sich ergehen lassen.
Doch ich ritt nicht weiter auf der Sache herum. Im Gegenteil. »Wir können die notwendigen Formalitäten gleich hier hinter uns bringen«, schlug ich vor. »Ich habe das Recht dazu.«
»Vielen Dank«, meinte der Vampir nickend. »Aber ich schaue nachher in Ihrem Büro vorbei. Ordnung muss sein.«Der brüchige Friede war wiederhergestellt.
»Ich habe mir die Aufzeichnungen schon angesehen«, informierte ich sie. »Vor drei Tagen haben vier Männer und eine Frau Briefe abgeschickt. Und ein Bauarbeiter hat einen ganzen Stapel Briefe aufgegeben. Hier sind Leute aus Usbekistan beschäftigt.«
»Ein gutes Zeichen für Ihr Land«, meinte Viteszlav ausgesprochen höflich. »Wenn als Arbeitskräfte Menschen aus den Nachbarstaaten angeworben werden, deutet das auf wirtschaftlichen Aufschwung hin.«
Ich hätte ihm erklären können, was ich diesbezüglich dachte, ließ es aber bleiben. »Wollen Sie sich die Aufzeichnungen ansehen?«, fragte ich.
»Wenn es möglich ist, ja«, bekundete der Vampir sein Interesse.
Edgar stand bescheiden abseits. Ich brachte das Bild der Postfiliale auf den Bildschirm. Schaltete den»Bewegungssucher«ein, und wir schauten uns noch einmal die Liebhaber des epistolarischen Genres an.
»Den kenn ich.«Ich wies mit dem Finger auf Lass. »Ich kriege heute noch raus, was genau er abgeschickt hat. »
»Haben Sie ihn in Verdacht?«, hakte Viteszlav nach.
»Nein.«Ich schüttelte den Kopf.
Der Vampir ließ die Aufzeichnung noch einmal durchlaufen. Diesmal wurde der arme eingefrorene Security-Mensch ebenfalls vor den Computer gesetzt. »Wer ist das?«, fragte Viteszlav.
»Ein Mieter«, antwortete der Mann, der teilnahmslos auf den Bildschirm sah. »Erster Block, fünfzehnter Stock…«
Er hatte ein gutes Gedächtnis. Kannte die Namen aller Verdächtigen, nur bei dem Arbeiter mit dem Stapel Briefen musste er passen. Außer Lass, dem Mieter aus dem fünfzehnten Stock und der Alten aus dem zehnten hatten noch zwei Manager Briefe aus dem Assol abgeschickt.
»Wir nehmen uns die Männer vor«, entschied Viteszlav. »Fürs Erste. Überprüfen Sie die Alte, Gorodezki. In Ordnung?«
Ich zuckte die Achseln. Zusammenarbeit war ja schön und gut, aber herumkommandieren würde ich mich nicht lassen. Schon gar nicht von einem Dunklen. Einem Vampir.
»Für Sie ist das einfacher«, erklärte Viteszlav. »Ich… ich habe Probleme, mich mit alten Menschen zu unterhalten.«
Das Geständnis war offen und überraschend. Ich murmelte etwas, bestand aber nicht auf weiteren Erklärungen.
»Ich spüre bei ihnen das, was mir fehlt«, fuhr der Vampir trotzdem fort. »Die Sterblichkeit. »
»Sind Sie neidisch?«, platzte es aus mir heraus.
»Mir graut vor ihnen.«Viteszlav beugte sich zu dem Security-Mann hinunter. »Wir gehen jetzt«, informierte er ihn. »Du wirst noch fünf Minuten schlafen und süße Träume haben. Wenn du aufwachst, hast du unseren Besuch vergessen. Du wirst dich nur an Anton erinnern… den du in dein Herz schließen wirst. Wann immer Anton etwas von dir will, wirst du ihm behilflich sein. »
»Das geht doch…«, protestierte ich schwach.
»Wir arbeiten am selben Fall«, erinnerte mich der Vampir. »Ich weiß, wie schwer es ist, verdeckt zu arbeiten. Leben Sie wohl.«
Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Edgar lächelte schuldbewusst. Und ging zur Tür hinaus.
Ohne darauf zu warten, dass der Security-Mann aufwachte, verließ auch ich sein Büro.



























