Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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Praktisch hatte ich das noch nie ausprobiert. Für einen Magier zweiten Grades bedeutet das eine unsagbare Anspannung der Kräfte.
Doch ich war zu wütend auf die durchtriebene Hexe. Sie hatte versucht, mich zu verzaubern, zu bezirzen… die alte Vettel!
Ich stand an dem dunklen Fenster und fing die Funken Licht ein, die in die zweite Zwielicht-Schicht drangen. Ich fand – glaubte das zumindest – meinen sehr, sehr schwachen Schatten auf dem Boden…
Das war das Schwierigste: ihn zu bemerken. Danach gehorchte der Schatten, schoss zu mir hoch und gab mir den Weg frei. Ich trat in die dritte Schicht des Zwielichts.
In die Analogie des Hauses, errichtet aus Baumzweigen und dicken Stämmen.
Hier gab es keine Bücher, keine Möbel mehr. Nur ein Nest aus Zweigen.
Und Arina, die mir gegenüberstand. Wie alt sie war!
Wenn auch nicht bucklig wie die Hexe Baba-Jaga aus dem Märchen. Sondern immer noch schlank und hochgewachsen. Ihre Haut war jedoch faltig wie Baumrinde, die Augen lagen tief in den Höhlen. Sie trug nicht mehr als einen schmutzigen Kittel aus Sackleinen. Wie leere Säcke hingen die welken Brüste in dem tiefen Ausschnitt des Kittels. Außerdem war sie kahl, nur eine Strähne ragte wie bei den Wirbeln von Indern auf ihrem Schädel auf.
»Die Nachtwache!«, wiederholte ich. Die Worte krochen wiederwillig, langsam aus meinem Mund. »Kommen Sie aus dem Zwielicht! Das ist die letzte Warnung!«
Was wollte ich ihr, die so leicht in die dritte Schicht der Zwielicht-Welt abtauchen konnte, eigentlich anhaben? Keine Ahnung. Möglicherweise gar nichts…
Doch sie leistete nicht länger Widerstand. Sondern kam auf mich zu – und verschwand.
Mühevoll kehrte ich in die zweite Schicht zurück. Normalerweise ist es leichter, aus dem Zwielicht herauszukommen, doch die dritte Schicht hatte meine Kräfte aus mir herausgesaugt wie aus einem diplomierten Looser.
Arina wartete in der zweiten Schicht auf mich. Sie hatte ihr bisheriges Aussehen bereits wieder angenommen. Mit einem Nicken ging sie weiter, der normalen, gemütlichen und ruhigen Welt der Menschen entgegen…
In kalten Schweiß gebadet, brauchte ich zwei Versuche, um meinen Schatten aufzuheben, bevor mir das endlich gelang.
Drei
Arina saß auf einem Stuhl, die Hände bescheiden auf die Knie gelegt. Sie lächelte nicht mehr, sondern war der Inbegriff des Gehorsams selbst.
»Können wir in Zukunft vielleicht auf diese Tricks verzichten, ja?«, wollte ich wissen, als ich in die reale Welt zurückkam. Mein Rücken war klatschnass, meine Beine zitterten leicht. »Kann ich diese Gestalt behalten, Wächter?«, fragte Arina leise.
»Wozu?«Diese kleine Rache konnte ich mir nicht verkneifen. »Ich habe Ihre echte Gestalt doch sowieso schon gesehen.«
»Wer entscheidet, was in dieser Welt echt ist?«, entgegnete Arina nachdenklich. »Das kommt doch wohl darauf an, von wo aus man das Ganze betrachtet… Halten Sie meine Bitte für weibliche Koketterie, Lichter.«
»Und der Versuch, mich zu betören, war der auch Koketterie?«
Arina klimperte mit den Augen. »Ja!«, platzte es aus ihr heraus. »Ich weiß, dass meine Zwielicht-Gestalt… Aber hier und jetzt sehe ich so aus! Und nichts Menschliches ist mir fremd. Eben auch nicht der Wunsch zu gefallen.«
»Gut, bleiben Sie so«, brummte ich. »Allerdings kann ich nicht gerade behaupten, dass ich von einer Wiederholung der Show träume… Nehmen Sie die Illusion von den magischen Gegenständen!«
»Wie Sie wünschen, Lichter.«Arina fuhr sich mit der Hand übers Haar, um ihre Frisur in Ordnung zu bringen. Kaum merklich veränderte sich das kleine Haus.
Statt des Kessels stand ein kleiner Topf aus Birkenholz auf dem Tisch. Aus ihm stieg noch Dampf auf. Den Fernseher gab es zwar noch, aber die Leitung führte nicht zu einer imaginären Steckdose, sondern zu einer braunen Tomate.
»Wie originell«, kommentierte ich und nickte in Richtung Fernseher. »Muss man das Gemüse oft wechseln?«
»Tomaten jeden Tag«, antwortete die Hexe achselzuckend. »Ein Kohlkopf reicht zwei oder drei Tage.«
Nie zuvor hatte ich eine derart ausgefallene Form der Stromgewinnung gesehen. Gewiss, theoretisch war so was möglich… aber in der Praxis…
Am meisten interessierte mich natürlich der Bücherschrank. Ich trat an ihn heran und zog ein x-beliebiges Buch heraus, einen schmalen Band mit weichem Einband. Weißdorn. Praktische Anwendung in der häuslichen Zauberei.
Eine Art Rotationsdruck. Vor einem Jahr erschienen. Sogar die Auflage war angegeben: 200 Exemplare. Und die ISBN-Nummer! Die Druckerei sagte mir nichts, irgendeine unbekannte GmbH TP.
»Tatsächlich Botanik… Lassen Sie Ihre Bücher wirklich drucken?«, fragte ich begeistert.
»Gelegentlich«, antwortete die Hexe bescheiden. »Man kann ja nicht alles von Hand abschreiben…«
»Von Hand, das ist ja noch gar nichts«, entgegnete ich. »Manches muss sogar mit Blut geschrieben werden…«Dann holte ich das Kassagar Garsarra aus dem Schrank.
»Mit dem eigenen Blut, merken Sie sich das«, brachte Arina scharf hervor. »Mir ist diesbezüglich nichts vorzuwerfen.«
»Dieses Buch überhaupt zu besitzen kann ich Ihnen vorwerfen«, widersprach ich. »Hm, was haben wir denn hier…»Aufwiegelung der Menschen gegeneinander ohne übergroße Anstrengung«.«
»Was wollen Sie mir eigentlich zur Last legen?«, fragte Arina nun ärgerlich. »Das sind… wissenschaftliche Ausgaben. Antiquarische. Ich habe niemanden aufgehetzt.«
»Wirklich nicht?«, erwiderte ich, während ich das Buch durchblätterte. »Minderung bei Nierenleiden und Heilung von Wassersucht… Also das ist…«
»Wollen Sie jemandem, der de Sade liest, sadistische Absichten unterstellen?«, knurrte Arina. »Das ist unsere Geschichte. Verschiedene Zauber. Ohne Unterscheidung in destruktive und positive.«
Ich brummte etwas. Im Prinzip hatte sie Recht. Dass sie hier die unterschiedlichsten magischen Rezepte zusammengetragen hatte, stellte nun wirklich keinen Straftatbestand dar. Außerdem… was sollte ich nun wieder davon halten: »Wie man bei einer Gebärenden die Schmerzen tilgt, ohne dem Kind zu schaden«. Und gleich danach»Wie man die Frucht abtreibt und der Schwangeren nicht schadet«und»Wie man die Frucht zusammen mit der Schwangeren auslöscht«. Für Dunkle nichts Ungewöhnliches.
Doch trotz diesen widerwärtigen Anleitungen und dem eben erst unternommenen Versuch Arinas, mich zu täuschen, nahm irgendetwas an der Hexe mich für sie ein. Vor allem wohl, wie sie sich den Kindern gegenüber verhalten hatte. Ohne Frage hätte die weise alte Hexe ihnen die grausamsten Dinge antun können. Außerdem… außerdem strahlte sie eine gewisse Melancholie und Einsamkeit aus, ungeachtet ihrer Stärke, ungeachtet ihrer wertvollen Bibliothek und ihrer attraktiven Menschengestalt.
»Was soll ich denn angestellt haben?«, fragte Arina streitsüchtig. »Nun mal raus mit der Sprache, Zauberkundiger! »
»Sind Sie registriert?«, wollte ich wissen.
»Bin ich etwa eine Vampirin oder eine Tierfrau?«, fragte Arina zurück. »Wenn du mir einen Stempel aufdrücken willst… das schlag dir aus dem Kopf.«
»Vom Siegel rede ich nicht«, beruhigte ich sie. »Die Sache ist einfach die, dass alle Magier vom ersten Grad an verpflichtet sind, dem regionalen Büro ihren Wohnort bekannt zu geben. Damit ihnen ein Umzug nicht als feindliche Handlung ausgelegt wird…»
»Ich bin keine Zauberin, sondern eine Hexenmeisterin.«
»Magier und sonstige Andere von gleichwertiger Kraft…«, wiederholte ich müde. »Sie befinden sich auf dem Territorium der Moskauer Wache. Sie hätten sich bei uns melden müssen.«
»Früher hat es dergleichen nicht gegeben«, murmelte die Hexe. »Hohe Zauberkundige haben sich übereinander informiert, Vampire und Tiermenschen wurden erfasst… aber um uns hat sich niemand gekümmert.«Hm…
»Was heißt früher?«, wollte ich wissen.
»1931«, gab die Hexe widerwillig preis.
»Sie leben seit 31 hier?«, hakte ich ungläubig nach. »Arina…«
»Ich lebe erst seit zwei Jahren hier. Davor…«Sie runzelte die Stirn. »… das spielt keine Rolle, wo ich davor war. Ich habe jedenfalls nichts von diesen neuen Gesetzen gehört.«
Vielleicht sagte sie sogar die Wahrheit. Bei alten Anderen, vor allem bei denjenigen, die nicht in den Wachen arbeiten, kann so was vorkommen. Sie verkriechen sich irgendwo, im Wald oder in der Taiga, und hocken da jahrzehntelang, bis Sehnsucht sie überwältigt.
»Und vor zwei Jahren haben Sie beschlossen, hierher zu ziehen?«, hakte ich nach.
»Ja. Was hatte ich dummes Weib auch in der Stadt verloren?«Arina lachte. »Jetzt sitze ich hier, gucke fern und lese meine Bücher. Hole das Versäumte nach. Ich habe eine alte Freundin gefunden… die mir Bücher aus Moskau schickt.«
»Gut«, meinte ich. »Dann kommt jetzt die übliche Prozedur. Haben Sie ein Blatt Papier? »
»Ja.«
»Schreiben Sie eine Erklärung. Name, Eltern, Geburtsjahr, Initiierungsjahr, ob Sie einmal den Wachen angehört haben, auf welcher Kraftstufe Sie stehen…«
Gehorsam nahm Arina Blatt und Bleistift zur Hand. Ich runzelte die Stirn, bot ihr aber keinen Kugelschreiber an. Sollte sie doch mit einer Gänsefeder schreiben.
»Wann Sie sich das letzte Mal angemeldet oder Ihren Wohnsitz einem offiziellen Organ der Wachen mitgeteilt haben… Wo Sie sich danach aufgehalten haben.«
»Ich werde das nicht schreiben.«Arina legte den Stift beiseite. »Was soll neuerdings dieses Geschreibsel… Wen geht es etwas an, wo ich meine alten Knochen wärme?«
»Hören Sie doch auf, wie eine Dorfalte zu sprechen, Arina!«, bat ich. »Sie haben sich doch vorhin ganz normal ausgedrückt!«
»Da habe ich mich verstellt«, erklärte Arina, ohne mit der Wimper zu zucken. »Gut, wie Sie wollen. Nur verzichten Sie dann auch auf diesen Armeeton.«
Mit einer peniblen, engen Schrift schrieb sie rasch das ganze Blatt voll. Reichte es mir.
Sie war jünger, als ich vermutet hatte. Noch nicht einmal zweihundert Jahre alt. Ihre Mutter war eine Bäuerin, ihr Vater unbekannt, in ihrer Familie gab es keine Anderen. Mit elf Jahren wurde das Mädchen von einem Dunklen Magier oder, wie Arina die Magier hartnäckig nannte, von einem Zauberkundigen initiiert. Einem Zugereisten aus Deutschland. Nebenbei entjungferte er sie, worauf Arina hinweisen zu müssen glaubte, wobei sie sich ein»geiler Bock«nicht verkneifen konnte. Ach – so war das! Der Deutsche hatte das Mädchen in seine Dienste genommen und es ausgebildet – in jeder Hinsicht des Wortes. Offenbar war er weder besonders klug noch besonders sensibel: Mit drei zehn Jahren verfügte das Mädchen über so viel Kraft, dass sie in einem fairen Duell siegte und ihren Lehrer dematerialisierte. Bei dem es sich übrigens um einen Magier vierten Grades handelte. Danach fiel sie den damaligen Wachen auf. Weitere Straftaten hatte sie nicht begangen, schenkte man ihrer Erklärung Glauben. Städte mochte sie nicht, sie lebte auf dem Lande und bestritt ihren Lebensunterhalts mit kleinen Zaubereien. Nach der Revolution wollte man sie mehrmals enteignen… Die Bauern wussten, dass es sich bei ihr um eine Hexe handelte, und beschlossen irgendwann, ihr die Tscheka auf den Hals zu hetzen. Mauser gegen Magie, das muss man sich mal vorstellen! Die Magie siegte, aber das konnte natürlich nicht ewig so weitergehen. Im Jahre 1934 beschloss Arina daher… Ich sah die Hexe an. »Wirklich?«, fragte ich.
»Ich hielt Winterschlaf«, gab Arina gelassen Auskunft. »Ich wusste, dass die rote Pest lange dauern würde. Den Umständen gemäß kann der Schlaf auf sechs, achtzehn oder sechzig Jahre festgelegt werden. Wir Hexen haben gelernt, alles Mögliche zu bedenken… Sechs oder achtzehn Jahre, das reicht bei Kommunisten nicht. Deshalb schlief ich für sechzig Jahre ein.«Sie zögerte kurz. »Ich habe hier geschlafen«, gestand sie dann schließlich. »Ich habe die Hütte so gut umzäunt, wie ich konnte, damit weder ein Mensch noch ein Anderer an sie herankam…«
Nun passte alles. Eine wirre Zeit, in der Andere fast so oft wie gewöhnliche Menschen starben. So mancher ging da verloren…
»Und Sie haben niemandem gesagt, dass Sie hier schlafen?«, hakte ich nach. »Keiner Freundin…«
»Wenn ich etwas verraten hätte«, amüsierte sich Arina, »dann würden wir beide jetzt nicht miteinander reden, Lichter. »
»Warum nicht?«
Sie nickte in Richtung Schrank. »Das ist mein Reichtum. Und das ist nicht wenig.«Ich faltete die Erklärung zusammen und steckte sie in die Tasche. »Stimmt«, meinte ich. »Trotzdem habe ich hier ein seltenes Buch nicht entdeckt. »
»Welches?«, wunderte sich die Hexe. »Das Fuaran.«
»So ein großer Junge, und glaubt noch an Märchen…«, schnaubte Arina. »Dieses Buch gibt es nicht.«
»Na klar. Das Mädchen hat sich die Bezeichnung ganz allein ausgedacht.«
»Ich habe ihr Gedächtnis nicht gesäubert«, seufzte Arina. »Lohnt es sich denn nicht mehr, Gutes zu tun? »
»Wo ist das Buch?«, fragte ich scharf.
»Drittes Regal von unten, viertes Buch von links«, antwortete Arina ärgerlich. »Hast du deine Augen zu Hause vergessen?«Ich ging zum Schrank und bückte mich. Das Fuaran!
Große Goldbuchstaben auf schwarzem Leder. Ich zog das Buch heraus, sah die Hexe triumphierend an. Arina lächelte.
Ich starrte auf den Titel auf dem Einband. Fuaran. Phantasie oder Wahrheit? Das Wort Fuaran war in großer, der Rest in kleiner Schrift gedruckt. Ich schaute mir den Rücken an… Hm. Die kleinen Buchstaben waren ausgeblichen, abgeblättert.
»Ein seltenes Buch«, räumte Arina ein. »Es wurden nur dreizehn Exemplare davon gedruckt, in St. Petersburg, 1913, in der Druckanstalt Seiner Kaiserlichen Hoheit. Und zwar in einer Neumondnacht, wie es sich gehört. Ich habe keine Ahnung, wie viele davon noch existieren.«
Ob das verängstigte kleine Mädchen nur das Wort registriert hatte, das in großer Schrift geschrieben worden war? Gut möglich!
»Was geschieht jetzt mit mir?«, fragte Arina betrübt. »Welche Rechte habe ich?«
Ich seufzte, setzte mich an den Tisch und blätterte das vermeintliche Fuaran durch. Ein interessantes Buch, ohne Frage…
»Nichts geschieht mit Ihnen«, versicherte ich. »Sie haben den Kindern geholfen, die Nachtwache erkennt das an.«
»Warum sollte ich Menschen nur um des Schreckens willen erschrecken?«, murmelte die Hexe. »Damit würde ich doch nur mir selbst schaden…«
»Unter Berücksichtigung dieser Tatsache sowie der besonderen Umstände Ihres Lebens…«Ich grub in meinem Gedächtnis, rief mir die Paragraphen, Kommentare und Anmerkungen in Erinnerung. »Unter Berücksichtigung all dessen werden Sie nicht bestraft werden. Nur eine Frage… Auf welcher Kraftstufe stehen Sie?«
»Weiß ich nicht, das habe ich doch auch schon geschrieben«, antwortete Arina gelassen. »Gibt es denn eine Möglichkeit, das zumessen? »
»Aber so in etwa?«
»Als ich mich schlafen gelegt habe, bekleidete ich den ersten Rang«, teilte Arina mir nicht ohne Stolz mit. »Jetzt dürfte ich wohl außerhalb jedes Ranges sein.«
Das stimmte. Eben deshalb hatte ich auch ihre Illusion nicht durchbrechen können. »Wollen Sie nicht in der Tagwache arbeiten?«
»Was hätte ich dort verloren?«, empörte sich Arina. »Vor allem, da es Sebulon inzwischen in die obersten Etagen geschafft hat, oder?«
»Ja«, bestätigte ich. »Wundert Sie das? Glauben Sie etwa, er sei nicht stark genug dafür?«
»Kraft hat er immer genug gehabt«, knurrte Arina. »Nur opfert er seine Leute zu leicht. Seine Freundinnen… mit keiner hat er länger als zehn Jahre zusammengelebt, immer ist irgendetwas passiert… Trotzdem hüpfen diese dummen blutjungen Dinger zu ihm ins Bett. Und wie er die Ukrainer und Litauer hasst! Sobald Drecksarbeit anfällt, lässt er unter irgendeinem Vorwand eine Brigade aus der Ukraine kommen, und die Kohlen holt er auch nie selbst aus dem Feuer. Braucht er einen Prügelknaben, fällt ihm als Erstes jemand aus Litauen ein… Nie hätte ich gedacht, dass er sich mit diesen Allüren auf so einem Posten halten könnte.«Plötzlich lachte Arina. »Allerdings – einem Schlag ausweichen, das hat er offensichtlich gelernt! Tüchtig!«
»Und wie«, meinte ich bitter. »Wenn Sie also nicht die Absicht haben, innerhalb der Tagwache zu arbeiten, sondern Ihr bürgerliches Leben fortsetzen wollen, dann erhalten Sie das Recht, bestimmte magische Handlungen durchzuführen… zu persönlichen Zwecken. Pro Jahr zwölf Handlungen siebten Grades, sechs sechsten, drei fünften und eine vierten Grades. Alle zwei Jahren dürfen sie eine Handlung dritten Grades vornehmen, alle vier eine zweiten Grades.«Ich verstummte.
»Und eine Handlung ersten Grades?«, wollte Arina wissen.
»Die maximale Kraft, die Andere, die nicht in den Wachen arbeiten, einsetzen dürfen, wird durch ihr früheres Niveau bestimmt«, teilte ich ihr süffisant mit. »Wenn Sie eine Untersuchung und Registrierung als Hexe außerhalb jeder Kategorie vornehmen lassen, dürfen Sie einmal in sechzehn Jahren Magie ersten Grades einsetzen. Natürlich unter Abstimmung mit den Wachen und der Inquisition. Magie ersten Grades, das ist eine zu ernste Sache.«
Die Hexe grinste. Ein seltsames Grinsen, durch und durch altweiberhaft und unangenehm auf diesem schönen jungen Gesicht.
»Ich werde auch ohne den ersten Grad vorzüglich zurechtkommen. Soweit ich es verstehe, betrifft die Einschränkung nur Magie, die auf Menschen zielt?«
»Auf Menschen und Andere«, bestätigte ich. »Mit sich selbst und unbelebten Gegenständen können Sie machen, was Sie wollen.«
»Na immerhin«, meinte Arina. »Entschuldige übrigens, Lichter, dass ich versucht habe, dich zu täuschen. Du bist eigentlich ganz in Ordnung. Fast wie wir.«Dieses zweifelhafte Kompliment ließ mich erschauern.
»Noch eine Frage«, sagte ich. »Wer waren diese Tiermenschen?«
Arina hüllte sich in Schweigen. »Was soll das?«, fragte sie dann. »Ist das Gesetz etwa abgeschafft worden? »
»Welches Gesetz?«, versuchte ich, mich dumm zu stellen.
»Ein altes Gesetz. Dass ein Dunkler einen Dunklen nicht zu verraten braucht, ein Lichter keinen Lichten…»
»Es gibt so ein Gesetz«, gab ich zu.
»Dann finde deine Tiermenschen selbst. Ob sie nun Dummköpfe sind oder blutrünstig, ich werde sie nicht ausliefern.«
Sie hatte das voll Überzeugung, voll Entschlossenheit gesagt. Druck auf sie ausüben konnte ich nicht. Schließlich hatte sie den Werwölfen nicht geholfen. Im Gegenteil.
»Die magischen Handlungen gegen mich…«Ich dachte kurz nach. »Sei's drum, die verzeihe ich Ihnen. »
»Einfach so?«, hakte die Hexe nach.
»Einfach so. Es hat mich gefreut, dass ich Ihnen widerstehen konnte.«
»Er hat mir widerstanden…«, schnaubte die Hexe. »Deine Frau ist eine Zauberin. Was ist, glaubst du, dass ich blind bin und das nicht wittere? Sie hat dich verzaubert. Damit kein Weibsbild dich verführen kann. »
»Du lügst«, entgegnete ich gelassen.
»Ja«, gab die Hexe zu. »Unglaublich! Zauberei ist hier keine im Spiel, du liebst sie einfach. Grüß deine Frau von mir, und deine Tochter auch. Wenn du Sebulon triffst, sag ihm, dass er schon immer ein Esel war und auch immer einer bleiben wird.«
»Gern«, versprach ich. Was für eine Hexe! Traute sich sogar, Sebulon frech zu kommen! »Und was soll ich Geser ausrichten?«
»Dem lasse ich überhaupt nichts ausrichten«, sagte Arina respektlos. »Was sollen wir alten Landpomeranzen uns schon um die großen tibetischen Magier scheren!«
Ich stand da und starrte die seltsame Frau an, die in ihrer menschlichen Gestalt so schön, tatsächlich aber so widerwärtig aussah. Eine Hexe, eine mächtige Hexe. Doch ob auch eine böse? Bestimmt eine, die in keinen Rahmen passte…»Bist du nicht einsam hier allein, Alte?«, fragte ich.
»Willst du mich beleidigen?«, antwortete Arina mit einer Gegenfrage.
»Nein, keinesfalls. Ein wenig habe ich aber doch begriffen.«Arina nickte, hüllte sich jedoch in Schweigen.
»Du hattest nämlich überhaupt nicht die Absicht, mich zu verführen, denn fleischliche Lust kennst du nicht mehr«, fuhr ich fort. »Bei Hexen ist das nicht so wie bei Zauberinnen. Du bist alt und fühlst dich alt, Männer interessieren dich nicht die Bohne. Allerdings kannst du noch tausend Jahre eine Alte bleiben. Deshalb hast du mich bloß aus rein sportlichem Interesse heraus zu verführen versucht.«
Ein Moment – und Arina hatte sich erneut verwandelt. In eine propere Alte, mit roten Wangen, leicht gebückter Haltung, wachen forschenden Augen, einem Mund, dem schon einige Zähne fehlten, und grauen, streng zurückgekämmten Haaren. »Ist es so besser?«, fragte sie.
»Ja, vermutlich schon«, gab ich mit leichtem Bedauern zu. Trotz allem hatte sie bisher einfach toll ausgesehen.
»So habe ich ausgesehen… vor hundert Jahren«, erklärte die Hexe. »Und so, wie ich dir die Tür aufgemacht habe, auch… irgendwann mal. Und wie ich erst mit sechzehn ausgesehen habe! Ach, Lichter, was war ich für ein lustiges, hübsches junges Ding! Wenn auch eine Hexe… Weißt du, wie und warum wir altern? »
»Irgendwas habe ich mal darüber gehört«, gab ich zu.
»Das ist der Preis, den wir für einen höheren Rang zahlen.«Schon wieder benutzte sie dieses altmodische Wort, das in den letzten Jahren vollständig von dem aus Computerspielen übernommenen»Grad«verdrängt worden war. »Auch eine Hexe könnte einen jungen Körper behalten. Nur würde sie sich dann auch mit dem dritten Rang abfinden müssen. Unsere Beziehung zur Natur ist sehr stark, und die Natur liebt eben keine Fälschungen. Verstehst du das? »
»Ja«, sagte ich.
»Gut, Lichter…«Arina nickte. »Freu dich also, Lichter, dass deine Frau eine Zaubermeisterin ist. Du hast dich mir gegenüber freundlich verhalten, das will ich gar nicht abstreiten. Darf ich dir ein Geschenk mitgeben?«
»Nein.«Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin im Dienst. Und ein Geschenk von einer Hexe…«
»Das weiß ich doch. Aber das Geschenk ist nicht für dich, sondern für deine Frau!«
Das verwirrte mich. Arina humpelte munter zu einer mit Eisenbeschlägen versehene Truhe hinüber (vorher hatte hier eine unauffällige Kommode gestanden), öffnete sie und ließ die Hand darin verschwinden. Schon im nächsten Moment kam sie mit einem kleinen beinernen Kamm zu mir zurück.
»Nimm das, Wächter. Ohne Hintergedanken, ohne Verschlagenheit meinerseits, weder zu deinem Schaden noch Kummer. Will zum Schatten werden, wenn ich lüge, dass ich spurlos mit dem Wind verfliege…»
»Was ist das?«, fragte ich.
»Ein Kleinod.«Arina runzelte die Stirn. »Oder, wie es jetzt heißt… ein Artefakt. »
»Und wozu?«
»Deine Kraft reicht wohl nicht, um das zu erkennen?«, fragte Arina mitleidig. »Deine Frau wird es wissen. Und wozu brauchst du Erklärungen, Lichter? Ich könnte schließlich auch lügen, das würde mir nicht schwer fallen. Könnte lügen, und du würdest mir glauben. Schließlich bist du schwächer als ich, das weißt du selbst.«
Ich schwieg, biss mir auf die Lippe. Hm… Immerhin hatte ich sie ein paar Mal ziemlich angefahren. Nun zahlte sie es mir heim.
»Nimm das, keine Angst«, wiederholte Arina. »Auch Baba-Jaga ist zwar schlecht, hilft aber guten jungen Männern.«Warum eigentlich nicht?
»Besser würdest du mir die Werwölfe ausliefern«, meinte ich, während ich den Kamm an mich nahm. »Ich nehme dein Geschenk nur als Überbringer entgegen, und diese Gabe bedeutet für niemanden irgendein Versprechen.«
»Du abgebrühter Kerl«, nuschelte Arina. »Und die Wölfe… tut mir leid. Ihr werdet sie schon kriegen, das weiß ich. Aber ich werde sie nicht ausliefern. Übrigens kannst du das Buch mitnehmen. Vorübergehend. Um es zu prüfen. Dazu hast du doch das Recht, oder?«
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich immer noch das vermaledeite Fuaran. Phantasie oder Wahrheit? in der linken Hand hielt.
»Zum Studium, zeitweilig, im Rahmen meiner Rechte als Wächter«, meinte ich finster.
Trotzdem machte diese Frau mit mir, was sie wollte! Wenn ihr der Sinn danach gestanden hätte, wäre mir erst zu Hause aufgefallen, dass ich das Buch zufällig mitgenommen hatte. Dann hätte sie mit Fug und Recht bei den Wachen Beschwerde einlegen können: wegen Diebstahl eines wertvollen»Kleinods«.
Als ich das Haus verließ, sah ich, dass es bereits tiefe Nacht geworden war. Und ich musste noch mindestens zwei, drei Stunden durch den Wald marschieren.
Doch kaum war ich die paar Stufen zum Haus hinunter, als vor mir ein geisterhaftes blaues Feuer aufleuchtete. Ich seufzte und linste zur Hütte hinüber, in deren Fenster grelles elektrisches Licht brannte. Arina würde mich nicht begleiten. Das
Feuerchen tanzte auffordernd vor mir in der Luft.
Ich folgte ihm.
Fünf Minuten später hörte ich das träge Kläffen der Hunde.
Weitere zehn Minuten später gelangte ich zum Waldrand.
Was mir am meisten zu schaffen machte: Die ganze Zeit über hatte ich nicht die geringste Spur von Magie gespürt.



























