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Wächter des Zwielichts
  • Текст добавлен: 29 сентября 2016, 04:49

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Автор книги: Сергей Лукьяненко



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»Zauberkundiger…«, brachte Arina heraus, ohne den Blick von mir zu wenden. »Nimm als Erstes die Schilde von deiner Tochter. Unter ihr liegt eine Granate mit herausgezogenem Sicherungssplint. Die kann jede Sekunde hochgehen.«Swetlana schrie auf.

Ich stürzte zu der regenbogenfarbigen Kugel. Zerschlug sie und drang in die Negationssphäre ein. Unter ihr lagen noch zwei Schilde, die ich mit roher Gewalt zerstörte, ausschließlich mit Körperkraft. Von der zweiten Schicht aus ließ sich nichts erkennen.

Ich fand meinen Schatten, stürzte mich in die erste Schicht. Hier war alles sauber, keine Spuren des blauen Mooses. Der Kampf hatte alles verbrannt.

Fast sofort sah ich die alte Handgranate, die unter Nadjuschka lag. Arina hatte sie im Zwielicht dorthin gepackt. Gut abgesichert hatte sie sich, das Luder…

Der Sicherungssplint war herausgezogen. Irgendwo in der Granate brannte langsam der Zündkanal. In der Menschenwelt waren bereits drei, vier Sekunden vergangen… Die Reichweite lag bei zweihundert Metern.

Sollte die Granate unter den Schilden explodieren, würde von Nadjuschka nur blutiger Staub übrig bleiben…

Ich bückte mich, griff nach der Granate. Solange man sich im Zwielicht aufhält, ist es sehr schwierig, mit Gegenständen der realen Welt zu hantieren. Immerhin besaß die Granate einen gut erkennbaren Doppelgänger im Zwielicht: ein genauso geripptes Ding, verdreckt und verrostet… Ob ich es wegschmeißen sollte? Nein.

In der Menschenwelt würde die Granate nicht weit fliegen. Holte ich sie ins Zwielicht, würde sie hier explodieren.

Mir fiel nichts Klügeres ein, als die Granate zu halbieren. Als schälte ich den Kern aus einer Avocado heraus. Und teilte die Frucht dann noch in mehrere Stückchen. Wobei ich zwischen dem Splitterkörper und dem Sprengstoff den glühenden Strang des Verzögerers suchte. Mit einer imaginären Klinge, einem Keil reiner Kraft, zerschnitt ich die Granate, als handle es sich um eine reife Tomate.

Schließlich entdeckte ich das winzige Feuerchen, das schon an den Zünder herangekrochen war. Ich erstickte es mit den Fingern.

Und stürzte zurück in die Menschenwelt. Schweißgebadet, mich kaum auf den zitternden Beinen haltend, meine Hand wild schüttelnd: Die verbrannten Finger schmerzten.

»Männern braucht man doch bloß was zum Rumschrauben zu geben«, bemerkte Arina, die hinter mir auftauchte, giftig. »Hättest du sie doch unter den Schilden gelassen, selbst wenn sie dann in die Luft gegangen wäre! Oder sie mit Eis überzogen, damit sie bis morgen gefroren bleibt…«

»Papka, du musst mir beibringen, mich auch so zu verstecken«, sagte Nadjuschka, als ob nichts gewesen wäre. Als sie Arina sah, empörte sie sich lautstark: »Bist du denn verrückt, Tante? Hier nackig herumzulaufen!«

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du so nicht mit Erwachsenen reden sollst«, mischte sich Swetlana ein. Um im selben Augenblick Nadjuschka auf den Arm zu nehmen und sie zu küssen. Was für ein Irrenhaus…

Fehlte nur noch meine Schwiegermutter mit ihren Kommentaren…

Ich setzte mich an den Rand des Grabens. Wollte rauchen. Und trinken. Und essen. Und schlafen. Oder wenigstens rauchen.

»Ich mache es nie wieder«, murmelte Nadja wie üblich. »Der Wolf ist ja krank!«

Erst jetzt fielen mir die Werwölfe wieder ein. Ich drehte mich um.

Der Wolf lag am Boden und zappelte kraftlos mit den Pfoten. Die Jungen wuselten um ihn herum.

»Tut mir leid, Zauberkundiger«, sagte Arina. »Ich habe deinen Todeszauber gegen den Werwolf geschleudert. Die Zeit war zu knapp, um mir etwas Besseres einfallen zu lassen.«

Ich sah Swetlana an. »Thanatos«, das bedeutet nicht unbedingt den sicheren Tod. Der Zauber konnte noch aufgehoben werden.

»Ich bin leer…«, sagte Swetlana leise. »Ich habe alles gegeben.«

»Wenn ihr wollt, rette ich den Dreckskerl«, schlug Arina vor. »Ich hab damit keine Probleme.«Wir sahen uns an.

»Warum hast du mir von der Granate erzählt?«, fragte ich.

»Was hätte es mir gebracht, wenn das Kind gestorben wäre?«, erwiderte Arina gleichmütig.

»Sie wird eine Große Lichte«, sagte Swetlana. »Die Allergrößte!«

»Von mir aus.«Arina lächelte. »Vielleicht erinnert sie sich ja an Tante Arina, mit der sie über Kräuter und Blumen gesprochen hat… Keine Angst, niemand wird aus ihr eine Dunkle machen. Bei diesem Kind ist das nicht so einfach, ohne Magie kommt man hier nicht weiter… Was wollen wir jetzt mit dem Wolf machen? »

»Rette ihn«, sagte Swetlana bloß.

Arina nickte. »Dort im Graben«, wandte sie sich plötzlich an mich, »steht eine Tasche… In ihr ist was zu rauchen und was zu essen. Ich habe schon vor langer Zeit für Proviant gesorgt…«

Für Igor brauchte die Hexe zehn Minuten. Zunächst vertrieb sie die brüllenden Wolfsjungen. Diese liefen zur Seite, versuchten sich in Kinder zurückzuverwandeln, was ihnen jedoch nicht gelang, worauf sie sich in die Büsche legten. Dann flüsterte sie etwas und pflückte währenddessen bald dieses, bald jenes Kraut. Die Wolfsjungen herrschte sie an, endlich Ruhe zu geben, woraufhin diese in alle Richtungen auseinander stoben und nach einer Weile, das Maul voller Zweige und Wurzeln, zurückkehrten.

Swetlana und ich sahen einander an. Ohne ein Wort zu sagen. Auch so war alles klar. Ich rauchte meine zweite Zigarette zu Ende, zerquetschte die dritte in meiner Hand und holte aus der schwarzen Stofftasche eine Tafel Schokolade. Abgesehen von den Zigaretten, der Schokolade und einem Bündel englischer Pfund – die vorausplanende Hexe! – befand sich nichts in der Tasche.

Dabei hatte ich aus irgendeinem Grund immer noch auf das Fuaran gehofft…

»Hexe!«, schrie Swetlana, als der Werwolf, nach wie vor leicht zitternd, auf die Beine kam. »Komm her!«

Arina kehrte zu uns zurück – sich graziös in den Hüften wiegend und sich ihrer Nacktheit in keiner Weise genierend. Der Werwolf legte sich ebenfalls in unserer Nähe hin. Er atmete schwer. Die Jungen gruppierten sich um ihn herum und fingen an, ihn zu belecken. Als Swetlana die Szene betrachtete, machte sie ein angewidertes Gesicht. Dann richtete sie den Blick auf Arina. »Was wirft man dir vor?«

»Auf Befehl eines nicht identifizierten Lichten vom Rezept für das Elixier abgewichen zu sein. Damit hätte ich ein gemeinsames Experiment der Inquisition, der Nacht– und der Tagwache hintertrieben.«

»Und stimmt das?«, hakte Swetlana nach.

»Ja«, gab Arina ohne Umschweife zu. »Weshalb?«

»Vom ersten Tag der Revolution an wollte ich den Roten schaden.«

»Lüg nicht.«Swetlana verzog das Gesicht. »Ob Rot, Weiß oder sonst wer, das ist dir doch ganz egal. Weshalb bist du das Risiko eingegangen?«

»Welchen Unterschied macht das denn für dich aus, Zaubermeisterin?«Arina seufzte.

»Es macht einen aus. Vor allem für dich.«

Die Hexe warf den Kopf in den Nacken. Sah erst mich an, dann Swetlana. Ihre Lider zitterten.

»Bist du traurig, Tante Arina?«, fragte Nadjuschka. Sie schielte zu ihrer Mutter hinüber und legte von sich aus die Hand vor den Mund.

»Ja«, antwortete die Hexe.

Arina wollte auf gar keinen Fall der Inquisition in die Hände fallen.

»Alle Anderen haben das Experiment unterstützt«, berichtete Arina. »Die Dunklen haben geglaubt, dass es nichts ändern würde, wenn an der Spitze des Landes – und die Brotfabrik produzierte in erster Linie für den Kreml und das Volkskommissariat – Tausende von überzeugten Kommunisten stünden. Im Gegenteil, die ganze übrige Welt würde sich gegen die Sowjetunion zusammenschließen. Die Lichten haben geglaubt, dass die UdSSR nach einem harten, aber gewonnenen Krieg gegen Deutschland – die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem solchen Krieg kommen würde, haben die Seher schon damals klar erkannt – zu einer wirklich attraktiven Gesellschaft werden würde. Es gab da einen geheimen Bericht, wonach… kurzum, die Menschen würden den Kommunismus bis zum Jahr 1980 aufgebaut haben.«

»Und Mais würde zur Hauptnahrungsquelle werden«, schnaubte Swetlana.

»Spotte nicht, Zaubermeisterin«, wies die Hexe Sweta gelassen zurecht. »An den Mais erinnere ich mich nicht mehr. Aber eine Stadt auf dem Mond sollte bereits in den siebziger Jahren errichtet sein. Wir wollten zum Mars fliegen und außerdem… Ganz Europa sollte kommunistisch werden. Und zwar nicht durch die Knute. Heute sollte es auf der Welt nur noch eine riesige Sowjetunion und das riesige Reich der Vereinigten Staaten geben… zu denen Großbritannien, Kanada und Australien gehören sollten… Als weiteres selbstständiges Land würde noch China existieren.«

»Sind die Lichten denn von falschen Voraussetzungen ausgegangen?«, fragte ich.

»Nein.«Arina schüttelte den Kopf. »Das sind sie nicht. Sicher, Blut wäre in Strömen geflossen. Aber das, was am Ende herausgekommen wäre, hätte sie zufrieden gestellt. Es wäre weitaus besser als alle heutigen Regime… Die Lichten haben aber eins nicht bedacht: Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, hätten die Menschen etwa jetzt von der Existenz der Anderen erfahren!«

»Verstehe«, meinte Swetlana. Nadjuschka zappelte unruhig auf ihrem Schoß herum. Das Stillsitzen reichte ihr, sie wollte zu»dem Wolf«.

»Deshalb ist dieser… nicht identifizierte Lichte…«Arina lächelte. »… der die Zukunft eben besser als jeder sonst vorhersehen konnte, zu mir gekommen. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und die Situation durchgesprochen. Das Unglück bestand darin, dass das Experiment nicht nur Große Magier geplant hatten, die einschätzen konnten, welche Gefahren unsere Demaskierung mit sich brachte, sondern auch etliche Magier der ersten oder zweiten Kategorie… sogar einige der dritten und vierten. Das Projekt ist ausgesprochen populär gewesen… Um es offiziell zu kippen, hätte man Tausende von Anderen umfassend informieren müssen. Darauf konnten wir es nicht ankommen lassen.«

»Ich verstehe«, sagte Swetlana. Was ich von mir nicht behaupten konnte!

Wir verbergen unsere Existenz vor den Menschen, weil wir Angst haben. Letzten Endes sind wir zu wenige, und keine Magie würde uns retten, wenn eine neue»Hexenjagd«einsetzte. Aber drohte uns wirklich auch in einer guten und glücklichen Zukunft, die Arinas Worten zufolge inzwischen schon längst hätte aufgebaut sein können, noch Gefahr?

»Deshalb haben wir beschlossen, das Experiment zu sabotieren«, fuhr Arina fort. »Das erhöhte die Zahl der Opfer im Zweiten Weltkrieg, verringerte jedoch die Zahl der Opfer, die mit dem Export der Revolution nach Europa und Nordafrika verbunden war. Mehr oder weniger hielt sich das die Waage… Natürlich ist das Leben in Russland heute nicht so schön und angenehm, wie es sein sollte. Doch wer sagt, dass sich Glück in einem vollem Bauch zeigt?«

»In der Tat«, konnte ich mich nicht beherrschen zu sagen. »Jeder Lehrer aus dem Wolgagebiet oder jeder Kumpel aus der Ukraine wird dir Recht geben.«

»Glück muss man im geistigen Reichtum suchen!«, fuhr Arina mich an. »Nicht in einer Badewanne voll Seifenschaum oder in einem beheizten Klo. Dafür wissen die Menschen wenigstens nichts von den Anderen!«

Ich hüllte mich in Schweigen. Die vor uns sitzende Frau hatte keine geringe Schuld auf sich geladen. Sie gehörte vors Tribunal und in die Mangel genommen, so eine durfte man nicht mit Glacehandschuhen anfassen! Was heißt hier Stadt auf dem Mond? Gut, wir haben keine Städte auf dem Mond. Und brauchen sie auch nicht. Aber dass die normalen Städte nur noch dahinsiechen, dass die ganze Welt bis heute mit Schrecken auf uns blickt…»Du Arme«, sagte Swetlana. »Hast du sehr gelitten?«

Im ersten Moment glaubte ich, sie mache sich über Arina lustig.

Den gleichen Gedanken muss die Hexe gehabt haben. »Hast du Mitleid mit mir oder verarschst du mich?«, fragte sie. »Ich habe Mitleid«, antwortete Swetlana.

»Die Menschen tun mir nicht leid, das brauchst du nicht zu denken«, fuhr die Hexe fort. »Das Land ja, das tut mir leid. Es ist mein Land, wie auch immer es sein mag, aber es ist meins! Und so, wie alles gekommen ist, ist es besser. Das Leben geht weiter. Die Menschen werden neue Menschen zur Welt bringen, neue Städte bauen, neue Felder pflügen.«

»Du hast dich nicht wegen der Tscheka in den Winterschlaf gelegt«, sagte Swetlana plötzlich. »Und auch nicht wegen der Inquisition. Denen hättest du irgendeinen Unsinn erzählt, das weiß ich… Nein, du wolltest nicht sehen, was nach deiner Sabotage aus Russland wird.«Arina schwieg. Swetlana sah mich an. »Was sollen wir jetzt tun?«, fragte sie.

»Entscheide du«, antwortete ich, da ich nicht genau wusste, worauf die Frage abzielte. »Wohin wolltest du fliehen?«, wollte Swetlana wissen.

»Nach Sibirien«, sagte Arina gelassen. »Das ist in Russland doch so üblich: Entweder wird man nach Sibirien verbannt oder man flieht dorthin. Ich werde mir ein sauberes Dorf suchen und mich etwas abseits davon niederlassen. Für meinen Unterhalt kann ich sorgen… Ich werde einen Mann finden.«Lächelnd strich sie mit der Hand über die volle Brust. »Dann warte ich noch zwanzig Jährchen, gucke mir an, was geschieht. Und ich werde mir Gedanken darüber machen, was ich der Inquisition sage, wenn sie mich schnappt.«

»Allein kommst du nicht durch die Sperren«, murmelte Swetlana. »Und wir dürften dich kaum rauskriegen.«

»Ich… verstecke… dich…«, hüstelte der Werwolf heiser. »Bin… dir… noch… was… schuldig.«

Arina kniff die Augen zusammen. »Weil ich dich gerettet habe?«, fragte sie.

»Nein… nicht dafür…«, antwortete der Werwolf nebulös. »Ich bringe… dich durch den Wald… ins Lager… dort verstecke ich dich… später… gehst du…«

»Niemand wird irgendwohin…«, setzte ich an. Doch Swetlanas Hand berührte sanft meine Lippen – ganz so, als bringe sie Nadjuschka zum Schweigen.

»Es ist besser so, Anton. Arina sollte besser gehen. Schließlich hat sie Nadenka nicht angerührt, oder?«

Ich schüttelte den Kopf. Das war doch alles Mist. Unsinn. Quatsch. Ob die Hexe es fertig gebracht hatte, Sweta ihrem Willen zu unterwerfen? »Es ist besser so!«, wiederholte Swetlana nachdrücklich.

Dann wandte sie sich an Arina. »Hexe! Schwöre, dass du nie wieder einem Menschen oder einem Anderen das Leben nehmen wirst!«

»Einen solchen Schwur kann ich nicht leisten.«Arina schüttelte den Kopf.

»Schwöre, dass du in den nächsten hundert Jahren weder einem Menschen noch einem Anderen das Leben nimmst, sofern er dein Leben nicht bedroht… und dir keine sonstigen Möglichkeiten zu deiner Verteidigung bleiben«, sagte Swetlana nach kurzem Zögern.

»Das hört sich schon besser an!«Arina lächelte. »Man merkt gleich, dass du jetzt eine Große bist… Ein Jahrhundert zahnlos zu verbringen ist keine Freude. Trotzdem beuge ich mich. Möge das Dunkel mein Zeuge sein!«

Sie hob die Hand, auf der sich im nächsten Moment ein Klumpen Dunkelheit bildete. Die Tiermenschen, sowohl der Erwachsene wie auch die Kinder, winselten leise.

»Ich gebe dir deine Kraft zurück«, sagte Swetlana, noch bevor ich sie daran hindern konnte. Daraufhin verschwand Arina.

Ich sprang auf und stellte mich neben die ruhig dasitzende Swetlana. Ein wenig Kraft war mir noch geblieben… Für ein paar Schläge würde es reichen, nur dass die Hexe diese Schläge…

Abermals tauchte Arina vor uns auf. Bereits angezogen, anscheinend sogar gekämmt. Lächelnd.

»Ich kann dir auch schaden, ohne dich zu töten«, sagte sie gemein. »Dich lähmen oder in ein Monster verwandeln.«

»Stimmt«, pflichtete Swetlana ihr bei. »Das streite ich nicht ab. Nur, was hättest du davon?«

Einen kurzen Moment loderte in Arinas Augen eine solch durchdringende Wehmut auf, dass etwas in meiner Brust zu schmerzen begann.

»Nichts, Zaubermeisterin. Gut, lebe wohl. Gutes vergesse ich, aber ich bin mir nicht zu fein, dir zu danken… Danke, Große. Du wirst es schwer haben… jetzt. »

»Das habe ich bereits verstanden«, meinte Swetlana leise.

Arinas Blick blieb auf mir ruhen. Sie lächelte kokett. »Und auch du leb wohl, Zauberkundiger. Bedauer mich nicht, das mag ich nicht. Ach… schade, dass du deine Frau liebst…«

Sie hockte sich hin und streckte die Hand nach Nadjuschka aus. Und Swetlana griff nicht ein!

»Auf Wiedersehen, mein Mädchen«, sagte die Hexe fröhlich. »Ich bin eine böse Tante, aber dir wünsche ich alles Gute. Derjenige, der dein Schicksal schon frühzeitig bestimmt hat, war nicht dumm… O nein, das war er nicht… Vielleicht gelingt dir das, was wir nicht geschafft haben? Nimm auch du ein kleines Geschenk von mir…«Sie linste zu Swetlana hinüber. Swetlana nickte!

Arina fasste Nadjuschka bei einem ihrer kleinen Finger. »Soll ich dir Kraft wünschen?«, murmelte sie. »Davon hast du ohnehin viel. Man hat dir alles gegeben… im Übermaß… Aber du liebst Blumen, nicht wahr? Nimm von mir die Gabe, Blumen und Kräuter zu nutzen. Das schadet auch einer Lichten Zauberin nicht.«

»Auf Wiedersehen, Tante Arina«, sagte Nadjuschka leise. »Vielen Dank.«

Die Hexe sah mich noch einmal an. Ich war wie vom Donner gerührt, verwirrt, verstand nichts. Dann drehte sie sich zu den Tiermenschen um. »Was ist nun? Los, Grauer!«, rief sie.

Die Wolfsjungen stürzten hinter der Hexe und ihrem Lehrer her. Einer dieser Dreckskerle blieb sogar stehen, scharrte mit der Pfote vor einem Busch und pisste los – den Blick demonstrativ auf uns gerichtet. Nadjuschka kicherte. »Swetlana…«, flüsterte ich. »Sie gehen…»

»Sollen sie«, erwiderte sie. »Sollen sie.«Dann drehte sie sich mir zu.

»Was ist passiert?«, fragte ich, indem ich ihr in die Augen sah. »Was und wann?«

»Lass uns nach Hause gehen«, bat Swetlana. »Wir… wir müssen miteinander reden, Anton. Ein ernstes Gespräch führen.«Wie ich diese Worte hasse! Die verheißen nie etwas Gutes!

Epilog

Meine Schwiegermutter schnatterte in einem fort, während sie Nadjuschka schlafen legte. »Ach du Schwindlerin, ach du Märchentante…«

»Wir sind mit der Tante spazieren gegangen…«, beharrte meine Tochter mit müder Stimme.

»Ja, ja, spazieren gegangen…«, bestätigte meine Schwiegermutter fröhlich.

Swetlana verzog schmerzlich das Gesicht. Früher oder später müssen alle Anderen das Gedächtnis ihrer Verwandten manipulieren. Was keine angenehme Sache ist.

Natürlich haben wir die Wahl. Wir könnten uns nahe stehenden Menschen auch die Wahrheit enthüllen – oder einen Teil der Wahrheit. Doch was brächte das? »Gute Nacht, mein Töchterchen«, sagte Swetlana.

»Geht jetzt, raus hier«, schnaubte meine Schwiegermutter. »Ihr habt mir meine Kleine schon ganz müde gemacht, meine Süße…«

Wir verließen das Zimmer. Swetlana schloss die Tür fest zu. Alles war ruhig, nur die alte Uhr an der Wand tickte.

»Diese ewigen dutzi, dutzi«, murrte ich. »So kann man doch nicht mit einem Kind…«

»Mit einem Mädchen schon«, winkte Swetlana ab. »Vor allem, wenn es erst drei Jahre ist. Anton… gehen wir in den Garten.«

»Ab in den Garten, ich kann's kaum erwarten«, stimmte ich munter zu. »Gehen wir.«

Ohne ein Wort zu sagen, steuerten wir auf die Hängematte zu. Wir setzten uns nebeneinander in sie hinein, wobei ich spürte, dass Swetlana gern etwas abgerückt wäre – so schwierig das in einer Hängematte auch sein mochte. »Fang ganz von vorn an«, riet ich ihr.

»Also von Anfang an…«Swetlana seufzte. »Aber das klappt nicht. Dazu ist das Ganze zu verworren. »

»Dann erklär mir, warum du die Hexe hast laufen lassen?«

»Sie weiß zu viel, Anton. Und wenn sie vor Gericht kommt… wenn all das herauskommt…»

»Aber sie ist eine Verbrecherin!«

»Arina hat uns doch nichts getan«, brachte Swetlana so leise hervor, als wolle sie sich selbst davon überzeugen. »Ich glaube, sie ist nicht wirklich blutrünstig. Die meisten Hexen sind richtig böse, aber es gibt eben auch welche…«

»Ich geb's auf!«Ich hob die Hände. »Und die Werwölfe hat sie auch zurechtgewiesen und Nadenka hat sie nicht angerührt. Die reinste Arina Rodionowna, die Amme Puschkins! Und was ist mit dem missglückten Experiment? »

»Das hat sie doch erklärt.«

»Was hat sie erklärt? Dass es mit der Geschichte Russland in knapp hundert Jahren gewaltig bergab gegangen ist? Dass man statt einer normalen Gesellschaft eine bürokratische Diktatur aufgebaut hat… mit allen daraus resultierenden Konsequenzen?«

»Du hast es doch gehört: Am Ende hätten die Menschen von uns erfahren!«Schwer seufzend versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen.

»Sweta… was sagst du denn da? Vor fünf Jahren bist du selbst noch ein Mensch gewesen! Außerdem bleiben wir Menschen… nur eben fortschrittlichere. Eine neue Stufe in der Evolution. Sollen die Menschen doch von uns erfahren, das ist doch nicht schlimm!«

»Wir sind nicht fortschrittlicher!«Swetlana schüttelte den Kopf. »Anton, als du mich gerufen hast… habe ich geahnt, dass die Hexe das Zwielicht observieren würde. Ich bin sofort in die fünfte Schicht gesprungen. Ich glaube, außer Geser und Olga ist noch keiner von unseren Leuten dort gewesen…«

Sie verstummte. Und ich begriff: Genau darüber wollte Swetlana sprechen. Über etwas unendlich Grauenvolles. »Was ist dort, Sweta?«, flüsterte ich.

»Ich bin relativ lange dort gewesen«, fuhr Swetlana fort. »Also… ich habe etwas verstanden. Im Moment spielt es keine Rolle, auf welche Weise. »

»Und?«

»Was in diesem Hexenbuch steht, stimmt alles, Anton. Wir sind keine richtigen Magier. Wir verfügen über keine größeren Fähigkeiten als die Menschen. Wir sind genau wie das blaue Moos aus der ersten Schicht. Erinnerst du dich noch an das Beispiel in dem Hexenbuch, bei dem es um die Körpertemperatur und die Temperatur der Umwelt ging? Bei allen Menschen liegt die magische Temperatur bei 36,6 °C. Wenn jemand großes Glück oder großes Unglück hat, bekommt er Fieber. Die Temperatur dieser Menschen ist also höher. Und all diese Energie, all diese Kraft wärmt die Welt. Unsere Körpertemperatur liegt unter der Norm. Wir schöpfen fremde Kraft und können sie umverteilen. Wir sind Parasiten. Bei einem schwachen Anderen wie Jegor liegt die Temperatur bei 34 °C. Bei dir beträgt sie beispielsweise 20 °C. Bei mir 10 °C.«

Wie aus der Pistole geschossen antwortete ich. Darüber habe ich nämlich schon nachgedacht, als ich das Buch gelesen hatte. »Ja und, Sweta? Was folgt daraus? Die Menschen können ihre Kraft nicht nutzen. Wir schon. Wo ist da der Unterschied?«

»Der Unterschied besteht darin, dass die Menschen sich damit niemals zufrieden geben würden. Selbst anständige, selbst gute Menschen schielen immer ein wenig neidisch auf diejenigen, denen mehr gegeben ist. Auf Sportler, schöne Männer und Frauen, geniale und talentierte Menschen. Darüber muss man sich nicht beklagen… Das ist Schicksal, Zufall. Aber jetzt stell dir mal vor, du seist ein ganz gewöhnlicher Mensch. Absoluter Durchschnitt. Plötzlich erfährst du, dass jemand hundert Jahre alt wird, die Zukunft voraussagen kann, Krankheiten heilt und Unheil anrichtet. Und zwar richtig, ohne Pfusch! Und all das auf deine Kosten! Wir sind Parasiten, Anton. Genau wie die Vampire. Genau wie das blaue Moos. Wenn das herauskommt, wenn jemand einen Apparat erfindet, um Menschen und Andere voneinander zu unterscheiden, dann beginnt die Jagd auf uns, dann wird man uns ausrotten. Vereinzelt würden wir inmitten der Menschen leben und irgendwann von ihnen erwischt werden. Oder wir würden uns zu Gruppen zusammenschließen und einen eigenen Staat gründen. Mit Atombomben werfen.«

»Abgrenzen und schützen…«, flüsterte ich die Hauptlosung der Nachtwache.

»Richtig. Abgrenzen und schützen. Und zwar nicht Menschen vor Dunklen, sondern Menschen vor Anderen überhaupt.«

Ich lachte. Sah in den Nachthimmel hinauf und lachte, erinnerte mich daran, wie ich selbst gewesen war, vor nicht allzu langer Zeit, als ich eine dunkle Straße entlangging, den Vampiren entgegen. Mit heißem Herzen, sauberen Händen und einem leeren, kühlen Kopf…

»Wie oft haben wir darüber gesprochen, wodurch wir uns von den Dunklen unterscheiden…«, sagte Swetlana leise. »Einmal bin ich auch auf folgende Formulierung gestoßen: Wir sind die guten Hirten. Wir kümmern uns um die Herde. Das ist vermutlich nicht mal wenig. Nur sollten wir weder uns selbst noch andern etwas vormachen. Niemals werden alle Menschen Andere werden. Niemals werden wir uns den Menschen zu erkennen geben. Und niemals werden wir den Menschen erlauben, eine mehr oder weniger anständige Gesellschaft aufzubauen. Kapitalismus, Kommunismus – darum geht es doch gar nicht. Was wir wollen, ist eine Welt, in der die Menschen sich einzig um die Größe der Futtertröge und die Qualität des Heus Sorgen machen müssen. Denn sobald sie den Kopf aus dem Futtertrog ziehen, sich umsehen und uns erblicken, wäre das unser Ende.«

Ich sah in den Himmel – und streichelte Swetlanas Hand auf meinen Knien. Nur ihre Hand, diese warme und schlaffe Hand – die vor kurzem Blitz und Donner gegen eine schädliche verräterische Hexe geschleudert hatte…

Die hilflose Hand einer Großen Zauberin, in der nur halb so viel Magie steckte wie in mir.

»Und wir könnten nichts machen«, flüsterte Swetlana. »Die Wachen werden die Menschen niemals aus dem Stall lassen. In den Staaten gibt es große und gut gefüllte Futtertröge, in die du gern den Kopf steckst. In Uruguay gibt es nur ab und an etwas Grün an einem Abhang, sodass dir keine Zeit bleibt, in den Himmel zu schauen. Alles, was wir tun können, ist, einen möglichst freundlichen Viehstall auszusuchen und ihn in einer fröhlichen Farbe anzustreichen. »

»Was, wenn du das den Anderen erzählst?«

»Die Dunklen schert das nicht. Die Lichten würden sich damit abfinden. Ich habe etwas erfahren, was ich nie erfahren wollte, Anton – und mich damit abgefunden. Vielleicht sollte ich dir nichts davon erzählen? Aber das wäre nicht fair. Es würde dich quasi zu einem Teil der Herde machen.«

»Sweta…«Ich sah zu dem schwachen Schein des Nachtlichts im Fenster hinüber. »Sweta, welche magische Temperatur hat unsere Nadjuschka?«Sie zögerte, bevor sie antwortete. »Null. »

»Die Größte der Großen…«, sagte ich.

»Absolut frei von jeder Magie…«, versicherte Swetlana noch einmal. »Was sollen wir jetzt tun?«

»Leben«, sagte Swetlana bloß. »Ich bin eine Andere… und es ist zu spät, die Unschuldige zu mimen. Ich kriege meine Kraft von den Menschen, ziehe sie aus dem Zwielicht, doch auch das ist fremde Kraft. Aber das ist nicht meine Schuld. »

»Ich gehe zu Geser, Sweta. Gleich jetzt. Ich verlasse die Wache. »

»Ich weiß. Fahr.«

Ich erhob mich, hielt die schaukelnde Hängematte an. Es war dunkel, nicht einmal Swetlanas Gesicht konnte ich erkennen.

»Fahr, Anton«, wiederholte sie. »Es wird uns schwer fallen, einander in die Augen zu sehen. Wir werden Zeit brauchen, um uns daran zu gewöhnen. »

»Was ist dort? In der fünften Schicht?«, fragte ich. »Das solltest du besser nicht wissen. »

»Gut. Dann frage ich Geser. »

»Soll er dir antworten… wenn er will.«

Ich beugte mich vor und berührte ihre Wange – die tränenfeucht war.

»Es ist widerwärtig…«, flüsterte sie. »Widerwärtig… ein Parasit zu sein. »

»Halte durch…»

»Das tu ich.«

Als ich in den Schuppen ging, fiel eine Tür zu. Swetlana war ins Haus gegangen. Ohne Licht anzuschalten, setzte ich mich ins Auto und schlug die Tür hinter mir zu.

Was hatte Onkel Kolja hier wohl angestellt? Ob ich losfahren konnte? Der BMW sprang sofort an, leise und ruhig surrte der Motor.

Ich schaltete die Scheinwerfer an und fuhr aus dem Schuppen. Die Regeln der Maskierung?

Scheiß drauf. Was soll sich ein Hirte vor seinem Schaf verstecken!

Mit leichten Passes öffnete ich das Tor, ohne aus dem Auto zu steigen. Ich fuhr auf die Straße und gab Gas. Das Dorf wirkte leer und tot. Man hatte den Schafen Schlafmittel ins Futter geschüttet…

Das Auto ließ den Ort hinter sich. Ich schaltete das Fernlicht ein, drückte weiter aufs Gas. Durch das offene Fenster schlug der Wind herein. Ich tastete auf dem Armaturenbrett nach der Fernbedienung, stellte den MD-Player ein.

 
Ohne Mantel kam ich in die winddurchwehte Stadt,
Die sich mir wie Efeu um den Hals geschlungen hat.
Schlangenringe schnüren mir die Seele ein,
Der ich unter schwarzer Sonne keine Träne wein.
Dreist geworden, tu ich oft, was nicht richtig ist;
Was wohl das Kaninchen hofft, das die Schlange frisst?
Wenn man sich gewöhnt hat, stören Schlangenringe kaum,
Eine schwarze Sonne seh ich, einen schwarzen Traum.
Tugend, Laster klar zu trennen, kannst du nicht verlangen;
Jene, die die Wahrheit kennen, macht man wohl zu Schlangen.
Unter jeder Flagge bin ich willens, hinzusiechen,
Und bereit, im Zickzack auf dem Boden langzukriechen,
Und von Liebe singen, bis mir zum Kotzen ist,
Wenn es für mein Vaterland denn von Nutzen ist.
 

Vor mir, an der Autobahneinfahrt, brannte ein Licht. Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich durchs Zwielicht. Quer über der Straße stand ein Sperrgitter der Miliz. Daneben warteten zwei Menschen und zwei Andere. Dunkle Andere. Lächelnd drosselte ich die Geschwindigkeit.

 
Ameisen statt Bienenschwärme wimmeln mir im Sinn,
Das Geschoss hat eine Unwucht zu der Liebe hin.
Doch die Schlangenringe sind eine feste Wehr,
Eine schwarze Sonne seh ich, und sie hasst mich sehr.
Kampflos könnte ich dem Teufel in den Rachen springen,
Doch ich werde stehend sterben in den Schlangenringen.
Denn die Ringe machen, dass ich starr und reglos steh.
Stets die schwarze Sonne sehen tut den Augen weh.
 

An der Sperre hielt ich an, wartete, bis der Polizist zu mir kam, der eine Maschinenpistole vor die Brust gepresst hielt. Die Inquisition hat noch nie Probleme damit gehabt, bei der Abrigelung eines Gebiets Menschen einzusetzen.

Ich hielt dem Polizisten meinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere hin und stellte den Ton ab. Dann sah ich mir die Anderen an.

Den einen Inquisitor kannte ich nicht, ein hagerer, älterer Asiat. Ich würde schätzen, er stand auf der zweiten oder dritten Kraftstufe, doch bei Inquisitoren lässt sich so was immer schwer sagen.

Der zweite war ein gewöhnlicher Dunkler aus der Moskauer Tagwache. Der Vampir Kostja.

»Wir suchen eine Hexe«, sagte der Inquisitor. Die Polizisten ignorierten die beiden völlig, denn ihnen war befohlen worden, nichts zu sehen.

»Bei mir ist Arina nicht«, sagte ich. »Leitet Edgar die Razzia?«Der Inquisitor nickte. »Fragen Sie ihn nach mir. Anton Gorodezki, Nachtwache.«

»Ich kenne ihn«, murmelte Kostja, während er sich zum Inquisitor beugte. »Alles in Ordnung. Ein gesetzestreuer Lichter…»

»Fahren Sie weiter.«Der Polizist gab mir meine Papiere zurück.

»Ja, Sie können weiterfahren«, nickte der Inquisitor. »Es kommen noch mehr Straßensperren.«

Ich nickte und fuhr auf die Autobahn. Kostja stand da und sah mir nach. Ich stellte den Ton wieder an.

 
Bin nicht gut, nicht böse, nein; ich bin für alles offen.
Heimat, hast es doch mit mir mächtig gut getroffen!
Deine Schlangenringe sind mir Wohnung und Verschlag.
Und so werd ich weiterkriechen
Unter dieser Teufelssonne,
Hin und her, hin und her,
Bis zum Jüngsten Tag.
 

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