Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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»Soll er jetzt ein Dunkler werden?«, empörte sich Geser. »Ja? Das habt ihr doch wohl mit Absicht gemacht! Gesers Sohn ein Dunkler Magier!«
»Ich bin überzeugt davon, dass er in jedem Fall ein Dunkler Magier geworden wäre…«, gab Viteszlav zu bedenken. »Bei dem Leben, das er führt…«
»Du hast ihm seinen Willen genommen, ihn zum Dunkel gedrängt – und jetzt gibst du solche Erklärungen ab?«, zischte Geser in bedrohlichem Ton. »Glaubt die Inquisition, sie habe das Recht, den Großen Vertrag zu verletzen? Oder geht dieser Angriff auf deine Rechnung? Kannst du Karlsbad immer noch nicht vergessen? Wir können unser Gespräch von damals gern fortsetzen, Viteszlav. Hier ist nicht das Rote Bad, aber genug Platz für ein Duell haben wir.«
Eine Sekunde lang zögerte Viteszlav, versuchte, dem Blick Gesers standzuhalten.
Dann kapitulierte er. »Ich bitte um Entschuldigung, Geser. Ich habe nicht geahnt, dass dieser Mensch ein potenzieller Anderer ist. Alles hat auf das Gegenteil hingewiesen… diese Briefe…»
»Und jetzt?«, brüllte Geser.
»Die Inquisition erkennt ihr… ihr voreiliges Verhalten an…«, sagte Viteszlav. »Die Moskauer Nachtwache hat das Recht, diesen… diesen Mann unter ihre Fittiche zu nehmen.«
»Und bei ihm eine Remoralisierung durchzuführen?«, hakte Geser nach. »Um ihn danach so zu initiieren, dass er sich dem Licht zuwendet? »
»Ja…«, flüsterte Viteszlav.
»In diesem Fall können wir den Konflikt als beigelegt betrachten.«Geser lächelte und klopfte Viteszlav auf die Schultern. »Nimm es nicht tragisch. Wir alle machen mitunter Fehler. Die Hauptsache ist doch, dass wir sie wieder korrigieren, oder?«
Eine eiserne Selbstbeherrschung hatte er, dieser alte europäische Blutsauger. »Gewiss, Geser…«, räumte er traurig ein.
»Habt ihr den abtrünnigen Anderen eigentlich geschnappt?«, wollte Geser wissen. Viteszlav schüttelte den Kopf.
»Was gibt denn das Gedächtnis von meinem Söhnchen her…«, fragte Geser laut. Er sah Timur Borissowitsch an, der bereits tipptopp angezogen dastand. »Ei, ei, ei… Oleg Strishenow. Der Filmstar aus den Sechzigern… Was für eine perfide Tarnung!«
»Der Verräter liebt wohl die alten russischen Filme?«, fragte Viteszlav.
»Anscheinend. Ich selbst hätte Innokenti Smoktunowski bevorzugt«, erwiderte Geser. »Oder Oleg Dal. Das ist eine aussichtslose Sache, Viteszlav. Der Verräter hat keine Spuren hinterlassen. »
»Und du hast keine Ahnung, wer er ist?«, fragte Viteszlav.
»Spekulieren könnte ich«, meinte Geser nickend. »In Moskau gibt es Tausende von Anderen. Jeder von ihnen kann eine fremde Gestalt annehmen. Will die Inquisition etwa von jedem einzelnen Anderen Moskaus das Gedächtnis überprüfen?«Viteszlav runzelte die Stirn.
»Eben, das würde nichts bringen«, versicherte Geser. »Ich könnte mich nicht einmal für meine eigenen Mitarbeiter verbürgen, geschweige denn für die Anderen, die nicht in den Wachen arbeiten.«
»Wir werden ihn in einen Hinterhalt locken«, erklärte Edgar. »Und wenn der Verräter erneut auftaucht…«
»Er wird nicht wieder auftauchen«, erklärte Viteszlav müde. »Das ist nicht mehr nötig.«
Lächelnd betrachtete Geser den düster dreinblickenden Vampir. Dann verlosch sein Lächeln mit einem Mal. »Ich bitte euch, die Wohnung meines Sohnes zu verlassen. Zur Unterzeichnung des Protokolls erwarte ich euch im Büro. Heute Abend um sieben Uhr.«
Viteszlav nickte und verschwand. Kurz darauf tauchte er jedoch wieder auf. Leicht konfus.
»Zu Fuß, zu Fuß«, erklärte Geser. »Ich habe das Zwielicht hier geschlossen. Vorsichtshalber.«
Ich tappte den Inquisitoren und Kostja hinterher, der über alle Maßen glücklich war, nach Hause zu können.
»Anton«, rief Geser mir nach. »Vielen Dank. Du hast gute Arbeit geleistet. Komm heute Abend zu mir.«
Ich antwortete nicht. Wir gingen an den noch immer völlig teilnahmslosen Bodyguards vorbei, und ich scannte sorgfältig die Aura desjenigen, der mir verdächtig vorgekommen war. Nein, kein Anderer. Ein Mensch. Lange würde ich jetzt kein Land sehen…
Der in seine Gedanken vertiefte Viteszlav schwieg und überließ Kostja und Edgar den langen Kampf mit den Schlössern. Nur einmal linste er zu mir herüber. »Lädst du mich auf einen Kaffee ein, Wächter?«, fragte er. Ich nickte. Warum eigentlich nicht?
Schließlich hatten wir denselben Fall bearbeitet. Und hatten uns gemeinsam blamiert – ungeachtet aller Lobesworte, die Geser für mich fand.
Sieben
Eine komische Gesellschaft: ein junger Vampir aus der Tagwache, zwei Inquisitoren und ein Lichter Magier.
Und alle saßen wir friedlich in der großen leeren Wohnung, warteten, bis das Wasser in der Mikrowelle heiß war, um löslichen Kaffee aufzubrühen. Ich hatte sogar Kostja erlaubt einzutreten, und jetzt saß er wieder auf dem Fensterbrett, allerdings auf der Innenseite. Nur Viteszlav stand.
»Ich bin nicht mehr an Russland gewöhnt«, sagte er, während er nachdenklich vor dem Fenster auf und ab ging. »Ich bin entwöhnt. Ich erkenne dieses Land nicht wieder.«
»Stimmt, das Land hat sich verändert! Es werden neue Häuser gebaut, neue Straßen…«, setzte ich begeistert an.
»Verschon mich mit deiner Ironie, Wächter«, fiel Viteszlav mir ins Wort. »Das meine ich nicht. Vor siebzig Jahren lebten in eurem Land die diszipliniertesten Anderen. Sogar die Wachen agierten im Rahmen des Zulässigen…»
»Und jetzt lassen alle die Zügel schießen?«, mutmaßte ich. Viteszlav schwieg.
Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Was auch immer er sein mochte, dieser Prager Vampir aus der Inquisition, aber heute hatte man ihn mit Schimpf und Schande durch den Dreck gezogen. Zum ersten Mal hatte ich miterlebt, wie die Inquisition sich blamiert hatte. Sogar Geser hatte sie wohl nicht gefürchtet, aber immer als unüberwindbare Kraft anerkannt.
Und plötzlich trickste er sie aus. Leicht und raffiniert.
Was hatte sich auf der Welt verändert? War die Inquisition zur dritten Partei geworden? War sie nur noch eine der an diesem Spiel beteiligten Seiten? Die Dunklen, die Lichten und die Inquisition? Oder die Dunklen, die Lichten und das Zwielicht?
In der Glaskanne brodelte das Wasser. Ich goss die auf dem Fensterbrett aufgestellten Tassen auf. Stellte Kaffeepulver, Zucker und ein Päckchen Milch bereit.
»Gorodezki, du weißt, dass heute der Große Vertrag verletzt worden ist?«, fragte Viteszlav plötzlich. Ich zuckte mit den Schultern.
»Du brauchst nicht zu antworten«, sagte Viteszlav. »Mir ist auch so klar, dass du es verstanden hast. Jemand aus der Nachtwache hat die Inquisition zu dieser unüberlegten Handlung gedrängt… Und danach hat die Wache das Recht bekommen, diesen einen Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Ich glaube nicht, dass er der Nachtwache einen großen Vorteil bringen wird.«
Das glaubte ich auch nicht. Timur Borissowitsch würde nicht lernen, die Kraft des Zwielichts zu nutzen. Er würde sein langes Leben bekommen, er würde die Möglichkeit haben, kleine magische Tricks zu vollführen, die geheimen Gedanken seiner Geschäftspartner zu lesen, einer Kugel aus dem Weg zu gehen… Das würde ihm genügen. Nun, seine Firma dürfte wohl regelmäßig große Summen auf das Konto der Nachtwache überweisen. Und der Geschäftsmann selbst würde gütiger auftreten, würde wohltätige Einrichtungen unterstützen, für den Unterhalt des Eisbären im Zoo und eines Dutzends Waisenkinder im Heim die Verantwortung übernehmen. Egal. All das war keinen Streit mit der Inquisition wert.
»Gewissenlos«, sagte Viteszlav bitter. »Die Ausnutzung der beruflichen Stellung zu persönlichen Zwecken!«Unwillkürlich schnaubte ich. »Was ist daran so komisch?«, fuhr mich Viteszlav an.
»Ich glaube, Geser hat Recht. Sie sitzen wirklich schon zu lange hinter Ihrem Schreibtisch.«
»Willst du damit behaupten, für dich sei das alles ganz normal?«, fragte Viteszlav. »Es gebe keinen Grund, sich zu empören?«
»Ein Mensch, wenn auch nicht der beste auf der Welt, wird zum Lichten«, erwiderte ich. »Nun fügt er niemandem mehr etwas Böses zu. Im Gegenteil. Weshalb sollte ich mich darüber empören?«
»Lass es, Viteszlav«, riet Edgar mit leiser Stimme. »Gorodezki versteht das nicht. Er ist zu jung.«
Viteszlav nickte und nippte an seinem Kaffee. »Ich habe geglaubt, du würdest dich von dieser ganzen lichten Zunft unterscheiden«, sagte er dann finster. »Dass dir der Kern wichtig ist, nicht die Schale…«
»Ja, mir ist der Kern wichtig, Viteszlav!«, explodierte ich. »Und im Kern bist du ein Vampir! Und du, Edgar, bist ein Dunkler Magier! Ich weiß nicht, worin eurer Meinung nach die Verletzung des Großen Vertrages besteht, aber ich bin sicher, Sebulon wäre nichts zur Last gelegt worden!«
»Lichter Magier…«, brachte Viteszlav widerwillig hervor. »Adept des Lichts… Wir bewahren nur das Gleichgewicht, ist das klar? Und Sebulon müsste sich vor dem Tribunal verantworten, wenn er dergleichen getan hätte!«Doch ich ließ mich jetzt nicht mehr aufhalten.
»Sebulon hat schon viel angerichtet. Er hat versucht, meine Frau zu ermorden. Er hat versucht, mich zu ermorden. Er drängt die Menschen ständig zum Dunkel! Und du behauptest, irgendjemand von uns habe nicht ehrlich gehandelt, habe einen Falschspieler ausgetrickst? Kann schon sein, dass er nicht ehrlich gespielt hat. Aber den Regeln gemäß! Ihr regt euch die ganze Zeit darüber auf, wenn man euch auf euer Falschgeld entsprechend herausgibt… Warum? Das lässt sich doch leicht einwechseln. Lernt endlich, ehrlich zu spielen.«
»Deine und unsere Ehrlichkeit lassen sich nicht vergleichen«, bemerkte Edgar. »Gehen wir, Viteszlav…«
Der Vampir nickte. Stellte seine noch nicht ausgetrunkene Tasse ab.
»Vielen Dank für den Kaffee, Lichter. Ich gebe dir deine Einladung, deine Wohnung zu betreten, zurück.«
Daraufhin verschwanden die beiden Inquisitoren. Nur der schweigsame Kostja blieb noch, der jetzt auf einem Hocker saß und Kaffee trank.
»Moralisten«, sagte ich wütend. »Oder glaubst du auch, dass sie Recht haben?«
»Nein, warum sollte ich?«, meinte Kostja lächelnd. »Sie haben es nicht besser verdient. Es war höchste Zeit, der Inquisition mal ihre Arroganz auszutreiben… Nur schade, dass es Geser war, der das gemacht hat, und nicht Sebulon.«
»Geser hat nichts gemacht«, widersprach ich. »Das hat er geschworen, das hast du doch gehört.«
Kostja zuckte mit den Achseln. »Ich habe keine Ahnung, wie er es geschafft hat. Aber das ist seine Intrige. Sebulon hatte gute Gründe, sich nicht einzumischen. Schlau ist er, der alte Fuchs, schlau… Weißt du, was ich mich frage?«
»Na?«, wollte ich angespannt wissen. Kostjas Unterstützung schmeckte mir irgendwie nicht.
»Was ist eigentlich der Unterschied zwischen uns? Wir intrigieren, ziehen die Leute, die wir brauchen, auf unsere Seite. Und ihr macht ganz genau dasselbe. Wenn Geser aus seinem Sohn einen Lichten machen will, dann tut er das. Alle Achtung! Von mir aus, bitte schön.«
Kostja lächelte.
»Was meinst du, wer hatte im Zweiten Weltkrieg Recht?«, wollte ich wissen.
»Was soll die Frage?«Jetzt spannte sich Kostja an, denn er vermutete nicht ohne Grund eine Falle. »Antworte.«
»Wir hatten Recht«, antwortete Kostja patriotisch. »Übrigens haben auch einige Vampire und Tiermenschen mitgekämpft! Zwei haben sogar den Stern des Helden bekommen!«
»Und warum haben ausgerechnet wir Recht? Stalin hätte doch auch am liebsten ganz Europa geschluckt. Wir haben friedliche Städte bombardiert, Museen geplündert, Deserteure erschossen…«
»Aber das waren doch unsere Leute! Deshalb waren sie im Recht!«
»Und jetzt sind unsere Leute im Recht. Und unsere Leute -das sind die Lichten.«
»Das heißt, du empfindest es so«, stellte Kostja klar. »Und deswegen erhebst du keine Einwände?«Ich nickte.
»Ha…«, meinte Kostja verächtlich. »Dann nenn mir wenigstens ein zündendes Argument dafür. »
»Wir trinken kein Blut«, entgegnete ich.
Kostja stellte die Tasse auf den Boden. Erhob sich. »Ich danke dir für die Gastfreundschaft. Ich gebe dir deine Einladung, deine Wohnung zu betreten, zurück.«
Dann blieb ich allein – in der großen leeren Wohnung, in trauter Zweisamkeit mit den nicht vollständig geleerten Tassen, der offenen Mikrowelle und dem verbliebenen Wasser im Kessel…
Warum hatte ich es in der Mikrowelle warm gemacht? Eine einzige Handbewegung – und das Wasser hätte direkt in den Tassen gebrodelt.
Ich holte das Handy heraus und wählte Swetlanas Nummer. Sie meldete sich nicht. Vermutlich ging sie gerade mit Nadjuschka spazieren, hatte das Handy aber wie üblich zu Hause liegen lassen…
In meinem Innern herrschte durchaus nicht diese Unbeschwertheit, die ich vorzutäuschen versucht hatte.
Was machte uns denn nun wirklich zu den besseren Anderen? Intrigierten, kämpften und täuschten wir etwa nicht? Ich brauchte eine Antwort. Wieder mal. Und nicht von dem Schlaukopf Ge-ser, der mich in ein Geflecht aus Worten einzuspinnen verstand. Und nicht von mir selbst, denn ich traute mir nicht mehr. Ich brauchte eine Antwort von einem Menschen, dem ich vertraute.
Und ich musste verstehen, wie Geser die Inquisition ausgetrickst hatte.
Denn wenn er etwas beim Licht geschworen hatte und das eine Lüge war… Wofür kämpfte ich dann?
»Soll doch alles…«, setzte ich an, verstummte dann aber. Du darfst nicht fluchen – das bringt man dir bereits in den ersten Tagen nach der Initiierung bei. Und jetzt hätte ich beinahe die Kontrolle verloren… Soll doch alles… Soll es doch einfach sein.
In dem Moment läutete es an der Tür. Als hätte jemand erraten, dass ich jetzt auf gar keinen Fall allein sein wollte.
»Herein!«, rief ich durchs Zimmer, denn ich erinnerte mich, dass die Tür nicht verschlossen war.
Die Tür ging auf, und Lass steckte den Kopf herein. Mein Nachbar sah sich um.
»Störe ich?«, fragte er. »Nein, komm rein.«
Lass kam ins Zimmer, sah sich um. »So schlimm sieht es hier doch gar nicht aus…«, kommentierte er. »Noch ein Klo… Vielleicht könnte ich mich noch mal hier duschen? Jetzt oder heute Abend… Das war nämlich nicht schlecht.«
Ich steckte die Hand in die Tasche und tastete nach dem Schlüsselbund. Stellte mir vor, wie die Schlüssel anschwollen und sich spalteten… Dann warf ich Lass das neu entstandene Bund zu. »Fang!«
»Warum das?«, fragte Lass, während er die Schlüssel betrachtete.
»Ich muss wegfahren. Du kannst die Wohnung solange nutzen.«
»Wo nun endlich mal ein normaler Mensch hier eingezogen ist«, schmollte Lass. »Das ist echt nicht nett. Fährst du bald weg?«
»Gleich«, antwortete ich. Mit einem Mal war mir klar geworden, wie dringend ich Swetka und Nadja sehen wollte. »Vielleicht komme ich noch mal wieder. »
»Vielleicht aber auch nicht?«Ich nickte.
»Das ist echt nicht nett«, wiederholte Lass und kam auf mich zu. »Ich habe hier bei dir einen MD-Player gesehen… Nimm das.«Ich nahm die kleine Scheibe an mich.
»Kampfprothesen«, erklärte Lass. »Mein Album. Hör sie aber nicht, wenn Frauen und Kinder in der Nähe sind! »
»Gut.«Ich drehte die Scheibe in den Händen. »Vielen Dank.«
»Hast du irgendwelche Probleme?«, fragte Lass. »Entschuldige, ich will mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen, aber du siehst wirklich hundserbärmlich aus…«
»Nein, es ist nichts«, riss ich mich zusammen. »Ich vermisse meine kleine Tochter. Ich fahr jetzt zu ihr… Meine Frau ist mit ihr auf der Datscha, ich hatte hier noch was zu erledigen…«
»Das geht vor«, pflichtete Lass mir bei. »Man darf es einem Kind gegenüber nicht an Aufmerksamkeit mangeln lassen. Obwohl: Dass ihre Mutter bei ihr ist, ist natürlich das Wichtigste.«Ich starrte Lass an.
»Die Mutter ist trotz allem das Wichtigste für ein Kind«, behauptete Lass mit der Miene eines Wigotski, Piaget oder sonstigen Experten für Kinderpsychologie. »Das ist biologisch bedingt. Wir, die Männchen, denken doch in erster Linie an die Weibchen. Und die Weibchen eben an die Kinder.«
In die Wohnung von Timur Borissowitsch ließ man mich ohne Fragen. Die Bodyguards wirkten völlig normal und hatten anscheinend nicht die geringste Vorstellung davon, was hier kürzlich geschehen war.
Geser trank mit seinem frisch gebackenen Sohn Tee im Arbeitszimmer. Das große – fast möchte ich sagen: weitläufige – Arbeitszimmer mit dem massiven Schreibtisch, einem Haufen unnützer Kinkerlitzchen in den Regalen antiker Schränke. Erstaunlich, wie gut sich ihre Geschmäcker vergleichen ließen. Das Arbeitszimmer Timur Borissowitschs glich dem Büro seines Vaters auf ganz bemerkenswerte Weise.
»Komm rein, mein Freund«, lächelte mir Timur Borissowitsch zu. »Siehst du, wie prächtig sich alles gefügt hat.«Er schielte zu Geser hinüber. »Er ist noch jung, hitzköpfig…«, fügte er dann hinzu.
»Das mit Sicherheit«, pflichtete ihm Geser mit einem Nicken bei. »Was ist passiert, Anton?«
»Wir müssen miteinander reden«, sagte ich. »Unter vier Augen.«
Geser seufzte und sah seinen Sohn an. Der erhob sich. »Ich gehe mal zu meinen Kraftbolzen. Was sollen die sich da die Hosen durchsitzen, die brauchen eine Aufgabe.«
Timur Borissowitsch ging hinaus, Geser und ich blieben allein zurück.
»Raus mit der Sprache, was ist passiert, Gorodezki?«, fragte Geser müde. »Können wir offen reden?«
»Ja.«
»Sie wollten nicht, dass Ihr Sohn ein Dunkler wird«, fing ich an. »Das stimmt doch, oder?«
»Würdest du denn zusehen wollen, wie deine Nadjuschka eine Dunkle Zauberin wird?«, antwortete Geser mit einer Gegenfrage.
»Aber Timur wäre unweigerlich zu einem Dunklen geworden«, fuhr ich fort. »Sie brauchten das Recht auf eine Remoralisierung. Deshalb mussten die Dunklen, besser noch die Inquisition in Panik geraten und eine nicht zu rechtfertigende Manipulation an Ihrem Sohn vornehmen…«
»So ist es ja auch gekommen«, sagte Geser. »Also Gorodezki, willst du mir etwas zur Last legen? »
»Nein, ich will das Ganze bloß verstehen.«
»Du warst doch dabei, als ich beim Licht einen Schwur abgelegt habe. Ich habe Timur noch nie zuvor getroffen. Ich habe ihm nichts versprochen, ich habe keine Briefe abgeschickt. Und ich habe niemanden für diese Aufgabe angeworben.«
Nein, Geser rechtfertigte sich nicht. Und versuchte nicht, mich einzulullen. Er legte bloß die Bedingungen der Aufgabe dar und wartete vergnügt, welche Antwort sein Schüler geben würde.
»Viteszlav hätte nur noch eine weitere Frage stellen müssen«, meinte ich. »Doch diese Frage war wohl allzu menschlich für ihn…«
Geser zwinkerte, als probe er ein Nicken. »Seine Mutter«, sagte ich.
»Viteszlav hat seine eigene Mutter umgebracht«, erklärte Geser. »Nicht aus böser Absicht. Er war ein junger Vampir und hatte sich nicht unter Kontrolle. Aber… seit dieser Zeit vermeidet er es, dieses Wort auszusprechen. »
»Wer ist Timurs Mutter? »
»Im Dossier müsste ihr Name stehen.«
»Da kann jeder x-beliebige Name stehen. Es heißt, Timurs Mutter sei bei Kriegsende verschwunden… Aber ich kenne eine Frau, eine Andere, die zu dieser Zeit in einen Vogelkörper gebannt worden ist. Nach dem Dafürhalten der Menschen ist sie gestorben.«Geser schwieg. »Konnten Sie ihn wirklich nicht früher finden?«, fragte ich.
»Wir waren davon überzeugt, dass Timur tot ist«, antwortete Geser leise. »Es war Olga, die sich nicht damit abfinden wollte. Und nachdem sie rehabilitiert worden war, machte sie sich wieder auf die Suche…«
»Sie hat ihren Sohn gefunden. Und ihm das voreilige Versprechen gegeben«, schloss ich.
»Frauen dürfen sich solche Gefühle leisten«, sagte Geser trocken. »Selbst die weisesten Frauen. Aber Männer sind dazu da, ihre Frau, ihr Kind zu verteidigen. Das ist alles sehr rational und überlegt organisiert.«Ich nickte. »Verurteilst du mich?«, wollte Geser neugierig wissen. »Anton?«
»Wer bin ich, Sie zu verurteilen?«, entgegnete ich. »Ich habe selbst eine Tochter, eine Lichte. Und die würde ich auch nicht dem Dunkel überlassen.«
»Danke, Anton.«Geser nickte und entspannte sich merklich. »Ich bin froh, dass du mich verstehst.«
»Ich frage mich nur, wie weit Sie für Ihren Sohn und Olga gegangen wären«, bemerkte ich. »Swetlana hat doch etwas gespürt, nicht wahr? Welche Gefahr hat mir gedroht?«
Geser zuckte mit den Schultern. »Vorgefühle, darauf darf man sich nicht verlassen.«
»Wenn ich beschlossen hätte, der Inquisition die Wahrheit zu sagen…«, fuhr ich fort. »Wenn ich beschlossen hätte, aus der Wache in die Inquisition überzuwechseln… Was wäre dann gewesen?«
»Du bist nicht übergewechselt«, erwiderte Geser. »Obwohl Viteszlav sehr um dich geworben hat. Was noch, Anton? Ich spüre, dass dir noch eine Frage auf der Zunge liegt.«
»Wie kommt es, dass Ihr Sohn ein Anderer ist?«, fragte ich. »Das ist doch ein Glücksspiel. Nur selten bekommen Andere auch ein Kind mit den Anlagen zum Anderen.«
»Anton, entweder gehst du jetzt zu Viteszlav und legst ihm deine Überlegungen dar«, meinte Geser leise, »oder du machst dich auf zu Swetlana, wie du es ohnehin vorhattest. Aber verschon mich mit diesem Verhör.«
»Haben Sie keine Angst, dass die Inquisition noch einmal über alles nachdenkt und Ihnen auf die Schliche kommt?«, fragte ich.
»Nein. In drei Stunden wird Viteszlav ein Dokument unterschreiben, mit dem diese Untersuchung zu den Akten gelegt wird. Sie werden sich den Fall nicht wieder vornehmen. Sie haben sich sowieso schon bis auf die Knochen blamiert.«
»Viel Glück bei der Remoralisierung von Timur«, wünschte ich ihm. Dann ging ich zur Tür.
»Du hast noch eine Woche Urlaub, verbring ihn mit deiner Familie!«, rief Geser mir hinterher.
Erst wollte ich ihm stolz antworten, dass ich auf seine Almosen verzichten könnte.
Gerade noch rechtzeitig besann ich mich jedoch. Welcher Teufel ritt mich jetzt bloß?
»Zwei Wochen«, entgegnete ich. »Allein schon Überstunden habe ich genug, um mir einen ganzen Monat freizunehmen.«Geser hüllte sich in Schweigen.



























