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Wächter des Zwielichts
  • Текст добавлен: 29 сентября 2016, 04:49

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Автор книги: Сергей Лукьяненко



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Die endlos hohen Häuser mit roten Dächern – Genosse Stalin hätte ohne Zweifel seine Freude an ihnen gehabt – kannte ich. Jedoch nur von außen. »Da kommt man nicht so einfach rein, oder?«

»Richtig.«Geser nickte. »Nachdem unser Unbekannter einen solchen Aufwand mit dem Papier, dem Kleber und den Buchstaben getrieben hat, schickt er den Brief also aus dem Assol ab. Damit begeht er entweder eine Riesendummheit…«Ich schüttelte den Kopf.

»… oder lockt uns auf eine falsche Fährte.«An dieser Stelle legte Geser eine Kunstpause ein und beobachtete aufmerksam, wie ich reagierte.

Ich dachte nach. Und schüttelte abermals den Kopf. »Das ist sehr naiv. Nein.«

»Oder unser»Freund«– das letzte Wort sprach Geser mit offenem Sarkasmus aus -»will uns in der Tat einen Hinweis geben. »

»Wozu?«, fragte ich.

»Den Brief hat er ja zu einem bestimmten Zweck abgeschickt«, erinnerte mich Geser. »Wir müssen auf solche Briefe reagieren, Anton, das wirst du einsehen. Nehmen wir einmal das Schlimmste an, nämlich dass ein Verräter unter den Anderen existiert, der Menschen das Geheimnis unserer Existenz enthüllt. »

»Aber wer würde ihm denn glauben?«

»Einem Menschen würde man natürlich nicht glauben. Aber ein Anderer könnte seine Fähigkeiten unter Beweis stellen.«

Da hatte Geser natürlich Recht. Was mir jedoch nicht in den Kopf wollte: Wer würde so etwas tun? Und weshalb? Selbst der dümmste und fieseste Dunkle müsste sich im Klaren darüber sein, was er in Gang setzt, wenn er die Wahrheit preisgibt. Eine neue Hexenjagd nämlich.

Dabei dürften die Menschen keine Schwierigkeiten haben, sowohl in den Dunklen wie auch in den Lichten die Hexen zu sehen. In allen, die Anlagen zum Anderen haben… Auch in Sweta. Auch in Nadjuschka.

»Wie kann man denn aus einem Menschen einen Anderen machen?«, fragte ich. »Über den Vampirismus?«

»Durch Vampire, Tiermenschen…«Geser breitete die Arme aus. »Das ist wohl ein Weg. Die Initiierung erfolgt dann auf dem allergröbsten, primitivsten Niveau dunkler Kraft. Bezahlen muss man dafür mit dem Verlust der menschlichen Existenz. Einen Menschen zum Magier zu initiieren ist dagegen unmöglich.«

»Nadjuschka…«, flüsterte ich. »Schließlich haben Sie doch auch Swetlanas Schicksalsbuch umgeschrieben!«

»Nein, Anton«, entgegnete Geser kopfschüttelnd. »Deiner Tochter war es bestimmt, als Große auf die Welt zu kommen. Wir haben nur für das richtige Vorzeichen gesorgt. Das Element des Zufalls ausgeschaltet…«

»Jegor«, erinnerte ich ihn. »Der Junge war schon ein Dunkler geworden…«

»Bei ihm haben wir bloß das Zeichen der Initiierung gelöscht. Wir haben ihm die Chance gegeben, noch einmal zu wählen«, bestätigte Geser. »Alle Interventionen, zu denen wir in der Lage sind, hängen mit der Wahl zwischen Licht und Dunkel zusammen, Anton. Aber zu wählen, ob wir ein Mensch oder ein Anderer sein wollen, ist uns nicht gegeben. Das ist niemandem auf dieser Welt gegeben.«

»Also geht es um Vampire«, sagte ich. »Nehmen wir an, bei den Dunklen ist mal wieder ein verliebter Vampir aufgetaucht…«

»Das ist möglich.«Geser breitete die Arme aus. »Dann wäre das Ganze relativ einfach. Die Dunklen überprüfen ihre Untoten, denn sie haben das gleiche Interesse wie wir… Ach ja. Sie haben übrigens auch so einen Brief bekommen. Haargenau den gleichen. Der ebenfalls aus dem Assol abgeschickt wurde. »

»Und die Inquisition hat keinen bekommen?«

»Du begreifst immer schneller«, lachte Geser. »Die auch. Per Post. Aus dem Assol.«

Ganz offensichtlich spielte Geser auf etwas an. Ich dachte kurz nach und kam dann auf eine weitere fulminante Schlussfolgerung. »Damit untersuchen beide Wachen und die Inquisition den Fall, nicht wahr?«

In Gesers Blick flackerte Enttäuschung auf. »Sieht ganz danach aus. Privat kann man sich schon einem Menschen zu erkennen geben, wenn es unbedingt sein muss. Du weißt, was ich meine…«Er nickte zur Tür, durch die die beiden Besucher hinausgegangen waren. »Aber eben nur privat. Wobei entsprechende magische Einschränkungen zum Tragen kommen. Diese Sache ist aber viel schlimmer. Offenbar plant ein Anderer, einen Handel mit Initiierungen aufzuziehen.«

Als ich mir einen Vampir vorstellte, der einem neureichen Russen seine Dienste anbot, musste ich lächeln. »Wollen Sie nicht mal ein bisschen richtiges Blut aus dem Volk saugen, mein lieber Herr?«Obwohl – es geht ja nicht ums Blut. Selbst der schwächste Vampir oder Tiermensch verfügt über Kraft. Sie brauchen keine Angst vor Krankheiten zu haben und leben sehr, sehr lange. Auch die Körperkräfte sollte man nicht vergessen. Ein Tiermensch steckt einen Karelin in die Tasche, poliert einem Tyson die Fresse. Und auch jener»Tiermagnetismus«selbst, jener»Ruf«, den sie vollendet beherrschen, ist nicht zu verachten. Ein Wink – und dir gehört jede Frau.

Natürlich haben sowohl Vampire wie auch Tiermenschen in der Realität mit etlichen Einschränkungen zu kämpfen. Die sogar noch gravierender sind als für Magier, ihre Unausgeglichenheit verlangt das. Aber ob das einem frisch gebackenen Vampir klar ist?

»Worüber lachst du?«, fragte Geser.

»Ich habe mir gerade ein Zeitungsinserat vorgestellt. Verwandle Sie in einen Vampir. Zuverlässig, einwandfrei, 100 Jahre Garantie. Preis nach Vereinbarung.«

»Ein kluger Gedanke.«Geser nickte. »Ich werde jemanden beauftragen, die Zeitungen und Websites auf entsprechende Anzeigen durchzukämmen.«

Ich starrte Geser an, verstand aber nicht, ob er sich einen Scherz erlaubte oder das völlig ernst meinte.

»Ich glaube nicht, dass wir es mit einer realen Gefahr zu tun haben«, sagte ich. »Vermutlich hat nur ein kreuzdämlicher Vampir beschlossen, sich etwas dazuzuverdienen. Er führt einem reichen Menschen ein paar Tricks vor und bietet ihm… äh… einen Biss an. »

»Beißen lassen, Glück abfassen«, stieß Geser ins gleiche Horn.

»Irgendjemand…«, fuhr ich munter fort, »… zum Beispiel die Frau des Mannes, hat dann von diesem wahnsinnigen Vorschlag erfahren! Während der holde Gatte noch zögert, beschließt sie, uns zu schreiben. In der Hoffnung, dass wir den Vampir ausschalten und ihr Mann ein Mensch bleibt. Daher auch diese Kombination: die aus der Zeitung ausgeschnittenen Buchstaben und der Briefkasten im Assol. Das ist ein Hilfeschrei! Sie kann sich nicht direkt mit uns in Verbindung setzen, fleht aber förmlich: Rettet meinen Mann!«

»Du Romantiker«, höhnte Geser missbilligend. »Wenn Ihnen Leben und Verstand teuer sind, so halten Sie sich vom Moor fern… Und dann, ritsch, ratsch, werden mit der Nagelschere aus der neuesten Prawda die Buchstaben ausgeschnitten… Hat sie die Adresse eigentlich auch aus der Zeitung?«

»Die Adresse der Inquisition!«, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

»Diesmal liegst du richtig. Könntest du der Inquisition einen Brief schicken?«

Ich schwieg. Vorgeführt. Dabei hatte Geser nicht mal ein Geheimnis aus dem Brief an die Inquisition gemacht!

»Bei uns in der Wache kenne nur ich die Postadresse. In der Tagwache dürfte es nur Sebulon sein. Was folgt daraus, Gorodezki?«

»Den Brief haben Sie abgeschickt. Oder Sebulon.«Geser schnaubte bloß. »Nimmt die Inquisition die Sache ernst?«, wollte ich wissen.

»Das ist noch gelinde ausgedrückt. Der Versuch, mit Initiierungen zu handeln, beunruhigt sie im Grunde nicht weiter. Ein normaler Fall für die Wachen, die denjenigen finden müssen, der den Großen Vertrag verletzt hat, ihn bestrafen und das Informationsleck stopfen sollen. Und da wir und die Dunklen gleichermaßen über diese Angelegenheit empört sind… Aber ein Brief an die Inquisition… das ist eine andre Frage. Bei ihnen arbeiten nicht viele, das weißt du selbst. Wenn eine Seite den Vertrag verletzt, ergreift die Inquisition Partei für die andre Seite, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das… diszipliniert uns alle. Aber gehen wir einmal davon aus, in einer der Wachen hätte eine kleine Gruppe einen Plan entwickelt, mit dem sie den endgültigen Sieg erlangen wollten. Ein paar Kampfmagier, die sich zusammenschließen, wären in der Lage, in einer Nacht alle Inquisitoren zu erschlagen – natürlich nur, falls sie alles über die Inquisition wüssten. Wer für sie arbeitet, wo die Inquisitoren wohnen, wo die Unterlagen aufbewahrt werden…»

»Ist der Brief ans Hauptbüro gegangen?«, hakte ich nach.

»Ja. Und wenn man bedenkt, dass sechs Stunden später das Büro leer war und im Gebäude ein Feuer ausgebrochen ist… und zwar genau in dem Teil, wo die Archive der Inquisition liegen… Wo das ist, weiß selbst ich nicht genau. Indem der Mensch… oder der Andere… der Inquisition einen Brief geschickt hat, hat er ihr förmlich den Fehdehandschuh hingeworfen. Jetzt wird die Inquisition ihn jagen. Die offizielle Version wird lauten, weil er die Vertraulichkeit verletzt und versucht hat, einen Menschen zu initiieren. Aber im Grunde, weil sie ihre eigene Haut retten wollen.«

»Ich hätte nie gedacht, dass es ihrer Natur entspricht, um sich selbst Angst zu haben«, meinte ich.

»Und wie, Anton«, meinte Geser mit einem Nicken. »Denk doch mal über folgende Frage nach: Warum gibt es in der Inquisition eigentlich keine Verräter? Ihr gehören Dunkle und Lichte an. Sie durchlaufen ihre Ausbildung. Danach verfolgen die Dunklen unerbittlich die Dunklen und die Lichten die Lichten, sobald einer von ihnen den Vertrag verletzt.«

»Man braucht dafür eine besondere charakterliche Veranlagung«, vermutete ich. »Entsprechend werden die Anderen dann ausgewählt.«

»Und da macht man nie einen Fehler?«, fragte Geser skeptisch. »Das gibt es nicht. Trotzdem ist in unserer Geschichte kein Fall bekannt, wo ein Inquisitor den Großen Vertrag verletzt hätte…«

»Vermutlich kennen sie die Folgen einer Vertragsverletzung nur allzu genau. Ein Inquisitor in Prag hat mir mal gesagt: »Uns leitet das Entsetzen.«

»Viteszlav…«Geser runzelte die Stirn. »Er liebt eloquente Formulierungen… Gut, zerbrich dir darüber nicht weiter den Kopf. Die Situation ist einfach. Es gibt einen Anderen, der entweder den Großen Vertrag verletzt oder die Wachen und die Inquisition zum Besten hält. Die Inquisition wird eine Fahndung einleiten, dito die Dunklen. Von uns verlangt man ebenfalls einen Mitarbeiter. »

»Darf ich eine Frage stellen? Warum ausgerechnet ich?«

»Aus mehreren Gründen.«Geser breitete die Arme aus. »Erstens wird es im Zuge der Fahndung wohl zu einer Konfrontation mit Vampiren kommen. Und du bist unser Spezialist für die niederen Dunklen.«

Nein, ich hatte nicht den Eindruck, dass er lachte…

»Zweitens«, fuhr Geser fort, wobei er wie ein Deutscher die Finger der geschlossenen Faust nacheinander ausstreckte. »Seitens der Inquisition wurden mit der Untersuchung offiziell deine beiden Bekannten betraut. Viteszlav und Edgar.«

»Edgar ist in Moskau?«, fragte ich erstaunt. Ich konnte nicht gerade behaupten, dass ich den Dunklen Magier, der vor drei Jahren der Inquisition beigetreten war, sonderlich mochte. Aber… aber ich konnte immerhin sagen, dass er mir nicht unsympathisch war.

»Ja. Vor vier Monaten hat er seine Ausbildung abgeschlossen und ist zu uns gekommen. Da du dich während der Arbeit mit den Inquisitoren in Verbindung setzen musst, ist jede persönliche Beziehung von Vorteil.«

»Unsere persönlichen Begegnungen zählen aber nicht zu meinen angenehmsten Erinnerungen«, gab ich zu bedenken.

»Habe ich dir vielleicht eine Thai-Massage während der Arbeitszeit versprochen?«, fragte Geser hämisch. »Der dritte Grund, weshalb ich ausgerechnet dich auf diese Sache ansetzen möchte…«Er verstummte. Ich wartete.

»Auf Seiten der Dunklen leitet die Untersuchung ebenfalls ein alter Bekannter von dir.«

Den Namen brauchte Geser gar nicht erst zu nennen. Trotzdem fuhr er fort: »Konstantin. Der junge Vampir… dein ehemaliger Nachbar. Ich meine mich zu erinnern, dass ihr recht gut miteinander ausgekommen seid.«

»Ja, stimmt«, räumte ich bitter ein. »Solange er noch ein Kind war, nur Schweineblut getrunken und davon geträumt hat, seinem»Fluch«zu entgehen… Solange er noch nicht verstanden hatte, dass sein Bekannter, der Lichte Magier, solche wie ihn mit Haut und Haar verbrennt. »

»So ist das Leben«, konstatierte Geser.

»Er hat ja schon Menschenblut getrunken«, sagte ich. »Bestimmt! Wenn er sich in der Tagwache hochgedient hat.«

»Er ist ein Hoher Vampir geworden«, informierte mich Geser. »Der jüngste Hohe Vampir in ganz Europa. Wenn du das auf uns überträgst, ist er…«

»Zweite oder dritte Kraftstufe«, flüsterte ich. »Fünf oder sechs zerstörte Leben.«

Kostja, Kostja… Damals war ich ein junger und unerfahrener Magier. In der Nachtwache konnte ich keine Freunde finden, die Beziehungen zu meinen alten Bekannten gingen alle ziemlich schnell den Berg runter… Andere und Menschen können nicht miteinander befreundet sein… Und dann fand ich heraus, dass meine Nachbarn Dunkle waren. Eine Vampirfamilie. Mutter und Vater waren Vampire und hatten ihr Kind initiiert. Was wirklich nicht schlimm war. Sie gingen nachts nicht auf Jagd, beantragten keine Lizenzen. Gesetzestreu tranken sie nur Schweine– und Spenderblut. Mich Idioten hat das beruhigt. Ich habe mich mit ihnen angefreundet. Sie sogar besucht. Sie sogar eingeladen! Sie aßen das Essen, das ich für sie gekocht hatte, und lobten es… Und ich Hohlkopf begriff nicht, dass das Essen der Menschen für sie nach nichts schmeckt, dass sie ein alter, ewiger Hunger quält. Der kleine Vampir wollte sogar Biologe werden und herausfinden, wie man Vampirismus heilt… Dann tötete ich meinen ersten Vampir.

Danach trat Kostja in die Tagwache ein. Ich weiß nicht, ob er sein Biologiestudium abgeschlossen hat, aber von seinen Kinderträumen ist er mit Sicherheit kuriert…

Und er hat Lizenzen zum Töten bekommen. Wie sonst hätte er es geschafft, in nur drei Jahren zum Hohen Vampir aufzusteigen? Jemand muss ihm geholfen haben. Muss alle Möglichkeiten der Tagwache genutzt haben, damit Kostja, einst ein prima Kerl, wieder und wieder das Recht bekam, seine Eckzähne in den Hals eines Menschen zu schlagen… den?«

Ich zog das Handy aus meiner Tasche und wählte Swetlanas Nummer.

Zwei

Wir arbeiten nur selten verdeckt.

Erstens müssen wir unsere Natur als Andere dann vollständig verbergen. Damit deine Aura, die Kraftströme, die Erschütterung im Zwielicht dich nicht verraten. Diesbezüglich hast du es mit einer recht einfachen Konstellation zu tun. Wenn du ein Magier fünften Grades bist, bemerken dich schwächere Magier, also die mit dem sechsten oder siebten Grad, nicht. Als Magier ersten Grades bist du vor allen vom zweiten Grad abwärts geschützt. Wenn du ein Magier außerhalb der Kategorie bist… kannst du darauf hoffen, dass dir niemand auf die Schliche kommt.

Geser selbst sorgte für meine Tarnung. Sofort nach dem Gespräch mit Swetlana. Diesem kurzen, aber beklemmenden Gespräch. Wir stritten nicht, das nicht. Sie war nur sehr enttäuscht.

Zweitens brauchst du eine Legende. Am besten sicherst du die Legende auf magische Weise ab. Unbekannte Menschen sind dann schnell bereit, in dir einen Bruder zu sehen, einen Schwiegervater oder Freund aus der Armeezeit, mit dem sie sich von ihrer Truppe davongestohlen haben, um irgendwo was zu picheln. Aber jede magische Deckung hinterlässt Spuren, die ein mehr oder weniger starker Anderer erkennen kann.

Deshalb verzichteten wir bei meiner Legende auf jede Magie. Geser drückte mir die Schlüssel von einer Wohnung im Assol in die Hand. Hundertfünfzig Quadratmeter im siebten Stock. Die Wohnung lief auf meinen Namen, gekauft hatte ich sie vor einem halben Jahr. Als ich große Augen machte, erklärte Geser mir, dass die Papiere heute Morgen ausgestellt, dabei aber zurückdatiert worden waren. Für eine hübsche Stange Geld. Und dass wir die Wohnung später zurückgeben müssten.

Als Dreingabe bekam ich den Schlüssel für einen BMW. Das Auto war nicht neu, auch nicht besonders luxuriös – aber meine Wohnung war ja auch klein.

Dann betrat ein Schneider das Zimmer, ein trauriger alter Jude, ein Anderer siebten Grades. Er nahm meine Maße und versprach, bis zum Abend würde der Anzug fertig sein, in dem»dieser Junge endlich wie ein Mensch«aussehen werde. Geser behandelte den Schneider mit ausgesuchter Höflichkeit, öffnete ihm die Tür, begleitete ihn ins Vorzimmer und fragte beim Abschied schüchtern, was denn sein»Mäntelchen«mache. Worauf der Schneider erwiderte, der Chef brauche sich keine Sorgen zu machen, denn bis die Kälte einsetze, sei der Mantel, der dem Helllichten Geser zur Ehre gereiche, fertig.

Nach diesen Worten behagte mir die Entscheidung, mir einen ganzen Anzug anfertigen zu lassen, nicht mehr so wahnsinnig. Richtige grandiose Sachen nähte der Schneider offenbar nicht an einem halben Tag.

Um meine Krawatten kümmerte sich Geser persönlich. Er brachte mir sogar bei, wie ich einen besonders modischen Knoten hinbekam. Danach drückte er mir ein Bündel Geldscheine in die Hand, nannte mir die Adresse eines bestimmten Geschäfts und befahl mir, alles zu kaufen, was sonst noch nötig war, inklusive Unterwäsche, Taschentücher und Socken. Als Berater schlug er mir Ignat vor, unsern Magier, der in der Tagwache garantiert als Inkubus durchgegangen wäre. Oder Sukkubus. Ihm war das mehr oder weniger egal.

Der Streifzug durch die Boutiquen, in denen sich Ignat wie ein Fisch im Wasser fühlte, machte mir Spaß. Der Besuch beim Friseur, genauer gesagt, in einem Schönheitssalon, raubte mir dagegen den letzten Nerv. Nacheinander taxierten mich zwei Frauen und ein Mann, der einen auf Tunte machte, aber nicht schwul war. Die drei seufzten lange und wünschten meinem Friseur sonst was an den Hals. Sollten diese Flüche wahr werden, müsste mein armer Coiffeur während der ihm noch verbleibenden Jahre glatzköpfige Hammel scheren. Und zwar irgendwo in Tadschikistan. Anscheinend gehörte das zum Schlimmsten, was man einem Friseur wünschen konnte… Ich nahm mir vor, nachher bei meinem zweitrangigen Friseur vorbeizuschauen, der mir das letzte Jahr die Haare geschnitten hatte, und zu prüfen, ob sie dem Mann nicht doch einen Höllenstrudel angehängt hatten.

Der Kollektivverstand dieser Schönheitsspeziaiisten gelangte zu der Überzeugung, nur ein streichholzkurzer Schnitt könne mich noch retten. So einer, wie ihn kleine Mafiosi tragen, die die Händler auf dem Markt ausnehmen. Zum Trost versicherten sie mir, der Sommer solle heiß werden, weshalb ein Kurzhaarschnitt ausgesprochen bequem sei.

Nach dem Schneiden, das mehr als eine Stunde dauerte, folgten Mani– und Pediküre. Danach brachte mich ein zufriedener Ignat zum Zahnarzt, der mit einem speziellen Bohrer den Zahnstein entfernte und mir riet, die Prozedur jedes halbe Jahr zu wiederholen. Meine Zähne fühlten sich danach irgendwie nackt an, es war sogar unangenehm, sie mit der Zunge zu berühren. Auf Ignats doppeldeutige Aussage»Anton, du siehst direkt zum Verlieben aus!«fand ich keine passende Antwort, sondern murmelte nur etwas Unverständliches und ärgerte mich innerlich auf dem gesamten Weg zurück ins Büro über seinen plumpen Humor.

Der Anzug war bereits fertig. Der Schneider brummte unzufrieden, wenn man ein Stück nähe, ohne ein zweites Mal Maß zu nehmen, könne man auch blindlings heiraten.

Hm. Wenn alle Eheleute, die überstürzt geheiratet hatten, so gut zueinander passten wie dieser Anzug zu mir, sollte die Zahl der Scheidungen eigentlich gegen Null tendieren.

Geser sprach mit dem Schneider noch über seinen Mantel. Die beiden stritten lange und heftig über die Knöpfe, bis der Helllichte Magier schließlich nachgab. Ich stand am Fenster, schaute auf die abendliche Straße und das blinkende Lämpchen der Alarmanlage an»meinem«Auto hinaus.

Wenn sie nur die Karre nicht klauten… Einen magischen Schutz, der sämtliche Diebe abschreckte, durfte ich nicht wirken. Er hätte mich schneller verraten als in dem Witz vom Spion Stirlitz jener Fallschirm, den er hinter sich herschleppte.

Schlafen musste ich heute bereits in der neuen Wohnung. Dabei sollte ich so tun, als täte ich das nicht das erste Mal. Nur gut, dass zu Hause niemand auf mich wartete. Weder meine Frau noch meine Tochter, kein Hund und keine Katze… Noch nicht mal Fische im Aquarium hielten wir. Und das war auch gut so.

»Hast du deine Aufgabe verstanden, Gorodezki?«, fragte Geser. Während ich am Fenster meinen Gedanken nachhing, war der Schneider gegangen. In dem neuen Anzug fühlte ich mich überraschend wohl. Selbst mit dem Kurzhaarschnitt kam ich mir nicht wie ein Erpresser von Schwarzhändlern, sondern wie jemand Wichtigeres vor. Zum Beispiel wie jemand, der in kleinen Geschäften Schutzgelder eintrieb.

»Ich ziehe ins Assol. Lerne die Nachbarn kennen. Suche nach Spuren des abtrünnigen Anderen und seines eventuellen Auftraggebers. Wenn mir was auffällt, mache ich Meldung. Wenn ich mich mit den andern Parteien, die an dieser Untersuchung beteiligt sind, treffe, verhalte ich mich korrekt, tausche Informationen aus und lasse mich auf eine Zusammenarbeit ein.«

Geser trat neben mich ans Fenster. Er nickte. »Richtig, Anton. Richtig. Das Wichtigste hast du jedoch vergessen. »

»Ja?«, fragte ich.

»Du darfst keine der Versionen bevorzugen. Selbst die nicht, die dir am wahrscheinlichsten vorkommen. Gerade weil sie am wahrscheinlichsten sind! Der Andere kann ein Vampir oder ein Tiermensch sein, muss es aber nicht.«Ich nickte.

»Er kann ein Dunkler sein«, fuhr Geser fort, »aber auch ein Lichter.«

Ich sagte kein Wort. Dieser Gedanke war mir auch schon in den Sinn gekommen.

»Und das Allerwichtigste«, fügte Geser hinzu. »Dass er»aus einem Menschen einen Anderen machen«will – das könnte auch ein Bluff sein.«

»Aber das muss es nicht?«, hakte ich nach. »Gibt es denn nun die Möglichkeit, aus einem Menschen einen Anderen zu machen, Geser, oder nicht?«

»Du glaubst doch nicht etwa, ich würde so etwas geheim halten?«, antwortete Geser mit einer Frage. »Wie viele Schicksale von Anderen, die verloren sind… Wie viele wundervolle Menschen, die gezwungen sind, nur ihr kurzes Leben zu leben… Dergleichen ist bisher niemals vorgekommen. Aber für alles gibt es ein erstes Mal.«

»Dann werde ich davon ausgehen, dass es möglich ist«, meinte ich.

»Ich kann dir keine Amulette geben«, bedauerte Geser. »Du musst das verstehen. Auch Magie solltest du besser nicht einsetzen. Das Einzige, was du darfst, ist, durchs Zwielicht zu schauen. Aber im Notfall sind wir schnell da. Du brauchst uns bloß zu rufen.«Er verstummte kurz. »Ich gehe nicht von irgendwelchen Kämpfen aus«, fügte er dann noch hinzu. »Aber du solltest genau das tun.«

Noch nie hatte ich in einer Tiefgarage parken müssen. Nur gut, dass hier wenig Autos standen, die Betonauffahrt in grelles Licht getaucht war und der Security-Mann, der an einem Bildschirm die Vorgänge im Innern beobachtete, mir freundlich erklärte, wo sich meine Garagen befanden. Man ging also davon aus, dass ich mindestens zwei Autos hätte.

Ich stellte den Wagen ab, holte aus dem Kofferraum eine Tasche mit Sachen und schaltete die Alarmanlage ein. Dann wandte ich mich zum Ausgang. Und bekam die erstaunte Frage des Security-Menschen zu hören: Ob die Fahrstühle wirklich nicht funktionierten? Ich musste die Stirn runzeln, mit der Hand abwinken und erklären, dass ich ein Jahr lang nicht mehr hier gewesen sei.

Der Mann fragte nach meinem Block und dem Stockwerk, in dem ich wohnte, um mich dann zum Aufzug zu bringen.

Umgeben von Chrom, Glas und klimatisierter Luft fuhr ich in den siebten Stock hinauf. Es war nahezu beschämend, dass ich so weit unten wohnte. Nicht dass ich nach einer Penthousewohnung verlangt hätte, aber trotzdem…

Im Treppenhaus – falls dieser schnöde Ausdruck überhaupt zu jener Halle mit einer Fläche von dreißig Quadratmetern passte – irrte ich eine Zeit lang zwischen den Türen hin und her. Ein überraschendes Ende des Märchens. Bei einer Wohnung fehlte die Tür völlig. Hinter dem leeren Durchbruch schimmerte ein gigantischer dunkler Raum: Betonwände, Betonboden, keine weiteren Unterteilungen. Leises Tropfen von Wasser.

Es dauerte lange, bis ich mich zwischen den drei bereits eingesetzten Türen entschieden hatte. Nummern hatten sie keine. Nach einer Weile entdeckte ich an einer Tür dann doch eine eckige Nummer, die jemand eingeritzt hatte, an einer andern die Überreste einer Kreideaufschrift. Also konnte meine Tür nur die dritte sein. Die unscheinbarste von allen. Bei Geser hätte ich allerdings auch damit rechnen müssen, dass er mich in der Wohnung untergebracht hätte, deren Tür fehlte. Dann wäre jedoch meine Legende zum Teufel gewesen…

Ich kramte den Schlüsselbund hervor und schloss die Tür relativ leicht auf. Suchte den Lichtschalter – und stieß auf eine ganze Palette von Schaltern. Ich machte mich daran, sie nacheinander zu betätigen.

Sobald die Wohnung beleuchtet war, schloss ich die Tür und sah mich nachdenklich um. Hm. Das Ganze hatte was. Könnte man meinen.

Der bisherige Besitzer… Ja, schon gut, laut Legende bin ich das. Ich hatte also mit der Modernisierung angefangen. Offenbar trug ich mich mit napoleonischen Plänen. Wie sonst ließen sich das handgefertigte, kunstvolle Parkett, die Eichenfenster, die Klimaanlage Daikin und andere Attribute des schöneren Wohnens erklären?

Im weiteren Verlaufe war mir dann vermutlich das Geld ausgegangen. Denn das riesige Apartmentstudio – ohne jede Wände im Innern – bestach durch jungfräuliche Leere. In der Ecke, in der die Küche hätte liegen sollen, stand ein schiefer Gasherd der Marke Brest, auf dem man durchaus schon Grießbrei gekocht haben konnte, als ich noch in den Windeln lag. Direkt auf dem Herdring thronte – als wolle sie mich warnen: »Benutze bloß nicht den Herd!«– eine einfache Mikrowelle. Über dem schrottreifen Herd hing übrigens ein Luxusabzug. Neben ihm fristeten zwei Hocker und ein niedriger Teewagen ihr Dasein.

Aus alter Gewohnheit zog ich mir die Schuhe aus und ging in die Küchenecke. Einen Kühlschrank gab es nicht, genauso wenig wie Möbel, aber auf dem Fußboden stand ein großer Pappkarton voll Proviant: Flaschen mit Mineralwasser und Alkohol, Konserven, Tütensuppen, Päckchen mit Zwieback. Vielen Dank auch, Geser. Wenn Sie vielleicht auch noch an einen Topf hätten denken können…

Aus der»Küche«steuerte ich auf die Badezimmertür zu. Offensichtlich hatte ich genug Verstand besessen, das Klo und die Jacuzzi nicht auch noch dem Blick der Allgemeinheit preiszugeben…

Ich öffnete die Tür und sah mir das Bad an. Ganz passabel. Ein zehn, zwölf Quadratmeter großer Raum, hübsche türkisfarbene Kacheln, eine futuristisch anmutende Duschkabine. Allein bei dem Gedanken, was sie gekostet haben musste, wurde mir mulmig. Und womit sie wohl aufgemotzt sein mochte.

Eine Jacuzzi gab es nicht. Es gab überhaupt keine Badewanne. In einer Ecke hingen lediglich ein paar abgedichtete Wasserleitungen heraus. Und dann…

Während ich das Bad weiter inspizierte, bestätigte sich mein schrecklicher Verdacht. Das Klo fehlte ebenfalls!

Es gab nur ein Fallrohr, in das ein Holzverschluss gerammt worden war. Wirklich, vielen Dank auch, Geser!

Aber Stopp. Nur keine Panik. In Wohnungen wie diesen gibt es mehr als eine Toilette. Es musste noch ein Klo vorhanden sein. Für Gäste. Kinder. Angestellte…

Ich stürzte ins Studio zurück und entdeckte in einer Ecke tatsächlich eine weitere Tür. Direkt neben dem Eingang. Mein Instinkt hatte mich nicht getäuscht: das Gästeklo. Eine Wanne war hier sowieso nicht zu erwarten, die Duschkabine schlichter.

Anstelle des Klos entdeckte ich jedoch nur ein weiteres abgedichtetes Rohr. Mist. Scheiße!

Sicher, mir ist klar, dass echte Profis auf diese Kleinigkeiten nicht achten. Wenn James Bond mal aufs Klo geht, dann bloß, um ein Gespräch zu belauschen oder einen Gangster zu erledigen, der sich im Spülkasten versteckt hat. Aber ich sollte hier wohnen!

Ein paar Sekunden lang spielte ich mit dem Gedanken, Geser anzurufen und einen Klempner samt kompletter Ausstattung anzufordern. Dann stellte ich mir seine Reaktion vor.

Aus irgendeinem Grund lächelte Geser in meiner Phantasie. Dann seufzte er und gab einen Befehl: Danach kam der Oberinstallateur Moskaus ins Assol und baute höchstpersönlich ein Klosett ein. Während Geser immer noch lächelte und den Kopf schüttelte.

Magiern seines Niveaus unterlaufen in Details keine Fehler. Ihre Fehler, das sind brennende Städte, blutige Kriege und Impeachments von Präsidenten. Aber nicht ein fehlendes Klo.

Wenn es in meiner Wohnung keine Toilette gab, sollte das so sein.

Abermals durchstreifte ich meinen Wohnraum. Fand eine aufgerollte Matratze und eine Garnitur fröhlich bunt bedruckter Bettwäsche. Ich entrollte die Matratze, packte die Tasche mit meinen Sachen aus. Zog Jeans und das T-Shirt mit dem optimistischen Aufdruck zum klinischen Tod an. Schließlich bräuchte ich in meiner eigenen Wohnung nicht in Schlips und Kragen rumzulaufen! Dann holte ich den Laptop heraus. Übrigens, wie sollte ich hier ins Internet kommen – übers Handy?

Ich musste noch einen Streifzug durch die Wohnung machen. Eine Steckdose fand sich in der Wand des großen Badezimmers – glücklicherweise sogar auf der Seite zum Studio. Das konnte kein Zufall sein. Deshalb schaute ich ins Bad. In der Tat: Neben dem nicht funktionierenden Klo prangte eine weitere Steckdose.

Was hatte ich bloß für einen seltsamen Geschmack, als ich mit der Modernisierung begonnen habe…

Strom war da. Wenigstens etwas, aber schließlich war ich nicht deswegen hierher gekommen.

Um die lastende Stille wenigstens ein bisschen zu vertreiben, öffnete ich das Fenster. Warmer Wind strömte ins Zimmer. Über

dem Fluss leuchteten die Fenster der Häuser. Gewöhnlicher Häuser von Menschen. Und immer noch diese Stille. Kein Wunder, um ein Uhr nachts.

Ich kramte den MD-Player heraus. Wühlte in den Scheiben und entschied mich für Belaja gwardija, eine Gruppe, die niemals die Charts auf MTV anführen oder Stadien füllen würde. Mit eingestöpselten Kopfhörern streckte ich mich auf der Matratze aus.

 
Wenn dieser Kampf zu Ende geht
Und du noch lebst am nächsten Tage,
Dann wird dir klar, es riecht der Sieg
Genauso streng wie Niederlage.
 
 
Du bist allein, hast keine Feinde mehr
Und stehst verloren in den Trümmern nun.
Der Himmel drückt dir auf die Schultern schwer;
Was bleibt in dieser Wüste noch zu tun?
 
 
Doch du wartest ab, Was sie bringt,
Die Zeit, Du wartest ab…
Und Honig scheint dir bitterer als Salz,
Die Träne süßer nicht als Wermut – nein,
 
 
Ich kenne keine größ'ren Schmerzen, als
lebendig unter lauter Schläfern sein.
Doch du wartest ab, Was sie bringt,
Die Zeit, Du wartest ab…
 

Als ich mich dabei erwischte, wie ich die leise Frauenstimme mit unmelodischem Gesang begleitete, stöpselte ich die Kopfhörer aus und stellte den Player ab. Nein. Ich war nicht hier, um rumzuhängen.


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