Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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Was hätte James Bond an meiner Stelle getan? Den geheimnisvollen Anderen, diesen Verräter, gefunden, seinen menschlichen Auftraggeber und den Verfasser des anonymen Briefes! Und was tue ich?
Ich suche etwas, das für mich schlicht und ergreifend lebensnotwendig ist. Da unten, bei dem Security-Menschen, wird es doch wohl ein Klo geben!
Irgendwo draußen – nein, ganz in der Nähe – dröhnte mit voller Wucht eine Bassgitarre. Ich sprang auf, aber in der Wohnung entdeckte ich niemanden.
»Und jetzt los, Kumpel!«, drang es von draußen herein. Ich beugte mich zum Fenster hinaus und ließ den Blick über die Fassade des Assol wandern. Zwei Stockwerke weiter oben bemerkte ich die offenen Fenster, aus denen diese grauenvollen, erstaunlicherweise für eine Bassgitarre arrangierten Akkorde hochschallten.
Früher, was habe ich da für Geschäfte gemacht!
Galt als scharfer Hecht, als großer Geschäftemacher.
Doch neulich, da ist mir aufgefallen -
und wer hätte das gedacht
Verdammt lang her, dass ich mein letztes Geschäft gemacht.
Doch anno dunnemals, was habe ich da für Geschäftchen gemacht!
Hab Druck ausgeübt, denn drücken konnt ich wie kein Zweiter.
Deshalb hab ja auch ich allein für alle die Geschäfte gemacht.
Die haben sich gedrückt – und das Drücken blieb mir, dem Goldenen Reiter!
Unmöglich, sich einen größeren Kontrast vorzustellen, als die leise Stimme von Soja Jaschtschenko, der Sängerin von Belaja gwardija, und diesem unvorstellbaren Chanson zur Bassgitarre. Trotzdem gefiel mir das Lied irgendwie. Der Sänger, der nur drei Akkorde hinbekam, streute sich weiter aufs Haupt:
Aber noch habe ich mein letztes Geschäftchen nicht gemacht,
Selbst wenn wohl kein Geschäft mehr die Größe von einst erreicht.
Weil heute ja jeder über große Geschäfte bloß lacht,
Weil es zum Druckmachen, zum Drücken nicht mehr reicht…
Ich lachte los. Ein echter Underdog-Song. Alle Attribute stimmten: Der lyrische Held erinnert sich an die Tage seines vergangenen Ruhmes, beschreibt seine jetzige Misere und klagt darüber, dass er nie wieder etwas Großes vollbringen werde.
Ich hatte den starken Verdacht, dass, wenn dieses Lied im Schlagerradio gespielt werden würde, neunzig Prozent der Hörer die Anspielungen nicht einmal mitbekämen.
Die Gitarre stieß ein paar Seufzer aus. Dann stimmte der Sänger ein neues Lied an.
Bin noch nie im Irrenhaus gewesen,
Also frag mich bitte nicht danach…
Die Musik brach ab. Jemand seufzte jämmerlich und strich noch etwas über die Saiten.
Ich zögerte nicht länger. Tauchte in den Pappkarton ab, holte eine Flasche Wodka und ein Stück Räucherwurst heraus. Stürmte ins Treppenhaus hinaus, knallte die Tür hinter mir zu und rannte hinauf.
Die Wohnung des Mitternachtsbarden zu finden war nicht schwerer, als einen im Gebüsch versteckten Presslufthammer auszumachen. Einen Presslufthammer in Betrieb.
Vögel singen hier nicht mehr,
Nirgends scheint die liebe Sonne,
Kinder toben nicht umher
böse bei der Abfalltonne.
Ich klingelte, fragte mich aber, ob er das überhaupt hören würde. Doch die Musik verstummte, und eine halbe Minute später öffnete sich die Tür.
In der Türfüllung stand, freundlich lächelnd, ein kleinerer, gedrungener Mann von etwa dreißig Jahren. In seinen Händen hielt er die Tatwaffe, eine Bassgitarre. Mit finsterer Genugtuung bemerkte ich, dass der Barde ebenfalls einen»Mafiososchnitt«trug. Außerdem verwaschene Jeans und ein recht kurioses T-Shirt, auf dem ein Soldat in russischer Uniform mit einem riesigen Messer einem Schwarzen in amerikanischer Uniform den Hals durchschnitt. Darunter prangte der stolze Aufdruck: »Wir können euch auch daran erinnern, wer den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat.«
»Auch nicht schlecht«, kommentierte der Gitarrist mein T-Shirt. »Komm rein.«
Er nahm den Wodka und die Wurst an sich und verschwand in den Untiefen seiner Wohnung. Ich sah ihn mir durchs Zwielicht an. Ein Mensch.
Mit einer derart wirren Aura, dass ich gar nicht erst versuchte, seinen Charakter zu verstehen. Mit grauen, rosafarbenen, roten und blauen Tönen. Ein erstaunlicher Cocktail. Ich folgte dem Gitarristen. Seine Wohnung war doppelt so groß wie meine. Mit seinem Gitarrenspiel hatte er sich die bestimmt nicht verdient… Aber das ging mich nichts an. Viel komischer war, dass die Wohnung von der Größe abgesehen, eine genaue Kopie meiner eigenen darstellte. Die Anfänge einer ambitionierten Modernisierung, die überstürzt abgebrochen und nur teilweise ausgeführt worden war.
Mitten in dem enormen Wohnzimmer – fünfzehn mal fünfzehn Meter, mindestens – standen ein Stuhl, davor ein Mikroständer, ein guter Verstärker, wie ihn Profis benutzen, und zwei gigantische Boxen.
An der Wand reihten sich drei riesige Kühlschränke von Bosch. Der Gitarrist öffnete den größten – in dem gähnende Leere herrschte – und legte den Wodka ins Eisfach. »Zu warm«, erklärte er.
»Ich hab keinen Kühlschrank«, erklärte ich.
»Kommt vor«, meinte er. »Lass. »
»Was soll ich lassen?«Ich verstand nicht, was er meinte.
»So heiße ich. Lass. Steht natürlich nicht im Pass. »
»Anton«, stellte ich mich vor. »Laut Pass. »
»Kommt vor«, räumte der Barde ein. »Wo wohnst du? »
»Im siebten Stock«, antwortete ich. Nachdenklich kratzte sich Lass den Nacken. Blickte zu den offenen Fenstern hinüber. »Ich hab sie aufgemacht, damit es nicht so laut ist«, erklärte er. »Das halten meine Ohren nicht aus. Ich wollte eine Schallisolierung einbauen lassen, aber mir ist das Geld ausgegangen.«
»Anscheinend ein verbreitetes Übel«, tastete ich mich vor. »Ich habe nicht einmal ein Klo.«
Lass grinste triumphierend. »Ich schon. Seit einer Woche! Da, hinter der Tür.«
Als ich wiederkam, schnitt Lass gerade mit wehmütigem Blick die Wurst.
»Warum ein englisches?«, konnte ich meine Neugier nicht unterdrücken. »Noch dazu ein so großes?«
»Hast du die Firmenlogos an dem Ding gesehen?«, fragte Lass. »Wir haben das erste Klosett erfunden.«Wie hätte ich das Ding nicht kaufen können – mit dem Slogan? Ich habe vor, den Aufkleber einzuscannen und ein wenig zu korrigieren. Es sollte heißen. »Wir haben als Erste verstanden, wozu Menschen…«
»Alles klar«, kam ich ihm zuvor. »Dafür hab ich eine Dusche.«
»Echt?«Der Barde stand auf. »Seit drei Tagen träume ich davon, mich mal zu waschen…«Ich hielt ihm den Schlüssel hin.
»Kümmer dich inzwischen darum, dass wir zum Wodka was zu essen haben«, meinte Lass froh. »Der Wodka ist garantiert in zehn Minuten eiskalt. Und bei mir dauert's nicht lange.«
Die Tür schlug zu, und ich blieb allein in der fremden Wohnung zurück – in trauter Einsamkeit mit angeschlossenen Verstärkern, bereits geschnittener Wurst und einem riesigen, leeren Kühlschrank. Ach ja!
Niemals hätte ich gedacht, dass in solchen Häusern die ungezwungene, freundschaftliche Atmosphäre einer Wohngemeinschaft herrschen könnte. Oder eines Wohnheims für Studenten.
Geh du ruhig auf mein Klo, dann nehm ich ein Bad in deiner Jacuzzi… Pjotr Petrowitsch hat einen Kühlschrank, Iwan Iwanowitsch hat versprochen, Wodka mitzubringen, er handelt schließlich damit, und Semjon Semjonitsch schneidet die Zuspeisen sorgsam, akkurat in kleine Stücke…
Vermutlich haben die meisten Mieter hier die Wohnung»für die Ewigkeit«gekauft. Mit all dem Geld, das sie sich erarbeitet, zusammengeklaut und geliehen haben.
Erst danach ging den glücklichen Wohnungseigentümern auf, was in einer Wohnung dieser Größe noch alles gemacht werden muss. Und jemanden, der sich hier eine Wohnung gekauft hatte, nahm jede Firma bis aufs letzte Hemd aus. Dann galt es, monatlich auch noch etwas für die sonstige Unmenge an Quadratmetern, die Tiefgarage, die Grünanlage und die Uferstraße zu berappen.
So stand das riesige Haus halb leer, wirkte fast aufgegeben.
Natürlich ist es keine Tragödie, wenn jemand nur eine kleine Perle besitzt. Aber zum ersten Mal konnte ich mich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass es mindestens eine Tragikomödie war.
Wie viel Menschen wohl tatsächlich im Assol lebten? Wenn auf das nächtliche Geheule der Bassgitarre hin nur ein Mieter erschienen ist? Und wenn dieser seltsame Barde bisher völlig ungestört rumlärmen konnte?
Ein Mieter pro Stockwerk? Wohl eher noch weniger… Wer hat dann den Brief abgeschickt?
Ich versuchte mir vorzustellen, wie Lass mit einer Nagelschere Buchstaben aus der Prawda ausschnitt. Es klappte nicht. Einer wie er hätte sich etwas Originelleres ausgedacht.
Ich schloss die Augen. Stellte mir vor, wie sich der graue Schatten von meinen Lidern auf meine Pupillen legte. Dann öffnete ich die Augen und sah mich durchs Zwielicht in der Wohnung um.
Nicht die geringste Spur von Magie. Selbst an der Gitarre nicht, die, auch wenn sie ein dankbares Instrument ist, nur einmal in den Händen eines Anderen oder eines potenziellen Anderen gelegen haben muss, um sich noch Jahre an diese Berührung zu erinnern.
Und das blaue Moos, dieser Parasit des Zwielichts, der von negativen Gefühlen lebt, ließ sich auch nicht entdecken. Wenn der Hausherr in eine Depression gefallen sein sollte, dann nicht innerhalb seiner eigenen vier Wände. Oder er hat sich offen und von ganzem Herzen amüsiert – und damit das blaue Moos verbrannt.
Schließlich setzte ich mich hin und schnitt die Wurst bis auf das letzte Zipfelchen in Scheiben. Auf alle Fälle würde ich durchs Zwielicht prüfen, ob ich sie essen konnte.
Die Wurst war in Ordnung. Geser beabsichtigte nicht, seinen Agenten mit einer Vergiftung auszuschalten.
»Jetzt stimmt die Temperatur«, meinte Lass, während er aus der offenen Flasche ein Weinthermometer zog. »Wir haben es nicht übertrieben. Sonst verwässerst du den Wodka, bis er die Konsis tenz von Glyzerin hat. Da kannst du auch gleich flüssigen Stickstoff trinken… Auf unsere Bekanntschaft!«
Wir tranken auf ex und aßen Wurst und Zwieback dazu. Den Zwieback hatte Lass aus meiner Wohnung mitgebracht. Mit der Erklärung, er habe sich heute überhaupt nicht um Essen gekümmert.
»Alle im Haus leben so«, setzte er mir auseinander. »Sicher, es gibt natürlich auch diejenigen, bei denen das Geld sowohl für die Handwerker wie auch für die Ausstattung reicht. Aber mach dir doch mal klar, was es für ein Vergnügen ist, in einem leeren Haus zu wohnen. Man wartet darauf, bis solche Deppen wie du und ich fertig mit den Umbauten sind und das Haus voll wird. Das Cafe ist geschlossen, das Casino leer, die Security-Leute werden vor Langeweile verrückt… Gestern sind zwei von denen geflogen. Die haben sich in den Büschen hier im Hof eine Schießerei geliefert. Angeblich haben sie was ganz Schreckliches beobachtet. Na ja… sie wurden gleich zum Arzt gebracht. Wie sich herausstellte, waren die beiden total zugekifft.«
Bei diesen Worten holte Lass ein Päckchen Belomor aus seiner Tasche. »Willst du?«, fragte er mit viel sagendem Blick.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ein Mensch, der so begeistert Wodka trank, sich mit Marihuana abgab. Ich schüttelte den Kopf. »Rauchst du viel?«, fragte ich.
»Das ist heute schon die zweite Schachtel«, seufzte Lass. In dem Moment begriff er mich. »Echt, Anton! Das sind Belomor! Kein Gras! Früher habe ich Gitane geraucht, doch dann ist mir klar geworden, dass die auch nicht anders schmecken als unsere Belomor!«
»Wie originell«, meinte ich.
»Was hat das damit zu tun?«, blaffte Lass. »Es geht mir nicht darum, originell zu sein. Sobald ein Mensch aus seiner Haut raus will, ein anderer sein will…«
Ich erschauerte, doch Lass fuhr gelassen fort. »… nicht so sein will wie alle, heißt es gleich: Der hält sich für was Besonderes. Mir schmecken die Belomor einfach. In einer Woche habe ich vielleicht die Schnauze voll, dann höre ich damit auf.«
»Ist doch nicht schlimm, wenn man mal ein Anderer sein will«, ließ ich einen Probeballon los.
»Wirklich ein anderer zu sein ist schwer«, erwiderte Lass. »Vor ein paar Tagen habe ich gedacht…«
Abermals merkte ich auf. Der Brief war vor zwei Tagen abgeschickt worden. So glatt konnte sich doch nicht alles auflösen?
»Ich war im Krankenhaus, während der Sprechstunde dort. Da habe ich alle Preislisten studiert«, fuhr Lass fort, nichts Böses ahnend. »Bei denen ist alles ganz seriös. Titanprothesen als Ersatz für verlorene Extremitäten. Schenkelknochen, Kniegelenke, Hüftgelenke, Kiefer… Der Preis für einen Schädel anstelle der eingebüßten Knochen, der Zähne und anderer Kleinigkeiten… Ich hab meinen Taschenrechner rausgeholt und berechnet, wie viel es kostet, sich sämtliche Knochen ersetzen zu lassen. Eine Million siebenhunderttausend Dollar. Allerdings vermute ich, dass man bei einem derartigen Großauftrag einen hübschen Rabatt bekommt. Zwanzig, dreißig Prozent. Und wenn du die Ärzte noch überzeugen kannst, dass das gute Reklame ist, brauchst du nicht mehr als eine halbe Million hinzublättern!«
»Wozu?«, fragte ich. Dank dem Friseur konnten sich mir die Haare nicht mehr sträuben – es war einfach nichts mehr da.
»Das ist doch interessant!«, erklärte Lass. »Stell dir vor, du musst einen Nagel einhauen! Du holst aus und schlägst mit der Faust auf den Nagel! Der dringt in den Beton ein! Titanknochen! Oder jemand versucht, dich zu verprügeln… Sicher, es gibt noch einige Mängel. Auch mit den künstlichen Organen steht es nicht gut. Aber die Richtung, in die der Fortschritt geht, freut mich.«Er goss uns noch einmal ein.
»Ich glaube, der Fortschritt geht in eine andre Richtung«, versuchte ich meine Taktik zu ändern. »Man müsste die Möglichkeiten des Organismus besser nutzen. Was in uns steckt, ist doch ganz erstaunlich! Telekinese, Telepathie…«
Lass setzte eine bedripste Miene auf. So gucke ich auch aus der Wäsche – wenn ich es mit einem Idioten zu tun habe. »Kannst du meine Gedanken lesen?«, fragte er. »Jetzt nicht«, gab ich zu.
»Ich glaube, wir brauchen hier keine neuen Fähigkeiten zu ersinnen«, erklärte Lass. »Alles, was der Mensch kann, ist seit langem bekannt. Wenn die Menschen Gedanken lesen, levitieren und ähnlichen Unsinn vollbringen könnten, wäre das längst bewiesen.«
»Wenn ein Mensch plötzlich solche Fähigkeiten besitzt, wird er sie vor seiner Umwelt verbergen«, entgegnete ich und beobachtete Lass durchs Zwielicht. »Wenn er wirklich so etwas wie ein Anderer wäre, würde er den Neid und die Furcht seiner Umwelt heraufbeschwören.«Lass ließ nicht die geringste Nervosität erkennen. Nur Skepsis.
»Aber würde dieser Wunderknabe nicht dafür sorgen wollen, dass seine geliebte Frau und die Kinder die gleichen Fähigkeiten hätten? Mit der Zeit würden sie uns als biologische Art verdrängen.«
»Und wenn diese besonderen Fähigkeiten nicht vererbt werden könnten?«, fragte ich. »Oder nicht unbedingt. Oder wenn es unmöglich wäre, sie einem andern zu vermitteln? Dann würden die Menschen und die Anderen unabhängig voneinander existieren. Wenn es nicht viele dieser Anderen gibt, würden sie sich vor ihrer Umwelt verstecken…«
»Ich glaube, du meinst eine zufällige Mutation, die zu übersinnlichen Fähigkeiten führt«, vermutete Lass. »Doch wenn diese Mutation zufällig und rezessiv ist, braucht sie uns nicht zu interessieren. Aber die Titanknochen kann man sich schon heute einsetzen lassen! »
»Na toll!«, schnaubte ich.
Wir tranken auf ex. »Trotz allem hat unsere Situation was!«, meinte Lass verträumt. »Ein riesiges leeres Haus! Hundert Wohnungen, und nur neun Leute, die hier wohnen… wenn du dich dazurechnest. Was könnte man hier nicht alles machen! Da bleibt dir die Spucke weg! Was für einen Film könnte man hier drehen! Oder stell dir mal einen Videoclip vor: ein luxuriöses Interieur, leere Restaurants, tote Waschsalons, rostende Fitnessgeräte und kalte Saunen, leere Schwimmbecken und unter einer Decke dahinvegetierende Tische im Casino. Durch all diese Pracht schlendert eine junge Frau. Schlendert und singt. Egal was. »
»Drehst du Clips?«, hakte ich nach.
»Nö…«Lass runzelte die Stirn. »Na ja… einmal habe ich einer bekannten Punkgruppe geholfen, ein Video zu machen. Erst wurde es auf MTV gezeigt, dann aber verboten. »
»Was war denn an dem so schrecklich?«
»Nichts weiter«, sagte Lass. »Ein stinknormales Lied, nichts, was zensiert werden müsste. Es ging sogar um Liebe. Das Video war komisch. Wir haben es in einem Krankenhaus für Personen mit Störungen im Bewegungsapparat gedreht. Haben Stroboskope in einem Saal aufgestellt, das Volkslied He, Kosak, he, Kosak, wo ist dein Pferd geblieben? angestellt und die Patienten gebeten zu tanzen. Das haben sie dann gemacht. Unter den Stroboskopen. So gut sie konnten. Dann haben wir auf diese Bilder eine neue Tonspur gelegt. War wirklich sehr stilvoll. Aber zeigen durften wir das nicht. War irgendwie nicht angesagt.«Ich stellte mir die Videospur vor und erschauerte.
»Clips sind nicht meine Stärke«, gab Lass zu. »Auch als Musiker tauge ich nicht viel… Einmal wurde ein Song von mir im Radio gespielt, spät nachts, in einer Sendung für alle möglichen Looser. Was glaubst du, was da passiert ist? Ein bekannter Komponist rief beim Radio an, um zu sagen, dass er sein ganzes Leben lang versucht habe, den Menschen mit seinen Liedern das Gute und Ewige nahe zu bringen, aber dieser eine Song mache sein ganzes Lebenswerk zunichte… Du hast doch schon ein Lied von mir gehört. Bist du danach ein schlechter Kerl geworden?«
»Meiner Meinung hat das Lied sich lustig gemacht«, sagte ich. »Über die schlechten Kerle.«
»Danke«, meinte Lass traurig. »Aber das ist die Krux: dass viele das gar nicht kapieren. Die glauben, das ist alles ernst.«
»Dann sind sie Idioten«, versuchte ich den verkannten Barden zu trösten.
»Aber sie sind in der Mehrheit«, rief Lass aus. »Und die Kopfprothesen sind noch nicht ausgereift…«
Er griff nach der Flasche, goss Wodka ein. »Komm vorbei, wenn du wieder pinkeln musst«, forderte er mich auf. »Nur keine falsche Scham. Außerdem werde ich dir noch den Schlüssel von einer Wohnung im vierzehnten Stock geben. Die ist leer, hat aber Klos. »
»Hat denn der Besitzer nichts dagegen?«, grinste ich.
»Dem ist jetzt alles egal. Und die Erben kriegen's nicht fertig, die Bude unter sich aufzuteilen.«
Drei
Um vier Uhr morgens kehrte ich in meine Wohnung zurück. Leicht betrunken, aber erstaunlich entspannt. Derart andere Menschen trifft man schließlich selten. Die Arbeit in der Wache erzieht dich in gewisser Weise dazu, pauschal zu denken. Der raucht nicht, der trinkt nicht, also ist er ein guter Junge. Aber der flucht, also ist er schlecht. Und wie man es auch dreht und wendet, uns interessieren nun mal in erster Linie die guten, unsere Stütze, während die schlechten eine potenzielle Basis für die Dunklen darstellen.
Darüber vergessen wir dann gern, wie unterschiedlich Menschen sein können.
Der Barde wusste nichts von den Anderen. Da war ich mir absolut sicher. Und wenn es mir gelingen würde, mit jedem Mieter im Assol so die halbe Nacht lang zusammenzuhocken, dann könnte ich mir von jedem einzelnen ein genaues Bild machen.
Allerdings gab ich mich dieser Illusion gar nicht erst hin. Nicht jeder würde mich reinbitten, nicht jeder würde über Gott und die Welt plaudern. Von den zehn Mietern abgesehen, gab es noch Hunderte von Menschen, die hier arbeiteten: Security-Leute, Installateure, Handwerker, Buchhalter. Niemals könnte ich die in absehbarer Zeit alle überprüfen!
Nachdem ich geduscht hatte – in der Duschkabine hing ein komischer Schlauch, aus dem Wasser plätscherte -, kam ich in mein einziges Zimmer. Ich musste schlafen… Morgen früh würde ich mir dann einen neuen Plan überlegen.
»Hallo, Anton«, klang es vom Fenster herein.
Ich erkannte die Stimme. Sofort fühlte ich mich beklommen.
»Guten Abend, Kostja«, erwiderte ich. Guten Abend, das klang irgendwie unangemessen. Aber einem Vampir einen»Schlechten Abend«zu wünschen wäre noch dümmer gewesen.
»Kann ich reinkommen?«, fragte Kostja.
Ich trat ans Fenster. Kostja saß, mit dem Rücken zu mir, auf dem Fensterbrett und baumelte mit den Beinen. Er war splitter-fasernackt. Als wolle er mir beweisen: Ich bin nicht die Fassade hochgeklettert, sondern als riesige Fledermaus an dein Fenster geflogen gekommen. Ein Hoher Vampir. Mit Anfang zwanzig. Ein fähiger Junge…
»Lieber nicht«, lehnte ich ab.
Kostja nickte, fing keinen Streit an. »Anscheinend sind wir auf denselben Fall angesetzt. »
»Ja.«
»Gut.«Kostja drehte sich zu mir um. Lächelte mit weißen Zähnen. »Ich freu mich, dass wir zusammenarbeiten. Aber du hast Angst vor mir, oder? »
»Nein.«
»Ich habe jede Menge gelernt«, prahlte Kostja. Genau wie damals, als er noch ein Kind gewesen war und verkündet hatte: »Ich bin ein schrecklicher Vampir! Ich werde lernen, mich in eine Fledermaus zu verwandeln! Ich werde fliegen lernen!«
»Du hast gar nichts gelernt«, korrigierte ich ihn. »Du hast bloß jede Menge gestohlen.«
»Das sind Wortklaubereien.«Kostja runzelte die Stirn. »Das ist nur eines der üblichen Wortspiele von euch Lichten. Ihr habt mir etwas angeboten, und ich habe es genommen. Irgendwas dagegen?«
»Wir wollen uns doch nicht streiten, oder?«, fragte ich. Und hob die Hand, wobei ich mit den Fingern das Zeichen des Aton andeutete, das gegen alle Untoten feien soll. Schon lange wollte ich mal ausprobieren, ob die alten nordafrikanischen Zauber bei den russischen Dämonen von heute wirken.
Ängstlich starrte Kostja auf das unvollendete Zeichen. Entweder wusste er davon, oder Kraft stürmte auf ihn ein. »Darfst du denn deine Tarnung aufgeben?«, fragte er.
Wütend senkte ich die Hand. »Nein. Aber ich kann doch wohl ein Risiko eingehen.«
»Das ist nicht nötig. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, dann geh ich. Aber wo wir schon denselben Fall bearbeiten…, sollten wir miteinander reden.«
»Dann rede«, forderte ich ihn auf und zog einen der Hocker ans Fenster. »Du lässt mich also nicht rein?«
»Ich möchte nachts nicht allein mit einem nackten Mann erwischt werden«, erklärte ich grinsend. »Wer weiß, was die Leute dann denken. Schieß los. »
»Wie gefällt dir der T-Shirt-Sammler?«Fragend sah ich Kostja an. »Der aus dem neunten Stock. Er sammelt T-Shirts mit albernen Slogans. »
»Der hat keine Ahnung«, versicherte ich.
»Glaub ich auch.«Kostja nickte. »Acht Wohnungen sind belegt. Bei weiteren sechs tauchen die Mieter ab und an auf. In den übrigen nur äußerst selten. Alle Dauermieter habe ich schon überprüft. »
»Und? »
»Null. Sie wissen nichts von uns.«
Ich erkundigte mich nicht, woher Kostja diese Gewissheit nahm. Immerhin war er ein Hoher Vampir. Die können einem mit der Leichtigkeit eines erfahrenen Magiers ins Bewusstsein eindringen.
»Die übrigen sechs knöpfe ich mir morgen vor«, kündigte Kostja an. »Besondere Hoffnungen mache ich mir aber nicht. »
»Hast du jemanden in Verdacht?«, fragte ich.
Kostja zuckte die Schultern. »Jeder, der hier wohnt, hat genug Geld und Einfluss, um für einen Vampir oder einen Tiermenschen von Interesse zu sein. Für einen schwachen, gierigen… frisch gebackenen Vertreter dieser Spezies. Auf diese Weise können wir den Kreis der Verdächtigen also nicht eingrenzen.«
»Wie viele frisch gebackene niedere Dunkle gibt es zurzeit in Moskau?«, wollte ich wissen. Und wunderte mich selbst darüber, wie leicht mir die»niederen Dunklen«über die Lippen gingen. Früher hatte ich nie so von ihnen gesprochen. Da hatten sie mir leid getan.
Kostja reagierte gelassen auf meine Äußerung. In der Tat: ein Hoher Vampir. Konzentriert. Selbstsicher.
»Nicht sehr viele«, wich er aus. »Aber die werden wir überprüfen, da kannst du ganz beruhigt sein. Alle werden überprüft. Die niederen Anderen, aber auch die Magier. »
»Bringt der Fall Sebulon auf die Palme?«, fragte ich.
»Geser ist auch nicht gerade die Ruhe in Person«, höhnte Kostja. »Das Ganze ist für alle unangenehm. Nur du nimmst die Sache auf die leichte Schulter.«
»Mir ist nicht klar, was daran so schlimm sein soll«, gestand ich. »Es gibt Menschen, die bereits von unserer Existenz wissen. Nur wenige, aber immerhin. Ein Mensch mehr oder weniger – das ändert doch nichts. Wenn er anfängt, Lärm zu schlagen, finden wir ihn im Handumdrehen und erklären ihn für psychisch krank. So was hat es…»
»Und wenn er ein Anderer wird?«, fragte Kostja scharf.
»Dann gibt es einen Anderen mehr.«Ich zuckte mit den Achseln.
»Wenn er aber weder ein Vampir noch ein Tiermensch, sondern ein richtiger Anderer wird?«Kostja bleckte die Zähne zu einem Lächeln. »Ein echter? Egal, ob nun ein Lichter oder ein Dunkler…»
»Dann gibt es einen Magier mehr«, wiederholte ich nur.
»Hör mir mal zu, Anton«, sagte Kostja kopfschüttelnd. »Ich mag dich. Immer noch. Aber manchmal kann ich mich nur wundern, wie naiv du bist…«
Er streckte sich. An seinen Armen wuchs ein kurzhaariges Fell, seine Haut dunkelte ein und verlor ihre Glätte.
»Nimm dir die Angestellten der Mieter vor«, riet er mit feiner, durchdringender Stimme. »Wenn du etwas witterst, ruf mich.«
Er wandte mir das in der Transformation verzerrte Gesicht zu. »Weißt du, Anton«, meinte er und lächelte abermals. »Nur wenn ein Lichter so naiv ist, kann ein Dunkler mit ihm befreundet sein…«
Daraufhin sprang er nach unten. Schwer schlugen seine ledernen Flügel. Eine etwas unbeholfene, aber dennoch schnelle, gigantische Fledermaus flog in die Nacht davon.
Auf dem Fensterbrett schimmerte das weiße Rechteck einer Visitenkarte. Ich nahm sie auf. »Konstantin. Wissenschaftliches Forschungsinstitut für Blutprobleme. Wissenschaftlicher Mitarbeiter«las ich.
Dann folgten die Telefonnummern: dienstlich, privat, Handy. Die Nummer zu Hause kannte ich, denn Kostja lebte immer noch bei seinen Eltern. Die Familienbande von Vampiren sind allgemein sehr eng. Woran hatte er gedacht? Warum diese Panik?
Ich schaltete das Licht aus, streckte mich auf der Matratze aus und starrte auf die grau schimmernden Quadrate der Fenster. »Wenn er ein richtiger Anderer wird…«Wie entstehen Andere? Niemand weiß das. Eine zufällige Mutation, wie Lass es ausgedrückt hat. Das traf es genau. Du wirst als Mensch geboren, lebst ein ganz normales Leben… bis dann ein Anderer in dir die Fähigkeit erspürt, ins Zwielicht einzutreten und dort Kraft zu schöpfen. Danach»lenken«sie dich dann. Behutsam, mit Bedacht bringen sie dich in die nötige Geistesverfassung, damit du in einem Moment starker emotionaler Erregung deinen Schatten ansiehst – diesmal mit andern Augen. So dass du siehst, wie er gleich einem schwarzen Fetzen vor dir liegt, wie ein Vorhang… den du zu dir heranziehen und beiseite schieben kannst, um in eine andere Welt einzutreten. In die Welt der Anderen. Ins Zwielicht.
Und davon, wie du das erste Mal ins Zwielicht eintrittst – fröhlich und gut oder unglücklich und böse – hängt ab, was du wirst. Welche Kraft du zukünftig aus dem Zwielicht schöpfst – das wiederum die Kraft aus den gewöhnlichen Menschen heraussaugt. »Wenn er ein richtiger Anderer wird…«
Es gibt immer die Möglichkeit, jemandem die Initiierung aufzuzwingen. Jedoch um den Preis des Lebens, indem man ihn in eine lebendige Leiche auf zwei Beinen verwandelt. Ein Mensch kann ein Vampir oder ein Tiermensch werden – und wäre gezwungen, seine Existenz durch Menschenleben aufrechtzuerhalten. Daher können nur Dunkle diesen Weg gehen… Und selbst sie lieben ihn nicht besonders. Aber wenn man tatsächlich zum Magier werden konnte?
Wenn es für jeden x-beliebigen Menschen die Möglichkeit gab, sich in einen Anderen zu verwandeln? Ein langes, ein sehr langes Leben zu erhalten, in dem ihnen die ungewöhnlichsten Wege offen standen? Das würden viele wollen, ohne Zweifel.
Wir selbst hätten ja auch gar nichts dagegen. Es gäbe so viele Menschen, die es wert wären, Lichte zu werden!
Nur würden dann auch die Dunklen anfangen, ihre Reihen aufzustocken…
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das Unglück bestand nicht darin, dass jemand den Menschen unser Geheimnis enthüllte. Das Unglück bestand nicht in der Lücke im System. Nicht darin, dass der Verräter die Adresse der Inquisition kannte.
Sondern darin, dass dies eine neue Phase in einem ewigen Krieg einleitete!
Seit Jahrhunderten sind die Lichten und die Dunklen nun durch den Großen Vertrag gebunden. Wir dürfen unter den Menschen die Anderen suchen, dürfen sie auf die jeweilige Seite ziehen, die Seite, die wir für die richtige halten. Aber wir sind gezwungen, Tonnen von Sand zu sieben, um ein Goldkorn zu finden. Auf diese Weise wird das Gleichgewicht gewahrt.
Und plötzlich tut sich die Möglichkeit auf, Tausende, Millionen von Menschen auf einen Schlag in Andere zu verwandeln.
Eine Fußballmannschaft holt sich den Pokal – und Zehntausende jubelnder Fans bekommen einen magischen Schlag, der sie in Lichte verwandelt.
Parallel dazu gibt die Tagwache den Anhängern der besiegten Mannschaft einen Befehl – und diese verwandeln sich in Dunkle.
Das schwirrte Kostja im Hinterkopf. Die gewaltige Versuchung, mit einem Mal das Gleichgewicht zugunsten der eigenen Seite zu verschieben. Natürlich können sowohl die Dunklen als auch wir die Folgen eines solchen Schritts abschätzen. Natürlich würden beide Seiten neue Bestimmungen in den Vertrag aufnehmen und für die Initiierung von Menschen akzeptable Grenzen abstecken. So wie die USA und die UdSSR das Wettrüsten bei Atomwaffen einschränken konnten…
Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Semjon hatte mir mal erzählt, das Wettrüsten sei gestoppt worden, als eine ultimative Waffe gefunden worden war. Zwei – mehr waren dazu nicht nötig – thermonukleare Sprengkörper, die eine selbstständig weiterlaufende Kettenreaktion der Kernfusion hervorrufen würden. Die amerikanische Bombe war in Texas stationiert, die russische in Sibirien. Es brauchte nur eine gezündet zu werden, und der ganze Planet würde sich in einen Feuerball verwandeln.
Dass uns ein solches Vorgehen nicht gefällt, steht hier nicht zur Debatte. Allerdings wird eine Waffe, die nie eingesetzt werden darf, auch nie funktionieren. Die Präsidenten müssen das nicht unbedingt wissen, schließlich sind sie nur Menschen…
Ob die Chefs der Wachen vergleichbare»magische Bomben«haben? Und die Inquisition, in das Geheimnis eingeweiht, deshalb so grimmig auf die Einhaltung des Vertrags achtet? Vielleicht.
Trotzdem wäre es besser, wenn man normale Menschen nicht initiieren könnte…
Selbst im Halbschlaf zuckte ich schmerzlich vor meinen eigenen Gedanken zurück. Sollte das heißen, dass ich anfing, wie ein echter Anderer zu denken? Es gibt die Anderen, und es gibt Menschen. Letztere sind zweitrangig. Nie werden sie ins Zwielicht eintreten können, nie werden sie länger als hundert Jahre leben. Da ist nichts zu machen…







