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Wächter des Zwielichts
  • Текст добавлен: 29 сентября 2016, 04:49

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Автор книги: Сергей Лукьяненко



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Swetlana nickte. Ich komme nur selten darauf zu sprechen, dass ihre Kraft meine übersteigt. Denn das ist das, was uns in erster Linie trennt – eines Tages vielleicht für immer.

Und Swetlana hatte extra die Nachtwache verlassen! Sonst… sonst wäre sie jetzt bereits eine Zauberin außerhalb jeder Kategorie.

»Aber den Kindern ist doch nichts passiert«, fuhr ich fort. »Kein widerlicher Zauberer hat sich an dem Mädchen vergriffen, keine böse Hexe hat aus dem Jungen Suppe gemacht… Also, wenn das eine Hexe ist, warum legt sie dann ein so gutes Verhalten an den Tag?«

»Hexen müssen nicht immer Menschen fressen oder zu sexueller Aggressivität neigen«, erwiderte Swetlana so ernst, als halte sie einen Vortrag. »Ihr ganzes Verhalten wird von normalem Egoismus bestimmt. Wenn eine Hexe sehr hungrig ist, dann könnte sie wohl in der Tat über einen Menschen herfallen. Einfach aus dem Grund, weil sie sich selbst nicht zu den Menschen zählt. Aber sonst… Warum hätte sie den Kindern nicht helfen sollen? Das kostet sie nichts. Sie hat sie aus dem Wald herausgebracht und das Stottern des Jungen geheilt. Womöglich hat sie selbst Kinder. Du würdest doch auch einen kleinen Hund füttern, der kein Zuhause mehr hat, oder?«

»Das gefällt mir nicht«, versicherte ich. »Eine Hexe von solcher Kraft? Sie erreichen doch nur selten den ersten Grad, nicht wahr?«

»Sehr selten.«Swetlana sah mich forschend an. »Bist du dir genau über den Unterschied zwischen einer Zauberin und einer Hexe im Klaren, Anton? »

»Im Großen und Ganzen, ja«, antwortete ich.

Doch Swetlana ließ nicht locker. »Eine Zauberin arbeitet direkt mit dem Zwielicht, aus dem sie ihre Kraft schöpft. Eine Hexe dagegen benutzt materielle Hilfsmittel, die mehr oder weniger stark mit Kraft aufgeladen sind. Alle magischen Artefakte, die es auf der Welt gibt, sind von Hexen oder Hexern geschaffen worden. Das sind ihre»Prothesen«, wenn du so willst. Als Artefakte können alle Gegenstände oder Körperorgane aus Horn wie Haare oder lange Fingernägel dienen… Deshalb ist eine Hexe ungefährlich, wenn du sie ausziehst und rasierst, während du einer Zauberin noch mit einem Knebel den Mund stopfen und die Hände fesseln musst.«

»Dir stopft garantiert niemand den Mund«, feixte ich. »Sweta, wozu hältst du mir diesen Vortrag? Ich bin kein großer Magier, aber die grundlegenden Dinge weiß auch ich, über die musst du mich nicht aufklären…«

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen«, entschuldigte sich Sweta sofort.

Ich sah sie an – und erkannte den Schmerz in ihren Augen. Was bin ich doch für ein Schwein!

Warum muss ich meine Komplexe immer an der Frau auslassen, die ich liebe?! Ich bin mieser als jeder Dunkle…

»Verzeih mir, Swetka…«, flüsterte ich und berührte ihre Hand. »Hab Nachsehen mit einem alten Idioten.«

»Ich muss mich wohl auch an die eigene Nase fassen«, räumte Sweta ein. »In der Tat: Warum halte ich dir hier große Vorträge? Du hast es in der Wache jeden Tag mit Hexen zu tun…«

Der Friede war wiederhergestellt. »Mit solchen starken?«, fragte ich sofort zurück. »Vergiss nicht, in ganz Moskau gibt es eine Hexe ersten Grades, und die hat sich seit langem aus dem Geschäft zurückgezogen… Was sollen wir jetzt tun, Sweta?«

»Wir haben keinen triftigen Grund zu intervenieren«, meinte Sweta besorgt. »Den Kindern geht es gut, dem Jungen sogar besser. Es bleiben zwei Fragen: Was für ein komischer Wolf hat die Kinder zu seinen Jungen getrieben? »

»Wenn es überhaupt ein Wolf war«, warf ich ein.

»Eben«, stimmte Sweta mir zu. »Aber irgendwie haben die Kinder alles sehr überzeugend berichtet… Und die zweite Frage: Ist die Hexe hier im Ort registriert, was haben wir über sie…«

»Das kriegen wir sofort raus«, sage ich, während ich nach meinem Handy langte.

Fünf Minuten später bekam ich die Antwort, dass es nach den Unterlagen der Nachtwache keine Hexen in dieser Gegend gab oder geben dürfte.

Weitere zehn Minuten später verließ ich den Hof, bewaffnet mit den Instruktionen und Ratschlägen meiner Frau, die zugleich eine verhinderte Große Zauberin war. Als ich am Schuppen vorbeiging, linste ich durch die offene Tür hinein. Kolja hing über der offenen Motorhaube, auf einer ausgebreiteten Zeitung lagen verschiedene Schrauben und Teilchen. Oh, oh, ich hatte doch nur was von einem Klopfen im Motor gesagt! Außerdem sang Onkel Kolja, brummte vor sich hin:

 
Wir sind keine Heizer, sind keine Zimmerleute,
Wir sind die Kommunistische Garde von heute!
 

Anscheinend hatte sein Gedächtnis nur diese beiden Zeilen abgespeichert, die er wie aufgezogen wiederholte, während er selbstvergessen am Motor fummelte:

 
Wir sind keine Heizer, sind keine Zimmerleute,
Wir sind die Kommunistische Garde von heute!
 

»Ein halber Liter wird hier nicht reichen, Antoscha!«, rief Onkel Kolja fröhlich, sobald er mich sah. »Die Japaner müssen völlig den Verstand verloren haben, was sie in diesen Diesel gestopft haben, ist ja nicht mit anzusehen!«

»Das waren nicht die Japaner, sondern die Deutschen«, korrigierte ich ihn.

»Die Deutschen?«, wunderte sich Onkel Kolja. »Ach, das ist ja ein BMW, und ich habe früher nur den Subaru wieder auf Vordermann gebracht… Was die sich dabei gedacht haben, die Dinger hier völlig anders zu bauen… Aber keine Sorge, ich krieg das schon hin! Allerdings dröhnt mir der Schädel, das ist die Pest…«

»Geh zu Sweta, sie gibt dir ein Schlückchen!«, fand ich mich mit dem Unvermeidlichen ab.

»Nein.«Onkel Kolja schüttelte den Kopf. »Während der Arbeit nie. Sonst verpfusch ich dir das… Unser erster Vorsitzender, Friede seiner Asche, hat mir eingeschärft: Wenn du schraubst, keinen Tropfen! Geh nur, geh. Ich habe hier noch bis zum Abend zu tun.«

Innerlich nahm ich von dem Wagen Abschied und trat dann auf die staubige heiße Straße hinaus.

Den kleinen Romka machte mein Besuch unsagbar glücklich. Ich kam genau in dem Moment, als Anna Viktorowna eine schändliche Niederlage im Kampf um den Mittagsschlaf hinnehmen musste. Romka, ein magerer und braun gebrannter Junge, sprang auf der Matratze herum. »Schlaf ich an der Wand«, schrie er übermütig. »Krieg ich morgen um mein Knie 'nen Verband!«

»Was soll ich nur mit ihm machen?«, freute sich Anna Viktorowna über mein Erscheinen. »Guten Tag, Anton. Sagen Sie, führt sich Ihre Nadenka auch so auf?«

»Nein«, log ich.

Romka hörte auf zu springen und schaute uns aufmerksam an.

»Dann nehmen sie den hier doch mit«, schlug Anna Viktorowna scheinheilig vor. »Was soll ich mit so einem Rabauken anfangen? Sie sind ein strenger Mann, Sie werden ihn schon erziehen. Er wird auf Nadenka aufpassen, ihre Windeln bügeln, die Böden für Sie wischen, den Müll rausbringen…«

Bei diesen Worten zwinkerte Anna Viktorowna mir heftig zu, als ob ich ihren Vorschlag tatsächlich für bare Münze nehmen und mir kurzerhand einen minderjährigen Sklaven besorgen könnte.

»Ich denk drüber nach«, unterstützte ich ihre pädagogischen Bemühungen. »Wenn er absolut nicht hören will, nehmen wir ihn zur Umerziehung auf. Bei uns haben schon schlimmere Kinder gelernt zu spuren!«

»Sie nehmen mich ja doch nicht!«, meinte Romka keck, fing aber immerhin nicht wieder an zu springen, sondern setzte sich aufs Bett und streckte die Beine auf der Decke aus. »Was sollten Sie mit einem solchen Rabauken schon anfangen? »

»Dann stecke ich dich ins Internat«, drohte Anna Viktorowna.

»Nur herzlose Menschen stecken Kinder ins Internat«, wiederholte Romka einen Satz, den er ohne Frage aufgeschnappt hatte. »Aber du bist nicht herzlos!«

»Was soll ich bloß mit ihm machen?«, stellte Anna Vikto-rowna noch einmal ihre rhetorische Frage. »Möchten Sie etwas eisgekühlten Kwass?«

»Ich auch, ich auch«, piepste Romka, bevor er unter dem strengen Blick seiner Mutter verstummte.

»Danke«, meinte ich nickend. »Ehrlich gesagt, bin ich wegen dieses Rabauken gekommen…«

»Hat er was angestellt?«, wollte Anna Viktorowna gleich wissen.

»Sweta hat mir vom Abenteuer Ihrer Kinder erzählt… und von dem Wolf. Ich bin Jäger, aber so etwas…«

Innerhalb einer Minute saß ich am Tisch und wurde mit kaltem Kwass und allerlei Aufmerksamkeiten bewirtet.

»Eben. Ich bin Lehrerin, ich verstehe was von diesen Dingen«, meinte Anna Viktorowna. »Die Wölfe sind die Sanitäter des Waldes… Das ist natürlich eine Lüge, denn ein Wolf reißt nicht nur kranke Tiere, sondern durch die Bank alle Tiere… Trotzdem ist er ein Lebewesen. Der Wolf ist nicht schuld daran, dass er ein Wolf ist… Aber hier, in der Nähe des Dorfs! Er jagt Kinder! Treibt sie zu seinen Jungen. Wissen Sie, was das bedeutet?«Ich nickte.

»Er bringt seinen Jungen das Jagen bei.«In Anna Viktorownas Augen loderte Angst oder ein mütterlicher Zorn auf, vor dem sowohl Wölfe wie auch Bären im tiefsten Wald Zuflucht gesucht hätten. »Was ist das? Ein Menschen fressender Wolf?«

»Das kann nicht sein«, erwiderte ich. »Hier hat es noch nie einen Fall gegeben, wo ein Wolf einen Menschen angefallen hätte. Ohnehin gibt es hier schon lange keine Wölfe mehr… Das war wohl eher ein verwilderter Hund. Aber das möchte ich gern überprüfen.«

»Tun Sie das«, meinte Anna Viktorowna in festem Ton. »Und wenn… selbst wenn das ein Hund war. Wenn die Kinder sich das nicht ausgedacht haben…«Erneut nickte ich.

»Erschießen Sie ihn«, bat Anna Viktorowna. Dann fuhr sie im Flüsterton fort: »Ich schlafe nachts nicht mehr. Wenn ich nur daran denke… was hätte passieren können.«

»Aber das war ein Hund!«, erklang vom Bett Romkas Stimme herüber.

»Scht!«, fuhr Anna Viktorowna ihn an. »Gut, komm her. Erzähl dem Onkel, wie alles gewesen ist.«

Es bedurfte keiner weiteren Überredungskünste, damit Romka vom Bett sprang, zu uns kam und sich höchst geschäftig auf meinen Schoß setzte. Fordernd sah er mir in die Augen. Ich zerzauste ihm das störrische, ausgeblichene Haar. »Also, die Sache war so…«, begann Romka voller Genugtuung.

Anna Viktorowna blickte Romka irgendwie sehr traurig an. Ich verstand sie. Den Vater dieser Kinder konnte ich jedoch nicht verstehen. Es kann alles Mögliche passieren, die Leute trennen sich – aber die eigenen Kinder danach aus seinem Leben zu verbannen und sie mit Alimenten abzuspeisen?

»Wir sind gelaufen und immer weiter gelaufen, also wir sind spazieren gegangen«, erzählte Romka ermüdend langatmig. »Wir sind spazieren gegangen und in den Wald gekommen. Und dann hat Xjuscha mir schreckliche Geschichten erzählt…«

Aufmerksam hörte ich mir seinen Bericht an. Die»schrecklichen Geschichten«legten einmal mehr nahe, dass sie sich die ganze Geschichte ausgedacht hatten. Anderseits schilderte der Junge alles absolut klar. Abgesehen von den für sein Alter typischen Wiederholungen einzelner Wörter, verhedderte er sich nicht einmal.

Für alle Fälle scannte ich auch noch die Aura des Jungen. Ein Mensch… ein kleiner Mensch. Ein guter kleiner Mensch, von dem man glauben möchte, dass er zu einem guten Menschen heranwächst. Nicht die geringsten Hinweise darauf, dass es sich bei ihm um einen potenziellen Anderen handeln könnte. Und nicht die geringsten Spuren einer magischen Manipulation.

Wenn jedoch schon Swetlana nichts bemerkt hatte – was sollte mir mit meinem zweiten Grad dann eigentlich auffallen?

»Und plötzlich hat der Wolf gelacht!«, rief Romka, während er fröhlich mit den Händen fuchtelte.

»Hast du denn keine Angst gehabt?«, fragte ich. Zu meinem Erstaunen dachte Romka lange darüber nach.

»Doch«, sagte er dann. »Ich bin noch klein, und der Wolf war groß. Außerdem hatte ich keinen Stock – wo kriege ich im Wald einen Stock her? Aber später hatte ich dann keine Angst mehr.«

»Hast du jetzt Angst vor Wölfen?«, hakte ich nach. Nach einem solchen Abenteuer hätte jeder normale Junge angefangen zu stottern. Romka hingegen hatte damit aufgehört!

»Nicht die Spur!«, versicherte der Junge. »Aber wegen Ihnen habe ich jetzt meinen Faden verloren. Wo war ich denn? »

»An der Stelle, wo der Wolf gelacht hat«, meinte ich lächelnd.

»Genau wie ein Mensch«, sagte Romka.

Alles klar. Ich hatte es schon ziemlich lange nicht mehr mit Werwölfen zu tun gehabt. Noch dazu mit solchen hinterhältigen… Kinder zu jagen, nur hundert Kilometer von Moskau entfernt. Worauf hofften sie? Dass es hier im Dorf keine Wache gab? Dabei ging das regionale Büro jedem Fall von vermissten Menschen nach. Für diese Aufgabe gibt es einen guten und hochspezialisierten Magier. Er macht das mit Methoden, die alle Welt für pure Scharlatanerie hält, sieht sich Fotos an und legt sie dann weg oder ruft die Fahnder an, um besorgt zu klagen: »Irgendwas ist hier… irgendwas, aber ich weiß nicht, was…«

Dann würden wir losfahren, im Moskauer Umland ausschweifen, den Wald durchkämmen, Spuren sichern… schreckliche Spuren, an die wir uns jedoch gewöhnt haben. Die Tiermenschen würden vermutlich bei ihrer Verhaftung Widerstand leisten. Und irgendjemand – möglicherweise wäre ich das – würde mit der Hand wedeln. Daraufhin würde der leuchtende graue Höhenrauch durch das Zwielicht kriechen…

Solche wie sie fangen wir nur selten lebend. Wollen es auch gar nicht.

»Außerdem glaube ich«, fuhr Romka verständig fort, »dass der Wolf etwas gesagt hat. Ich glaube, ich glaube… Aber er hat doch gar nicht geredet, das weiß ich. Wölfe reden schließlich nicht, oder? Aber ich träume davon, dass er etwas gesagt hat. »

»Und was?«, fragte ich vorsichtig nach.

»Geh… weg, He-xe!«, meinte Romka, der angestrengt versuchte, den heiseren Bass nachzuahmen.

Also doch. Damit konnte ich eine Razzia anordnen. Oder sogar Hilfe aus Moskau anfordern.

Das war ein Werwolf gewesen, ohne Frage. Und die Kinder konnten von Glück sagen, dass sich auch noch eine Hexe in der Gegend rumtrieb. Eine starke. Eine sehr starke.

Die nicht einfach nur den Werwolf vertrieb, sondern auch noch das Gedächtnis der Kinder reinigte, ohne dabei die geringste Spur zu hinterlassen. Indem sie einfach nicht allzu tief eindrang. Sie hatte nicht erwartet, dass in dem Dorf ein aufmerksamer Wächter auftauchen würde… Bei Bewusstsein erinnerte sich der Junge an nichts – aber im Schlaf, da schon. »Geh weg, Hexe!«Interessant!

»Danke, Romka.«Ich drückte ihm die kleine Hand. »Ich werde mal in den Wald gehen und nachgucken.«

»Haben Sie denn keine Angst? Haben Sie ein Gewehr?«, fragte Romka munter.

»Ja. «

»Zeigen Sie's mir!«

»Es ist zu Hause«, meinte Anna Viktorowna streng. »Gewehre sind außerdem kein Spielzeug für Kinder.«

Romka seufzte. »Aber die kleinen Wölfe erschießen Sie nicht, ja?«, bat er in herzzerreißendem Ton. »Bringen Sie mir lieber einen von ihnen mit, dann erziehe ich ihn wie einen Hund! Oder zwei, einen für mich, einen für Xjucha!«

»Roman!«, rief Anna Viktorowna ihn mit strenger Stimme zurecht.

Xjuscha fand ich am Teich, genau wie ihre Mutter es gesagt hatte. Eine Gruppe Mädchen brutzelte neben einer Horde Jungen in der Sonne, auf beiden Seiten flogen spitze Bemerkungen hin und her. Die männlichen Wasserratten waren in dem Alter, in dem sie die Mädchen bereits nicht mehr an den Zöpfen zogen – aber noch nicht begriffen, was sie mit ihnen anstellen sollten.

Bei meinem Auftauchen verstummten alle, Neugier und Furcht packte sie. Ich war im Dorf noch nicht allzu bekannt.

»Oxana?«, fragte ich ein Mädchen, das ich meiner Ansicht nach schon einmal zusammen mit Romka gesehen hatte und das Xjuscha sein konnte.

Ein sehr ernstes Mädchen mit blauem Badeanzug sah mich an und nickte. »Hallo… Guten Tag«, sagte sie höflich.

»Guten Tag. Ich bin Anton, der Mann von Swetlana Nasarowa. Kennst du sie?«, fragte ich.

»Wie heißt Ihre Tochter?«, fragte Oxana misstrauisch.

»Nadja.«

»Ich kenne sie«, meinte Oxana nickend und erhob sich aus dem Sand. »Sie wollen mit mir über die Wölfe reden, nicht wahr? »

»Richtig«, meinte ich mit einem Lächeln.

Oxana schielte zu den Kindern hinüber. Genauer, zu den Jungen.

»Ach, das ist ja Nadkas Vater«, bemerkte ein sommersprossiger Bengel, in dem – warum auch immer – der dörfliche Ursprung nicht zu übersehen war. »Mein Vater repariert gerade Ihr Auto.«Stolz blickte er seine Freunde an.

»Wir können uns auch hier unterhalten«, schlug ich zur Beruhigung der Kinder vor. Es war natürlich schrecklich, dass sich normale, in Familien aufwachsende Kinder in diesem Alter ein solches Misstrauen angewöhnt hatten. Aber vielleicht war es auch besser so.

»Wir sind im Wald spazieren gegangen«, fing Oxana an zu erzählen, die sich kerzengerade vor mich aufgebaut hatte. Ich dachte kurz nach und setzte mich dann in den Sand, worauf sich auch das Mädchen wieder setzte. Anna Viktorowna hatte ihre Kinder wirklich gut erzogen. »Es war meine Schuld, dass wir uns verirrt haben…«

Einer der Dorfjungen lachte. Wenn auch leise. Vermutlich war Oxana nach diesen Geschichten mit den Wölfen zum beliebtesten Mädchen bei den jüngeren Schulkindern avanciert.

Im Prinzip erzählte Oxana mir nichts Neues. Auch an ihr ließen sich keine Spuren von Magie feststellen. Nur die Erwähnung des Schranks»mit alten Büchern« ließ mich aufhorchen.

»Erinnerst du dich an die Titel?«, fragte ich. Oxana schüttelte den Kopf.

»Versuch es einmal«, bat ich. Ich sah zu Boden – auf meinen langen, verzerrten Schatten. Gehorsam kroch mir der Schatten entgegen. Dann nahm mich das graue, kühle Zwielicht auf.

Kinder aus dem Zwielicht heraus zu betrachten ist immer ein Vergnügen. Ihre Auren – selbst die der schüchternsten und unglücklichsten – sind noch frei von jener Bosheit und Härte, die die Auren erwachsener Menschen umhüllen.

Innerlich entschuldigte ich mich bei den Kindern, schließlich hatten sie mich nicht um das gebeten, was ich jetzt tat. Mit einer sachten, unmerklichen Berührung glitt ich über sie hinweg. Einfach so. Ich löschte jene Funken des Bösen, die bei ihnen trotz allem schon aufblitzten.

Dann strich ich Oxana über den Kopf. »Erinner dich, Mädchen…«, flüsterte ich.

Sicher, ich würde die Barriere, die jene unbekannte Hexe errichtet hatte, nicht beseitigen können, wenn sie stärker oder genauso stark war wie ich. Aber zu meinem Glück schien sie an eine Kinderfreundin geraten zu sein. Die Hexe war höchst behutsam mit dem Bewusstsein der beiden umgegangen.

Ich trat aus dem Zwielicht heraus. Wie in einem Backofen schlug die heiße Luft über mir zusammen. Was für ein brütender Sommer!

»Jetzt weiß ich es wieder!«, verkündete Oxana stolz. »Ein Buch hieß Aliada Ansata.«Ich runzelte die Stirn.

Von den gewöhnlichen Kräuterbüchern – ich meine von den gewöhnlichen Hexenkräuterbüchern – unterschied sich dieses durch seine besondere Niederträchtigkeit. Dort wurden sogar für Löwenzahn einige abscheuliche Anwendungsformen vorgestellt.

»Dann noch Kassagar Garsarra«, sagte Oxana. Eines der Kinder kicherte. Wenn auch unsicher.

»Wie war der Titel geschrieben?«, fragte ich. »In lateinischen Buchstaben? So wie englisch… ja? Kassagar Garsarra?«

Wozu hatte ich das wiederholt? Als ob man den Unterschied hören konnte…

»Nein, mit russischen Buchstaben«, meinte Oxana. »Aber mit komischen, alten.«

Noch nie hatte ich von einer Übersetzung dieses selbst für die Dunklen seltenen Werks ins Russische gehört. Es ist verboten, das Buch zu drucken, denn dann büßen die Zaubersprüche ihre Magie ein. Man darf es bloß abschreiben. Ausschließlich mit Blut. Und zwar keinesfalls mit dem Blut einer Jungfrau oder dem unschuldiger Kinder, das sind irrige Ansichten, die später aufkamen; entsprechende Abschriften taugen überhaupt nichts. Bis heute glaubt man, das Kassagar Garsarra existiere lediglich auf Arabisch, Spanisch, Latein und Althochdeutsch. Das Blut muss von dem Magier, der das Buch abschreiben möchte, stammen. Für jeden Zauberspruch muss er sich frisches abzapfen. Und das Buch ist dick…

Außerdem fließt zusammen mit dem Blut die Kraft aus ihm hinaus.

Was können wir stolz auf die russischen Hexen sein! Hatte sich doch eine Fanatikerin gefunden! »Ist das alles?«, fragte ich. »Noch das Fuaran.«

»So ein Buch gibt es nicht, das hast du dir ausgedacht…«, entgegnete ich unwillkürlich. »Wie war das? Fuaran? «

»Fuaran«, bestätigte Oxana.

Nein, in diesem Buch gab es nichts Gemeines. Nur wurde es in allen Nachschlagewerken als Phantasieprodukt ausgewiesen. Der Legende nach enthielt das Buch Instruktionen, wie aus einem Menschenkind eine Hexe oder ein Hexer zu machen sei. Genaue und angeblich funktionierende Anweisungen. Als ob das möglich wäre! Oder etwa doch, Geser? »Erstaunliche Bücher«, sagte ich.

»Das sind botanische Bücher, nicht wahr?«, fragte Oxana.

»Hm«, bestätigte ich. »Vergleichbar mit Katalogen. Im Aliada Ansata wird beschrieben, wo man verschiedene Kräuter findet… und so weiter. Vielen Dank, Xjuscha.«

Interessante Dinge taten sich in unserm Wald! Ganz in der Nähe von Moskau sitzt im tiefsten Dickicht – aber was heißt hier Dickicht? -, in einem kleinen Wald eine mächtige Hexe mit einer Bibliothek voll seltenster Bücher zu allen dunklen Gebieten. Ab und an rettet sie Kinder vor idiotischen Werwölfen. Besten Dank auch dafür! Aber die Bücher, die sie besitzt, müssen gemeldet werden, und zwar beiden Wachen und der Inquisition. Denn die Kraft, die hinter ihnen steht, ist enorm, ist gefährlich.

»Du kriegst eine Tafel Schokolade von mir«, versprach ich. »Du hast alles sehr schön erzählt.«Oxana zierte sich nicht, sondern sagte bloß»danke«. Und schien das Interesse an unserem Gespräch völlig verloren zu haben.

Offenbar hatte die Hexe ihr als der Älteren das Gedächtnis gründlicher gereinigt. Nur an die Bücher, die das Mädchen gesehen hatte, hatte sie nicht gedacht. Und das beruhigte mich ein wenig.


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