Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
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Ich nickte. O nein, sie war keine einfache Hexe, meine neue Bekannte…
»Die Tagwache hat sie mehrmals zur Mitarbeit aufgefordert«, fuhr Edgar fort. »Genauso hartnäckig, wie ihr um Swetlana gekämpft habt… Nimm's mir nicht übel, Anton!«
Das tat ich nicht.
»Die Hexe lehnte entschieden ab. Gut, das ist ihr Recht! Vor allem, da sie sich verschiedentlich auf eine zeitweilige Zusammenarbeit eingelassen hat. Aber zu Beginn des letzten Jahrhunderts, genauer, nach der sozialistischen Revolution, geschah etwas Unangenehmes…«
Er verstummte, zögerte. Wir gingen in den Wald, wobei ich Edgar, wenn auch mit einer gewissen aufgesetzten Sicherheit, führte. Der Dunkle Magier stapfte, so albern er in seiner Stadtkleidung auch wirkte, ungerührt durch Büsche und über holprigen Boden. Noch nicht mal die Krawatte lockerte er.
»Damals haben die Nacht– und die Tagwache um das Recht auf ein gesellschaftliches Experiment gerungen…«, berichtete Edgar. »Den Kommunismus haben sich ja bekanntlich die Lichten ausgedacht…«
»Und die Dunklen verdorben«, konnte ich mir nicht verkneifen.
»Hör doch auf, Anton«, meinte Edgar beleidigt. »Wir haben gar nichts verdorben. Die Menschen haben frei entschieden, welche Gesellschaft sie aufbauen wollen! Doch zurück zum Thema: Die Wachen haben Arina um Hilfe gebeten. Sie hat sich einverstanden erklärt… eine kleine Mission zu übernehmen. An ihr hatten sowohl die Dunklen wie auch die Lichten ein Interesse, aber auch die Hexe selbst. Jede Seite war mit… mit dieser Mission einverstanden. Jede Seite hoffte darauf, am Ende zu gewinnen. Die Inquisition schaute sich das Ganze an, einen Grund zum Eingreifen gab es jedoch nicht. Alles lief ja mit Zustimmung beider Wachen…«
Eine interessante Neuigkeit! Was das wohl für eine Mission sein mochte, die sowohl die Dunklen wie auch die Lichten guthießen?
»Arina hat ihre Mission brillant erfüllt«, fuhr Edgar fort. »Die Wachen haben sie sogar belobigt… Wenn ich mich nicht irre, haben ihr die Lichten das Recht auf dunkle Magie zweiten Grades eingeräumt.«
Eine Geschichte, mit der nicht zu spaßen war. Mit einem Nicken nahm ich die Information zur Kenntnis.
»Mit der Zeit kamen der Inquisition jedoch Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Arinas Vorgehen«, berichtete Edgar in sachlichem Ton. »Es tauchte der Verdacht auf, sie sei im Zuge ihrer Arbeit von einer der beiden Seiten beeinflusst worden und habe dann in deren Interesse gehandelt. »
»Und von welcher Seite?«
»Der lichten«, antwortete Edgar finster. »Eine Hexe hilft den Lichten – das klingt unwahrscheinlich, nicht wahr? Ebendeshalb hat man sie auch lange Zeit überhaupt nicht in Verdacht gehabt, doch irgendwann gab es zu viele indirekte Hinweise auf einen Verrat… Die Inquisition beorderte Arina… zu einem Gespräch. Daraufhin verschwand diese. Eine Zeit lang suchte man nach ihr, aber in jenen Jahren, na ja, du weißt selbst, wie das damals gewesen ist…«
»Worin bestand denn eigentlich ihre Aufgabe?«, fragte ich, ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen.
Edgar seufzte. »Manipulation des Bewusstseins von Menschen…«, sagte er dann aber. »Eine vollständige Remoralisation.«
Ich schnaubte. Welches Interesse sollten die Dunklen denn daran gehabt haben?
»Das erstaunt dich?«, brummte Edgar. »Hast du eigentlich eine Ahnung, was so eine Remoralisation bedeutet? »
»Ich habe sie sogar durchgeführt. Bei mir selbst.«
Ein paar Sekunden lang sah Edgar mich überrascht an. Dann nickte er. »Ach… ja. Natürlich. Dann ist es nicht schwer, das Ganze zu erklären. Eine Remoralisation ist ein relativer Prozess, kein absoluter. Letzten Endes gibt es in der Welt eben keine allgemein gültige Moral. Deshalb zwingt die Remoralisation einen Menschen zwar, sich absolut ethisch zu verhalten, jedoch nur im Rahmen seiner moralischen Grundwerte. Grob gesagt, wird ein papuanischer Kannibale, der das Verspeisen seines Feindes nicht für ein Verbrechen hält, sein Gelage seelenruhig fortsetzen. Aber das, was die Moral ihm verbietet, wird er dann in der Tat unterlassen. »
»Das ist mir klar«, sagte ich.
»Siehst du, und diese Remoralisation damals war eben nicht ganz relativ. Bestimmten Menschen – von etlichen hast du sicher gehört, aber Namen tun hier nichts zur Sache – ist die kommunistische Ideologie ins Bewusstsein gepflanzt worden.«
»Der moralische Kodex zum Aufbau des Kommunismus«, brummte ich.
»Der war damals noch nicht erfunden«, antwortete Edgar sehr ernst. »Aber etwas in der Art wird es wohl gewesen sein. Diese Menschen fingen an, in völliger Übereinstimmung mit den Normen zu handeln, die als kommunistische Ethik deklariert worden sind.«
»Ich kann mir vorstellen, welches Interesse die Nachtwache daran hatte«, sagte ich. »Die kommunistischen Prinzipien haben viel für sich… Aber das Interesse der Dunklen?«
»Die Dunklen wollten sich überzeugen, dass eine oktroyierte, lebensunfähige Ethik zu nichts Gutem führt. Dass die Opfer des Experiments entweder den Verstand verlieren, sterben oder anfangen, entgegen der Remoralisation zu handeln.«
Ich nickte. Was für ein Experiment! Was waren da schon die Naziärzte, die Körper verstümmelten! Hier kamen die Seelen unters Messer…
»Empört dich das Verhalten der Lichten?«, fragte Edgar einschmeichelnd.
»Nein.«Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin überzeugt, dass sie diesen Menschen nichts Böses wollten. Sondern darauf hofften, dass ein solches Experiment zum Aufbau einer neuen, einer glücklichen Gesellschaft führt.«
»In der KPdSU bist du nicht gewesen?«Edgar grinste.
»Nur bei den Pionieren. Gut, den Kern des Experiments habe ich verstanden. Aber warum wurde dafür ausgerechnet eine Hexe herangezogen?«
»In diesem Fall war die Anwendung von Hexerei weitaus ökonomischer als der Einsatz von Magie«, erklärte Edgar. »Das Objekt des Experiments waren Tausende von Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichem gesellschaftlichen Status. Kannst du dir vorstellen, welche Kräfte Magier hätten sammeln müssen? Eine Hexe konnte das jedoch mit einem Kräutertrank bewerkstelligen…»
»Hat sie den ins Trinkwasser gemischt?«
»Ins Brot. Für Arina wurde eine Stelle in einer Brotfabrik besorgt.«Edgar lächelte. »Sie hat eine neue, ökonomische Art des Brotbackens vorgeschlagen, bei der verschiedene Kräuter dazugegeben wurden. Dafür hat sie sogar eine Prämie bekommen. »
»Alles klar. Und welches Interesse hatte Arina daran?«
Edgar schnaubte. Behände sprang er über einen umgestürzten Baum. »Du kannst Fragen stellen, Anton!«Er sah mir in die Augen. »Wer wollte nicht mit Magie von dieser Kraft herumspielen, noch dazu mit der Erlaubnis der Wachen und der Inquisition!«
»Schon möglich…«, murmelte ich. »Das war das Experiment… Und das Ergebnis?«
»Wie es zu erwarten war«, sagte Edgar, wobei in seinen Augen Ironie auffunkelte. »Einige haben den Verstand verloren, sind dem Alkohol verfallen oder haben sich umgebracht. Einige fielen der Verfolgung zum Opfer – weil sie ihren Idealen die Treue hielten. Die Dritten haben schließlich eine Möglichkeit gefunden, die Remoralisation zu umgehen.«
»Die Sichtweise der Dunklen hat also gesiegt?«, staunte ich und blieb sogar stehen. »Trotzdem glaubt die Inquisition, die Hexe habe ihren Zauber auf Befehl der Lichten abgewandelt?«
Edgar nickte.
»Quatsch«, sagte ich und ging weiter. »Absoluter Müll! Die Dunklen haben ihre Sicht faktisch bewiesen. Und ihr behauptet, die Lichten hätten sich etwas zu Schulden kommen lassen.«
»Nicht alle Lichten«, entgegnete Edgar ungerührt. »Nur einer… möglicherweise eine kleine Gruppe. Weshalb, das weiß ich nicht. Aber die Inquisition ist unzufrieden. Die Reinheit des Experiments wurde nicht gewahrt, das Gleichgewicht der Kräfte geriet ins Wanken, irgendeine sehr langfristige und undurchsichtige Intrige ist damit eingeleitet worden…«
»Na klar«, meinte ich nickend. »Haben wir erst mal eine Intrige, können wir auch alles auf Geser abwälzen.«
»Ich habe keine Namen genannt«, meinte Edgar rasch. »Ich kenne sie auch gar nicht! Außerdem möchte ich dich daran erinnern, dass der verehrte Geser damals in Zentralasien gearbeitet hat, sodass es absurd wäre, ihm irgendetwas anzulasten…«
Er seufzte. Ob er an die Ereignisse im Assol dachte? »Aber ihr wollt hinter die Wahrheit kommen?«, fragte ich.
»Unbedingt!«, erwiderte Edgar entschieden. »Tausende von Menschen wurden gewaltsam zum Licht bekehrt – das ist ein Verbrechen gegen die Tagwache. All diese Menschen haben gelitten – das ist ein Verbrechen gegen die Nachtwache. Die Erlaubnis der Inquisition für ein gesellschaftliches Experiment wurde missbraucht – das ist ein Verbrechen…«
»Schon verstanden«, unterbrach ich ihn. »Mir gefällt diese Geschichte ja auch ganz und gar nicht…«
»Hilfst du mit, die Wahrheit herauszubekommen?«, fragte Edgar. Und lächelte.
»Ja«, antwortete ich ohne zu zögern. »Denn das ist in der Tat ein Verbrechen.«
Edgar streckte mir die Hand hin, ich ergriff sie. »Ist es noch weit?«, wollte der Inquisitor wissen.
Ich sah mich um. Und erkannte voller Freude die bekannten Umrisse der Lichtung wieder, in der ich gestern die Pilzmetropole entdeckt hatte. Heute waren übrigens keine Pilze mehr da.
»Es ist ganz in der Nähe«, beruhigte ich den Dunklen Magier. »Hauptsache, die Frau ist überhaupt zu Hause…«
Fünf
Die Hexe Arina braute einen Kräutertrank – ganz wie es sich für eine praktizierende Hexe in ihrem Häuschen im Wald gehört. Sie stand an ihrem russischen Ofen mit einer Zange in der Hand, die einen gusseisernen, in grünliche Wolken gehüllten Topf umspannte. Dabei murmelte sie:
Weißer Ginster, Spindelbaum,
Sand, vom Hang gebrochen,
Vom Abszess noch Eiterschaum,
Farnkraut, Finkenknochen…
Edgar und ich gingen ins Haus, blieben aber an der Tür stehen. Die Hexe tat so, als bemerke sie uns nicht. Sie stand mit dem Rücken zu uns, schüttelte den Topf und murmelte weiter:
Wieder Ginster, Spindelbaum,
Adlerfedern drei…
Edgar hüstelte und fuhr dann fort:
Phosphor, Selters, Fiebertraum,
Kurze Gerten zwei?
»Heiliger Strohsack aber auch!«, rief Arina und hüpfte von einem Fuß auf den andern.
Das klang absolut echt… Dennoch begriff ich mit unumstößlicher Sicherheit, dass die Hexe uns erwartet hatte.
»Guten Tag, Arina«, sagte Edgar ausdruckslos. »Die Inquisition. Ich bitte Sie, die Zauberei einzustellen.«
Behänd schob Arina den Topf in den Ofen. Erst danach drehte sie sich um. Sie wirkte jetzt wie eine vierzigjährige Frau, wie eine kräftige, korpulente schöne Bäuerin. Und wie eine sehr wütende. »Tagchen auch Ihnen, Herr Inquisitor!«, polterte sie bärbeißig los, die Hände in die Hüften gestemmt. »Die Zauberei stört Sie wohl, ja? Und ich? Ich darf mir dann meine Finken wohl noch mal fangen und den Adlern noch mal ein paar Federn ausrupfen?«
»Ihre Knittelverse sind nichts weiter als eine Stütze, um die Menge der Zutaten und die Abfolge der einzelnen Schritte im Gedächtnis zu behalten«, erwiderte Edgar ungerührt. »Ihren Trank der unbeschwerten Fortbewegung haben Sie schon längst gebraut, meine Worte konnten daran nichts ändern. Setzen Sie sich, Arina. Schließlich steckt die Wahrheit nicht in den Beinen, oder?«
»In den Beinen nicht, und weiter oben auch nicht«, antwortete Arina patzig und ging zum Tisch. Setzte sich und strich mit der Hand über die fröhlich mit Kamillen und Kornblumen bedruckte Schürze. Dann schielte sie zu mir hinüber.
»Guten Tag, Arina«, sagte ich. »Herr Edgar hat mich gebeten, ihn hierher zu bringen. Sie haben doch nichts dagegen?«
»Wenn ich etwas dagegen hätte, hättet ihr euch im Moor verlaufen!«, ließ sich Arina leicht beleidigt vernehmen. »Ich bin ganz Ohr, Herr Inquisitor Edgar. Was führt Sie denn zu mir?«
Edgar nahm Arina gegenüber Platz. Er griff mit der Hand unter sein Jackett und zog eine kleine Ledermappe hervor. Wo hatte er die denn versteckt gehabt?
»Ihnen wurde eine Vorladung zugesandt, Arina«, sagte der Inquisitor höflich. »Haben Sie die bekommen?«
Arina versank in Nachdenken. Edgar öffnete seine Mappe, um Arina einen schmalen Streifen gelben Papiers zu zeigen.
»Von 1931!«, stöhnte die Hexe. »Was für ein alter Wisch… Nein, den habe ich nicht bekommen. Ich habe schon dem Herrn von der Nachtwache erklärt, dass ich mich schlafen gelegt habe. Die Tschekisten wollten mir was anhängen…«
»Die Tscheka ist nicht das Schlimmste im Leben eines Anderen«, wandte Edgar ein. »Bei weitem nicht… Also, Sie haben diese Vorladung bekommen…»
»Nein«, widersprach Arina prompt.
»Sie haben sie nicht bekommen«, korrigierte sich Edgar. »Belassen wir es dabei. Der Bote ist nicht zurückgekehrt… Natürlich, dem angeheuerten Mitarbeiter kann in den finsteren Moskauer Wäldern alles Mögliche passiert sein.«Arina hüllte sich in Schweigen.
Ich stand an der Tür und beobachtete. Interessant. Die Arbeit des Inquisitors ließ sich zwar mit der eines x-beliebigen Wächters vergleichen, dennoch war die Situation nicht alltäglich. Ein Dunkler Magier verhörte eine Dunkle Hexe. Die obendrein weitaus stärker war als er – das musste Edgar klar sein.
Andererseits stand hinter ihm die Inquisition. Und damit konnte er auf die Hilfe»seiner«Wache verzichten.
»Nehmen wir einmal an, Sie bekämen die Vorladung jetzt«, fuhr Edgar fort. »Mir ist aufgetragen, mit Ihnen ein erstes Gespräch zu führen, bevor wir eine endgültige Entscheidung treffen. Also…«
Er holte ein weiteres Blatt Papier heraus. »Im März 1931 haben Sie im Ersten Moskauer Brotkombinat gearbeitet?«, fragte Edgar mit Blick auf das Blatt.
»Ja«, nickte Arina.
»Mit welchem Ziel?«
Arina sah zu mir herüber.
»Er weiß Bescheid«, sagte Edgar. »Antworten Sie.«
»Sowohl die Leitung der Nacht– wie auch die der Tagwache Moskaus hatten sich an mich gewandt«, meinte Arina seufzend. »Die Anderen wollten sehen, wie sich Menschen verhalten, wenn sie in strenger Übereinstimmung mit den kommunistischen Idealen leben. Da beide Wachen dasselbe wollten und die Inquisition ihr Anliegen unterstützte, habe ich zugestimmt. Städte habe ich nie gemocht, da ist es immer…»
»Weichen Sie nicht vom Thema ab…«, bat Edgar.
»Ich habe meine Aufgabe erfüllt«, kam Arina kurzerhand zum Ende. »Ich habe ein Elixier gebraut, das ich in den folgenden zwei Wochen in den Brotteig gegeben habe. Das war's! Die Wachen haben mich ihrer Dankbarkeit versichert, ich habe die Brotfabrik verlassen und bin in mein Dorf zurückgekehrt. Und da sind die Tschekisten völlig…«
»Über ihre komplizierte Beziehung zur Staatssicherheit können Sie sich in Ihren Memoiren auslassen«, fuhr Edgar sie plötzlich an. »Ich will wissen, warum Sie sich nicht an das Rezept gehalten haben!«
Langsam erhob sich Arina. Ihre Augen funkelten wütend, ihre Stimme dröhnte, als stünde in dieser Hütte nicht eine Frau, sondern das Weibchen von King Kong. »Merken Sie sich eins, junger Mann! Arina irrt sich niemals bei einem Rezept! Niemals!«Edgar beeindruckte sie damit nicht im Mindesten.
»Ich habe ja nicht gesagt, dass Sie sich geirrt hätten. Sie haben sich absichtlich nicht an das Rezept gehalten. Mit dem Ergebnis…«Er legte eine Pause ein.
»Mit welchem Ergebnis?«, empörte sich Arina. »Der fertige Trunk ist getestet worden! Er hatte genau die Wirkung, die er haben sollte!«
»Mit dem Ergebnis, dass die Wirkung des Kräutertranks unverzüglich einsetzte«, sagte Edgar. »Die Nachtwache ist noch nie eine Sammelstätte für dumme Idealisten gewesen. Die Lichten haben genau gewusst, dass alle zehntausend Versuchspersonen, die mit einem Schlag die kommunistische Moral übernehmen, verloren sind. Die Wirkung des Kräutertranks hätte allmählich einsetzen müssen, damit die Remoralisation in vollem Umfang erst in zehn Jahren zum Tragen gekommen wäre, also im Frühjahr 1941.«
»Sicher«, erwiderte Arina vernünftig. »Mein Trank war ja auch entsprechend.«
»Der Kräutertrank hat praktisch sofort gewirkt«, widersprach Edgar. »Wir haben nicht gleich durchschaut, was da vor sich ging, doch bereits nach einem Jahr hatte die Zahl der Probanden um die Hälfte abgenommen. Weniger als einhundert Menschen haben bis 1941 überlebt, nämlich diejenigen, die die Remoralisation überwinden konnten… indem sie eine gewisse moralische Flexibilität an den Tag legten.«
»Och, wie betrüblich.«Arina hob bedauernd die Hände. »Schlimm, schlimm, schlimm… die armen kleinen Menschen…«Sie setzte sich wieder. Schielte zu mir herüber. »Was ist, Lichter?«, fragte sie. »Glaubst du auch, dass ich den Dunklen in die Hände gearbeitet habe?«
Sollte sie lügen, dann tat sie das ausgesprochen überzeugend. Ich zuckte mit den Achseln.
»Ich habe alles genau richtig gemacht«, meinte Arina stur. »Die Hauptzutaten wurden ins Mehl gemischt… Wissen Sie eigentlich, wie schwierig in jenen Jahren Sabotage gewesen ist? Als Verzögerungsmittel für das Elixier diente einfacher Zucker…«Abermals hob sie die Hände. Dann sah sie Edgar triumphierend an. »Daran muss es gelegen haben! Hungerjahre, die Menschen haben den Zucker geklaut… Deshalb hat das Elixier zu schnell gewirkt…«
»Eine interessante Version«, kommentierte Edgar, während er seine Papiere durchblätterte.
»Mich trifft keine Schuld«, erklärte Arina fest. »Der Operationsplan ist abgesegnet worden. Wenn die Weisen der Wachen derart simple Sachen nicht bedenken, wessen Schuld ist das dann?«
»Das ist ja alles schön und gut«, versicherte Edgar und hielt ein Blatt Papier hoch. »Allerdings haben sie das erste Experiment an den Arbeitern der Brotfabrik vorgenommen. Hier ist Ihr Bericht, erkennen Sie ihn? Danach hätten sie keinen Zucker mehr stehlen dürfen. Damit bleibt nur eine Möglichkeit: Sie haben die Operation mit Absicht in den Sand gesetzt.«
»Wollen wir nicht weitere Versionen in Betracht ziehen?«, sagte Arina kläglichen Tones. »Zum Beispiel…«
»Zum Beispiel die Aussagen Ihrer Freundin Luisa gegen sie«, schlug Edgar vor. »Darüber, dass sie zufällig beobachtet hat, wie Sie an den Tagen, an denen die Operation durchgeführt wurde, mit einem bislang noch nicht identifizierten Lichten Magier Kontakt gehabt haben, mit dem sie sich bei den Tribünen der Pferderennbahn getroffen haben. Darüber, dass sie beide lange miteinander gestritten und gefeilscht haben, bis der Lichte Ihnen schließlich ein Päckchen aushändigte und Sie nickten. Anschließend haben sie beide sich die Hand geschüttelt. Luisa konnte sogar einen Satz aufschnappen: »Ich mache es, und es wird kein Jahr vergehen…«Mir ist erinnerlich, dass es Ihnen während der Dauer des Experiments verboten war, mit Anderen Kontakt aufzunehmen. Das stimmt doch, oder? »
»Ja«, sagte Arina und senkte den Kopf. »Lebt Luschka noch?«
»Leider nicht«, antwortete Edgar. »Doch ihre Aussagen sind zu Protokoll genommen worden…«
»Schade…«, murmelte Arina. Worauf sie dieses»schade«bezog, erklärte sie nicht. Aber man brauchte nicht viel Phantasie, um darauf zu kommen, dass Luisa noch einmal Glück gehabt hatte.
»Können Sie uns sagen, mit welchem Lichten Sie in Kontakt gestanden haben, was Sie zu tun versprochen und was Sie von ihm bekommen haben?«
Arina hob den Kopf und lächelte mich bitter an. »Zu dumm…«, bemerkte sie. »In was für dumme Situationen ich immer gerate… wegen Kleinigkeiten. Wie mit dem Teekessel…«
»Arina, ich bin gezwungen, Sie zwecks weiterer Befragungen mitzunehmen«, erklärte Edgar. »Im Namen der Inquisition…«
»Versuch es doch mal, Zweitrangiger«, entgegnete Arina amüsiert. Und verschwand.
»Sie ist ins Zwielicht eingetaucht!«, rief ich, während ich mich von der Wand abstieß und mit dem Blick meinen Schatten suchte. Edgar zögerte jedoch noch eine Sekunde: Er prüfte erst, ob die Hexe nicht unseren Blick abgelenkt hatte.
Wir tauchten fast gleichzeitig in die erste Schicht ein. Leicht verängstigt sah ich zu Edgar hinüber. In wen er sich wohl in der Zwielicht-Welt verwandelt hatte?
Gut, das ging. Nur minimale Veränderungen. Bloß weniger Haare.
»Tiefer!«Energisch fuchtelte ich mit der Hand. Edgar schüttelte den Kopf, hob die Hand vors Gesicht – die ihn förmlich aufzusaugen schien. Beeindruckend, diese Tricks der Inquisitoren.
In der zweiten Schicht, in der das Häuschen sich in eine Holzhütte verwandelt hatte, blieben wir stehen und sahen uns an. Arina war auch hier natürlich nirgends zu entdecken.
»Sie ist weiter in die dritte Schicht…«, flüsterte Edgar. Er hatte jetzt überhaupt keine Haare mehr, dafür einen lang gestreckten Schädel, der wie ein Entenei aussah. Sonst war alles in Ordnung, das Gesicht fast menschlich.
»Kannst du das auch?«, fragte ich.
»Einmal habe ich es schon geschafft«, antwortete Edgar ehrlich. Unser Atem wölkte auf. Obwohl es uns nicht sehr kalt vorkam, kroch ein eisiger Schauder heran…
»Ich habe es auch schon einmal geschafft«, gestand ich.
Wir drucksten herum wie selbstbewusste Schwimmer, denen plötzlich klar wird, dass der Fluss vor ihnen zu stürmisch und zu kalt ist. Keiner wollte den ersten Schritt machen. »Anton… hilfst du mir?«, fragte Edgar schließlich.
Ich nickte. Wozu hatte ich mich denn sonst ins Zwielicht gestürzt?
»Gehen wir…«, sagte der Inquisitor, wobei er konzentriert zu Boden sah.
Kurz darauf traten wir in die dritte Schicht ein, in die normalerweise nur Magier ersten Grades vordringen dürfen. Die Hexe war nirgends zu sehen.
»Ein komischer Sinn… für Humor…«, flüsterte Edgar, während er sich umsah. Die Hütte aus Zweigen war in der Tat beeindruckend. »Anton… sie hat es selbst gebaut… sie kann sich hier lange aufhalten…«
Langsam – der Raum um mich herum widersetzte sich abrupten Bewegungen – ging ich zur»Wand«. Bog die Zweige auseinander. Schaute hindurch. Das sah absolut nicht wie die Menschenwelt aus.
Am Himmel zogen gleißende Wolken – Stahlspäne, in Glyzerin getaucht. Statt der Sonne loderte weit, weit oben eine glutrote Feuerwolke, der einzige Farbfleck im grauen Höhenrauch. Um uns herum erstreckten sich bis zum Horizont jene knorrigen, flachen Bäume, aus denen die Hexe ihr Haus gebaut hatte. Doch ob das wirklich Bäume waren? So blattlos, nur mit diesem eigenartig verflochtenen Geäst…
»Anton, sie ist noch tiefer gegangen. Anton, sie steht außerhalb jeder Kategorie«, sagte Edgar hinter mir. Ich drehte mich um und sah den Magier an. Dunkelgraue Haut, ein kahler, langgezogener Schädel, eingefallene Augen… Immerhin Menschen augen. »Wie sehe ich aus?«Edgar bleckte die Zähne zu einem Lächeln. Was er nicht hätte tun sollen: Er hatte spitze kegelförmige Zähne. Wie ein Hai.
»Nicht sehr gut«, gab ich zu. »Aber vermutlich sehe ich auch nicht besser aus, oder?«
»Das ist nur äußerlich«, antwortete Edgar ungerührt. »Kannst du dich halten?«
Das konnte ich. Das zweite Abtauchen in diese Tiefe des Zwielichts fiel mir schon leichter.
»Wir müssen in die vierte Schicht gehen!«, sagte Edgar. In seinen Augen – da konnten es hundertmal die eines Menschen sein – glühte das Feuer des Fanatismus.
»Stehst du außerhalb jeder Kategorie?«, fragte ich zurück. »Edgar, mir wird schon die Rückkehr schwer fallen! »
»Wir können unsere Kräfte vereinigen, Wächter!«
»Wie?«Ich war verwirrt. Sowohl Dunkle als auch Lichte kennen den Kraftkreis. Aber das ist eine gefährliche Sache, die mindestens drei oder vier Andere erfordert… Außerdem: Wie sollten lichte und dunkle Kraft vereinigt werden?
»Lass das meine Sorge sein!«Edgar schüttelte energisch den Kopf. »Anton, sie verschwindet! Sie verschwindet in die vierte Schicht! Vertrau mir! »
»Einem Dunklen?«
»Einem Inquisitor!«, fuhr mich der Magier an. »Ich bin Inquisitor, klar? Anton, vertrau mir, ich befeh…«Edgar verstummte, um dann in freundlicherem Ton hinzuzufügen: »Ich bitte dich!«
Keine Ahnung, was mich packte. Jagdeifer? Der Wunsch, diese Hexe zu erwischen, die Tausende von Menschen in den Tod getrieben hatte? Dass ein Inquisitor mich bat?
Oder vielleicht schlicht der Wunsch, die vierte Schicht zu sehen? Die geheimsten Tiefen des Zwielichts, die auch Geser nicht oft zu Gesicht bekam und in der Swetlana niemals gewesen war?
»Was soll ich tun?«, fragte ich.
Auf Edgars Gesicht erstrahlte ein Lächeln. Er streckte mir die Hand entgegen – die Finger endeten in stumpfen, hakenförmigen Krallen. »Im Namen des Großen Vertrages, des Gleichgewichts, das ich bewahre… rufe ich das Licht und das Dunkel an… erbitte ich Kraft… im Namen des Dunkels!«
Auf seinen fordernden Blick hin streckte ich ebenfalls die Hand aus. »Im Namen des Lichts…«, sagte ich.
Das Ganze ließ sich in gewisser Weise mit einem Eid vergleichen, den ein Dunkler und ein Lichter sich schwören. Aber nur in gewisser Weise. In meiner Hand loderte kein Flammenzüngchen auf, auf Edgars ballte sich kein Krumen Dunkelheit. Alles lief ohne unser Zutun ab: Die graue, verschwommene Welt um uns herum gewann plötzlich an Schärfe. Nein, die Farben kehrten nicht zurück, wir befanden uns noch immer im Zwielicht. Schatten bildeten sich. Wie auf einem Fernsehbildschirm, bei dem man zuvor die Farbe so weit wie möglich herausgenommen hatte und auf dem man dann wieder ein buntes und kontrastreiches Bild einstellte.
»Unser Recht wird anerkannt…«, flüsterte Edgar, während er sich umsah. In seinem Gesicht spiegelte sich echtes Glück wider. »Sie erkennen unser Recht an, Anton! »
»Und wenn sie es nicht anerkannt hätten?«, hakte ich nach.
Edgar runzelte die Stirn. »Das hätte sein können… Aber schließlich haben sie es doch anerkannt, oder? Gehen wir!«
In diesem neuen, »kontrastreichen«Zwielicht fiel jede Bewegung entschieden leichter. Ich hob meinen Schatten genauso mühelos auf wie in der gewöhnlichen Welt.
Und gelangte dorthin, wo nur Magier außerhalb jeder Kategorie hindurften.
Bäume – wenn es denn Bäume waren – gab es hier nicht mehr. Die ganze Welt um uns herum war eben, flach, ganz wie im Mittelalter der Fladen der Erde, den drei Wale trugen. Kein Relief, bloß eine endlose Sandebene… Ich bückte mich, ließ eine Hand voll Sand durch meine Finger rieseln. Der war grau, wie im Zwielicht nicht anders zu erwarten. Doch in diesem Grau ließen sich die ersten Farben erkennen, ein rauchiges Perlmutt, bunte Funken, goldschimmernde Körner…
»Da läuft sie…«, sagte Edgar mir direkt ins Ohr. Und streckte die Hand aus, die überraschend lang und dünn war.
Ich schaute in die angezeigte Richtung. Und sah in der Ferne – nur in einer Ebene kann man so weit sehen – eine sich rasch entfernende graue Silhouette. Die Hexe bewegte sich mit riesigen Sprüngen vorwärts, schwang sich in die Luft auf, flog gut zehn Meter über die Erde hinweg, mit ausgebreiteten Armen und komisch schlenkernden Beinen, einem fröhlichen Kind gleich, das über eine Frühlingswiese hüpft.
»Sie hat ihr Elixier ausgetrunken?«, erriet ich. Sonst konnte ich mir diese Sprünge nicht erklären.
»Ja. Das hat sie nicht umsonst gebraut«, sagte Edgar. Er holte aus und schleuderte Arina etwas hinterher.
Eine Reihe kleiner Feuerbälle schoss auf die Hexe zu. Der Geschwader-Fireball, ein ganz gewöhnlicher Kampfzauber bei den Wachen, allerdings in einer besonderen Version der Inquisition.
Einige Kugeln platzten, bevor sie die Hexe erreichten. Eine beschleunigte enorm, traf sie aber dennoch, schnappte nach ihrem Rücken, explodierte und hüllte die Hexe in Feuer. Die Flamme erlosch jedoch augenblicklich wieder, während die Hexe ohne sich umzusehen etwas über ihre Schulter warf – worauf sich dort eine Pfütze aus funkelnder, quecksilbriger Flüssigkeit bildete. Sobald die übrigen Geschosse über diese Lache flogen, verloren sie an Tempo und Höhe, stürzten in die Flüssigkeit und verschwanden. »Hexentricks…«, presste Edgar angewidert hervor. »Anton!«
»Ja? Was?«, fragte ich, ohne die am Horizont verschwindende Arina aus den Augen zu lassen.
»Wir müssen zurückgehen. Uns war nur Kraft für die Festnahme der Hexe zugeteilt worden, aber die Jagd ist zu Ende…Wir haben sie nicht gekriegt.«
Ich sah nach oben. Die glutrote Wolke, die in der vorigen Zwielicht-Schicht geleuchtet hatte, gab es hier nicht. Der ganze Himmel strahlte in einem gleichmäßigen Rosaweiß. Wie seltsam. Hier gab es also wieder Farben…»Gibt es noch mehr Schichten, Edgar?«, fragte ich.
»Die gibt es immer.«Edgar machte sich offenbar langsam Sorgen. »Gehen wir, Anton! Gehen wir, sonst sitzen wir hier fest.«
Die Welt um uns herum verlor ihre Schärfe, hüllte sich in grauen Rauch. Doch nach wie vor gab es Farben, den perlmutt-farbenen Sand, den rosaweißen Himmel…
Während ich bereits das kalte Prickeln des Zwielichts auf meiner Haut spürte, folgte ich Edgar zurück in die dritte Schicht. Als hätte die Welt nur auf diesen Moment gewartet, blich sie endgültig aus, ergraute, füllte sich mit kaltem tosendem Wind. Wir packten uns bei den Händen – nicht, um Kraft auszutauschen, das ist hier praktisch unmöglich, sondern um uns auf den Beinen zu halten – und versuchten wieder und wieder, in die zweite Schicht zurückzukehren. Die»Bäume«um uns barsten mit einem kaum hörbaren Knistern, das Baumzelt der Hexe krachte seitwärts ein – doch wir konnten unsere Schatten einfach nicht finden. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr an den Augenblick, als sich das Zwielicht vor mir öffnete und ich in die zweite Schicht trat – die fast gewöhnlich wirkte, überhaupt nicht schrecklich.
Schwer atmend saßen wir auf dem sauberen, abgeschabten Fußboden. Uns beiden ging es gleichermaßen schlecht, uns, dem Dunklen Inquisitor und dem Lichten Wächter.
»Puh.«Edgar schob die Hand ungeschickt in die Tasche seines Jacketts und holte eine Tafel Schokolade der Marke Gardist heraus. »Iss…»
»Und du?«, fragte ich, während ich die Verpackung aufriss.
»Ich habe noch…«Edgar kramte lange in seinen Taschen, bis er schließlich eine weitere Tafel fand. Diesmal eine der Marke Inspiration, bei der jeder Riegel einzeln eingepackt war. Er wickelte sie einen nach dem andern aus.
Danach aßen wir bloß gierig. Das Zwielicht saugt einem alle Kräfte aus, und zwar nicht nur die magische Kraft, sondern auch ganz banal die Glukose im Blut. Das ist eines der wenigen Details, die mit Hilfe der modernen Wissenschaft bezüglich des Zwielichts festgestellt werden konnten. Der Rest ist nach wie vor ein Rätsel. »Edgar, wie viele Schichten hat das Zwielicht?«, fragte ich.
Edgar kaute einen weiteren Riegel Schokolade. »Ich weiß von fünf«, antwortete er. »In der vierten bin ich eben zum ersten Mal gewesen. »
»Und was ist dort? In der fünften?«
»Ich weiß nur, dass es sie gibt, Wächter. Mehr nicht. Ich habe auch über die vierte Schicht vorher nichts gewusst.«
»Dort gibt es wieder Farben«, sagte ich. »Sie… sie ist völlig anders, nicht wahr?«
»Hm«, murmelte Edgar. »Das ist sie. Aber darüber brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen, Anton. Das geht über unsere Kräfte. Sei stolz, dass du in der vierten Schicht gewesen bist, das können nicht mal alle Magier ersten Grades von sich behaupten. »







