Текст книги "Wächter des Zwielichts"
Автор книги: Сергей Лукьяненко
Жанр:
Классическое фэнтези
сообщить о нарушении
Текущая страница: 25 (всего у книги 27 страниц)
Wir schlugen uns durch die Menschenmenge und erreichten den Platz vor dem Bahnhofsgebäude. Ich schloss zu Lass auf, packte ihn bei der Schulter. »Ich bekehre dich zum…«
»Da, ich seh ihn schon!«Lass schüttelte meine Hand ab. »Hallo, Roma!«
Auf uns kam ein Mann zu – am liebsten hätte ich ihn, warum auch immer, »Bürger«genannt -, der relativ groß und irgendwie kindlich pummelig war: Alles an ihm war rund, weich und leicht eingeschnürt. Der Mund war klein, die Lippen wie ein Hühnerhintern, die Augen waren ebenfalls winzig und wirkten selbst hinter der Brille ausdruckslos und gelangweilt.
»Hallo, Alexander«, begrüßte der Bürger Lass ausgesprochen zeremoniell und streckte ihm eine schlaffe Hand entgegen. Dann richtete er den Blick auf mich.
»Das ist Anton, ein Freund von mir. Können wir ihn mitnehmen?«, sagte Lass.
»Warum nicht?«, meinte Roma melancholisch. »Die Räder sind in Ordnung, die Straße ebenfalls.«
Daraufhin wandte er sich um und steuerte auf einen neuen VW Bora zu.
Erst stieg er ins Auto ein, dann wir. Rücksichtslos wählte ich den Beifahrersitz. Lass schnaubte, nahm aber gehorsam hinten Platz. Roman ließ den Motor an. »Wohin müssen Sie, Anton?«
Er redete sogar rund und weich, als spreche er nicht, sondern schreibe die Wörter in die Luft. »Zum Flughafen, und zwar schnell«, sagte ich finster.
»Wohin?«, fragte Roman ehrlich erstaunt. Dann sah er Lass an. »Sollen wir nicht lieber ein Taxi für deinen Freund suchen?«
Bedripst sah Lass mich an. Dann richtete er seinen Blick – genauso bedripst – auf Roman.
»Gut«, sagte ich. »Ich bekehre dich zum Licht. Verleugne das Dunkel, verteidige das Licht. Ich verleihe dir den Blick, um das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Ich verleihe dir den Glauben, dem Licht zu folgen. Ich verleihe dir die Kühnheit, gegen das Dunkel zu kämpfen.«Lass kicherte. Und verstummte gleich darauf.
Natürlich sind hier nicht die Worte entscheidend. Worte können nichts ändern, selbst wenn jedes Einzelne so ausgesprochen würde, als sei es in Großbuchstaben geschrieben. Das ist wie bei den Zaubersprüchen der Hexen. Es ist bloß eine Formel, die das in meinem Gedächtnis abgelegte Modul aktiviert. Ich hätte mir einen Menschen auch selbst gefügig machen können, aber so… so war es irgendwie richtiger. Denn so kam ein vor langer Zeit abgesegneter Mechanismus zum Tragen.
Roman nahm eine würdevolle Haltung an, sogar die Rundlichkeit seiner Wangen schien zu verschwinden. Eben noch saß neben mir ein dicker und etwas verwöhnter Junge, jetzt ein Mann! Ein Kämpfer!
»Das Licht sei mit dir!«, beendete ich die Formel. »Zum Flughafen!«, rief Roman begeistert aus. Der Motor heulte auf, und wir schossen davon, indem wir aus dem deutschen Wagen alles rausholten, was in ihm steckte. Ich hätte schwören können, dass dieser sportive Kasten noch nie gezeigt hatte, wozu er in der Lage war!
Ich schloss die Augen und sah durchs Zwielicht in das von bunten Fäden durchzogene Dunkel. In dieses verknäulte Bündel von Lichtröhren, in grüne, gelbe, rote. Ich kann die Wahrscheinlichkeitslinien nicht sehr gut ausmachen, doch jetzt fiel es mir überraschend leicht. Ich spürte, dass ich in Form war wie nie zuvor.
Was bedeutete, dass bereits fremde Kraft in mich hineinströmte. Die Kraft von Geser und Sebulon, von Edgar und den Inquisitoren. Möglicherweise erstarrten ja gerade in ganz Moskau Andere, Lichte wie Dunkle, alle, von denen Geser und Sebulon etwas nehmen durften.
Nur einmal hatte ich bislang etwas Vergleichbares gespürt. Und zwar damals, als ich mir von den Menschen Kraft geholt hatte.
»An der dritten Kreuzung nach links, sonst kommen wir in einen Stau«, sagte ich. »Dann biegen wir nach rechts ab, in einen Hof rein, wir fahren durch das Tor… dort ist eine Gasse…«
Ich war noch nie in Saratow gewesen. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr.
»Zu Befehl!«, salutierte Roman munter. »Gib Gas! »
»Wird gemacht!«
Ich sah Lass an. Der hatte ein Päckchen Papirossy herausgeholt und sich eine angesteckt. Das Auto raste durch die verlassenen Straßen. Roman saß hinterm Steuer mit dem Eifer eines Straßenbahnfahrers, der die Chance bekommen hatte, Schumacher bei einem Formel-1-Rennen zu besiegen.
Lass seufzte. »Und was wird jetzt mit mir?«, fragte er. »Holst du eine Taschenlampe heraus und sagst»Das war eine Sumpfgasexplosion«?«
»Du siehst doch, dass eine Taschenlampe dafür gar nicht nötig ist«, erwiderte ich.
»Aber ich werde das doch überleben?«, ließ Lass nicht locker.
»Das wirst du«, beruhigte ich ihn. »Aber du wirst dich an nichts erinnern. Tut mir leid, aber das ist eben die übliche Prozedur.«
»Alles klar«, sagte Lass traurig. »Mist… Was soll das bloß alles… Aber wo ich jetzt schon mit drinhänge, könntest du mir wenigstens sagen…«
Das Auto raste ohne Rücksicht auf Verluste durch die Gasse und hüpfte über Schlaglöcher hinweg. Lass machte die Papirossa aus. »Wer bist du?«, fragte er. »Ein Anderer. »
»Was für ein Anderer? »
»Ein Magier. Aber keine Angst, ich bin ein Lichter Magier.«
»Du bist erwachsen geworden, Harry Potter…«, bemerkte Lass. »Was man nicht alles mitmacht. Oder bin ich vielleicht verrückt geworden?«
»Da besteht leider keine Hoffnung…«, sagte ich und stemmte die Hand gegen die Decke. Roman mühte sich gewaltig, jagte über Blumenbeete und schnitt Kurven. »Pass auf, Roman! Wir müssen schnell und sicher ankommen!«
»Dann sag mir auch noch eins«, fing Lass wieder an. »Diese Jagd… autsch… hängt die mit dieser anormalen Riesenfledermaus zusammen, die wir gestern Nacht gesehen haben?«
»Du wirst darüber lachen – aber das tut sie!«, bestätigte ich. Die Kraft brodelte in mir, machte mich trunken wie Champagner. Ich wollte albern sein, meinen Spaß haben. »Hast du Angst vor Vampiren?«
Lass holte eine Flasche Whisky aus seiner Tasche, schraubte sie mit einer heftigen Bewegung auf und setzte sie an den Mund. »Kein bisschen!«, behauptete er munter.
Sechs
Auf halber Strecke hängte sich ein Polizeiwagen an uns an. Ich wirkte für den Bora einen Zauber, der die Aufmerksamkeit der Menschen ablenkt, und sofort entfernten die Polizisten sich. Normalerweise schützen Andere ihre Autos mit diesem Zauber gegen Diebstahl – jetzt freute ich mich, eine neue Anwendung für ihn gefunden zu haben. Allerdings wäre kurz darauf beinah ein LKW in uns reingefahren, worauf ich den Zauber umgehend wieder aufhob.
»In fünfzehn bis zwanzig Minuten sind wir am Flughafen«, erstattete Roma Bericht, der wild mit dem Lenkrad hantierte. »Welche Instruktionen haben Sie dann, Chef?«
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, wie Lass den Kopf schüttelte und einen weiteren Schluck trank. Wir waren bereits aus der Stadt raus und rasten über die Straße zum Flughafen dahin. Eine ziemlich gute Straße – für die Verhältnisse in Mittelrussland.
»Schalte das Radio an«, bat ich. »Sonst macht die Fahrt keinen Spaß.«
Roma schaltete das Radio ein. Wir erwischten gerade noch die letzten Nachrichten. »… zur Freude von Millionen von Lesern hat das Warten nach drei Jahren nun ein Ende«, verkündete die Sprecherin. »Zum Abschluss noch eine Mitteilung vom Kosmodrom Baikonur, wo in Kooperation von Russen und Amerikanern eine Rakete ins All geschickt werden soll. Der Start ist für 18.32 Uhr Moskauer Zeit geplant. Und jetzt setzen wir unser Musikprogramm fort…«
»Willst du auch einen Whisky?«, fragte Lass.
»Nein, ich muss noch arbeiten.«
»Reiß dich zusammen, Alexander, das ist nicht die Zeit zum Trinken!«, rief Roman munter. »Wir haben noch Arbeit!«
Dieser gutmütige Mann, der normalerweise wohl keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, hielt sich jetzt für James Bond. Oder seinen Assistenten.
Irgendwie haben wir alle in unserer Kindheit nicht genug gespielt.
»Du wirst das Auto bewachen«, sagte ich ihm. »Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Wir zählen auf dich. »
»Ich diene dem Licht!«, schrie Roman.
»Niemals hätte ich geglaubt…«, stöhnte Lass auf der Rückbank. »Soll ich auch auf das Auto aufpassen?«
»Ja«, meinte ich. »Nur… ich habe eine große Bitte: Versuch nicht wegzurennen.«
Von hinten war abermals ein Gluckern zu hören. Ob ich auch Lass dem Licht empfehlen sollte? Das wäre humaner… Warum sollte ich den Menschen unnötig quälen?
Zeit zum Nachdenken blieb mir jedoch nicht. Das Auto raste auf den Platz vor dem Flughafengebäude zu und hielt mit quietschenden Bremsen vorm Eingang an. Niemand achtete besonders auf uns: Jemand, der zu spät zu seinem Flug kam, nichts Außergewöhnliches. Ich holte Arinas Brief heraus. Sah auf den»Kompass«.
Die Nadel bewegte sich leicht hin und her, gab aber noch keine Richtung an.
Ob Kostja meine Ankunft spürte? Zumindest Geser war überzeugt davon. Was würde nun auf mich zukommen?
Seltsamerweise empfand ich bis jetzt keine Angst. Innerlich war ich nicht bereit, Kostja als Feind zu sehen – noch dazu als einen Feind, der fähig ist zu morden. Ich bin ein Magier zweiten Grades, das ist nicht schlecht. Hinter mir stand die gesamte Kraft der Nachtwache und nun auch – was noch nie da gewesen war – die der Tagwache. Was sollte mir ein einziger Vampir da schon anhaben? Selbst wenn er ein Hoher war.
Doch dann fiel mir das verzerrte Gesicht Viteszlavs wieder ein. Kostja hatte ihn ermordet. Ihn überwältigt.
»Lass«, sagte ich. »Ich hätte eine kleine Bitte… Komm hinter mir her. In gewissem Abstand. Wenn was passiert… Wenn du etwas bemerkst, sagst du es mir.«
Lass nahm den letzten Schluck Whisky und warf die leere Flasche auf die Rückbank. »Warum sollte ich nicht mitkommen?«, sagte er vernünftig. »Vorwärts, bleichgesichtiger Blade.«
Ihm war jetzt anscheinend alles schnuppe. Er hatte sich einen angetrunken – was auch eine gute Methode ist, um sich gegen einen Vampir zu schützen. Das Blut eines angetrunkenen Menschen bekommt ihm nicht, das eines stark betrunkenen kann ihn sogar umbringen. Ob sich Vampire deswegen immer lieber in Europa rumgetrieben haben als in Russland?
Aber ein Vampir ist keinesfalls gezwungen, das Blut eines getöteten Menschen zu trinken. Futter ist Futter, und Dienst ist Dienst. »Komm mir nicht zu nah«, wiederholte ich. »Halte Abstand!«
»Passen Sie auf sich auf, Chef!«, bat Roman. »Viel Erfolg. Sie sind unsere Hoffnung!«
Ich sah ihn an und erinnerte mich an die Abschiedsworte Sebulons. Wie ähnlich wir uns doch sind.
Wie ähnlich wir uns doch alle sind. Menschen und Andere, Dunkle und Lichte.
»Leise, geduldig, ohne Aggression«, sagte ich vor mich her, während ich die vor dem Eingang zum Flughafengebäude rauchenden Männer anstarrte. Überwiegend intelligente Menschen mit Krawatte. Eine Putzfrau in einer orangefarbenen Jacke, die eine Prima qualmte, sah neben ihnen völlig wild aus. »Leise und friedlich…«
Ich steuerte auf das Gebäude zu. Die Raucher wichen mir aus, denn in mir steckte jetzt zu viel Kraft, sogar normale Menschen konnte das spüren.
Und sobald sie es spürten, brachten sie sich klugerweise in Sicherheit.
Als ich hineinging, sah ich mich um. Lass kam mit einem gutmütigen Lächeln hinter mir hergetrottet. Wo bist du, Kostja?
Wo bist du, Hoher Vampir, der nie einen Menschen um der Kraft willen umgebracht hat?
Wo bist du, der du davon träumst, wie in einem billigen Hollywoodstreifen der Herrscher über die Welt zu werden?
Dort, wo auch der kleine Vampir ist, der versucht hat, sein Schicksal zu überlisten… Ich werde dich töten.
Nicht»Ich muss töten«, nicht»Ich kann töten«, nicht»Ich will töten«. Genug mit den Präzisierungen. Ich habe das»Müssen«, habe Rotz und Tränen hinter mir, die intellektuelle Selbstzerfleischung und Selbstrechtfertigung. Ich habe das»Können«, habe die Komplexe und Qualen eines Magiers dritten Grades hinter mir, die Anspannung eines Anderen, der seine Grenze erreicht hatte. Ich habe das»Wollen«, habe die Emotionen und Leidenschaften hinter mir, den Zorn und das Mitleid. Jetzt tu ich nur, was getan werden muss.
Falsche Ideale und Pseudoziele, fiebrige Losungen und doppeldeutige Postulate interessierten mich nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an das Licht und nicht mehr an das Dunkel. Das Licht, das ist nur ein Photonenstrom. Das Dunkel nichts weiter als die Abwesenheit von Licht. Die Menschen sind unsere kleinen Brüder. Die Anderen sind das Salz der Erde. Wo bist du, Kostja Sauschkin?
Wo auch immer du hingerannt bist – zu den alten Artefakten des Ostens, zu einer milliardenstarken Armee aus chinesischen Magiern – ich werde deinen Sieg nicht zulassen. Wo bist du?
In der Mitte der Halle – der nicht allzu großen Halle eines Provinzflughafens – blieb ich stehen. Ich hatte den Eindruck, ihn zu spüren…
Ein verschwitzter Mann mit einem Koffer stolperte in mich hinein, entschuldigte sich und ging weiter. Ich erhaschte einen kurzen Blick auf seine Aura: ein nicht initiierter Anderer, ein Lichter, der Angst vorm Fliegen hatte, der aber gerade glücklich gelandet war und sich entspannte. Ein zufriedener Mann – der eben deshalb auffiel. Im Moment interessierte mich das nicht. Kostja?
Ich drehte mich um, als habe jemand meinen Namen gerufen. Ich starrte auf das Schild»Personaleingang«und auf das Codeschloss.
Im Lärm des Flughafens erhob sich eine für niemandem hörbare Melodie. Offenbar rief er mich.
Die Knöpfe des Codeschlosses leuchteten gehorsam auf, als ich meine Hand danach ausstreckte. Vier, drei, zwei, eins. Ein wirklich schlauer Code…
Ich öffnete die Tür, sah mich um und nickte Lass zu, um die Tür dann vorsichtig, damit sie nicht wieder ins Schloss fiel, anzulehnen.
Leere, in einem trostlosen Grün gestrichene Gänge. Durch die ich jetzt ging.
Die Melodie schwoll an, schlingerte durch die Luft, schwang sich empor und sank wieder. Wie eine versponnene Melodie auf einer klassischen Gitarre. Dazu die zarten Klänge einer Geige.
Das ist er also, der richtige Ruf eines Vampirs, der Ruf, der dir gilt.
»Ich komme ja schon«, murmelte ich, während ich auf eine weitere Tür mit Codeschloss zusteuerte. Hinter mir ging eine Tür: Lass folgte mir.
Ein neues Schloss, ein neuer Code. Sechs, drei, acht, eins. Ich öffnete die Tür – und fand mich auf dem Rollfeld wieder.
Langsam kroch ein dickbäuchiger Airbus über den Beton. Weiter hinten heulten die Turbinen einer Tupolew, die auf die Startbahn zusteuerte.
Fünf Meter vor der Tür stand Kostja. In der Hand hielt er einen kleinen, piekfeinen Aktenkoffer aus Hardplastik. Mir war klar, dass er das Fuaran enthielt. Kostjas Hemd war eingerissen als ob es ihm zwischendurch zu klein gewesen sei.
Offenbar war er aus dem Zug gesprungen und hatte mit der Transformation begonnen, bevor er sich vollständig ausgezogen hatte.
»Hallo«, sagte Kostja.
Die Musik verstummte, riss mitten im Ton ab.
»Hallo«, erwiderte ich. »Du bist schnell hergeflogen.«
»Geflogen?«Kostja schüttelte den Kopf. »Nein… eine Fledermaus schafft diese Strecke kaum. »
»Und in was hast du dich dann verwandelt? In einen Wolf?«
Kostjas Antwort setzte der absurden Profanität unseres Gesprächs die Krone auf: »In einen Hasen. Eine großen grauen Hasen. Sprung für Sprung…«
Ich konnte nicht an mich halten – und kicherte los, als ich mir den gigantischen Hasen vorstellte, der durch Gärten rannte, mit riesigen Sprüngen über Bäche und Zäune setzte. »Stimmt…«Kostja breitete die Arme aus. »Es war wirklich komisch. Ist mit dir alles in Ordnung? Habe ich dich nicht… zu sehr…? Sind die Zähne in Ordung?«
Ich versuchte, so breit wie möglich zu lächeln.
»Entschuldige.«Kostja wirkte ehrlich bedrückt. »Das lag daran, dass alles so überraschend kam. Wie bist du dahinter gekommen, dass ich das Buch habe? Der Cocktail? »
»Ja. Für den Zauber ist das Blut von zwölf Menschen nötig.«
»Woher weißt du das?«, fragte Kostja gedankenversunken. »Euch ist doch gar nicht bekannt, was im Fuaran steht… Na ja, egal. Ich möchte mit dir reden, Anton.«
»Ich mit dir auch«, sagte ich. »Gib auf. Noch kannst du dein Leben retten.«
»Ich lebe seit langem nicht mehr.«Kostja lächelte. »Hast du das etwa vergessen? »
»Du weißt, was ich meine.«
»Lüg mich nicht an, Anton. Du glaubst ja selbst nicht, was du da sagst. Ich habe vier Inquisitoren ermordet!«
»Drei«, korrigierte ich ihn. »Viteszlav und zwei im Zug. Der dritte hat überlebt.«
»Ein gewaltiger Unterschied.«Kostja runzelte die Stirn. »Schon einen würden sie mir niemals verzeihen.«
»Das ist ein besonderer Fall«, entgegnete ich. »Ich sage es ganz offen, die Großen haben es mit der Angst bekommen. Sie könnten dich umbringen, doch der Preis für ihren Sieg wäre sehr hoch. Die Großen würden sich auf Verhandlungen einlassen.«Kostja schwieg und sah mich unverwandt an.
»Wenn du das Fuaran zurückgibst, wenn du dich freiwillig ergibst, krümmen sie dir kein Haar«, fuhr ich fort. »Du bist doch ein gesetzestreuer Vampir. Das liegt alles an dem Buch, du hast im Affekt gehandelt…«
Kostja schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht. Edgar hat die Worte Viteszlavs nicht für voll genommen. Aber ich habe sie geglaubt. Ich bin umgekehrt und zur Hütte zurückgeflogen. Viteszlav hat nicht mit einer Falle gerechnet… Er hat mir das Buch gezeigt und alles erklärt. Als ich das von dem Blut von zwölf Menschen gehört habe… da war mir klar, dass das meine Chance ist. Er hat noch nicht einmal Einwände gegen das Experiment erhoben. Vermutlich wollte er so schnell wie möglich herauskriegen, ob es sich wirklich um das echte Buch handelt. Erst in dem Moment hat er begriffen, dass ich stärker geworden bin… und dann hat er seine Kräfte angespannt. Aber es war bereits zu spät.«
»Wozu?«, fragte ich. »Das ist doch Wahnsinn, Kostja! Wozu brauchst du die Weltherrschaft?«
Kostja zog die Brauen hoch. Eine Zeit lang sah er mich an – dann lachte er los. »Wovon redest du, Anton? Was für eine Herrschaft? Du hast ja rein gar nichts verstanden!«
»Ich verstehe sehr wohl«, sagte ich trotzig. »Du fliehst nach China, oder? Bringst eine Milliarde Magier unter deine Macht?«
»Idioten«, sagte Kostja leise. »Ihr seid alle Idioten. Ihr könnt immer nur an eins denken… Macht und Kraft… Ich brauche diese Macht nicht! Ich bin ein Vampir! Verstehst du? Ich bin ein Ausgestoßener! Mieser als jeder sonstige Andere! Ich will nicht der stärkste Ausgestoßene werden! Ich will ganz normal werden! Ich will so sein wie alle!«
»Aber mit dem Fuaran kannst du einen Anderen nicht in einen Menschen umwandeln…«, murmelte ich.
Kostja kicherte. »Ach!«Er schüttelte den Kopf. »Schalt mal dein Hirn ein, Anton! Die haben dich mit Kraft aufgetankt und losgeschickt, um mich umzubringen, das weiß ich. Aber denk vorher wenigstens nach, Anton! Mach dir klar, was ich will!«
Hinter mir quietschte die Tür. Lass kam herein. Verwirrt sah er mich an, dann schielte er zu Kostja hinüber. Kostja schüttelte den Kopf.
»Ich störe wohl?«, sagte Lass, nachdem er die Situation abgeschätzt hatte. »Tut mir leid, ich bin schon wieder weg… «
»Stopp«, meinte Kostja sachlich. »Du kommst gerade recht.«
Lass erstarrte. Ich hatte in Kostjas Stimme keinen Befehl herausgehört, aber da war wohl doch einer gewesen.
»Ein kleines Experiment zur Veranschaulichung«, sagte Kostja. »Schau dir an, wie es gemacht wird…«
Heftig schüttelte er seinen Aktenkoffer, worauf die Schlösser gehorsam aufsprangen, der Koffer sich öffnete und aus ihm ein schweres, solides Buch herausflog. Das Fuaran.
Der Einband war in der Tat aus Leder, aus grau-gelbem Leder. Kupferne Dreiecke schützten die Ecken. Außerdem gab es noch eine sinnreiche Schließe, die verhinderte, dass das Buch sich öffnete.
Kostja fing das Buch mit einer Hand und schlug es mit so erstaunlicher Leichtigkeit auf, als hantiere er nicht mit einem mehrere Kilogramm schweren Folianten, sondern blättere eine Zeitung durch. Er ließ den Aktenkoffer fallen, der auf den Beton krachte.
»Hier steht größtenteils Gewäsch drin«, amüsierte sich Kostja. »Eine Chronik missglückter Experimente. Die Anleitung kommt am Ende… Es ist ganz einfach.«
Mit der freien Hand holte Kostja aus der Gesäßtasche seiner Jeans die kleine Metallflasche. Schraubte den Verschluss ab und gab einen Tropfen direkt auf die aufgeschlagene Seite. Worauf wartete ich noch? Was hatte er vor?
Alles in mir schrie: Greif ihn an! Schlag mit voller Kraft zu, solange er abgelenkt ist! Doch ich wartete, von dem Anblick wie gebannt.
Der Blutstropfen verschwand von der Seite. Schmolz dahin, gab braunen Rauch ab. Und das Buch… das Buch fing an zu singen. Es stieß einen Laut aus, der einem kehligen Gesang ähnelte, an eine menschliche Stimme erinnerte. Es lag nichts Artikuliertes darin.
»Beim Dunkel und beim Licht…«, sagte Kostja, während er auf die aufgeschlagenen Seiten blickte. Er sah etwas, das mir verborgen blieb. »Om… Mrigankandata gauri… Auchitya dhvani… Nach meinem Willen… Mokscha gauri…«
Die Stimme des Buches – und ich hegte nicht den geringsten Zweifel, dass hier das Buch sprach – schwoll an. Erstickte Kostjas Stimme, erstickte die Worte des Zauberspruchs, sowohl die russischen als auch jener alten Sprache, in der das Fuaran abgefasst worden war.
Kostja hob die Stimme, als versuche er das Buch zu überschreien.
Ich verstand nur das letzte Wort, wieder ein Om. Der Gesang riss mit einem scharfen, dissonanten Ton ab. Hinter mir fluchte Lass. »Was war das denn?«, fragte er.
»Ein Meer«, amüsierte sich Kostja. Er bückte sich, hob den Aktenkoffer auf und legte sowohl das Buch als auch die Flasche hinein. »Ein ganzes Meer neuer Möglichkeiten.«
Ich drehte mich um – obwohl ich bereits wusste, was ich sehen würde. Kniff die Augen zusammen und fing mit den Pupillen den Schatten meiner Wimpern auf. Ich betrachtete Lass durchs Zwielicht.
Die Aura eines nicht initiierten Anderen war absolut klar zu erkennen. Herzlich willkommen in unserem Freundeskreis…
»So funktioniert es bei Menschen«, sagte Kostja. Auf seiner Stirn standen jetzt zwar Schweißtropfen, dennoch wirkte er rundum zufrieden. »Genau so. »
»Was hast du jetzt vor?«, fragte ich.
»Ich möchte ein Anderer unter Anderen sein«, sagte Kostja. »Ich möchte, dass das alles aufhört… Lichte und Dunkle, Menschen und Andere, Magier und Vampire. Alle sollen zu Anderen werden, begreifst du das? Alle Menschen auf der Welt.«
Ich lachte. »Kostja… du brauchst zwei oder drei Minuten pro Mensch. Wie steht's mit deinen Kenntnissen in Arithmetik?«
»Hier hätten auch zweihundert Menschen stehen können«, erklärte Kostja. »Dann wären sie jetzt alle Andere geworden. Hier hätten zweitausend Menschen stehen können. Der Zauber wirkt auf alle, die sich in meinem Blickfeld befinden. »
»Trotzdem…«
»In anderthalb Stunden startet vom Kosmodrom Baikonur die nächste Rakete zur Internationalen Raumstation«, sagte Kostja. »Ich glaube, der deutsche Weltraumtourist wird mir seinen Platz überlassen müssen.«Einen Moment lang schwieg ich und wog seine Worte ab.
»Ich werde ganz ruhig am Fenster sitzen und auf die Erde glotzen«, verkündete Kostja. »Wie es sich für einen Weltraumtouristen gehört. Ich werde auf die Erde schauen, etwas Blut aus der Flasche auf den Seiten verschmieren und den Zauberspruch flüstern. Und weit unter mir werden die Menschen zu Anderen. Alle Menschen, verstehst du? Vom Säugling in der Wiege bis zum Greis im Rollstuhl.«
Jetzt wirkte er fast wie ein Lebender. Durch und durch. In seinen Augen loderte etwas, das nicht der Vampirkraft entsprang, sondern normalem menschlichen Eifer.
»Anton, du hast doch selbst auch schon davon geträumt, oder? Dass es keine Menschen mehr gibt! Dass alle gleich sind!«
»Ich habe davon geträumt, dass alle zu Anderen werden«, sagte ich. »Aber nicht davon, dass es keine Menschen mehr gibt.«
Kostja verzog das Gesicht. »Hör doch auf! Das sind Wortklaubereien… Wir haben die Chance, die Welt zum Guten zu verändern, Anton. Fuaran konnte das nicht, denn zu ihrer Zeit gab es noch keine Raumschiffe. Geser und Sebulon können das nicht, denn sie haben das Buch nicht. Aber wir, wir können es! Ich will keine Macht, versteh mich doch! Ich will Gleichheit! Freiheit!«
»Glück für alle, und umsonst?«, fragte ich. »Und dass niemand gekränkt fortgeht?«Er verstand mich nicht.
»Ja, Glück für alle! Die Erde den Anderen! Und keine Kränkungen! Ich will, dass du mit mir kommst, Anton. Dass du dich auf meine Seite stellst.«
»Das ist eine vorzügliche Idee«, rief ich und sah ihm in die Augen. »Kostja, du bist einfach fabelhaft!«
Lügen konnte ich noch nie. Und einen Vampir zu täuschen, das ist fast unmöglich. Aber offenbar wollte Kostja unbedingt hören, dass ich ihm zustimmte. Er lächelte. Entspannte sich.
In dem Moment hob ich die Hand und schlug mit der»grauen Andacht«zu.
Das hatte nichts mehr mit dem Schlag zu tun, den ich ihm im Zug versetzt hatte. Die Kraft brodelte in mir, strömte aus meinen Fingerspitzen heraus! Ohne Ende! Wer kann schon wissen, dass er eine Leitung ist, solange kein Strom fließt?
Der Zauber ließ sich sogar in der Menschenwelt erkennen. Schlingernde graue Fäden schossen aus meinen Händen, spannen Kostja ein, zogen sich um ihn zusammen, schnappten ihn sich, bildeten einen zuckenden grauen Kokon um ihn. Im Zwielicht geschah etwas Unvorstellbares: Ein tosender grauer Schneesturm brandete durch die Welt, im Vergleich zu dem der normale graue Nebel direkt farbenfroh wirkte. Jedem normalen, registrierten Vampir in einem Radius von mehreren Kilometern, so schoss es mir durch den Kopf, dürfte es jetzt auch nicht gerade prächtig gehen. Einzelne abprallende Zauberfragmente würden ihn wegfegen und dematerialisieren…
Kostja fiel auf ein Knie. Er hielt sich, versuchte zu entkommen, aber die»graue Andacht«saugte die Kraft schneller aus ihm heraus, als er dem Zauber entgehen konnte. »Mein lieber Schieber!«, rief Lass begeistert hinter mir. Nie zuvor war so viel Kraft durch mich hindurchgeströmt.
Mit der Welt um mich herum geschah etwas Seltsames. Das Flugzeug auf der Startbahn verlor seine Farbe, verwandelte sich in einen grauen steinernen Klotz. Der Himmel bleichte aus, wurde fahl und hing jetzt tief. Die Ohren schienen mit Watte zugestopft. Anscheinend drängte das Zwielicht in unsere Welt…
Aber ich konnte nicht aufhören. Ich spürte: Sollte ich auch nur eine Sekunde erlahmen, würde Kostja sich losreißen, würde zum Gegenschlag ausholen. Und dann so zuschlagen, dass mir Hören und Sehen verging… Dann würde ich und nicht Kostja da auf dem Asphalt liegen, zu Brei zerquetscht…
Er hob den Kopf. Sah mich an. Nicht böse, sondern eher verletzt und ungläubig. Ganz langsam breitete er die Arme aus… Sollte er tatsächlich noch Kraftreserven haben?
Um Kostja herum zeichnete sich ein hellblaues, durchscheinendes Prisma in der Luft ab. Es zerschnitt die grauen Fäden des Zaubers, kreiste und schrumpfte zu einem Punkt zusammen. Dann verschwand es. Zusammen mit dem Vampir. Kostja war durch ein Portal geflohen.
Nach wie vor brandete die Kraft in mir. Die Kraft von Tausenden von Anderen, die Geser und Sebulon mir zugeleitet hatten, eine überbordende, unkontrollierte Kraft, die nach Anwendung verlangte. Menschenkraft, die durch dritte Hand zu mir gelangt war… Es reichte…
Ich führte meine Hände zusammen und ballte die grauen Fäden zu einem festen Knäuel. Es reichte…
Der Feind stand nicht mehr vor mir. Es reichte…
Ein Duell der Magier – das bedeutet zu fechten, nicht mit einem Knüppel zuzuhauen. Es reichte. Kostja hatte sich als der Raffiniertere erwiesen.
Ein leichtes Zittern schüttelte mich, trotzdem hörte ich auf. Der Himmel gewann seine Farbe zurück, auf der Startbahn raste das Flugzeug los. Kostja war weg. Geflohen?
Nein, er war einfach weg. Noch nie hatte ich von Vampiren gehört, die imstande sind, ein direktes Portal zu öffnen. Und die Großen hatten offenbar ebenfalls nicht erwartet, dass Kostja uns mit einer solchen Finte täuschen würde.
Als er zum Flughafen gekommen war, hatte er damit gerechnet, dass alle nur an Flugzeuge und Hubschrauber denken würden. Sich entspannen würden, denn ihnen blieb noch genug Zeit, sie konnten den Vampir ja in der Luft abfangen, Jagdflugzeuge losschicken, sie konnten Raketen abfeuern…
Kostja hatte sich jedoch von Anfang an auf einen Sprung in ein direktes Portal vorbereitet. Anderthalb Stunden vor dem Start der Rakete… Niemals hätte er es geschafft, mit einem Flugzeug pünktlich in Baikonur einzutreffen! Außerdem flog da sowieso keins hin, schließlich gab es in dem Gebiet – wozu auch immer es jetzt erklärt sein mochte – noch eine Luftabwehr. Und nur deshalb hatte er den Sprung selbst unter dem Druck der»grauen Andacht«geschafft: Der Zauber für das Portal war bereits gewirkt, bereits»aufgehangen«– genau wie die Kampfzauber bei uns Fahndern.
Also hatte er doch nicht geglaubt, dass ich zu ihm überlaufen würde. Oder zumindest ernsthafte Zweifel daran gehabt. Trotzdem war es für ihn wichtig – sehr wichtig -, mich zu besiegen. Und zwar nicht durch reine Kraft. Was bedeutet schon Kraft, wenn er nun ein Hoher und ich immer noch ein Magier zweiten Grades war, selbst wenn man noch so viel geliehene Kraft in mich gepumpt hatte. Nein, der reinste, der überzeugendste Sieg ist der, wenn der Gegner deine Wahrheit anerkennt. Sich kampflos ergibt. Sich unter deine Fahne stellt.
Letzten Endes bin ich doch ein Dummkopf. Ich hatte ihn für einen Freund oder einen Feind gehalten. Doch er war keins von beiden. Er gedachte lediglich seine Wahrheit zu beweisen. Und wie es der Zufall so wollte, sollte ich als Mittel der Beweisführung dienen. Schon kein Freund mehr, aber noch kein Feind. Sondern nur der Träger einer alternativen Wahrheit. »Hat er sich mit Teleportation davongemacht?«, fragte Lass.
»Was?«Ich drehte mich um und sah ihn an. »Nun… etwas in der Art. Er hat ein Portal geöffnet und ist verschwunden. Wie bist du dahintergekommen?«
»In einem Computerspiel habe ich mal etwas gesehen, das kam dem hier ziemlich nahe…«, sagte Lass leicht zweifelnd. Um dann verärgert zu präzisieren: »Sehr nahe!«
»Diese Spiele werden nicht nur von Menschen gemacht…«, erklärte ich. »Ja, er ist verschwunden. Nach Baikonur. Er möchte einen Weltraumtouristen ersetzen…»
»Das habe ich gehört«, sagte Lass. »So ein Idiot. »
»Ist dir klar, warum er ein Idiot ist?«, fragte ich.
Lass schnaubte. »Wenn alle Menschen Magier werden… Heute pöbelt man dich in der Straßenbahn an, und morgen verbrennt man dich auf der Stelle zu Asche. Heute zerkratzt man einem unangenehmen Nachbarn die Tür mit einem Nagel oder denunziert dich beim Finanzamt, morgen wirkt man irgendein Unheil oder saugt ihm das Blut aus. Ein Affe auf einem Motorrad ist nur im Zirkus amüsant, nicht im Straßenverkehr… Und schon gar nicht, wenn der Affe eine Maschinenpistole in der Hand hat.«



























