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Wächter des Zwielichts
  • Текст добавлен: 29 сентября 2016, 04:49

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Автор книги: Сергей Лукьяненко



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»Wir müssen eine kleine Reise machen, Anton… In das Häuschen dieser bösen Zauberin.«

»Ist sie gefasst worden?«, fragte ich, wobei ich versuchte, mir über meine Gefühle klar zu werden. Ich trat an Geser heran.

»Nein, schlimmer. Gestern Abend ist im Zuge einer Hausdurchsuchung bei Arina ein Geheimversteck entdeckt worden.«Geser fuchtelte mit der Hand, worauf in der Luft ein Portal entstand. »Es sind schon… ein paar Leute da«, fügte er nebulös hinzu. »Gehen wir. »

»Was war in dem Versteck?«, rief ich.

Aber Gesers Hand schubste mich bereits in das weiße leuchtende Oval hinein. »Geh in Position«, vernahm ich seinen Rat.

Der Weg durch ein Portal braucht seine Zeit. Mal Sekunden oder Minuten, manchmal auch Stunden. Das hängt nicht von der Entfernung ab, sondern von der Präzision der Einstellung. Ich wusste nicht, wer das Portal in Arinas Haus geöffnet hatte, ich wusste auch nicht, wie lange ich in der milchweißen Leere bleiben musste.

Ein Geheimversteck in Arinas Haus. Ja und? Jeder Andere konnte in seinem Haus ein Versteck für magische Gegenstände anlegen.

Was hatte Geser so beunruhigt? Denn ich war überzeugt davon, dass der Chef beunruhigt und irritiert war – zu steinern und gelassen wirkte seine Miene!

Aus irgendeinem Grund stellte ich mir fürchterliche Dinge vor, zum Beispiel Kinderleichen im Keller. Das würde Gesers Panik erklären, der so überzeugt gewesen war, dass Arina Nad-juschka nicht angerührt hatte! Aber nein, das konnte nicht sein…

Mit diesem Gedanken stürzte ich aus dem Portal, mitten hinein in das kleine Zimmer. Da waren in der Tat reichlich viele Leute.

»Aus dem Weg!«, schrie Kostja und packte mich bei der Hand. Ich hatte kaum einen Schritt zur Seite getan, als Geser aus dem Portal trat.

»Ich grüße dich, Großer«, sagte Sebulon erstaunlich freundlich, ganz ohne seine sonstige Gehässigkeit.

Ich blickte mich um. Sechs unbekannte Inquisitoren, in Kitteln, die Kapuzen auf dem Kopf, alles so, wie es sich gehört. Edgar, Sebulon und Kostja – das war nicht weiter verwunderlich. Aber Swetlana! Voller Angst sah ich sie an, doch zu meiner Beruhigung schüttelte sie sofort den Kopf. Mit Nadja war also alles in Ordnung. »Wer leitet die Untersuchung?«, fragte Geser.

»Ein Triumvirat«, antwortete Edgar knapp. »Ich von der Inquisition, Sebulon von den Dunklen und…«Er sah Swetlana an. »… wen ihr bestimmt.«

»Ich«, nickte Geser. »Vielen Dank, Swetlana. Ich weiß das sehr zu schätzen.«

Erklärungen brauchte ich nicht. Was auch immer hier geschehen war, Swetlana war als erste Lichte eingetroffen – und hatte im Namen der Nachtwache gehandelt. Der Dienst hatte sie zurück, wenn man so wollte. »Sollen wir Sie informieren?«, fragte Edgar. Geser nickte.

»Und Gorodezki?«, fragte Edgar.

»Bleibt bei mir.«

»Das ist Ihr gutes Recht.«Edgar nickte mir zu. »Also, wir haben es hier mit einem außergewöhnlichen Zwischenfall zu tun…«Warum verständigte er sich mit Worten?

Ich versuchte Swetlana danach zu fragen, streckte mich gedanklich nach ihr aus…

Und schlug gegen eine blinde Mauer.

Die Inquisition hatte die Gegend blockiert. Deshalb hatte man Geser angerufen, statt sich telepathisch mit ihm in Verbindung zu setzen. Worum es hier auch gehen mochte, sollte geheim bleiben. Die nächsten Worte Edgars bestätigten meinen Gedanken.

»Da das, was hier geschehen ist, strengster Geheimhaltung unterliegt«, sagte Edgar, »bitte ich alle Anwesenden, ihren Schutz aufzugeben und sich für die Markierung mit dem Straffeuer bereitzuhalten.«

Ich schielte zu Geser hinüber, der bereits sein Hemd aufknöpfte. Sebulon, Swetlana, Kostja und sogar Edgar – alle entkleideten sich!

Ich fand mich damit ab und zog meinen Pullover aus. Kriegte also auch ich jetzt das Straffeuer…

»Wir, die hier Anwesenden, schwören, niemals irgendwo jemanden darüber zu informieren, was wir im Zuge der Untersuchung dieses Vorfalls in Erfahrung bringen, abgesehen vom obersten Tribunals der Inquisition als einziger Ausnahme«, sagte Edgar. »Ich schwöre!«

»Ich schwöre«, sagte Swetlana und fasste mich bei der Hand.

»Ich schwöre«, flüsterte ich.

»Ich schwöre, ich schwöre, ich schwöre…«, erklang es von allen Seiten.

»Wenn ich dieses Geheimnis preisgebe, möge mich die Hand des Straffeuers vernichten!«, schloss Edgar.

Seine Finger loderten in blendend roten Strahlen auf. In der Luft schien der brennende Abdruck einer Hand zu hängen, die in einzelne Schichten zerfiel, um flackernd zwölffach auf uns zuzukommen. Sehr langsam – und nichts jagte mir eine derartige Angst ein wie diese Bedächtigkeit.

Als Ersten berührte das Zeichen des Straffeuers Edgar selbst. Das Gesicht des Inquisitors verzog sich, auf seiner Haut leuchteten für einen kurzen Moment noch weitere solcher glutroten Abdrücke auf. Offenbar tat das weh…

Geser und Sebulon nahmen die Einbrennung des Zeichens stoisch hin. Wenn meine Augen mich nicht täuschten, überzog bereits ein dichtes Netz dieser Zeichen ihren Körper. Einer der Inquisitoren winselte auf. Offenbar tat das sehr weh…

Dann kam ich an die Reihe und begriff, dass ich mich geirrt hatte. Das tat nicht sehr weh – das war unerträglich! Als ob man mich mit einem glühenden Brandeisen kennzeichnete. Und mich dabei nicht nur an einer Stelle brandmarkte, sondern das Feuer durch meinen ganzen Körper jagte.

Sobald sich der blutige Schleier vor meinen Augen gehoben hatte, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass ich mich – im Gegensatz zu zwei Inquisitoren – immer noch auf den Beinen hielt.

»Und da heißt es, eine Geburt sei schmerzhaft…«, sagte Swetlana leise, während sie ihre Bluse zuknöpfte. »Ha…«

»Ich möchte daran erinnern… Wenn das Zeichen zum Einsatz kommt, wird es weitaus schmerzhafter sein…«, murmelte Edgar. In den Augen des Dunklen standen Tränen. »Das ist zum Wohle der Allgemeinheit.«

»Genug der schönen Worte!«, unterbrach ihn Sebulon. »Wenn du hier nun schon mal das Sagen hast, dann benimm dich auch entsprechend.«In der Tat, wo war Viteszlav? War er trotz allem nach Prag abgeflogen?

»Wenn Sie mir jetzt bitte folgen wollten«, meinte Edgar, der immer noch ein gequältes Gesicht machte. Dann ging er zur Wand.

Ein Geheimversteck kann man auf verschiedene Weise anlegen. Ganz banal als magisch maskierten Safe in der Wand, aber auch im Zwielicht, gesichert durch etliche mächtige Zauber.

Dieses Versteck war recht originell. Als Edgar in die Wand schlüpfte, tat sich vor ihm für einen kurzen Moment ein schmaler, irgendwie nicht für einen Menschen gedachter Spalt auf. Sofort erinnerte ich mich an Jene heimtückische und komplizierte Methode, diese Mischung aus Magie der Illusion und Magie der Verschiebung. Aus einem begrenzten Raum, zum Beispiel aus einem Zimmer, wird ein Stück entfernt – hier schmale Streifen aus der Wand – und magisch zu einer einzigen»Kammer«verbunden. Eine recht komplizierte und gefährliche Sache, aber Edgar trat ruhig in das Geheimversteck ein.

»Alle passen da nicht rein«, murmelte Geser und schielte zu den Inquisitoren hinüber. »Wenn ich es richtig verstanden habe, sind Sie bereits drinnen gewesen? Dann können Sie jetzt warten.«

In der Sorge, man könne auch mich zurückhalten, machte ich einen Schritt nach vorn – und die Wand öffnete sich gehorsam vor mir. Die Verteidigungszauber waren bereits durchbrochen.

Die Kammer erwies sich als gar nicht so klein: drei mal drei Meter, mindestens. Darin gab es sogar ein Fenster, das ebenfalls aus Stücken der übrigen Fenster»zusammengeschnitten«worden war. Durch das Fenster ließ sich eine phantasmagorische Landschaft erkennen: ein Waldstreifen, ein halber Baum, ein Fetzen Himmel – alles völlig chaotisch miteinander kombiniert.

Es gab in der Kammer aber noch etwas, das weit größere Aufmerksamkeit verdiente.

Ein guter Anzug aus festem grauen Stoff, ein schickes Hemd (weiß, aus Seide, mit Spitze am Kragen und an den Manschetten), eine elegante Krawatte (silbergrau mit einem rot glänzenden Streifen), ein Paar herrlicher schwarzer Lederschuhe, aus denen weiße Socken hervorlugten. All das lag mitten in der Kammer auf dem Boden. Im Anzug würde sich mit Sicherheit seidene Unterwäsche mit handgesticktem Monogramm finden.

Allerdings verspürte ich nicht den Wunsch, in der Kleidung des Hohen Vampirs Viteszlav herumzuwühlen. Denn die homogene graue Asche in der Kleidung und um sie herum – das war alles, was von dem Inspektor des Europabüros der Inquisition noch übrig war.

Swetlana, die die Kammer nach mir betreten hatte, seufzte nur und nahm mich bei der Hand. Geser grunzte finster. Sebulon seufzte, anscheinend sogar aufrichtig.

Kostja, der als Letzter hereinkam, brachte keinen Laut heraus. Sondern stand wie angewurzelt da und betrachtete die traurigen Überreste seines Artgenossen.

»Wie Sie verstehen, meine Herren«, sagte Edgar leise, »ist das, was hier geschehen ist, schon an sich grauenvoll. Ein Hoher Vampir ist ermordet worden. Schnell und ohne jede Kampfspuren. Ich vermute, dass selbst den verehrten Hohen, die hier anwesend sind, das nicht möglich wäre.«

»Die hier anwesenden Hohen sind nicht so dumm, einen Mitarbeiter der Inquisition anzugreifen«, presste Geser angewidert heraus. »Sollte die Inquisition jedoch auf einer Überprüfung bestehen…«

Edgar schüttelte den Kopf. »Nein. Gerade weil ich nicht den geringsten Verdacht gegen Sie hege, habe ich Sie hierher gerufen. Bevor ich das Europabüro in Kenntnis setze, hielt ich es für angebracht, Ihren Rat einzuholen. Schließlich ist das hier das Territorium der Moskauer Wachen.«

Sebulon hockte sich neben die Überreste, nahm ein wenig Asche auf, rieb sie zwischen den Fingern, roch daran und berührte sie anscheinend sogar mit der Zunge. Mit einem Seufzer erhob er sich. »Viteszlav…«, murmelte er. »Ich kann mir nicht vorstellen, wer ihn umgebracht haben könnte. Ich würde…«Er zögerte. »… ich würde es mir dreimal überlegen, bevor ich mich auf einen Kampf mit ihm einließe. Und Sie, Kollege?«

Er sah Geser an. Der ließ sich mit der Antwort Zeit, sah sich die Asche mit der Begeisterung eines jungen Naturwissenschaftlers an. »Geser?«, fragte Sebulon.

»Ja, ja…«, meinte Geser nickend. »Ich hätte es gekonnt. Ehrlich gesagt, hatten wir schon die Gelegenheit… es gab da verschiedentlich Missverständnisse. Aber so schnell… und so sauber…«Geser breitete die Arme aus. »Nein, das hätte ich nicht geschafft. Leider nicht. Man könnte fast neidisch werden.«

»Das Siegel«, erinnerte ich vorsichtig. »Vampire bekommen bei einer temporären Registrierung ein Siegel…«

Edgar sah mich an, als rede ich Unsinn. »Aber nicht die Mitarbeiter der Inquisition.«

»Und nicht die Hohen Vampire!«, fügte Kostja streitlustig hinzu. »Das Kleinvieh kriegt ein Siegel, das sich nicht unter Kontrolle hat, Vampire und Tiermenschen in ihrer Lehrzeit.«

»Eigentlich wollte ich schon lange die Frage zur Diskussion stellen, ob wir diese diskriminierende Behandlung nicht abschaffen«, warf Sebulon ein. »Vampire und Tiermenschen sollten kein Siegel bekommen, sobald sie den zweiten, besser noch den dritten Grad erlangt haben.«

»Lass uns noch die Registrierung bei der jeweils andern Wache am Wohnort abschaffen«, schlug Geser amüsiert vor.

»Schluss mit dem Streit!«, ließ sich Edgar in überraschend herrischem Ton vernehmen. »Gorodezkis Unwissenheit ist kein Grund, hier einen Disput vom Zaun zu brechen! Außerdem… ist das Ende der Existenz des Vampirs Viteszlav noch nicht das schlimmste.«

»Was könnte denn noch schlimmer sein als ein Anderer, der spielend einen Hohen umbringt?«, fragte Sebulon.

»Das Fuaran«, antwortete Edgar nur. »Das Fuaran, dessentwegen er ermordet worden ist.«

Zwei

Sebulon grinste. Die Worte Edgars, das war nicht zu übersehen, nahm er auch nicht ansatzweise für bare Münze.

Geser wiederum schien wütend zu werden. Kein Wunder. Erst war ich ihm mit dem Fuaran gekommen, jetzt der Inquisitor.

»Verehrter… europäischer Inquisitor.«Nach kurzem Zögern hatte der Chef doch noch eine in Maßen bösartige Anrede gefunden. »Ich interessiere mich nicht weniger als Sie für Mythologie. Unter Hexen sind die Erzählungen über das Fuaran sehr verbreitet, aber wir sind uns doch wohl einig, dass dies nur ein Versuch ist, der eigenen… Kaste mehr Glanz zu verleihen. Vergleichbare folkloristische Erzählungen sind auch bei Werwölfen, Vampiren und sonstigen Anderen in Umlauf, deren Schicksal es ist, eine untergeordnete Rolle in unserer Gemeinschaft zu spielen. Doch wir stehen hier vor einem realen Problem und sollten uns nicht im Dickicht alten Aberglaubens verlieren…«

»Ich verstehe Ihren Standpunkt, Geser«, unterbrach Edgar ihn. »Aber die Sache ist die, dass Viteszlav sich vor zwei Stunden mit mir in Verbindung gesetzt hat, indem er mich auf meinem Handy angerufen hat. Er hatte Arinas Sachen überprüft und war dabei unversehens über das Geheimversteck gestolpert. Kurz gesagt… Viteszlav war völlig aufgelöst. Er hat behauptet, im Versteck liege das Fuaran. Und dass es echt sei. Ich… muss zugeben, dass ich das Ganze mit Skepsis aufgenommen habe. Viteszlav ließ sich leicht beeindrucken.«

Geser schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Ich bin nicht sofort hergekommen«, fuhr Edgar fort. »Vor allem weil Viteszlav gesagt hatte, dass er Mitarbeiter der Inquisition aus der Absperrung abziehen werde. »

»Hat er denn vor etwas Angst gehabt?«, fragte Sebulon scharf.

»Viteszlav? Ich glaube, vor nichts Konkretem. Das ist einfach die übliche Prozedur, wenn derart starke Artefakte entdeckt werden. Ich hatte gerade die Überprüfung der Posten beendet und mit Konstantin gesprochen, als unsere Mitarbeiter uns darüber informierten, dass sie sich um das Haus herum aufgestellt hätten, Viteszlavs Anwesenheit aber nicht spürten. Daraufhin habe ich sie angewiesen, ins Haus zu gehen. Sie haben mir mitgeteilt, dass im Haus niemand sei. Das hat mich…«Edgar stockte. «… leicht irritiert. Warum sollte sich Viteszlav vor seinen Kollegen verstecken? Ich habe mir Kostja geschnappt, und wir beide sind so schnell wie möglich hergekommen. Es hat etwa vierzig Minuten gedauert, denn wir wollten nicht durchs Zwielicht gehen, da wir möglicherweise all unsere Kraft brauchen würden. Und unsere Kollegen konnten für uns kein ordentliches Portal aufhängen, da es hier nur so von magischen Artefakten strotzt…»

»Verstehe«, sagte Geser. »Weiter.«

»Das Haus war abgeriegelt worden, zwei Mitarbeiter hatten drinnen Posten bezogen. Zusammen mit diesen beiden haben wir das Geheimversteck betreten und dort die Überreste von Viteszlav entdeckt.«

»Wie lange ist Viteszlav ohne Schutz gewesen?«, erkundigte sich Geser. Immer noch ungläubig, doch jetzt zumindest mit einem Anflug von Interesse.

»Etwa eine Stunde.«

»Und dann haben die Inquisitoren noch vierzig Minuten lang seine Leiche bewacht. Sie sind zu sechst gewesen, alle vierte und dritte Kraftstufe.«Geser runzelte die Stirn. »Ein starker Magier hätte an ihnen vorbeigehen können.«

»Wohl kaum.«Edgar schüttelte den Kopf. »Ja, sie stehen auf der vierten und dritten Stufe, nur Roman schafft es mitunter, wenn er sich anstrengt, auf die zweite. Aber sie sind mit unseren Wachamuletten ausgerüstet. Selbst ein Großer wäre nicht an ihnen vorbeigekommen.«

»Also muss der Mörder vor ihnen hier gewesen sein, oder? »

»Vermutlich«, gab Edgar ihm Recht.

»Und zwar ein Magier, der relativ stark sein muss, damit er einen Hohen Vampir so schnell ermorden kann…«, Geser schüttelte den Kopf. »Ich habe nur einen Kandidaten.«

»Die Hexe«, murmelte Sebulon. »Wenn sich das Fuaran tatsächlich in ihrem Besitz befand, dann könnte sie deswegen zurückgekehrt sein.«

»Erst lässt sie es hier, und dann kommt sie deswegen zurück?«, rief Swetlana aus. Mir war klar, dass sie versuchte, Arina zu verteidigen. »Das ist unlogisch!«

»Anton und ich haben sie verfolgt«, antwortete Edgar treuherzig. »Sie ist in Panik davongerannt. Offenbar ist sie jedoch nicht gleich geflohen, wie wir angenommen haben, sondern hat sich in der Nähe versteckt. Als Viteszlav das Buch gefunden hat, hat sie das gespürt und es mit der Angst zu tun bekommen.«

Geser blickte Swetlana und mich finster an. Sagte aber kein Wort.

»Vielleicht ist Viteszlav ja auch ohne Fremdverschulden gestorben«, ließ Swetlana nicht locker. »Er hat das Buch gefunden, hat versucht, einen der darin beschriebenen Zauber zu wirken… und ist gestorben. Solche Fälle hat es schließlich bereits gegeben!«

»Ach ja«, höhnte Sebulon. »Und in der Zwischenzeit sind dem Buch Beinchen gewachsen, und es ist weggelaufen.«

»Selbst diese Version würde ich nicht ausschließen.«Jetzt ergriff Geser Swetlanas Partei. »Vielleicht sind ihm ja welche gewachsen. Vielleicht ist es ja weggelaufen.«

Stille senkte sich herab, und in dieser Stille erschall Sebulons Lachen besonders laut. »Köstlich! Glauben wir jetzt also an das Fuaran?«

»Ich glaube daran, dass jemand mühelos einen Hohen Vampir ermordet hat«, sagte Geser. »Und dieser Jemand fürchtet weder die Wachen noch die Inquisition. Allein deswegen sollte der Fall schnell und gründlich untersucht werden. Meinen Sie nicht auch, Kollege?«Gegen seinen Willen musste Sebulon nicken.

»Gehen wir doch mal einen Moment lang davon aus, dass das Fuaran tatsächlich hier aufbewahrt worden ist…«Geser schüttelte den Kopf. »Dass alle Gerüchte über dieses Buch stimmen…«Sebulon nickte erneut.

Die beiden Großen erstarrten. Sahen einander an. Vielleicht, um sich mit Blicken zu messen, vielleicht, um ungeachtet sämtlicher Schutzmaßnahmen irgendein magisches Gespräch zu führen.

Ich ging zu den Überresten des Vampirs und hockte mich hin. Ein unangenehmer Typ. Selbst für einen Vampir. Und trotzdem einer von uns. Ein Anderer.

Hinter mir brummte Edgar etwas von der Notwendigkeit, neue Leute anzufordern und davon, dass es jetzt lebenswichtig geworden sei, Arina zu fangen. Diesmal würde die Hexe nicht entkommen. Die Verletzung des Großen Vertrages – mochte sie auch noch so schwerwiegend sein, so war sie doch immerhin recht lange her – war eine Sache. Der Mord an einem Inquisitor eine andre.

Und alle Fakten sprachen gegen sie. Wer sonst wäre so stark, einen Hohen Vampir abzumurksen?

Trotzdem glaubte ich aus irgendeinem Grund nicht an Arinas Schuld…

Viteszlavs Überreste riefen nicht den geringsten Ekel in mir hervor. Vielleicht, weil ihnen so gar nichts Menschliches anhaftete und selbst Knochen völlig fehlten. Graue Asche, ähnlich der von einer feucht gewordenen Zigarette, die die Form bewahrt hatte, aber eine absolut homogene Struktur aufwies. Ich berührte etwas, das vage an eine geballte Faust erinnerte – und wunderte mich nicht im Geringsten, als die Asche zerfiel und ein zerknülltes weißes Blatt freigab.

Grabesstille senkte sich herab. Da niemand Einwände erhob, nahm ich das Blatt, drehte es um und las es. Erst danach schaute ich die Magier an.

Alle hatten so angespannte Gesichter, als erwarteten sie zu hören: »Viteszlav hat vor seinem Tod den Namen seines Mörders aufgeschrieben… Sie waren es!«

»Das hat nicht Viteszlav geschrieben«, sagte ich. »Das ist Arinas Handschrift. Sie hat mir eine Erklärung geschrieben…»

»Lies vor«, verlangte Edgar.

»An die Herren Inquisitoren!«, las ich laut. »Wenn Sie das lesen, heißt das, Sie haben sich an Vergangenes erinnert und geben keine Ruhe. Ich schlage Ihnen vor, die Angelegenheit friedlich beizulegen. Sie bekommen das Buch, das Sie suchen. Ich bekomme eine Begnadigung.«

»Sie haben also danach gesucht?«, fragte Geser in sehr ruhigem Ton.

»Die Inquisition sucht alle Artefakte«, erwiderte Edgar gelassen. »Auch die, die als mythisch eingestuft werden. »

»Wäre sie begnadigt worden?«, fragte Swetlana plötzlich.

Missmutig sah Edgar sie an. »Wenn das Fuaran hier gewesen wäre?«, meinte er. »Ich treffe diese Entscheidung zwar nicht, aber vermutlich schon. Wenn es das echte Fuaran gewesen wäre.«

»Allmählich neige ich der Auffassung zu, dass es das echte war…«, sagte Geser leise. »Edgar, ich möchte mich gern mit meinen Mitarbeitern beratschlagen.«

Edgar breitete nur die Arme aus. Möglicherweise war er nicht sonderlich erpicht darauf, mit Sebulon und Kostja allein zu bleiben, doch die Miene des Inquisitors verriet nichts.

Swetlana und ich folgten Geser aus dem Geheimversteck hinaus.

Die Inquisitoren empfingen uns mit dermaßen misstrauischen Blicken, als verdächtigten sie uns, alle Dunklen umgebracht zu haben. Geser nahm es gelassen hin.

»Wir ziehen uns zu einem Gespräch zurück«, warf er ihnen achtlos hin, während er sich zur Tür wandte. Die Inquisitoren wechselten beredte Blicke, erhoben jedoch keine Einwände. Nur einer steuerte auf das Geheimversteck zu. Doch da hatten wir das Haus der Hexe bereits verlassen.

Hier, in der Tiefe des Waldes, kam es mir vor, als sei es noch nicht einmal Morgen. Ein geheimnisvolles Halbdunkel, ganz wie in den frühen Dämmerstunden. Verwundert blickte ich nach oben. Und bemerkte, dass der Himmel in der Tat unnatürlich grau aussah, als blicke ich ihn durch eine Sonnenbrille an. So wirkte sich in unserer Welt also der magische Schutzschild aus, den die Inquisitoren aufgestellt hatten.

»Alles geht den Bach runter…«, murmelte Geser. »Alles ganz falsch…«

Sein Blick huschte von mir zu Swetlana und zurück. Als könne er sich nicht entscheiden, wen von uns beiden er jetzt brauchte. »Hat sie das Fuaran wirklich gehabt?«, fragte Swetlana.

»Anscheinend ja. Anscheinend existiert dieses Buch.«Geser verzog das Gesicht. »Wie dumm… wie unschön…«

»Wir müssen die Hexe finden«, sagte Swetlana. »Wenn Sie wollen…«

Geser schüttelte den Kopf. »Nein, das will ich nicht. Arina muss entkommen.«

»Das weiß ich.«Ich fasste nach Swetlanas Hand. »Wenn man Arina fasst, könnte sie sagen, wer dieser Lichte war…«

»Arina weiß nicht, wer dieser Lichte gewesen ist«, fiel Geser mir ins Wort. »Dieser Lichte kam in einer Maskierung zu ihr. Sie könnte einen Verdacht haben, etwas ahnen, vielleicht sogar überzeugt sein, aber sie hat keine Beweise. Nein, was weitaus schlimmer ist…«Plötzlich durchschaute ich alles.

»Das Fuaran?«

»Ja«, meinte Geser nickend. »Deshalb würde ich euch bitten…«

Bevor er den Satz beendete, sagte ich schnell: »Wir wissen nicht, wo Arina ist. Das stimmt doch, oder, Swetlana?«Swetlana blickte finster drein, nickte aber.

»Danke«, sagte Geser. »Das war das Erste. Jetzt zum Zweiten. Wir müssen das Fuaran finden. Um jeden Preis. Vermutlich wird ein Suchtrupp gebildet. Ich möchte, dass von unserer Seite Anton daran teilnimmt. »

»Ich bin stärker«, sagte Swetlana leise.

»Das spielt in dem Fall keine Rolle.«Geser schüttelte den Kopf. »Nicht die geringste. Außerdem brauche ich dich hier, Swetlana. »

»Wozu?«, wollte Swetlana misstrauisch wissen.

Einen Moment lang zögerte Geser. Dann sagte er: »Um im Notfall Nadja zu initiieren.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage!«, sagte Swetlana mit eisiger Stimme. »In ihrem Alter und mit ihrer Kraft kann sie noch keine Andere werden!«

»Möglicherweise bleibt uns nichts andres übrig«, murmelte Geser. »Swetlana, die Entscheidung triffst du. Ich bitte dich nur, dass du in der Nähe des Kindes bleibst.«

»Da mach dir mal keine Gedanken«, zischte Swetlana. »Ich werde sie nicht aus den Augen lassen.«

»Richtig so.«Geser lächelte und ging wieder zum Haus zurück. »Kommt, jetzt beginnt unser Rat in Fili.«

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als Swetlana sich mir zudrehte. »Kannst du dir einen Reim darauf machen?«, fragte sie mit allem Nachdruck.

»Geser hat seinen Sohn nicht finden können«, meinte ich. »Der ist nämlich wirklich nur ein Mensch gewesen! Und erst vor kurzem zum Anderen geworden. »

»Arina?«

»Sieht so aus. Sie ist aus ihrem Winterschlaf erwacht und hat sich orientiert. Hat in Erfahrung gebracht, wer jetzt der Chef bei welcher Wache ist…«

»Und hat das Fuaran benutzt, um Geser insgeheim ein kleines Geschenk zu machen? Um seinen Sohn in einen Anderen zu verwandeln?«Swetlana zuckte die Achseln. »Das glaub ich nicht. Weshalb hätte sie das tun sollen? So dick ist ihre Freundschaft doch wohl nicht, oder?«

»Was heißt, weshalb? Jetzt wird Geser alles daransetzen, damit Arina nicht gefunden wird. Das ist ihre Rückversicherung, oder etwa nicht?«

Swetlana kniff die Augen zusammen. Dann nickte sie. »Aber was ist, wenn die Tagwache…«

»Woher wollen wir wissen, was sie im Hinblick auf Sebulon unternommen hat?«Ich zuckte mit den Schultern. »Irgendwie glaube ich, dass auch die Tagwache es mit der Suche nach der Hexe nicht übertreiben wird.«

»Das ist doch ein durchtriebenes Weibsbild«, sagte Swetlana ohne jede Häme. »Ich hätte Hexen nicht so unterschätzen dürfen! Durchschaust du auch die Geschichte mit Nadja?«Ich schüttelte den Kopf.

Das, was Geser gesagt hatte, war in der Tat völliger Quatsch. Manchmal wurden Andere im Alter von fünf oder sechs Jahre initiiert. Aber niemals früher. Ein Kind, das die Fähigkeiten eines Anderen erhält, das diese aber noch nicht kontrolliert einsetzen kann, wäre eine wandelnde Bombe. Vor allem eine so starke Andere wie Nadjuschka. Selbst Geser würde das Mädchen nicht aufhalten können, wenn es übermütig wird und seine Kraft einsetzt. Nein, die Worte Gesers ergaben einfach keinen Sinn!

»Ich reiße ihm die Beine aus und pflanze sie ihm an Stelle der Arme wieder an!«, versprach Swetlana völlig gelassen. »Sobald er noch einmal darauf zu sprechen kommt, dass Nadja initiiert werden soll. Was ist, wollen wir gehen?«

Hand in Hand – wir beide hatten im Moment das starke Bedürfnis, einander nahe zu sein – gingen wir zum Haus zurück.

Die Inquisitoren, die durch eine Laune des Zufalls in das Geheimnis eingeweiht worden waren, sollten erneut eine Kette rund um das Haus bilden. Wir sechs setzten uns an den Tisch.

Geser trank Tee. Er hatte ihn selbst aufgebrüht, wobei er nicht nur normalen Sud benutzt, sondern auch Kräuter aus den reichen Vorräten der Hexe hinzugegeben hatte. Auch ich nahm eine Tasse. Der Tee roch nach Minze und Wachholder, war bitter und streng, machte mich aber munter. Sonst konnte er niemand verführen: Swetlana murmelte freundlich etwas und stellte ihre Tasse weg. Auf dem Tisch lag der Brief.

»Vor zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Stunden«, meinte Sebulon mit einem Blick auf das Blatt Papier. »Sie hat den Brief vor Ihrem Besuch geschrieben, Inquisitor!«

Edgar nickte. »Schon möglich…«, fügte er widerwillig hinzu. »Möglicherweise sogar während unseres Besuchs. Wir hatten Probleme, sie in den tiefen Schichten des Zwielichts zu verfolgen. Ihr wäre also genug Zeit geblieben, sich in aller Ruhe hinzusetzen und den Brief zu schreiben.«

»Damit haben wir keinen Grund, die Hexe zu verdächtigen«, murmelte Sebulon. »Sie hat das Buch dagelassen, um sich freizukaufen. Arina hätte also keine Veranlassung gehabt, deswegen zurückzukommen und einen Inquisitor umzubringen. »

»Einverstanden«, meinte Geser zögerlich.

»Welch erstaunliche Übereinstimmung zwischen Dunklen und Lichten…«, bemerkte Edgar. »Sie machen mir Angst, meine Herren.«

»Das ist nicht die Zeit für Unstimmigkeiten«, erwiderte Sebulon. »Wir müssen den Mörder und das Buch finden.«O ja, er hatte seine Gründe, Arina zu verteidigen!

»Gut.«Edgar nickte. »Kommen wir zum Anfang zurück. Viteszlav hat mich angerufen und mir vom Fuaran erzählt. Das Gespräch hat niemand mitgehört.«

»Alle Gespräche über Handy werden abgehört und aufgezeichnet…«, warf ich ein.

»Was du nicht sagst, Anton!«Edgar bedachte mich mit einem ironischen Blick. »Ermitteln etwa Geheimdienste der Menschen gegen die Anderen? Um dann, sobald sie etwas von dem Buch gehört haben, einen Agenten hierher zu schicken? Der dann einen Hohen Vampir ermordet?«

»Anton hat so Unrecht nicht«, sprang Geser mir zur Seite. »Ihnen ist doch bekannt, Edgar, dass wir jedes Jahr Schritte der Menschen zu unterbinden haben, die auf unsere Entdeckung zielen. Und was die Spezialabteilungen der Geheimdienste angeht…«

»Dort sitzen welche von uns«, warf Edgar ein. »Doch selbst wenn wir davon ausgehen, dass wieder einmal nach Anderen gefahndet wird, dass irgendwo Informationen nach draußen dringen, bleibt Viteszlavs Tod ein Rätsel. Nicht einmal James Bond könnte unbemerkt zu ihm vordringen. »

»James Bond? Wer ist denn das?«, wollte Sebulon wissen.

»Das gehört in den Bereich der Mythologie«, meinte Geser schmunzelnd. »Der modernen Mythologie. Lassen Sie uns hier nicht sinnlos unsere Zeit vergeuden, meine Herren. Die Situation ist doch völlig klar: Viteszlav ist von einem Anderen ermordet worden. Einem starken Anderen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach von jemandem, dem der Inquisitor vertraut hat.«

»Er hat niemandem vertraut, noch nicht einmal mir«, murmelte Edgar. »Vampire nehmen das Misstrauen einfach mit dem Mutterblut auf… wenn Sie den Scherz entschuldigen wollen.«

Niemand lächelte. Kostja schielte finster zu Edgar hinüber, sagte jedoch kein Wort.

»Willst du von allen Anwesenden das Gedächtnis überprüfen lassen?«, erkundigte sich Geser höflich. »Würden Sie dem denn zustimmen?«, wollte Edgar wissen.

»Nein«, entgegnete Geser. »Ich weiß die Arbeit der Inquisition zu schätzen, aber alles hat seine Grenze.«

»Damit wären wir in einer Sackgasse gelandet.«Edgar breitete die Arme aus. »Meine Herren, wenn Sie nicht kooperationsbereit sind…«

Swetlana hüstelte taktvoll. »Darf ich vielleicht etwas dazu sagen?«, fragte sie. »Aber ja, sicher.«Edgar nickte freundlich.

»Ich glaube, wir schlagen einen falschen Weg ein«, sagte Swetlana. »Sie sind der Ansicht, wir sollten den Mörder suchen, dann würden wir auch das Buch finden. Das stimmt, aber den Mörder kennen wir nicht. Warum versuchen wir nicht einfach, das Buch aufzuspüren? Über das Fuaran kommen wir dann auch an den Mörder.«

»Und wie würdest du das Buch suchen, Lichte?«, fragte Sebulon in ironischem Ton. »Willst du James Bond anrufen?«

Swetlana streckte die Hand aus und berührte vorsichtig Arinas Brief. »Also… Soweit ich es verstanden habe, hat die Hexe den auf das Buch gelegt, möglicherweise sogar zwischen die Seiten gesteckt. Eine gewisse Zeit lang lagen diese beiden Gegenstände also zusammen. Das Buch selbst ist eine magische, eine mächtige Sache. Wenn wir ein Ebenbild herstellen… Sie wissen schon, in der Weise, wie man es den jungen Magiern beibringt…«

Unter den Blicken der Hohen wurde sie unsicher und geriet aus dem Konzept. Doch sowohl Sebulon wie auch Geser blickten Swetlana wohlwollend an.

»Ja, stimmt, es gibt eine solche Magie«, murmelte Geser. »Wie ist das gleich, jetzt fällt's mir wieder ein… Einmal ist mir ein Pferd gestohlen worden, ich hatte dann nur noch das Zaumzeug…«


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