355 500 произведений, 25 200 авторов.

Электронная библиотека книг » A. I. Nebelkrähe » Lügendetektor » Текст книги (страница 9)
Lügendetektor
  • Текст добавлен: 20 сентября 2016, 19:11

Текст книги "Lügendetektor"


Автор книги: A. I. Nebelkrähe



сообщить о нарушении

Текущая страница: 9 (всего у книги 16 страниц)

Valera protestierte sehr aktiv gegen Existenz der Bierbude. Er setzte regelmäßig die Stadtverwaltung, die Gebietsverwaltung und die Regierung in Kenntnis darüber. Er sammelte Unterschriften der Nachbarn für seine Proteste. Er lud Korrespondenten der Zeitschriften und Fernsehen ein. Man organisierten verschiedene Kommissionen, die kamen und sprachen mit Alkoholikern, Tötja Motja, Hausbewohner und, natürlich, mit Valera persönlich. Diese Kommissionen schrieben ihre Empfehlungen, Schlussfolgerungen und Gutachten, die man im Stadtarchiv lagerte und danach passierte nichts. Übrigens, man erwartete nichts anderes.

Diese Tätigkeit nahm viel Valeras Zeit in Anspruch. Wiederum fühlte er sich als Verteidiger der Interessen des einfachen Volkes, ungeachtet voller Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Nach wenigen Jahren war Valera mit Zivilgesetzbuch so gut vertraut, dass er seine Nachbarn bei gesetzlichen Fragen konsultierte. Interessanterweise hatten Alkoholiker keinen Groll auf Valera. Umgekehrt, er machte ihr Leben vielfältiger, jemand interessierte sich für sie und einfache Leute insgesamt. Alle Säufer kannten Valera, er bekam ihre volle Anerkennung und niemals machten sie Anstalten, bei ihm Geld zu borgen.

Valeras Kampf ging schon seit Jahren, alle waren daran gewöhnt, als plötzlich verkaufte die Stadt dieses Grundstück. Die Baufirma schaffte die Bierbude ab und alle Alkoholiker waren weg. Valera war irritiert, als ob man ihm den Boden von Füßen entzog. Was sollte er nun tun? Er war nicht mehr ein Volksheld. Er verbrachte einige schlaflose Nächte mit Nachdenken über die Situation. Eines Tages kam ihm plötzlich ein glänzender Gedanke – er würde gegen diese Baufirma kämpfen! Genauso entschieden und tapfer, wie er gegen Bierbude kämpfte. Und er würde kämpfen um die Sonne! Ja, stimmt!

Valera ging aus seinem Haus mit einem Bandmaß in der Hand und maß die Entfernung des Hochhauses von der angepissten Mauer seines Hauses. Er wusste es, es fehlte die ganze zwanzig Zentimeter! Und wenn diese Zentimeter fehlte, dann, laut Baunormen und Gesetz, bekommt seine Wohnung nicht genug Licht, das heißt – man stiehlt ihm die Sonne. Die Baufirma musste entweder das Hochhaus um zwanzig Zentimeter verschieben, oder Valera und seiner Familie eine neue Wohnung kaufen! Von diesem Gedanken erregt, roch er sogar das Stinken des Urins von der Mauer nicht mehr.

Valera träumte von neuen Wohnungen – ihm genügt zwei Zimmer, seine Schwester, die mittlerweile schon zwei Kinder hatte, sollte vier Zimmer bekommen, und die Wohnungen mussten nicht weit voneinander sein. Viele Wochen, während er das Gesetz genauer studierte, vergingen doch nicht umsonst. Es stellte sich heraus, dass nur Valeras Familie den Anspruch auf eine neue Wohnung stellen konnte, weil niemand mehr die Fenster von dieser Seite des Gebäudes hatte – alle andere waren schon seit langem gemauert. Die Nachbarn waren überhaupt nicht darauf gefreut, dass Valera neue Wohnung bekommt, so verlor er seinen Status des Volkshelds. Jetzt hassten ihn seine Nachbarn. Das war aber nicht mehr wichtig, nur die neue Wohnung zählte.

Endlich war die Klage verfasst und Valera überreichte sie persönlich an Sekretärin der Baufirma. Es verging Tage, Wochen, Monate, aber die Baufirma meldete sich nicht. Valera rief die Sekretärin regelmäßig an und bekam immer wieder die gleiche Antwort – Ihre Klage Nummer 17747 sei in die Arbeit genommen worden. Nach acht Monaten war Valera dieser Antwort überdrüssig und er stattete einen Besuch dem Direktor der Baufirma ab. Der Direktor, ein junger Mann ungefähr dreißig Jahre alt, offensichtlich ohne Schulabschluss, der aber die Fähigkeit hatte in der richtigen Familie geboren zu sein, sagte ihm ganz offen, dass Valera niemals eine Wohnung bekommen würde und bestimmt nicht die zwei Wohnungen. Er könne klagen so viel, wie er wolle, er könne sogar an die Mauer des Hochhauses anpissen, aber das ändert nichts. Und jetzt dürfe Herr Doktor sich von hier schnellstmöglich verpissen oder er ließ seine Jungen – zwei Schwerathleten – an ihn anpissen.

Die Jungen beeindruckten Valera nicht. Er verabschiedete sich höflich mit Versprechung dem Direktor bald im Gerichtshof zu begegnen. Danach ging er schnurgerade zum Rechtsanwalt. So begann Valeras Gerichtsepopöe. Das Gericht entschied mal zugunsten Valera, mal zugunsten der Baufirma. Wenn das zugunsten Valera entschied, gab es nichts und niemanden, der die Baufirma zwingen konnte, das Gerichtsurteil zu realisieren. Mittlerweile wurde Hochhaus schon gebaut. Der Direktor machte Baufirma pleite und gründete neue Baufirma. Es gab schon niemanden, den Valera beklagen konnte. Dazwischen zerfielen UdSSR, die ganze sowjetische Wirtschaft und Valeras Träume von neuen Wohnungen.

Die zerfallene Wirtschaft bedeutete, dass es kein Geld mehr für die Wissenschaft gab, d. h., keine Gehälter für Wissenschaftler. Aber niemand wurde gefeuert. Alle bekamen, wie früher, ihren Lohn. Valera als Doktor der Wissenschaft konnte für seinen monatlichen Lohn ein Pfund der billigsten Wurst kaufen, andere (die keine glücklichen Träger von Doktorgrad waren) begnügten sich mit 400, 200 oder 50 Gramm der Wurst – dem Gehalt entsprechend. Aber, um Wahrheit nicht zu vertuschen, niemand verlangte von Mitarbeiter, dass sie zum Arbeitsplatz kamen und dort arbeiteten. Alle sammelten sich monatlich neben der Kasse, unterhielten sich, bekamen ihr „Wurstgeld“ und gingen unzufrieden nach Hause. Zum Überleben sollte man doch irgendwo anders nach Geld jagen.

Valera dachte, dass er keine Probleme mit Geld haben würde. Sein Laboratorium beschäftigte sich schon seit ewig und drei Tagen mit Liquidkristallen. Es gab viele Möglichkeiten, diese Kristalle im Alltagsleben, genauso wie in Industrie, zu nutzen. Valera selbst besaß einige Patente in diesem Gebiet. In der Tat, der Leiter des Laboratoriums organisierte ein Kooperativ, das Thermometer für Kinder produzierte. Dieses Thermometer sah wie ein Stück durchsichtiger Folie aus. Wenn man sie auf der Stirn des Kindes hielt und die Temperatur des Letztes über 37 Grad ist, dann kann man die entstehenden auf dem Thermometer roten Buchstaben lesen – Ihr Kind ist krank! Schnell zum Arzt! Das Thermometer war sehr populär, die Produktionskosten erstaunlich niedrig (man produzierte Thermometer im Laboratorium des Instituts, bezahlte keine Miete, genauso entfielen die Kosten von Gebrauch der Geräte und Strom), so wurde Kooperativ profitabel. Alle waren zufrieden, außer Valera. Für ihn gab es im Kooperativ kein Geld und keinen Platzt. Der Direktor des Kooperatives, der gleichzeitig der Leiter des Laboratoriums war, erklärte Valera, dass das Kooperativ nur einen Doktor der Wissenschaft brauchte und dieser Doktor nicht gerade Valera war. Valera sollte sich andere Quelle der Ernährung aussuchen.

 Jetzt begann Valera sich Sorgen zu machen. Wo sollte er Geld hinkriegen? Bedrückt von Gedanken begegnete er mal einem seinen Bekannten – Doktor der Wissenschaft in Chemie, der ihn seine geschäftliche Erfolgsgeschichte vertraute und gleich schlug vor, Valera zum seinen Partner zu machen. Wegen geldloser Gegenwart und genauso geldloser Zukunft dachte Valera nicht zu lange nach und erteilte seine Zustimmung. So wurde er zum Jeanshändler.

XXXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXXX XXX XX XXXXX XXXXX XXXXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXXXXXXXX XX XX XXX XXXXXXX XXXXXX XXXXX XXX. Es gab und es gibt noch in Rostow einen Markt, wo man Klamotten, Elektrogeräte, Teppiche, Lebensmittel, Schuhe und alles Denkbares kaufen kann. Die Besonderheit des Marktes besteht darin, dass dort nur Menschen mit Hochschulabschluss oder wissenschaftlichem Grad arbeiten. Wer diese Bedingungen nicht erfüllt, wird vom Markt vertrieben. Valeras Bekannte, Arik Stepanjan, mietete dort einen Stand und verkaufte Jeans, die er in Türkei aufkaufte. Aber während seiner Dienstreisen nach Istanbul gab es niemanden, der diese Jeans verkaufte, deswegen brauchte er jemanden, der statt seiner dienstlich nach Türkei reiste.

Zum ersten Mal in seinem Leben flog Valera ins Ausland. Verschiedene Gefühle überfüllten seine Seele. Es war spannend und beängstigend gleichzeitig. Plötzlich kamen ihm Strophen seines beliebtesten Dichters:

Leb doch , ungewasch ' nes Russland, wohl,

Ein Land der Sklaven, ein Land der Herren,

Leben doch Sie, Gendarmen, wohl, 

Und Du, ihnen ergebenes Volk.

Das Gedicht war total unpassend, weil Valera nur für einen Tag nach Türkei flog. Gott sei Dank, man braucht kein Visum, um dieses Land zu besuchen. Valera war auch seiner Sprachkenntnisse nicht sicher. Zwar las er englische und deutsche Bücher, aber was Sprechen betraf...

Valeras Ängste waren überflüssig. Im Flughafen kam Fahrgästen entgegen ein gut aussehender Türke und auf gehobenem Russisch bat sie zu einem Bus, der sie zum Markt fuhr. Es verging nur zwei Jahren seit dem Beginn der intensiven Handelsbeziehungen zwischen Russland und Türkei, aber alle damit beschäftigten Türken sprachen schon Russisch (und nur wenige Russen – Türkisch). Der Zerfall der Sowjetunion war ein Segen für türkische Textilindustrie. Man brauchte in Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken Unmenge von Kleidung! In türkischen Dörfern begannen viele Menschen zu nähen. Die Stoffe waren billig, die Qualität scheußlich, die Farben glühten, aber diese Russen kauften alles. So bunt bekleidetes Volk gab es in keinem anderen Land der Erde. Mit der Zeit lernten Türken besser nähen, sie besorgten bessere Stoffe und die Russen verlangten schon nach höherer Qualität, weil es ihnen wirtschaftlich besser ging. Und so entwickelte es weiter: je mehr verdienten Russen, desto bessere Klamotten brauchten sie, desto fortgeschrittene wurde türkische Textilindustrie und Qualität der Waren war genauso gut, wie von Italiener oder Franzosen.

Valera wurde zum Arik Stepanjans Geschäftspartner befördert und war für Aufkauf der Jeans verantwortlich. Er flog regelmäßig nach Istanbul und machte Geschäfte mit einem Türken namens Alöscha. In hergebrachter in Türkei Weise tranken sie Tee und besprachen Deals. Es wurde herausgestellt, dass der Türke Alöscha überhaupt keiner Türke war, sondern Pomak – Bulgare-Moslem, der sprach Bulgarisch, Türkisch, Russisch, dazu noch Deutsch und Englisch. Alöscha musste mit seiner Familie aus Bulgarien flüchten, als mit dem Kapitalismus Nationalismus und Antiislamismus zusammen kamen. Sie besprachen noch die seltsame Erhöhung des Nationalismus in ehemaligen sozialistischen Ländern, dann bezahlte Valera seine Jeans und fuhr zurück zum Flughafen. Es gab keine Probleme mit türkischem Zoll, Alöscha erledigte alles.

Die Probleme mit dem Zoll erlebte Valera in Rostow, als er zum ersten Mal seine Jeans holen wollte. Der Beamte, der die notwendigen Papiere unterschreiben sollte, hielt plötzlich mit der letzten Unterschrift und sah fragend Valera an. Valera guckte seinerseits fragend den Beamten an. Die stille Pause dauerte schon zwei Minuten lang. Der Beamte wurde langsam rot vor Wut. Dann erinnerte Valera an die nützlichen Ratschläge von Arik Stepanjan und übergab beschämt dem Beamten tausend Dollar. Der noch erzürnte Beamte unterschrieb die Papiere und Valera fuhr mit seinen Jeans zum Markt.

Der Verkauf von Jeans war profitabel genug, um zu leben und noch etwas auf die hohe Kante zu legen. Valera fragte sich aber, ob das Geschäft von Dauer wäre und wie lange noch. Einerseits, er stellte sich seine Karriere nicht so vor, andererseits, als Verkäufer war er eine Niete. Am liebsten fuhr er nach Türkei, um Waren zu kaufen und mit Alöscha zu treffen. Mit den beiden schien es was zu werden. Der Mann beklagte sich, dass er sich in Türkei genauso als ein Mensch zweiter Klasse fühlte, wie in Bulgarien. Dort nannte man ihn Türke, hier nennt man ihn Bulgare. Wo sollte er doch leben, um sich selbst zu sein? Dazu wollte seine Kinder kein Bulgarisch sprechen, nur Türkisch. Sie schämten sich, Pomaken zu sein. Zum Trost erzählte ihm Valera, dass er sich in Russland immer als ein Mensch zweiter Klasse fühlte, weil er Jude war. Dann trösteten sie sich gegenseitig und tranken Tee.

Eines Tagen kamen zwei durchtrainierte schlecht aussehende tätowierte Jungen zum Ariks und Valeras Stand am Markt und gaben ihnen bekannt, dass sie ihnen siebzig Prozenten vom Bruttoerlös übergeben sollten. Arik und Valera versuchten zu erklären, dass in diesem Fall kein Geld mehr gäbe, um neue Waren zu kaufen und sie verdienten auch nichts, konnten aber den Jungen nicht überzeugen. Die Situation war ernst. Die Partner, die in der Mangel genommen wurden, verkauften die letzten Jeans und verabschiedeten sich vom Handel. Wiederum hat doch alles seines Gutes, oder?

Valera musste wieder neue Wege suchen, um zu überleben. Man brauchte noch keine Physiker in Russland und er kündigte schon seit langem seinen Platz im Institut. Weil Valera noch etwas Geld übrig hatte, versuchte er einen neuen Beruf zu erwerben. Vielleicht sollte er sich als Buchhalter qualifizieren lassen? Ihm schien, dass Buchhaltung nicht so kompliziert wäre, wie man denken könnte. Nach der Ausbildung fand er einen Platz in einer Firma, die Gemüsesaat aus Holland verkaufte. Seine englischen Kenntnisse waren sehr von Vorteil. Alles lief gut, Mitarbeiter waren nett, der Lohn hoch – nur war holländische Gemüsesaat etwas zu teuer für die russischen Bauern. Nach vier Monate ging Firma Pleite.

Die nächste Firma, in der Valera sich erbötig machte, verkaufte amerikanische Handys Motorola. Die Firma war sehr erfolgreich, Mitarbeiter waren nett, der Lohn hoch. Aber in sechs Monaten verlor der Zoll die ganze Zulieferung der Handys für ein halbes Jahr (der Direktor wollte nicht so viel Schmiergeld zahlen und der Zoll verübte Rache) und Firma ging Pleite. Unser Held fühlte sich wie mit einem Fluch belegt.

Die dritte Firma, die Valera als Buchhalter angestellte, produzierte Mineralwasser. Der Inhaber der Firma, ein Bauingenieur, mietete in Aksaj, eine Stadt nur zehn Kilometer von Rostow entfernt, das Gelände eines Landwirtschaftsbauwerkes, der schon in sowjetische Zeit wegen Vernachlässigung des Naturschutzes in aller Munde war. Man versteckte dort alle Abfälle im Geländeboden. Das Ergebnis dieser kreativen Naturschutzpraktiken war starke Mineralisation des Grundwassers. Nach der Perestroika versuchte man umsonst das Problem zu beheben, bis der Bauingenieur kam. Er machte bekannt, dass das schmutzige Wasser ein gesundes Mineralwasser sei, und seine Freunde von Gesundheitsamt, die vom Stamme Nimm waren, bestätigten das. Das Unternehmen war eine Goldgrube und es gab nur ein Problem, nämlich die Plastikflaschen. Der Bauingenieur kaufte die notwendigen für die Produktion Maschinen in Deutschland und sie waren selbstverständlich nicht gerade neu, aber sehr billig. Die Anlage brauchte ständige Überwachung und tägliche Reparatur. Ersatzteile waren nicht vorhanden und man sollte sie selbst produzieren. Der für Reparatur verantwortliche Mechaniker Foka Kusmitsch, der die teure Gurgel war, hielt alles irgendwie im Griff, bis die Konkurrenz des Bauingenieurs, die das gleiche Mineralwasser von dem Geländeboden eines anderen verwahrlosten Werks in Rostow forderte, seine Schmerzstelle fand. Sie übergaben dem Mechaniker Foka Kusmitsch ein paar Hundertdollarscheine und der fertigte nicht gerade exzellente Ersatzteile, sozusagen machte keine Nägel mit Köpfen. Foka Kusmitsch war ein ehrlicher Arbeiter. Etwas zu tun, das einer Maschine schaden konnte, war für ihn undenklich, aber er brauchte diese Dollars. Eine Woche lang zerbrach Foka Kusmitsch suchend die Lösung und endlich fand sie. Er würde alles dem Schicksal überlassen. Es sollte so passieren: Er würde ein wenig mehr als gewöhnlich vor der Arbeit trinken und dann die Details aufs Geratewohl fertigen. Was danach geschieht, sollte Herr Gott entscheiden. Herr Gott entschied zugunsten der Konferenz. Alle Flaschen wurden mit Löchern fertiggestellt. Foka Kusmitsch lag im Delirium und außer ihm konnte niemand den Fehler beheben. Firma war nicht imstande, Mineralwasser zu liefern und ging Pleite. Valera begann zu glauben, dass er den Unternehmen Unglück bringt.

Die letzte Firma, in der Valera als Buchhalter zu arbeiten versuchte, spezialisierte sich auf Gebäckproduktion. Die Rezeptur war echt gut und Gebäck wurde in der kurzen Zeit populär. Es mangelte aber dem Besitzer an Gesichtskreis – er las in seiner Kindheit die Werke von Scholom Aleichem nicht, besonders die Geschichte des Knaben Mottl. Der Mann war besessen von einer fixen Idee, die Produktion billiger zu machen. Zuerst sparte er an Qualität des Mehls. Das Gebäck schmeckte jetzt nicht so gut und wurde allmählich grau. Um diese Farbe zu kaschieren, verwendete man künstliche Farben, die nicht nur schädlich für Gesundheit waren, sondern schmeckten scheußlich. Um diesen Geschmack zu kaschieren, verwendete man künstliche Geschmackszusätze, natürlich die billigste, die, ihrerseits, machten das Gebäck klebrig. Um das zu vermeiden, bestreute man das Gebäck mit Natron. Das Ergebnis war furchterregend aussehendes Gebäck, das nach Mister Proper roch und verursachte Sodbrennen gleich nach dem Auffressen dieser Köstlichkeit. Es versteht sich von selbst, dass die Firma Pleite ging und Valera beendete damit seine Karriere als Buchhalter.

Man brauchte immer noch keine Physiker und Valera versuchte sich als Nachhilfelehrer für dumme Kinder der stinkreichen Eltern zu etablieren, um sich übers Wasser zu halten. Zusätzlich verdiente er etwas Geld mit der Computerbücherübersetzung im „Gamaün“ Verlag. Diese Arbeit verschaffte ihm eine Bekannte von Buchhaltungskursen, die im Verlag als Redakteurin arbeitete. Die Übersetzung bezahlte man relativ gut, doch Valera konnte nie die Termine halten und hasste deshalb diese Arbeit. Er dachte öfter an seine Zukunft. Seine Situation war alles anderes, als stabil. Was sollte er tun? Er arbeitete schon seit sieben Jahren nicht mehr als Physiker und war total nicht im Bild, was da so alles passierte. Außerdem war er nicht sicher, dass man in Russland noch Physiker irgendwann brauchen würde. Gelinde gesagt, waren sie unnötig wie ein Kropf. Er fühlte sich mutterseelenallein... Es gab noch andere Gründe für seine Verunsicherung – wachsendes Antisemitismus in Russland. Während der Perestroika und einige Zeiten danach geriet Antisemitismus etwas in Vergessenheit, weil die Hauptfeinde des Volkes die KPdSU und Parteifunktionäre waren. Dieser Zustand der Beruhigung der Nationalgefühle dauerte nicht zu lange. Es erstanden Genossenschaft „Pamjat“, Kosakenvereinigungen und, zu guter Letzt, echte faschistische Gruppierungen. Antisemitismus war wieder, wie in sowjetischen Zeiten, im Trend. Valera war aber dieses Antisemitismus schon überdrüssig.

Zum Verständnis ein Jude zu sein, kam Valera sehr langsam. Seine Eltern sprachen nie davon. In der Schule war das Nationalproblem auch nicht aktuell, niemand von Schülern interessiertere sich dafür. Valera wurde bekannt gegeben, dass er ein Jude war, erst als er als kleines Kind in einem Pionierlager am Schwarzmeer war. Andere Kinder verkündeten das ihm. Valera verstand nicht, was das bedeuten sollte, ahnte aber, dass er sich dafür schämen sollte, weil andere Kinder verächtlich über Juden sprachen. Valera fühlte sich von anderen verbannt und isoliert. Bei ihm war der Groschen gefallen. Er wollte doch kein Jude sein! Aber Zuhause erzählte er seinen Eltern nichts davon. Die Geschichte drohte am nächsten Jahr, als er wieder im Pionierlager war, zu wiederholen. Valera war aber ein kluges Kind, er sagte, dass er ein Russe wäre. Er lernte es, dass ein Jude in der UdSSR ein Mensch der zweiten Klasse war. Er lernte es, in seinen Innereien Kalte spüren, als man ihn fragte, ob er ein Jude wäre, oder einen antisemitischen Witz erzählte. Er lernte es, niemandem seine Nationalität zu offenbaren. Er lernte es, sich für solch ein Benehmen zu schämen. Und er wollte nie nochmal in ein Pionierlager.

Als Valera in Aspirantur war, sollte er zum Wehrersatzamt, um sich dort anzumelden. Der diensthabende Offizier sah ihn mit roten gläsernen Augen und sagte Schon wieder weicht einen von ihnen vor der Armee aus. Wir dienen dem Vaterland und sie fressen unseren Speck! Das war eine Anspielung an eine Fabel der sowjetischen Dichter, der dafür bekannt war, dass es ihm immer gelang, rechtzeitig dem Wechsel der Parteilinie anzupassen. Der Mann war ein ergebener Kommunist und Stalinist, der die erste prostalinistische sowjetische Hymne schrieb. Nach der Entlarvung des Stalins wurde er zum einen ergebenen Antistalinist und Kommunist, der gleichzeitig die zweite (antistalinistische) sowjetische Hymne schrieb. Nach der Entlarvung der kommunistischen Partei wurde er zum ergebenen Antikommunist und schrieb die neue russische (antikommunistische) sehr patriotische Hymne. Merkwürdigerweise war die Melodie dieser Hymne immer die gleiche. Nur Eines konnte dieser Dichter nicht – zu Demokraten umzuwandeln, so wurde er zu Monarchisten und streng gläubigem orthodoxerem Christen (Valera wunderte sich immer wieder, wie leicht und schwuppdiwupp die überzeugendsten und unerschütterlichsten Kommunisten – alle diese Parteifunktionäre und Bürokraten – zu überzeugendsten und unerschütterlichsten Gläubigen mutierten). Valera wusste, dass die Fabel, an die der diensthabende Offizier anspielte, antisemitisch war, doch er schwieg, genoss aber nicht.

Valera merkte, dass je mehr seine Karriere entwickelte, desto große Rolle spielte seine Herkunft. Er konnte schnell promovieren nur weil sein Doktorvater auch ein Jude war und seine Beziehungen im Spiel einbeziehen ließ, aber sogar für ihn war er sehr schwer, das Erlaubnis für Valeras Promotion zu erreichen. Damals promovierte zu selber Zeit einer Physiker aus Duschanbe. Er bekam fünfzehn Stimmen (von fünfzehn möglichen) für seine Dissertation im wissenschaftlichen Rat und eine Empfehlung, die Arbeit als Dissertation für den wissenschaftlichen Grad „Doktor der Wissenschaft“  also der Grad eine Stufe höher für die gleiche Leistung, zu betrachten. Valera fragte damals seinem Doktorvater, ob seine Arbeit viel schlechter wäre. Dann erklärte ihm der alte Professor, dass Valera froh sein müsste, überhaupt die Möglichkeit zur Promotion zu bekommen. Als folgendes teilte er ihm mit, dass der Mann aus Duschanbe ein „Nationalkader“ war und die Partei pflegte es, Nationalkader zu unterstützen. Als nächstes sagte er, dass Valera zufrieden sein sollte, dass er nur zwölf Stimmen für die Dissertation bekam und drei dagegen, weil wenn er fünfzehn Stimmen bekäme, sollte man auch seine Dissertation als „Dissertation für den wissenschaftlichen Grad Doktor der Wissenschaft“ betrachten, was für einen Juden ganz bestimmt ein Nonsens wäre. Anderseits müsste dann WAK – die Höchste Attestierungskommission für Wissenschaftler in der UdSSR, seine Dissertation besonders aufmerksam prüfen. So lernte Valera die Anfangsgründe der sowjetischen Nationalpolitik. Und noch dazu – wie man sich den Mund nicht fusselig reden soll.

XXXXXXXXXXXXXXX XXXXXXXXX XXXXXXX XXXXXXX XXXX XX XXX XXXXXX XXXXXXXXXXXXXXXXXXXX XXXXXXXXX XXX XXX XX XXX XXX XXXXXXX XXXXXXXX XXXXXXX. Die echten Probleme auftauchten, als Valera seine zweite Dissertation anfertigte. Er wurde von dem Vorsitzenden des wissenschaftlichen Rats eingeladen, der ihn gegenüber ganz offen, ohne viel Federlesen, zeigte, wie Valeras Chancen für Promotion standen. Der Vorsitzende sagte, dass, dem Plan gemäß, sollte Valeras Institut in diesem Jahr einen neuen Doktor der Wissenschaft haben und Valera passte diesem Plan haargenau. Aber wo sollte er seine Dissertation verteidigen? Am besten wäre Rostower Uni dazu geeignet, aber hier gab einen Hacken in Person des Professors Parasow von Institut für Technologie zu Novotscherkassk. Der war ein glühender Antisemit und er konnte Valeras Chancen auf erfolgreiche Promotion zunichtemachen.

Theoretisch existierten noch die Möglichkeiten für Valera in drei weiteten wissenschaftlichen Räten sein Glück zu erproben. Zum Beispiel, in Leningrad. Aber dort saßen im wissenschaftlichen Rat gleich drei glühende Antisemiten und Leningrad fiel aus. Ein anderer wissenschaftlicher Rat gab es in Tiflis, aber dort hatte man alle Wissenschaftler aus Russland nicht gern, unabhängig von ihrer Nationalität. Der dritte wissenschaftliche Rat gehörte zu Moskauer Uni. Die Wissenschaftler von der Uni betrachteten aber Valeras Institut als Konkurrenz uns seine Chancen dort standen nicht ausgesprochen hoch. Das Fazit – Valera sollte mit der Promotionstätigkeit abwarten, bis die Situation für ihn günstiger würde. Und Valera wartete, und wartete, und wartete. Damit hat es sein Bewenden.

So vergingen drei Jahren. Eines Tages rief ihn der Vorsitzende des wissenschaftlichen Rats und mit der leicht unterdrückten Freude, die der Situation entsprach, teilte ihm mit, dass sehr geehrter Genosse Professor Parasow die Zeitliche segnete und dass es für Valera die höchste Zeit wäre, seine Dissertation zu verteidigen.

Und so ging es für Valera weiter. Er konnte sich früher nicht vorstellen, was für eine große Rolle Nationalpolitik in der UdSSR spielte. Valera versuchte die Stelle des Leiters seines Laboratoriums zu bekleiden. Vergeblich. Der stellvertretende Direktor für Wissenschaft des Instituts versuchte es nicht, ihm die Ursachen dieser Entscheidung zu erklären. Er sagte nur, dass so ein kluger Mensch wie Valera alles selbst verstehen könnte. Alle Valeras Versuche sein Buch zu veröffentlichten waren umsonst. Mit enormen Schwierigkeiten publizierte er seine Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften. Es gelang ihm nie, in einer Konferenz, die im Ausland stattfand, teilzunehmen. Was die Konferenzen betraf, so erklärte man ihm, dass man einem parteilosen Wissenschaftler nicht vertrauen könnte. Valera wusste nicht, ob er wegen Konferenzen zur Partei gehören wollte, aber wenn doch, dann durfte er es nicht, weil es eine sehr kleine prozentuale Quote für Intelligenzia in der Partei existierte, noch kleinere Quote für Juden, und es gab nur wenige Juden, die in Partei waren und zugleich zu Intelligenzia gehörte.

Doch Valera erlebte die Gesellschaft fast ohne Antisemitismus und dieses Erlebnis gefiel ihm. Er wollte nie mehr zurück in alte Zeiten. So kristallisierte sich für ihn langsam die Frage nach Immigration. Valera merkte schon, dass viele seine Bekannten fehlten. Mehrere Menschen immigrierten nach Israel, Amerika, Deutschland, Griechenland, Neuseeland, Australien, Kanada und England. Vielleicht sollte er auch Russland verlassen? Die Entscheidung war gefallen und Valera flog nach Moskau, um in deutschem Konsulat einen Antrag zu stellen. Neben dem Konsulat am Leninskij Prospekt standen Menschen in zwei großen Schlangen. Die größere bildeten Spätaussiedler, die kleinere – Juden. Nach einigen Stunden wurde er samt anderen in einen Konferenzsaal eingeladen. Eine Dame, die sich als Frau Müller vorstellte, erklärte ihnen sehr sachlich auf gehobenem Russisch, was sie tun mussten, um nach Deutschland zu immigrieren. Dann sagte sie, dass sie es nicht verstehen könnte, warum Menschen aus dem Land der Sieger weg wollten. Danach sprach sie Deutsch. Ungefähr zwei Minuten später hob einen Mann der zitternden Hand und fragte kleinlaut, ob es möglich wäre, sich im Deutschland auf Englisch zu verständigen. Diese Frage brachte Frau Müller in Rage. Sie sagte irritiert, dass auf Englisch überhaupt nicht, aber sie fürchtete sich, dass man bald nur Russisch im Deutschland sprechen würde. Valera bekam Antragsformulare und flog nach Rostow zurück. Er benötigte fast ein halbes Jahr, um alle notwendige Papiere zu sammeln und sie danach zu übersetzen. Manchmal bewunderte er diese Antragsformulare. Zum Beispiel, Valera sollte eine Bescheinigung vorlegen, dass er niemals in der UdSSR verheiratet war. Vielleicht wäre so was in Deutschland möglich, doch gewiss nicht in Russland.

Valera schickte seinen Antrag an das Konsulat und ein Jahr später bekam er eine Einladung für eine Besprechung. Valera brachte alle Originale seiner Papiere mit. Man prüfte das alles sorgfältig, sagte aber, dass die Bescheinigung, dass Valera niemals in der UdSSR verheiratet war, fehlte. Valera versuchte zu erklären, dass solche Bescheinigungen existieren nicht. Der Beamter konterte ganz ernsthaft, dass dieses Problem wäre ihm bekannt, aber jeder wüsste doch, dass man in Russland jegliche Papiere kaufen könnte, aber ohne diese Bescheinigung wäre Valeras Mappe nicht vollständig und sein Fall würde nicht weiter bearbeitet. Aufs Tiefste erschüttert von Logik der Bürokratie, fuhr Valera nach Rostow zurück.

In Rostow kam er zum Bürgeramt und überzeugte eine junge einnehmende Beamtin diese seltsame Bescheinigung ihm zu geben. Er schickte die Bescheinigung nach Moskau und bekam einen Brief, wo geschrieben stand, dass Valera Geduld haben sollte und inzwischen Deutsch lernen. Valera hatte nichts dagegen und begann Deutsch zu lernen. Mit der Geduld stand es etwas anders. Einmal pro Jahr rief Valera an, um sich zu erkundigen, wie es seinem Antrag ging. Er bekam eine standardisierte Antwort, dass er in der Geduld üben sollte. Die Hoffnung bekanntlich stirbt zuletzt, stirbt aber unbedingt. Nach sieben Jahren des Wartevorgangs verlor Valera letzten Endes die Hoffnung. Hin oder her, plötzlich, wider alle Erwartungen, bekam er erneut eine Einladung vom Konsulat. Diesmal verlangte man von ihm neue Papieren – Gewerkschaft Mitgliedsausweis, Komsomol Mitgliedsausweis, Militärausweis der Roter Armee von seinem Großgroßvater und Valeras Abschlussfotos von der Schule und der Uni. Valera war echt beeindruckt von Fantasie der deutschen Bürokratie und fühlte sogar Respekt vor ihr. Er konnte sich nicht vorstellen, wie wichtig für die Entscheidung über seinen Antrag die Daten aus dem Militärausweis der Roter Armee von seinem Großgroßvater waren, z. B., dass er im Jahre 1939 neue Filzstiefel bekam, oder was könnte man aus seine Schulabschlussfoto herauskriegen, aber man weiß nie, was die da oben wissen... Valera brachte die neuen alten Papiere mit, die waren genauso sorgfältig geprüft und dann bekam er die Erlaubnis nach Deutschland einzureisen, genaue gesagt, nach Erfurt, Thüringen.


    Ваша оценка произведения:

Популярные книги за неделю