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Lügendetektor
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Текст книги "Lügendetektor"


Автор книги: A. I. Nebelkrähe



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Niemand will glauben, dass Erfolg mit Wahrscheinlichkeit und Glück verbunden ist, dass nicht immer schwere und harte Arbeit belohnt wird, dass die meisten erfolgreichen Menschen nur dem Glück für ihren Erfolg danken müssen, dass Unglück und Erfolg zufälligerweise zwischen guten und schlechten Menschen verteilt werden.

Man kann nicht immer nur System II benutzen, aber es lohnt sich, von Zeit zu Zeit sich fragen, was tue ich und warum tue ich das.

>>><<<

Es ist Sommer in Jena, ein ungewöhnlicher Sommer, weil es im Schatten 30 °C ist. Das Wetter erinnert uns an Rostow. Bei solcher Hitze will niemand etwas Heißes essen. Die Bewohner der Länder, wo solche Temperatur oft passiert, haben immer einige passende Gerichte parat, um in „wärmer“ Umgebung zu überleben. Deswegen bereitet Alina heute Swekolnik – eine kalte Suppe, zu.

Um diese Suppe zuzubereiten, braucht man nicht so viel. Zuerst kocht man junge Rübe mit Rübenkraut (Stangen) und jungen Kartoffeln. Dann kühlt man die Suppe im Kühlschrank ab. Vor dem Essen gibt man noch gleich im Teller geschnittene Gurken, hartgekochtes Ei und auf Schmand muss man nicht sparen – die kommen auch, natürlich, aus den Kühlschrank. Apropos, man brauch für Swekolnik Einlegegurken, nicht diese scheußlichen partenogenetischen langen Gurken, die ganz anderen Geschmack haben und verderben die echte Swekolnik. Wenn eine Limone vorhanden ist, dann veredeln Swekolnik einige Tropfen des Zitronensafts. Man mischt die obengenannten Komponenten und genießt die Suppe. Es ist ein ratsamer Weg, um die Hitze zu überstehen.

Zur Swekolnik passen gut Pyschy. Sie waren bei Husaren in Zarenzeit besonders populär. Als Äquivalent könnte man an Jägerschnitzel a la DDR, das aus Jagdwurst statt Kalbfleisches zubereitet wurde. Weil Husaren all sein Geld für Frauen, Champagner und Kartenspiele ausgaben, blieb ihnen für Essen nicht besonders viel (Hochadel aßen Eier mit Kaviar) und sie hatten es immer eilig – Frauen und Kartenspiele nehmen bekanntlich viel Zeit in Anspruch. Deshalb brauchten sie etwas, was man leicht zubereiten und schnell, wie ein Schuss, essen konnte. Von Husaren bekam dieses Gericht seinen Namen – Pyschy, das bedeutet Schusspflaster.

Die Zubereitung von Pyschy ist sehr leicht. Man nimmt hartgekochte Eier und schneidet sie in der Mitte. Danach entfernt man Eigelb, mischt es mit gebratenen Pilzen und Senf (Salz nicht vergessen), dann füllt man die Eier mit dieser Mischung, tropft etwas Mayonnaise und kühlt im Kühlschrank. Das war's.


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Tomek Achtina liegt am Strand von Netania. Fast alle ihre Knochen sind gebrochen – Beine, Hände, Rippen. Sie kann kaum atmen, verliert ständig das Bewusstsein und hofft nur, dass die berittene Polizei, die den Strand regelmäßig patrouilliert, sie bald findet. Die Erinnerungen an Vergangenheit helfen ihr nicht in den Schmerzen zu ertrinken. XXXXXXX XXXXX XXXX XXX XXXXXX XXXXXXXXXXXXXXXXX XXXXXXX XXXXXXXXX XXXX XXX XX XX XXXXXXX XXXXXXX XXXXX.

Tomek bekam ein Diplom in Philosophie, interessierte sich aber immer für Soziologie, welche in der UdSSR fast nicht existierte. Es gab einen Professor in Leningrad, der sich als Soziologe etablierte. Tomek sammelte Mut und Geld für Flugticket und flog ungeladen nach Leningrad. Sie fand den Professor, stellte sich ihm vor und erzählte über ihre Neigung zur Soziologie. Sie klang überzeugend. Sie gefiel dem Professor und bekam einen Platz in Aspirantur.

Nach der Promotion kam sie nach Rostow zurück. Einen Platz im Rostower Institut für Volkswirtschaft wartete schon auf sie – Herr Professor hatte gute Beziehungen. Tomek arbeitete mit Begeisterung, Studenten mochten sie und Tomek publizierte viele wissenschaftliche Artikel. Alles ging so schön und die Zukunft schien so rosig zu sein, bis... Bis ihr Professor einen Artikel über die Nationalpolitik in der UdSSR veröffentlichte, was an sich eine Frechheit war, aber er veröffentlichte diesen Artikel außerdem in Schweden! Der Professor bekam von westlichen Soziologen große Anerkennung. In der UdSSR auch, KGB klassifizierte ihn als Dissident. Er wurde gefeuert mit Verbot zu unterrichten. Alle seine Bekannten, inklusive Aspiranten, betrachtete man automatisch auch als Dissidenten. Tomek wurde vom Lehrstuhl verbannt und wäre ihre Mutter nicht eine bedeutende Person bei Handelskammer, so würde sie auch gefeuert. Nun wurde sie in wissenschaftliche Abteilung des Instituts versetzt. Sie arbeitete dort als Junior Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Wirtschaftswissenschaft. Tomek hasste Ökonomie, langweilte sich und sah jetzt seine Zukunft ganz schwarz.

Plötzlich zerfall der Sowjetunion, der Professor wurde zum Held und als Held emigrierte er nach Amerika. Man erteilte Tomek eine Erlaubnis wieder zu unterrichten. Aber jetzt reichte ihr Lohn nicht mehr, um zu überleben. Wieder war der Sold nicht reichlich genug, um zu Leben, aber auch ausreichend genug, um nicht aus den Pantinen zu kippen.

Tomek begann in anderen Hochschulen von Rostow zu unterrichten. Zuerst war es nur eine, dann zwei, drei und am Ende sieben. Tomek rannte den ganzen Tag durch die Stadt, von einer Hochschule zur andere. In einigen Monaten passierte ihr es öfter und öfter, dass sie total vergaß, was für ein Fach sie an jener oder dieser Hochschule unterrichten sollte. Sie fragte danach die Studenten, was eigentlich nicht ausgesprochen elegant aussah. Tomek fühlte, dass sie sich langsam in Wahnsinn trieb.

Samt und sonders basierte ihre Entscheidung, nicht mehr zu unterrichten, eher auf ökonomischen Gründen. Wohl oder übel musste sie eine anständigere, profitablere und solide Arbeit aussuchen. Buchhaltung schien ihr die richtige Wahl zu sein – sie arbeitete doch im Gebiet der Wirtschaftswissenschaft und war sehr gut in Statistik. Sie hatte Recht – die Buchhaltung an sich konnte sie gut, aber die Arbeit als Buchhalterin war viel mehr als bloße Buchführung. Wie es sich in Kürze herstellte, hatte sie die Rechnung, so fachsprachlich zu sagen, ohne den Wirt gemacht. Tomek war ein kluges Mädchen und konnte verschiedene Wege im Rahmen des Gesetzes finden, um den Profit zu maximieren. Man verlangte aber von ihr, diese Rahmen zu brechen. Das wollte sich nicht. Das Gehalt war gut, die Perspektive vor Kerker war bange.

Zufällig begegnete sie ihrer alten Bekannten, die in einem Verlag arbeitete. Die erzählte ihr, dass der Besitzer des Verlags nach einem Redakteur suchte. Hier muss man erwähnen (im Sinne behalten), dass ein Redakteur in Russland ganz andere Aufgaben hat, als ein Redakteur in sonstigen anderen Ländern der Welt. Ein Redakteur in Russland korrigiert die Texte der Autoren, den Stil der Autoren, macht diese armseligen gibberischen Texte klar und lesbar, selber aber schreibt er nicht. Tomek hatte nichts zu verlieren, und so begegnete sie dem Besitzer und Direktor des Verlags „Gamaün“ – Monja Feldmann.

Monja stammte aus einer wohlhabenden Familie, von der alle Mitglieder im Handel tätig waren. Die Mutter arbeitete in einem Lebensmittelladen in Süßwarenabteilung und verdiente ihr Geld mit dem Zucker. Man verkaufte Zucker in der UdSSR gewöhnlicherweise nach Gewicht. Schlaue Verkäufer platzierte Eimer mit Wasser neben den Säcken mit Zucker und während der Nacht aufsaugte Zucker alle Wasserdämpfe. Solch ein Arbeitsplatz war praktisch wie eine Goldgrube.

Monjas Vater bekleidete den Platz eines Direktors eines Gemüselagers. Man denkt wahrscheinlich, dass man mit Gemüse kein richtig großes Geld verdienen kann, da irrt man sich. Gemüselager war nicht bloß eine Goldgrube, sondern eine Diamantengrube. Man bekam Geld, indem man immer wieder Gemüse umsortiert. Aus zweiter Sorte wurde erste Sorte, aus dritter Sorte – zweiter. Die Diskrepanz zwischen den Preisen konnte man ruhig kassieren. Diese Umsortierung brachte eine Unmenge von Geld. Natürlich brauchte man viele Leute, um solche Arbeit zu erledigen. Hier aber kamen sowjetische Behörden zur Hand. Immer gern. Es gab damals so einen Witz: Für die Lösung welche wissenschaftliche Aufgabe brauchte man ein wissenschaftliches Kollektiv, das aus einem Programmierer, einem Philosophen, einem Physiker, einem Chemiker, einem Ökonomen und einem Philologen besteht? Die richtige Antwort war: Solch ein Kollektiv ist gut bestückt für die Gemüseumsortierung. Diese Arbeit, genauso wie Dienstreisen nach Kolchos, um den Kolchosniken bei der Ernte zu helfen, war die offiziell unterstützte öffentliche Erniedrigung der Intelligenzia, die ihren Platz erkennen sollte, wenn beliebt. Genosse Lenin sagte mal, dass Intelligenzia die Scheiße der Nation sei, und kommunistische Partei machte alles, damit Intelligenzia ebenso sich fühlte.

Nichtsdestoweniger wollten Monjas Eltern nicht, dass ihr Kind sich mit dem Handel beschäftigte. Vielleicht lag es daran, dass Monjas Vater schon drei Mal im Knast war und Monjas Mutter einmal verhaftet wurde. Monja sollte ein Ingenieurdiplom vom Institut für Landwirtschaftsbauwerk bekommen, was er auch tat.

Nach dem Institut arbeitete er als Ingenieure für Arbeitsschutztechnik und langweilte sich bis zur Tode. Monja kam morgens in sein Arbeitszimmer, schloss die Tür und schlief bis zur Mittagspause. Dann aß er zu Mittag, ging etwas spazieren und kam wieder in sein Arbeitszimmer. Er las etwas und schlief danach bis zum Ende des Arbeitstages.

Zum Leben erwachte Monja nur am Wochenende. Er stand sehr früh auf, packte seine Sachen und eilte zum Markt. Das war ein besonderer Markt, ein fast illegaler Markt, ein Markt, wo man Bücher verkaufte und als Underground bezeichnete. Man nannte diesen Markt Shodka, was so etwa Ähnliches wie „geheime bolschewistische Meeting“ bedeutete. Offiziell durfte man dort die Bücher nur umtauschen, inoffiziell konnte man alle begehrten Bücher kaufen, die man in freiem Handel nie sah. Von Zeit zu Zeit führte die Miliz Razzien, verhaftete Spekulanten, die die Bücher verkauften und schickte Briefe an ihren Arbeitgeber, wo schwarz (was sonst?) auf weiß geschrieben stand, dass ihre Mitarbeiter unterm verderblichen Einfluss des Kapitalismus stünden. Die Spekulanten wurden danach in Partkom (Komitee der kommunistischen Partei) und Profkom (Komitee der Gewerkschaft) eingeladen, wo man ihnen verständlich erklärte, wie schlecht, gefährlich und widerlich dieses Kapitalismus war. Danach organisierte man die Versammlung des gesamten Kollektivs, wo die Spekulanten öffentlich ihre Taten bereuten und versprachen so was nie mehr zu tun. Alle waren zufrieden und die Geschichte konnte sich nun wiederholen. Und Monja ergab sich wieder dem Wagnis. Demgemäß kannte Miliz Monja sehr gut. Er sollte schon seit langem gefeuert werden, oder gar im Knast, aber seine Eltern halfen ihm immer, indem sie die Miliz und seine Vorgesetzten schmierten.

Während der Zeit, die er im Arbeitsschutztechnikzimmer totschlug, las Monja vielbändiges Lehrbuch für russische Geschichte von Klütschewskij. Man muss gestehen, dass das Lesen alle diese Bände nicht gerade leicht und mehr oder weniger langweilig ist. Gelinde gesagt, es ist eine Heldentat, wenn sie verstehen, was man meint. Als Monja die letzte Seite las, fühlte er, dass er ab sofort an zur Intelligenzia gehörte, zur auserlesenen Schicht der Eggheaded (Eierköpfe) – fachlich gesagt.

Diese Heldentat vergaß Monja nie, er erzählte allen immer wieder davon. Als Folge dieser Tat entschied Monja, dass es keinen Sinn mehr gäbe, andere Bücher zu lesen. Er war schon genug belesen, und zwar über alle Maßen. Er wusste, welche Bücherserien besonders populär waren, um die auf Shodka zu kaufen und zu verkaufen. Das war genug, um Profit zu erwirtschaften. Und außer Profit bekam Monja noch vom Shodka volle Anerkennung. Er konnte alle Bücher beschaffen und allenfalls war er dazu ein Mann von Intelligenzia.

Seine Eltern unterstützten Monjas Bücherhobby öffentlich nicht, innerlich waren aber stolz darauf, dass ihr Sohn so ein Gefühl für Handel erbte. In der Tat, dieses Gefühl wurde Monja in die Wiege gelegt. Als er acht Jahre alt war, gelang es Genossen Chruschtschöw eine Lebensmittelkrise in der UdSSR zu provozieren. In Lebensmittelläden gab es überhaupt nichts zu sehen, weißes Brot bekamen nur Kranken bei Vorhandensein eines Attests vom Arzt, alle andere begnügten sich mit scheußlichem grauem Brot, das man aus schlechtem Weizen und Erbsen produzierte. Die Menge des Brotes, die man einkaufen durfte, war sehr begrenzt und Vorräte reichten nicht für alle. Deshalb stand man schon frühmorgens Schlange, um am Abend etwas Brot zu bekommen. In dieser düsteren Zeit zeigte sich Monjas Handelstalent in seiner vollen Pracht. Er, achtjähriger Knabe, stand um drei Uhr nachts auf, lief zum Bäckerei und stellte sich in der Schlange nicht bloß einmal an, sondern mehrmals. Später, als die Schlange schon groß genug war, verkaufte Monja fürs Kleingeld seine Plätze in der Schlange an Leute, die es eilig hatten. Monja kannte Genossen Chruschtschöw nicht persönlich, war aber sehr gestört, als man diesen Genossen durch Genossen Breschnew ersetzte. Monjas Business brach zusammen. Monja wurde bewusst, und zwar nicht aus zweiter Hand, dass man in der Sowjetunion private Unternehmer nicht zu schätzen pflegt, deswegen mochte er Genossen Breschnew nicht so sehr.

Noch weniger mochte Monja Genossen Andropow mit seiner idee fixe Arbeitsdisziplin zu befestigen und gegen Spekulanten zu kämpfen. Ein der populärste Witz damals war folgender:

Eines Morgens kommen ein Sekretär des Partkoms und ein Sekretär des Profkoms eines Betriebes zu einem Arbeiter nach Hause. Da fragen die seine weinende Frau, warum ihr Mann zur Arbeit nicht erschienen ist. 

Er ist in der Nacht gestorben – antwortete die Frau.

Gott sei Dank, wir dachten fast, dass er sich verspätet hat! 

Es wurde sogar gefährlich, Bücher auf dem Shodka zu verkaufen. Niemand wollte in Kerker. Für ein langes Jahr wurde Shodka geschlossen. Der unbegrenzte Gram nagte an Monja. In dieser Zeit verbreitete sich in der UdSSR Vorliebe für schwarze Poesie. Monja mochte die auch und oft zitierte, z. B., so was:

Oma erwartete ihre Enkelin zum Mittagessen,

fürsorglich löste sie Zyankali im Borschtsch auf,

Opa war wie gewöhnlich schneller,

Er befestigte die Enkelin mit Nägeln am Zaun. 

Sein Lieblingsvers war aber dieser:

 Ich hab den Schlosser Petrow gefragt,

Warum er einen Draht um de n Hals hat t e ,

Schweigt aber Petrow und antwortet nicht,

  Nur der Wind pendelt s eine Leiche l eicht.

Gewöhnlicherweise freute er sich nicht, als jemand starbt, aber als Genosse Andropow ablebte, trank Monja ein Gläschen Wodka, wenn auch er den Wodka nicht mochte, und bedankte sich beim Herrn Gott, ungeachtet davon, dass er nicht gläubig war.

Monja hatte nichts gegen Genossen Tschernenko, bei ihm kam alles zurück, so wie es immer war. Doch Genossen Gorbatschöw traute er nie. Wie konnte man überhaupt jemandem traut, der in Russland Prohibition einzuführen versuchte! Monja sagte gleich, dass daraus nur Schaden entstehen konnte. Und in der Tat, man vernichtete überall die besten Weinberge, die seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden in Georgien, Krim und in Südrussland florierten. Man begann in Georgien sogar alkoholfreien Wein zu produzieren. Monja lachte sich tot, als er so was zum ersten Mal sah. Der Klamauk dauerte nicht lange und alkoholfreier Wein war nicht das Schlechteste, was Prohibition mitbrachte, aber der wachsende Konsum der Drogen. Jugendliche, die kein Geld hatten, um Drogen zu kaufen, rochen Klebstoffe und Farbstoffe. Einige Jahre später schuf man Prohibition ab, doch die Angewohnheit, Drogen und Klebstoffe zu konsumieren, blieb. Was noch übrig blieb – ein Motto: „Von alkoholfreier Hochzeit zur unbefleckten Empfängnis!“.

Gewiss versehentlich und nicht wollend öffnete Genosse Gorbatschöw die Pandoras Büchse – Pressefreiheit. Während Perestroika und ein wenig danach war Russland das Land mit der größten in der Welt Auflage von Zeitungen und Zeitschriften. Sogar Monja las regulär eine Zeitschrift – Ogonök, und ihm standen Haare zu Berge. Solschenizyns Werke waren wie Kinderverse im Vergleich zu Artikeln, die da veröffentlicht wurden. Monja las auch ein sehr populäres in der Zeit Buch von Alexander Kabakow Nichtheimkehrer. Der Autor prophezeite den Zerfall der UdSSR, religiös-nationalistisch geprägte Regime, die in ehemaligen Sowjetrepubliken herrschen sollten und blutige Kriege zwischen diesen Republiken. Alle lachten über enorme Fantasie des Autors und niemand ahnte…

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Als Genosse Gorbatschöw Kooperative erlaubte, bekam Monja gleich das Gefühl, dass seine Zeit gekommen war. Er organisierte mit seinem Freund Nikodim ein Kooperativ. Einige Jahre danach pflegte Monja zu erzählen, dass er dafür seinen und seiner Frau Trauerringe verkaufte und Nikodim seine Violine von Stradivari. Daraus hatten sie beide genug Geld und wurden zu Sozii mit gleichen Anteilen im Geschäft. In Wirklichkeit borgten sie Geld bei ihren Verwandten und fuhren nach Kischinöw. Dort hatten sie einige Bekannten, die in der hiesigen Typografie arbeiteten. Die Unternehmer kauften fünf Tonnen Krimis, luden einen Lkw und kehrten nach Rostow zurück, wo sie diese fünf Tonnen Bücher in zwei Stunden verkauften, weil in der UdSSR solch ein Hunger nach Bücher damals herrschte. Sie glaubten ihrem Erfolg selbst nicht. Die nächsten sechs Monaten pendelten sie ständig zwischen Rostow und Kischinöw und waren völlig erschöpft. Aber die schwierigste Arbeit war dieses ganzes Kleingeld zu sortieren und zu zählen. Dann stellte sich die Frage – wohin mit dem Geld? Es gab noch keine privaten Banken und staatlichen Sparkassen traute man nicht (oder noch nicht). Ein Zimmer von Monjas Wohnung war bis zur Zimmerdecke mit Geld vollgestopft, was seine Frau nervte. Deswegen kauften die Unternehmer eine Datscha und lagerte dort im Keller ihr ganzes Geld. Als sie später ihr Lager inspizierten, stellten sie fest, dass hunderte tausend Rubel von Mäusen gefressen wurden. Das war aber halb so schlimm, weil es keine Möglichkeit in der UdSSR für sie gab, dieses Geld auszugeben – es gab nichts, um zu kaufen. Das Kooperativ funktionierte weiter, aber der Gewinn schrumpfte kontinuierlich, da viele ehemalige Spekulanten jetzt in dieser Branche tätig waren. Viele von denen sind auf  den Geschmack gekommen.

Auf einmal zerbrach der Sowjetunion, was laut Monjas Absichten nicht so traurig wäre, wenn gleichzeitig russische Bürger nicht verelendeten. Sie wollten Bücher kaufen, konnten aber nicht. Alles, was sie hatten, spendierten sie fürs Essen. Da kam Monja zur neuen geschäftlichen Idee – gebührenpflichtige Bücherei (staatliche Bibliotheken bekamen damals überhaupt keine neuen Bücher). Man bezahlte Pfand, dass dem Preis des Buches gleich war, dazu etwas fürs tägliche Benutzung vom Buch. Wenn jemandem ein Buch gefiel, gab er einfach dieses Buch nicht zurück. Die Bibliothek war nicht so profitabel, wie Buchverkauf, aber das Kooperativ hatte viele Büchereien, so reichte es Monja und Nikodim fürs Brot mit Butter und etwas Kaviar. Sie waren mit ihrem Los zufrieden, ketzerisch gesagt.

Die wirtschaftliche Lage Russlands verbesserte sich Schritt für Schritt und Leute waren wieder imstande, Bücher zu kaufen. Monja wollte diesmal Bücher nicht bloß verkaufen, er wollte die auch verlegen. Er wusste schon genau, dass man damit tausend Prozent Gewinn bekommen konnte und nicht nur wie gewöhnlich im Handel drei-fünf hundert Prozent. So entstand der Verlag Gamaün. Zuerst gab er ein-zwei Bücher pro Quartal heraus, aber die Auflage war hoch – ein-zwei Millionen Exemplare. Doch Glück ist bekanntlich nicht von Dauer. Verlage wuchsen wie Pilze, die Auflagen wurden langsam niedriger und niedriger – russische lesende Bürger verlangten nach Mannigfaltigkeit. Monja fühlte das und rief ins Leben eine Redaktion in seinem Verlag, aber ohne sichtbaren Erfolg. Nach einigen Monaten vergeblichen Versuchen selbst die Redaktion zu leiten musste Monja sich gestehen, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Er begann einen Chefredakteur zu suchen.

Also schön und gut empfing Monja Tomek in seinem Chefarbeitszimmer. Er mietete einige Zimmer in einem Haus, das noch vor der Revolution gebaut war, in Zentrum von Rostow. Eigentlich konnte er das ganze Haus und noch mehrere Häuser, genauso wie eine Typografie, kaufen, aber Monja hatte eine Regel, die er von seinen Vorfahren vererbte und die er pedantisch einhielt – Man muss nur das haben, das man im Falle eines Pogroms mit sich tragen kann. Und Monja besitze nichts, abgesehen von seiner Wohnung und einem gebrauchten Opel Astra.

Tomek sah ihr gegenüber einen lässig sitzenden Mann, der hinter der Blütezeit seines Lebens war, wohlbeleibt und fast glatzköpfig. Sein Hemd war ihm zu eng und man konnte sein haariges Bäuchlein sehen, das er unermüdlich kraulte. Er tat, als ob er freundlich und fröhlich war und begann sie gleich zu duzen. Monja duzte alle seine Leute und hatte nichts dagegen, wenn man ihn auch duzte, schätzte aber sehr, wenn jemand, ungeachtet Monjas Anordnungen, ihn siezte. Tomek entschied sich, dass sie Monja auch duzen wurde. Sie begegnete einem neuen Russen (Monja scherzte, dass er in einem Prozess war, seine Nationalität zu wechseln) zum ersten Mal und sie fühlte eine gewisse Neugier. Sie erinnerte sich vage, dass sie Monja ein paar Mal auf Shodka sah. Es wurde herausgestellt, dass sie einige gemeinsame Bekannten hatten. Danach beendete Monja Smalltalk und kam zur Sache. Tomek war verblüfft. Der monatliche Lohn, der Monja versprach, war größer, als sie in einem Jahr verdiente. Sie durfte selbst ihre Mitarbeiter aussuchen. Es gab keine festen Arbeitszeiten. Sie verpflichtete sich ihrerseits bis zu dreißig neuen Büchern monatlich herauszugeben. Der Hacken lag darin, dass es ein Leistungslohn war. Monja musste sich keine Sorgen machen, es gab keine Notwendigkeit, seine Mitarbeiter zum Arbeitsplatz zu kommen zwingen. Er wusste, dass beim Leistungslohn irgendetwas die Menschen bewogen wurde, ihr Bestes zu tun, und es spielte keine Rolle, ob es Gier, Stolz oder andere Motive sein sollten.

Tomek warf einen Blick in Monjas kleine listige Augen und nahm die Herausforderung an. Sie hatte keine blasse Ahnung von der Redaktionsarbeit, aber sie lernte schnell. Schon in einem Halbjahr konnte sie Monja seine dreißig monatlichen Bücher parat stellen. In diesem Halbjahr fand sie, dass die schwierigste Aufgabe für sie nicht die Tätigkeit als Chefredakteurin war, sondern obligatorische tägliche Gespräche mit Monja, die ihr zu viel Zeit kostete. Er zitierte sie ins Chefarbeitszimmer und begann ihr seine Visionen darzulegen. Der Clou des Ganzes war immer wieder derselbe – Monja wollte einer Verleger werden, wie Sytin in Russland vor der Revolution, der billige Bücher für armes Volk herausgab und fungierte dadurch als ein Aufklärer. Monja hatte seine eigene Vorstellung, wie ein Buch für armes Volk aussehen sollte. Er bevorzugte die billigsten Arten von Papier, die sehr grau, sogar dunkelgrau waren, dass man kaum noch gedruckte Buchstaben lesen konnte (aber wen schert das?), dazu passten billigste und scheußlichste Einbände. Was aber den Preis betraf, da kam Monja nicht in Einklang mit Sytin – seine Bücher kosteten etwas zu viel für armes Volk. XXXX XXX XXXXXXX XXXX XX XXX XXXXX XXXX XXX XXXXX XXX XX XX.

Zuerst waren diese Gespräche für Tomek interessant, dann wurde ihr langweilig, weil Monja immer wieder die gleichen Texte wiederholte und nichts unternahm, um irgendetwas zu realisieren. Als Verlag Gamaün zum ersten Mal dreißig Bücher in einem Monat veröffentlichte, war Monja sehr stolz und fühlte sich, als ob er schon Sytin wäre. Dann machte er etwas, daran die ganze Belegschaft des Verlags nicht glauben konnte – Monja traf die Entscheidung, in Frankfurter Buchmesse teilzunehmen und nahm Tomek mit. Die Entscheidung fiel, wie immer bei Monja, in der letzten Minute, deshalb konnte man keine billigen Tickets bei Aeroflot kaufen und sie flogen mit Lufthansa. Monja war sehr verstimmt und als Kompensation verlangte von Stewardess (doofe Kuh) nach Champagner. Die junge Flugbegleiterin versuchte den Aufstand im Keim zu ersticken und zu erklären, dass sie keinen Champagner ihm geben konnte, weil sie nur Sparkle Wine hatte. Also hatte sein Belang weder Hand noch Fuß. Um dieser Sache Garaus zu machen, probierte Tomek sich erfolgreich als Dolmetscherin. Monja klagte, dass für so teure Tickets Lufthansa echten Champagner servieren sollte, trank Sparkle Wine und erzählte anderen Passagieren, was für ein scheußliches Ding dieser Wein war. Ansonsten war der Flug sehr angenehm.

Sytin hin oder Sytin her, aber in einem Hotel zu wohnen, hielt Monja zur Geldvergeudung. Die Gamaün-Verlagsdelegation, die aus Monja, seine Frau und Tomek bestand, mietete zwei Zimmer nicht weit vom Messegelände bei einer alten Frau namens Müller, die darauf spezialisiert war, ausländische Studenten für einige Tage einzunehmen, weil ihre Rente ihr etwas zu klein schien. Diese Bleibe suchte ein Russe für sie aus. Monja fand diesen Russen durch eine lange Kette von Bekannten. Der Mann, Adam Adamowitsch, diente während Zweiten Weltkriegs unter General Wlasow und blieb nach dem Kriegsende in Deutschland, um nicht im Gulag zu landen. Er hatte eine gute Rente und ein Haus im Bad Homburg. In diesem Haus wohnten ständig viele Fahrer aus ehemaliger Sowjetunion, die deutsche gebrauchte Autos kauften und in allen Republiken dann verkauften. Adam Adamowitsch half ihnen dabei. Er brauchte eigentlich kein zusätzliches Geld, ihm war einfach langweilig und er mochte es, mit einfachen Leuten zu kommunizieren.

Frau Müller ahnte nicht, was auf sie wartete, als sie diese seltsamen Russen bei sich aufnahm. Frau Müller war eine Frau der alten Schule. Sie setzte den Frühstück für ihre Gäste vor und keinen Reim daraus machte, dass dieses Frühstück genau um sieben Uhr morgens stattfinden sollte.

Aber Monja war einer anderen Meinung. Er kam zum Frühstück wann er wollte, was brachte Frau Müller in Rage. Dazu klagte Monja immer wieder, dass er morgens daran sich gewöhnte, etwas Heißes zu essen und keine belegten Brötchen mit Wurst und Käse. Monja verheimlichte von Frau Müller seine Meinung nicht und wies vielmals an, was er wollte. Leider verstand Frau Müller kein einziges Wort auf Russisch. Sie sah mit gemischtem Gefühl von Angst und Empörung vor sich den Monja im Morgenkittel, der heftig gestikulierte und sprach sehr laut in Hoffnung, dass Frau Müller laut gesprochene Worte auf Russisch vielleicht doch verstehen würde. Ihrerseits antwortete Frau Müller auch sehr laut in Hoffnung, dass Monja laut gesprochene Worte auf Deutsch vielleicht doch verstehen würde. Sie sagte, dass ein zivilisierter Mann zum Frühstück in einem anständigen Anzug kommen sollte und nicht halb nackt. Leider verstand Monja kein Deutsch, genauso wie Tomek. Ihre Versuche sich mit Frau Müller auf Englisch zu verständigen waren alle umsonst. So zerbrach sich von selbst der erste Mythos, der man in Russland über Deutschland wusste, dass alle Deutsche fließend Englisch sprechen. Einmal verliefen sie sich in Frankfurt und nur der zehnte Passant verstand Englisch und zeigte ihnen den Weg.

Der zweite Mythos betraf deutsche angeborene Neigung zur Sauberkeit. Das stimmte überhaupt nicht. Tomek konnte keinen einzelnen Mensch sehen, der mit Zahnbürste den Bürgersteig putzte und die Frankfurter Straßen waren genauso schmutzig wie die in Rostow.

Der dritte Mythos, dass die Deutschen nur Bier trinken, wurde auch nicht bestätigt – man trank in Frankfurt Apfelwein vielleicht öfter, als Bier.

Frau Müller hatte noch einen Grund, um sich zu beschweren. Monja meinte, dass seine Firma ohne fortwährende Kontrolle unbedingt Pleite gehen könnte, deshalb telefonierte er jeden Tag mindestens zwei Stunden mit Rostow und verlangte von der russischen Seite ihm alles in Einzelheiten zu berichten. Frau Müller schätzte solches Remmidemmi nicht, wenn jemand ihr Telefon so lange benutzte. Aber da war noch etwas. Das werden wir Ihnen gleich ins Ohr flüstern. Monja litt unter Verstopfung, deshalb versuchte er zwei Sachen gleichzeitig zu tun – morgens nahm er Telefon auf sich und führte Verhandlungen aus der Toilette. Stundenlang. Alle andere sollten auf ihn warten und alle waren damit nicht gerade glücklich.

Morgens kam Adam Adamowitsch und sie fuhren zur Buchmesse. Monja mit seiner Sparsucht meldete den Verlag Gamaün nicht bei der Messe an und sie hatten keine Eintrittskarten. Deswegen führte Adam Adamowitsch sie durch Hintertür. Danach liefen sie quer durch die Messe. Tomek übersetzte Monja die Titel der Bücher, sie wählten einige Bücher und dann versuchten die Rechte für diese Bücher zu kaufen. Alle Verleger waren angemessen bekleidet. Tomek trug Businesskostüm und Highheels. Monja war der Meinung, dass er, als Reinkarnation von Sytin, brauchte so was nicht. Er trug zerknitterte Hose, Hemd und eine Jacke, die ihm zwei Nummern zu klein war. Dazu schaffte er es nicht immer, sich zu waschen und zu rasieren. Als ein Paar sahen sie etwas seltsam aus. Tomek begann die Verhandlungen, feilschte um die Bedingungen und dann übersetzte alles für Monja. Weil der Letzte feste Überzeugung war, dass diese ausländischen Kapitalisten ihn auszubeuten beabsichtigten, bestand er immer auf weiteren Preisnachlässen. Er zankte laut mit Tomek in Anwesenheit anderer Verleger. Die Letzten verstanden die Situation nicht und fragten Tomek, warum sie einen Ladearbeiter mitbrachte, sie würden ihr die auserwählten Bücher sowieso per Post schicken, und zeigten sich sehr erstaunt, als Tomek ihnen erklären musste, dass das der Besitzer des Verlags war. Tomek versuchte den Eindruck etwas zu mildern und erzählte, dass die Neuen Russen alle extravagant waren, doch die Kapitalisten sahen Monja sehr misstrauisch an. Aber einige Verleger konnten gut Russisch und dann war die Situation noch interessanter. Monja ließ das alles links liegen und wiederholte für Tomek sein Kredo – für das Vergnügen in Russland veröffentlicht zu sein sollten diese unbekannten Autoren ihm zusätzlich bezahlen. Tomek schwitzte und mochte den ersten Stein werfen (ketzerisch gesagt).


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