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Die geheime Reise der Mariposa
  • Текст добавлен: 17 октября 2016, 01:01

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Автор книги: Antonia Michaelis



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»Na?«, fragte Richard. »Trauste dich da rein?«

Marit sah seinen abschätzigen Blick, er musterte sie von oben herab, grinsend. Sie wusste, dass sie den Schlüssel aus der Tür ziehen, den Müll in die große Tonne kippen und einfach verschwinden sollte. Aber sein Blick ärgerte sie.

Sie machte einen Schritt in den dunklen Holzschuppen. Es roch nach Holz und nach Ratten. Direkt hinter der Tür stand ein hohes Regal voll staubiger Einmachgläser. Das Regal verbarg den Blick auf den Rest des Schuppens. Sie lauschte einen Moment und wurde sich bewusst, wie unsinnig das war. Natürlich gab es im Holzschuppen keine schlurfenden Schritte von Geistern mit Eisenketten an den Füßen.

»Hier ist niemand.«

Als sie sich zu Richard umdrehte, war er noch näher als zuvor. Ihre Nase berührte beinahe seinen Hals. Er schob die Schuppentür mit dem Fuß zu, sodass nur noch etwas Dämmerlicht durch die Ritze drang, und stützte seine Hände links und rechts von Marit auf die Regalbretter.

»Hier ist niemand?«, wisperte er. »Doch. Hier sind wir. Das reicht.«

Dann beugte er seinen Kopf und versuchte seine Lippen auf ihren zu platzieren, aber Marit drehte sich zur Seite, und der missglückte Kuss landete auf ihrer Wange: warm und feucht und ungeschickt.

»Was soll das?«, zischte sie. »Hör auf damit!«

Richards Hand packte ihr Kinn und drehte es zu sich. »Ich weiß nicht, was du hast«, wisperte er. »Sieht uns doch keiner!«

Sein Gesicht kam wieder näher, und sie ballte die Fäuste, um zuzuschlagen, aber in diesem Moment machte Richard wohl eine unkluge Bewegung, denn eine Kaskade von leeren Einmachgläsern fiel mit einem lauten Krachen vom Regal.

»Was ist denn da los?«, rief jemand. Frau Adam. Richard ließ Marit los. Über den Hof näherten sich Schritte und Frau Adam riss die Schuppentür auf. »Was macht ihr hier?«

»Wir … wollten etwas nachsehen«, murmelte Richard, während er die Gläser zurückstellte. Sie waren nicht kaputtgegangen. »Julia hat gesagt, es spukt hier, und …«

»So, so. Spukt«, sagte Frau Adam und zog Richard am Kragen aus dem Schuppen, obwohl er zwei Köpfe größer war als sie. »Und das glaubst du?«

»Nein«, sagte Richard und wand sich. »Ich …«

Marit schloss die Schuppentür, zog den Schlüssel ab und steckte ihn ein. »Und du?« Frau Adams Zeigefinger pikte sie in die Brust. »Wolltest du auch nachsehen, ob es spukt, junge Dame?« Sie schüttelte den Kopf. »Übrigens wohnst du ein Haus weiter, Richard. Da habt ihr einen eigenen Schuppen. Geh und guck dort nach, ob du einen Geist findest.«

Marit sah ihr nach, wie sie über den Hof davonschlurfte. Vielleicht, dachte sie, war es nur Frau Adam gewesen, die Julia im Schuppen hatte herumschlurfen hören. Als Richard gegangen war, hob sie den Abfalleimer auf und kippte seinen Inhalt in das gierige Maul der großen Metalltonne: Zwiebelschalen, verfaultes Gemüse, ein paar zerrissene Putzlumpen, starr vor Dreck. An einem der Putzlumpen war ein Knopf. Ein Hemdknopf. Sie sah genauer hin und entdeckte noch einen Knopf. Vielleicht waren es keine Putzlumpen. Marit überwand ihren Ekel, griff in die Mülltonne und zog ein Stück Stoff aus dem Durcheinander. Es sah aus, als wäre es einmal eine Hemdtasche gewesen. Auf dem Stoff prangte ein großer dunkler Fleck. Bräunlich rot. Blut.

Sie ließ den Fetzen fallen. Jemand hatte all diese Kleider sehr sorgfältig in Stücke gerissen, damit niemand sie als Kleider erkannte. Nicht sorgfältig genug. Sie hielt sich mit einer Hand die Nase zu, griff mit der anderen noch einmal in den Müll, tiefer jetzt, und stopfte die Kleiderfetzen tief zwischen die anderen Abfälle hinein, ehe sie den Deckel der Mülltonne schloss.

Als sie die Treppe hinaufging, zitterten ihre Knie. Hatte jemand vom Fenster aus gesehen, wie sie in der Tonne gewühlt hatte? Sie könnte sagen, sie hätte etwas gesucht, etwas versehentlich Weggeworfenes … In Marits Kopf hämmerte ein Wort: Nachtfalter, Nachtfalter … Mission Nachtfalter … Wo war Mama neulich Nacht gewesen? Brachte sie in der Dunkelheit Leute um? Würde sie Marit antworten, wenn sie sie fragte? Nein, dachte sie dann. Sie würde nicht fragen. Es war besser, die Antwort nicht zu wissen.

Sie spürte Richards Lippen noch auf ihrer Wange, als sie aufwachte. Nein. Es war etwas anderes. Etwas Feuchtes, Merkwürdiges, das nicht aus ihrem Traum stammte. Sie setzte sich auf, griff danach und schrie auf. Etwas Kleines, Glibberiges lag in ihrer Hand. Jemand lachte.

»Ein Tintenfisch«, sagte José hinter ihr. »Es ist ein Tintenfisch.«

»Oh«, sagte Marit. Jetzt sah sie, dass eine ganze Reihe von kleinen braunen Tintenfischen neben ihr im Sand lag. Daneben saß Kurt der Albatros und sah sehr stolz aus. Die Tintenfische hingegen sahen sehr tot aus.

»Er hat sie gefischt«, erklärte José. »Heute Nacht.«

Marit drehte sich um. Offenbar war José schon eine Weile wach. Er hatte sein Hemd ausgezogen und trug es in der Hand, und etwas befand sich darin; etwas Schweres.

Und als er die Zipfel des Hemds öffnete, ergoss sich ein Wasserfall an Orangen in den Sand. »Ich habe einen ganzen Baum voll gefunden«, sagte er.

Marit nahm eine Orange in die Hand. »Das«, sagte sie, »sind die schönsten Orangen, die ich jemals gesehen habe. Vielleicht liegt es daran, dass sie uns das Leben retten. Solange wir Orangen haben, werden wir nicht verdursten.«

»Fragt sich, wie lange sie ausreichen«, sagte José. »Na, verhungern werden wir auch nicht.« Er fuhr Kurt über den großen weißen Federkopf. »Solange jemand Tintenfische für uns fängt. Wir können sie grillen. Aber zuerst werde ich versuchen, diese Spitze zu suchen, die vor der Insel aus dem Wasser ragt. Die, die auf der Karte eingezeichnet ist. Und wenn ich sie gefunden habe, werde ich auch den Weg auf der Karte finden. Am Ende dieses Wegs ist das schwarze Kreuz. Vielleicht waren die Männer gestern Nacht nur Einbildung. Aber vielleicht waren sie es nicht. Vielleicht begreife ich, wer sie waren, wenn ich die Stelle mit dem Kreuz finde.«

»Warum sagst du › ich‹?«, fragte Marit. »Du sagst die ganze Zeit › ich‹! Willst du denn ganz allein suchen?«

»Ich dachte, du findest es vielleicht lächerlich und dumm, wenn ich suche.«

»Natürlich.« Marit setzte die zerknitterte karierte Mütze ihres Vaters auf. »Es istlächerlich und dumm. Du wirst keinen Piratenschatz finden und auch keine deutsche Funkstation. Du wirst gar nichts finden. Aber wenn es das ist, was dir wichtig ist – dann helfe ich dir, es zu suchen.«

José ging am Wasser entlang in die eine Richtung und Marit in die andere. Sie hatten beschlossen, sich bei ihrem Lagerplatz wiederzutreffen, wenn die Sonne am höchsten Punkt stand. Die Mitglieder ihres kleinen Zoos schienen ebenfalls die Insel zu erkunden. Chispa war mit den anderen Seelöwen davongeschwommen.

Marit wanderte eine ganze Weile durch die Hitze und ihr Mund klebte vom Saft der Orangen. Der Durst kam schneller wieder, als sie gedacht hatte. Bald, dachte Marit, bald ist die Regenzeit endgültig zu Ende und irgendwann wird es keine Orangen mehr geben.

»Dir reicht der Tau auf den Blättern«, sagte sie zu Carmen, die als Einzige bei ihr geblieben war und in ihrem Ärmel saß. »Aber wir werden jämmerlich vor die Hunde gehen. Und es gibt noch nicht mal Hunde hier.« Sie ließ sich resigniert in den Sand fallen. »Es gibt auch keine Spitze von irgendetwas, die aus dem Meer ragt.« In diesem Moment kam etwas aus dem Wasser und robbte auf sie zu.

»Chispa?«, fragte Marit.

Anstelle einer Antwort schnappte die Seelöwin Marit die Mütze vom Kopf und robbte damit wieder zum Wasser zurück.

»He!«, rief Marit und sprang auf. »Warte! Gib die Mütze her!«

Chispa drehte sich um. »Hol sie doch!«, schien sie zu sagen. »Na los! Du dachtest, ich hätte euch verlassen, aber ich bin zurückgekommen, um mit dir zu spielen.«

Jetzt entdeckte Marit die anderen Seelöwen im Wasser, und sie sah hilflos zu, wie sie begannen, ihre Mütze hin und her zu werfen. Schließlich schwammen sie mit der Mütze zwischen den Zähnen vom Strand weg, albern wie kleine Kinder.

»Nein!«, rief Marit. »Jetzt ist das Spiel zu Ende! Kommt zurück!«

Sie streifte ihre Sachen ab, hörte Carmen im Hemdsärmel empört quieken und rannte den Seelöwen nach, ins Wasser hinein. Es war wunderbar kühl nach der brennenden Sonne. Doch Marit dachte nicht an die Kühle. Sie musste die Seelöwen einholen. Sie hatten den einzigen Gegenstand, der sie mit der Vergangenheit verband. Plötzlich erschien es ihr, als wäre diese alte Schiebermütze das Wichtigste im Leben. Als könnte sie ohne die Mütze niemals herausfinden, wie die seltsamen Stücke ihrer Erinnerung zusammenhingen und welches Geheimnis sie verbargen. Denn etwasverbargen sie, da war Marit sich inzwischen sicher.

Sie sah die Seelöwen untertauchen – und da tauchte auch sie. Unter ihr lag ein Labyrinth aus zerklüfteten Felsen, bewachsen mit Korallen und mit Algenwäldern, die in den Wellen hin und her schaukelten. Bunte Fische schossen dazwischen umher, schwebten reglos im Wasser, schlängelten sich als glänzende Streifen durch das Algengrün … und dann sah sie das Schiff zwischen den Klippen. Es war nur noch die Erinnerung an ein Schiff: ein Grab aus Balken, Tauen und Brettern. Es war um ein Vielfaches größer als die Mariposa, doch es teilte ihr Schicksal. Marit tauchte auf, um Luft zu holen. Josés Urgroßvater fiel ihr ein, der Abuelito, der zur Isla Maldita gefahren und nie zurückgekehrt war. War dies sein Schiff gewesen? Oder das Schiff eines anderen Seefahrers, das auf die Klippen aufgelaufen und gesunken war, in lächerlich geringer Entfernung zum Land?

Es war schwer zu glauben, aber Marit wusste, dass eine Menge der Seeleute damals nicht hatten schwimmen können. Irgendwo hier hatte jemand um sein Leben gekämpft und vielleicht verloren. Und sie machte sich Sorgen um eine dumme Mütze.

Sie sah sich nach den Seelöwen um, und da waren sie, verspielt wie zuvor. Marit folgte ihnen in einem weiten Bogen zurück an Land. Dort ließ einer von ihnen Marits Mütze in den Sand fallen. Sie hätte sich die ganze Mühe sparen können.

Aber als sie die Mütze auswrang, wusste sie es plötzlich. Sie wusste, was die Spitze bedeutete, die auf Josés Karte aus dem Wasser ragte. Das gesunkene Schiff war lange gesunken, ehe Josés Großvater die Isla Maldita erreicht hatte. Es war schon gesunken, ehe die Karte gezeichnet worden war. Damals hatte das Wrack noch aus den Wellen geragt.

Hier, genau hier begann der Weg zum schwarzen Kreuz auf Josés Karte.

»Bist du sicher, dass es hier war?«, fragte José zwei Stunden später.

Marit nickte. »Aber schwimm ruhig raus und sieh dir die Reste des Wracks selbst an.«

Er schüttelte den Kopf. »Lass uns lieber die Reste des Weges finden.«

Sie gingen von der Stelle aus, an der Marit das gesunkene Schiff entdeckt hatte, auf einer möglichst geraden Linie landeinwärts. Dort, wo die niedrigen Büsche begannen, saß eine stumme Riesenschildkröte. Sie hatte Kopf und Beine eingezogen und schien zu schlafen.

»Vielleicht ist das ein Zeichen«, meinte José mit einem nervösen Lachen. »Sie bewacht den Anfang des Weges.«

Marit kniete sich hin und sah sich die Schildkröte genauer an. »Der Panzer ist leer«, sagte sie. »Diese Schildkröte ist seit Jahren tot. Oder seit Jahrzehnten. Vielleicht ist es tatsächlich ein Zeichen.«

José hielt sich die Karte dicht vor die Augen. »Hier steht eine Zahl. Zweihundert. Nach der Zahl biegt der Weg links ab. Zweihundert Meter?«

»Wer auch immer die Karte gemalt hat«, sagte Marit. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit einem Maßband unterwegs war. Versuchen wir es mit zweihundert Schritten.«

Sie kam sich lächerlich vor, während sie sich laut zählend mit José durchs Gebüsch kämpfte. Bunte Vögel flogen kreischend auf, gelbe Landleguane verschwanden raschelnd im Unterholz.

»Sie müssen uns für völlig verrückt halten«, murmelte Marit. »Hundertneunundneunzig … zweihundert. Hier müssen wir abbiegen. Ist hier irgendetwas? Etwas, das die Abbiegung kennzeichnet?

Sie kniff die Augen zusammen und sah sich um. Zweihundert Schritte waren nicht das Gleiche wie zweihundert Schritte. Sie konnten sich in der Schrittlänge geirrt haben. Oder ein wenig von der Richtung abgewichen sein …

»Da!«, sagte José. Marit folgte seinem Blick.

Ein Stück entfernt lag ein weiterer Schildkrötenpanzer. Und sie brauchte sich nicht davorzuknien, um zu wissen, dass er leer war. Sie bogen bei dem Panzer nach links ab, der Boden stieg jetzt an und eine weitere winzig hingekritzelte Zahl schickte sie mehrere Hundert Schritte aufwärts. Dort gab es noch einen Panzer, noch eine Zahl … und endlich führte die Karte sie zwischen glatten, abschüssigen Felsen hinauf. Der Weg mit seinen Biegungen ergab einen Sinn, zur Rechten und zur Linken hätte es keine Möglichkeit gegeben weiterzukommen.

»Jemand hat sich eine Menge Mühe gemacht, diesen Weg zu kennzeichnen«, flüsterte José. »Aber es ist keine besonders unauffällige Kennzeichnung.«

»Nein«, sagte Marit nachdenklich. »Und keine besonders nette. Er hat eine Menge Schildkröten getötet.«

Sie wanderten schweigend von Panzer zu Panzer, es war, als besuchte man einen Schildkrötenfriedhof, weit verteilt über die Insel. Sie wanderten lange, lange. Der Wald umschloss sie jetzt von allen Seiten mit seinen dichten grünen Mauern, Lianen woben sich ins Unterholz und große weiße und violette Blüten verströmten ihren Duft in schwindelnder Höhe. Die Sonne brannte nicht mehr auf sie herab, doch die Luft stand still und feuchtwarm zwischen den Stämmen. Marit sah auf ihre nackten Füße, die Josés Füßen durchs Unterholz folgten, weiter und weiter … und schließlich, nach einer Ewigkeit, blieben diese Füße stehen.

»Sieh nur!«, sagte José. »Hier sind auf der Karte zwei Kringel. Ich dachte, es wären die Nullen einer Zahl. Aber es sind keine Nullen.«

Marit hob den Kopf: Zur Linken des Weges klafften zwei annähernd runde schwarze Löcher im Fels.

»Höhlen«, sagte José. »Piratenhöhlen.«

Sie nickte. Ihre Augen vermochten das schwarze Dunkel in den Höhlen nicht zu durchdringen. Ein muffiger, dumpfer Geruch strömte ihnen von dort entgegen, der Geruch von Erde und Kälte und Vergangenem.

»Ein guter Unterschlupf«, sagte José. »Man hätte ein Dach über dem Kopf. Und schau, da steht ein Guavenbaum.«

Marit nahm die runde grüne Frucht, die er ihr reichte: eine Guave. Sie hatte noch nie eine Guave gegessen. Die dunkelgrüne Kugel verströmte einen seltsam heimeligen Geruch nach Gallseife und Kiefernwald. Marit biss hinein. Sie schmeckte auch nach Gallseife und Kiefernwald. Sie aß sie dennoch, dankbar für die wenige Flüssigkeit in ihrem festen grünen Fleisch. Und dann entdeckte sie eine Nische in der Wand der ersten Höhle, mit grobem Werkzeug vor langer, langer Zeit behauen: eine kühle steinerne Bank.

Am einen Ende der Bank war eine Vertiefung in den Stein geschlagen worden, etwas wie ein flaches Becken. Ein flaches Becken, das das Regenwasser fing. Marit war mit zwei Schritten bei dem Becken und streckte die Hand hinein – es war leer. Vielleicht war Wasser darin gewesen und die Hitze des Tages hatte es verdunsten lassen oder ein Tier hatte es getrunken. Sie ließ sich auf die Bank fallen. Es war, als hätten die Hoffnung auf Wasser und die Enttäuschung ihr die letzte Kraft genommen. Auf einmal hatte sie das Gefühl, sie könnte nie, nie wieder von dieser Steinbank aufstehen.

José stand über die Karte gebeugt. »Wenn dies hier also keine Nullen sind«, sagte er zögernd, »dann … dann sind es noch hundert. Hundert Schritte geradeaus, danach rechts und noch einmal fünfzig Schritte. Dann sind wir dort, wo auf der Karte das schwarze Kreuz ist.« Er musterte Marit. »Soll ich allein gehen? Willst du hier warten?«

»Nein«, flüsterte sie. »Nein, ich gehe mit. Ich habe die ganze verdammte Reise nur gemacht, um dir zu helfen, dieses Kreuz zu finden.«

José zog sie hoch. »Komm«, sagte er. Aber sie gingen jetzt langsam. Und es lag nicht nur an ihrer Erschöpfung.

Es war ein seltsames Gefühl, so nahe am Ziel zu sein. Da segelte man tage– und nächtelang über den Pazifik, floh vor dem Feuer, überlebte Stürme, ließ sich auf einem Floß ans Ufer treiben – und plötzlich sollte das Ende der Reise nur noch wenige Schritte entfernt sein.

Der letzte leere Schildkrötenpanzer besaß einen Sprung wie eine Schale, die jemand hatte fallen lassen. Als sie sich bei dem Panzer nach rechts wandten, standen sie noch immer in dichtem Wald. Aber dieses Stück Weg schien Marit breiter. Als würde es noch benutzt. Sie sah keine Spuren, die Erde war trocken und krümelig, und doch –

»José«, flüsterte sie. »Warte! Was … was glaubst du, was ist es? Das Ziel? Das schwarze Kreuz?«

»Ich weiß nicht«, sagte er. »Vielleicht ist es nur eine Stelle, an der man graben muss. Vielleicht ist es eine Erklärung dafür, weshalb man auf der Isla Maldita Stimmen hört und Fackeln sieht. Vielleicht treten dort irgendwelche Dämpfe aus der Erde. Oder vielleicht … vielleicht finden wir trotz allem einen Funkmast der Deutschen.«

»Den«, sagte Marit, »hätten wir inzwischen wohl über die Bäume gesehen.«

Die allerletzten Schritte machten sie so langsam, als trügen sie Schuhe mit Blei in den Sohlen.

Marit merkte erst, dass sie sich an den Händen gefasst hatten, als sie das Zittern in Josés Hand spürte. Und dann traten sie aus dem Wald auf eine winzige Lichtung, auf der spärliches Gras wuchs. Der Boden war ausgetreten von Hufen und Pfoten, Marit sah die Abdrücke hier deutlich. Aber es war nichts da. Ein paar Felsen hatten sich am anderen Ende der Lichtung versammelt wie versteinerte Riesenschildkröten. Sie gingen zu den Felsen hinüber. Die Felsen säumten etwas. Ein Versteck.

Erst als sie ganz nahe standen, sahen sie, was es war:

Zwischen den Steinen lag eine blanke, spiegelglatte, glänzende Fläche. Nur an einer Stelle störte eine Bewegung ihre Glätte. Dort rann etwas den Felsen hinab, rann aus einem Spalt weiter oben.

»Wasser«, sagte José verblüfft. »Es ist Wasser. Das schwarze Kreuz auf meiner Karte … ist eine Quelle.«

Lied der Riesenschildkröte

Vor tausend und tausend mal tausend Jahren

kroch ich schon übers Lavagestein.

Vor tausend und tausend mal tausend Jahren,

als die Menschen noch Kinder waren,

war der Pazifik mein.

Vor tausend und tausend mal tausend Jahren

schwamm ich schon mit dem Meeresgetier.

Vor tausend und tausend mal tausend Jahren,

ehe die Menschen den Hochmut gebaren,

gehörten die Inseln mir.

Tausend und tausend mal tausend Gelege

vergrub ich wie eine geheime Idee.

Tausend und tausend mal tausend Gelege

schlüpften und fanden tausend Wege

zurück in die rettende See.

Tausend und tausend Mal bin ich gestorben

durch des Menschen mordende Hand.

Tausend und tausend Mal bin ich gestorben,

ich wurde gestohlen, ich wurde verdorben,

und einsam lag er, der Strand.

Tausend Mal wurden Anker gelichtet,

und ich war an Bord, in dunklem Versteck.

Tausend Mal wurden Anker gelichtet,

und ich lag, lebendig zu Stapeln geschichtet,

zu Tausenden unter Deck.

Die Menschen denken, sie können vernichten,

die Menschen glauben, sie können richten,

aber sie irren sich sehr.

In tausend und tausend mal tausend Jahren,

wenn schon längst keine Schiffe mehr fahren,

dann spiele ich noch im Meer.

Ayudame!
Hilf mir!

Sie beugten sich über das kleine Becken, schöpften mit den Händen Wasser und tranken und tranken und tranken. Sie betranken sich an dem klaren Wasser, tauchten ihre Gesichter hinein, bespritzten einander damit und lachten wie kleine Kinder. Und so viel sie auch davon tranken, es floss ständig neues Wasser aus dem Felsspalt. Es war wie ein Wunder.

Irgendwo am Grund des natürlichen Steinbeckens versickerte das Wasser wohl in der Erde, und jetzt sah Marit auch, wie viel grüner es im Umkreis der Quelle war, wie viel übermütiger und höher die Pflanzen sprossen. Sie sah, woran es lag, dass sie hier plötzlich Spuren erkennen konnte: Die Erde war nicht länger trocken und krümelig. Sie war durchdrungen von Feuchtigkeit.

Schließlich ließen José und sie sich auf jenen feuchten Boden fallen und lagen einfach da und sahen in die Baumwipfel hinauf.

»Wir werden überleben«, sagte José. »Auch nach der Regenzeit. Die Quelle hat genug Wasser, sie versiegt nicht so schnell.«

»Ja«, sagte Marit. »Wir werden überleben.«

Sie setzte sich auf und malte Linien in die feuchte Erde. Ein Schiff.

»Nach der Regenzeit …«, murmelte sie. »Was glaubst du, wann kommt das nächste Schiff vorbei, das uns mitnehmen kann?«

»Irgendwann«, murmelte José. »Sie … kommen nicht so nahe an die Insel heran … Vielleicht …«

»Vielleicht kommt gar kein Schiff«, sagte Marit. »Nie. So ist es doch, nicht wahr?«

»Ach Unsinn«, knurrte José. Und dann hieb er mit der Faust in den Schlamm, dass es spritzte. »Ist das nicht irre?«, sagte er. »Da segle ich los, um einen Schatz zu finden oder ein Nest von Spionen. Ich segle von Baltra los, einer Insel, auf der es tonnenweise Wasser in Flaschen gibt, und wozu das alles? Um Wasser zu finden!«

»Hättest du lieber eine Kiste voll Gold und Edelsteinen gefunden?«, fragte Marit sanft. »Und wärst jämmerlich mit deiner Kiste im Arm verdurstet?«

José schnaubte und stand auf. »Wenn wir eine Weile hierbleiben«, sagte er, »sollten wir uns einen Unterschlupf suchen. Wir ziehen in die Höhlen. Fürs Erste, allerliebste Schwester«, fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu, »muss das reichen.«

»Fürs Erste reicht es, allerliebster Bruder«, sagte Marit.

José wanderte allein zum Strand zurück, um Kurts Oktopusvorrat zu holen.

Marit brach ein paar Zweige ab, band sie mit einer Kletterpflanze zu einer Art Besen zusammen und begann die größere Höhle – die mit der Bank – auszufegen. Dabei fand sie in den dunklen Schatten ganz hinten etwas Wunderbares: einen Topf und ein paar Glasscherben. Die Scherben konnte man womöglich als Messer benutzen. Der Topf war schwarz und dreckig und uralt, aber dicht. Marit säuberte ihn und holte Wasser, um das Becken in der Bank aufzufüllen. Sie besorgte Feuerholz und errichtete ein Lager aus Ästen und Blättern, auf dem sie weicher schlafen würden als auf dem bloßen Steinboden. Sie pflückte noch mehr Guaven. Ihre Hände arbeiteten rasch und sie summte dabei. Es war wie ein Spiel, das sie früher im Hof gespielt hatten, vor unendlich langer Zeit: damals, als selbst Richard noch klein gewesen war. Der Schuppen war ihr Haus gewesen und sie hatten Tische aus Holzscheiten errichtet und Betten aus alten Küchentüchern. Sie hatten Löwenzahnsuppe gekocht und Pudding aus Erde …

Doch der Holzschuppen war zu Asche verbrannt, mit all seinen Spielen und den schlurfenden Geistern darin.

Dies hier war Ernst. Marit lief die ganze Umgebung ab und fand zwei weitere Orangenbäume. Als sie mit ihrer Ausbeute zurückkam, saß ein rot-schwarzer Leguan auf der Steinbank und trank Wasser aus der Vertiefung darin.

»Uwe?«, fragte Marit ungläubig.

Uwe sah auf und schien zu nicken. Er fand es offenbar sehr bequem, dass er einmal kein Salz aus dem Meerwasser zu filtern brauchte. Hinten in der Höhle, wo die Schatten am kühlsten waren, entdeckte Marit einen Pinguin, der damit beschäftigt war, mit seinem Schnabel eine Guave zu bearbeiten. »Ich glaube nicht, dass Pinguine Guaven essen«, sagte Marit.

»Dann müssen wir ihm wohl einen Oktopus abgeben«, sagte José hinter ihr. Sie fuhr herum. Neben José saß Kurt, erschöpft von dem langen Fußmarsch. »Er wollte unbedingt mitkommen«, sagte José und seufzte. »Dein ganzer kleiner Zoo hat sich wieder eingefunden, was? Alle außer Chispa und Eduardo. Aber … was ist das?«

Oskar kam aus den Schatten gewatschelt, und neben ihm watschelte noch jemand: ein Vogel mit sehr großen blauen Füßen. Er musterte Marit, musterte José und verschlang dann einen Tintenfisch.

»Ein Tölpel!«, sagte Marit und ging in die Knie. »Ein Blaufußtölpel! Das waren Julias Lieblingstiere aus dem Buch von Mamas Professor! Ich dachte nicht, dass ihre Füße soblau sind.«

Der Tölpel betrachtete seine Füße ebenfalls und schien zufrieden mit ihrer Bläue.

»Nenn ihn Loco«, sagte José. »Der Verrückte. Er muss verrückt sein, wenn er freiwillig bei so einem wahnsinnigen Zoo einzieht.«

Als die Dunkelheit kam, loderte das Feuer hell in der Mitte der Höhle und der Geruch von bratendem Tintenfisch füllte sie aus. Es roch ein wenig nach verbranntem Gummi, aber Marit schien es an diesem Abend der schönste Duft der Welt.

Sie kochten in dem Topf Tee aus Blättern, von denen José behauptete, sie seien höchstwahrscheinlich ungiftig, und saßen auf der Steinbank und fütterten Carmen mit Orangenstückchen. Der Blaufußtölpel saß so nah am Feuer, wie es irgend ging, und schien im Schein der Flammen seine eigenen Füße zu bewundern.

»Ist das nicht seltsam?«, sagte Marit, als sie später auf dem notdürftigen Lager aus Zweigen und Blättern lagen, den schlafenden Zoo um sich versammelt. »Es ist, als wären wir ein altes Ehepaar mit einer Menge merkwürdiger Kinder.«

Da setzte José sich auf.

»Nein!«, sagte er mit unerwarteter Heftigkeit.

»Nein?«

»Eins musst du wissen«, fuhr José fort, etwas weniger heftig. »Wir haben alles geteilt auf unserer Reise und wir werden alles teilen auf dieser Insel. Aber du wirst immer meine Schwester sein. Nichts anderes.«

»Natürlich«, antwortete Marit überrascht, und dann begriff sie und lachte. »Das alte Ehepaar war nur ein dummer Witz«, sagte sie. »Keine Sorge! Ich habe nicht vor, dir einen Heiratsantrag zu machen. Ich kann gar nichts anderes brauchen als einen Bruder. Aber den, den brauche ich sehr.«

Am nächsten Morgen saß ein großer gelber Hund im Höhleneingang.

»Marit«, sagte José leise. »Ist das wieder so ein Tier, das dir zuläuft?«

»Ich weiß nicht«, flüsterte Marit. »Woher kommt ein Hund auf einer unbewohnten Insel?«

»Es ist ein wilder Hund«, sagte José. »Die Piraten haben seine Vorfahren hergebracht. Genau wie die Rinder und die Ziegen auf den Inseln, die Schweine und Katzen …«

Marit stand auf und ging auf den Hund zu. »Möchtest du gezähmt werden?«, fragte sie.

Der Hund fletschte die Zähne und ein tiefes, heiseres Knurren drang aus seiner Kehle. Marit wich zurück. Er folgte ihr in die Höhle, noch immer knurrend.

Da stand José auf, klatschte in die Hände und schrie: »Verschwinde, Mistköter!«

Das half. Der Hund machte kehrt und floh aus der Höhle und der Wald verschluckte ihn wie einen Albtraum.

José schüttelte den Kopf. »Die Abuelita würde sagen, das war kein gewöhnlicher Hund«, sagte er. »Sie würde sagen: Das war ein Zeichen. Etwas wird geschehen … Aber die Abuelita redet gewöhnlich Unsinn.

Er reichte Marit eine Frühstücksorange und eine Glasscherbe, um die Orange zu schälen, und eine Weile saßen sie schweigend in der Morgensonne, die durch das Blätterdach fiel und grüne Muster auf die Erde vor der Höhle malte. Marit lutschte an ihrer Orange und folgte den grünen Mustern mit den Augen. Und plötzlich entdeckte sie noch eine andere Sorte von Muster.

»José«, flüsterte sie. »Siehst du das? Hier auf dem Höhlenboden?«

José nickte, und sie sah, wie er blass wurde. Es waren Spuren. Nicht die Spuren eines Hundes. Die Spuren von Menschen, kaum sichtbar auf der festgetretenen Erde, aber eindeutig vorhanden.

»Jemand war hier, José«, flüsterte Marit. »Jemand mit Schuhen ohne Profil. Es kann nicht so lange her sein. Vielleicht ist heute Nacht jemand hier vorbeigegangen. Während wir schliefen. Der Topf und die Glasscherben, sie sind nicht so alt, wie wir dachten. Und der Hund, José … wenn es kein wilder Hund war? Wenn er jemandem gehört?«

José holte tief Luft. »Es wird Zeit«, sagte er mit grimmiger Entschlossenheit, »dass wir herausfinden, was hier los ist. Wir brauchen nur den Spuren zu folgen.«

Marit nickte, obgleich ihr nicht wohl dabei war. »Folgen wir den Spuren.«

Doch die Spuren der profillosen Schuhe wurden nach zwei Metern von einem Teppich aus Laub verschluckt. Kurt, Uwe, Oskar, Carmen und Loco saßen aufgereiht im Höhleneingang, als Marit vom Boden aufsah. Es war, als fragten sie: »Seid ihr fertig damit, auf dem Boden herumzuschnüffeln? Und was habt ihr als Nächstes für seltsame Dinge vor?«

»Wir könnten in die ungefähre Richtung gehen, aus der sie kommen«, meinte José.

»Nein, warte«, sagte Marit. »Die Quelle! Wenn jemand hier ist, muss er irgendwann zur Quelle kommen, um Wasser zu holen.«

»Gut«, sagte José entschlossen. »Wir trennen uns. Ich gehe in die Richtung, aus der die Spuren kommen, und du versteckst dich bei der Quelle.«

Marit steckte Carmen in die Tasche und hob Oskar hoch.

»Nimm ihn mit«, sagte sie. »Es ist nicht gut, allein durch den Wald der Isla Maldita zu gehen.«

José grinste. »Mit einem so wehrhaften Wachpinguin ist es natürlich vollkommen sicher«, sagte er. »Genauso sicher wie mit deiner Kampfratte.« Gerade da flog Loco auf und setzte sich auf Marits Schulter. »Und mit einem Jagdtölpel.«

Marit nickte. »José, ist es wirklich klug, dass wir uns trennen?«, fragte sie.

Er grinste sein breitestes Grinsen. »Wir trennen uns ja nicht für ewig«, sagte er und streckte die Hand aus, und einen Moment dachte sie, er wollte ihr durchs Haar streichen. Doch er streichelte den Blaufußtölpel auf ihrer Schulter.

»Nein«, sagte sie und schluckte. »Wir trennen uns nicht für ewig.«

Und sie bemühte sich, ebenfalls zu grinsen. Aber sie hatte ein schlechtes Gefühl. Als wäre ihr letzter Satz eine Lüge.

José ging lange Zeit in die Richtung, aus der die Spuren kamen, ohne etwas zu finden.

Oskar saß auf seinem Arm und betrachtete die Bäume und Schlingpflanzen ringsum voller Verwunderung. Schließlich merkte José, dass er abwärtsging, und kurz darauf war er wieder am Strand. An einem anderen Stück Strand. Doch dieses Stück Strand war so unbewohnt wie jenes, an dem sie in der ersten Nacht geschlafen hatten. Er seufzte, setzte Oskar ab und sah zu, wie er über den Sand watschelte und ins Wasser tauchte.

Ein Dröhnen in der Luft ließ ihn zusammenzucken. Er hob den Kopf. Ein Flugzeug. Dort oben flog ein Flugzeug in einer schnurgeraden Linie durch den Himmel. Die metallenen Tragflächen fingen die Sonne ein, sie funkelten wie Juwelen, und José spürte ein schmerzhaftes Ziehen in seinen Eingeweiden. Wie gern wäre er dort oben gewesen, hoch in der Luft! Wie gern hätte er die Maschine selbst durch das Blau gesteuert, frei wie die Fregattvögel … Würde er je nach Baltra zurückkehren, um zu fliegen?

Das Dröhnen des Flugzeugmotors wurde leiser und versickerte in der dunstigen Ferne. Und dann hörte José etwas anderes. Er hörte einen Schrei. Jemand schrie, irgendwo hinter ihm im Wald, weit entfernt. Er verstand die Worte nicht, doch es war ein hoher und angsterfüllter Schrei, und José merkte, wie die Haare auf seinen Armen sich aufstellten.


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