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Die geheime Reise der Mariposa
  • Текст добавлен: 17 октября 2016, 01:01

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Автор книги: Antonia Michaelis



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Sie hörte, wie sich die Haustür einer Hamburger Wohnung öffnete, mitten in der Nacht. Sie hörte Schritte im Flur vor ihrem Zimmer. Die Angst krallte sich um ihr Herz wie eine eisige Zange. Sie tappte im Nachthemd über den Dielenboden und öffnete leise die Tür zum Flur. Es war dunkel dort, aber in der Küche brannte Licht. Sie hörte, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde. Der Wasserhahn lief.

Jemand summte eine Melodie und die eisige Zange um Marits Herz zerbrach. Es war Mama. Aber von wo kam Mama um diese Zeit? Wo war sie gewesen? Warum summte sie?

In Marit begann etwas zu keimen, was keine Angst war. Eine Kreuzung aus Misstrauen, Trauer und Wut. Sie schob die angelehnte Küchentür auf und ging hindurch. Die Fliesen waren kalt unter ihren Fußsohlen. Mama saß am Küchentisch vor einem Glas Wasser. Als Marit hereinkam, ließ sie etwas in ihrer Tasche verschwinden. Ein Stück Papier. Ihr Füllfederhalter lag noch auf dem Tisch. Sie hatte etwas geschrieben.

»Marit«, sagte sie jetzt. Auf ihrem Gesicht war ein Lächeln.

»Wo warst du?«, fragte Marit.

»Ich … ich war nur im Hof unten. Ich habe …« Mama zögerte, sah sich um und zeigte auf den Schrank. »Ich habe mir die Nachtfalter angesehen. Da, siehst du?« An der Kante des Küchenschranks saß ein brauner Schmetterling mit schwarz-gelb gemusterten Flügeln. »Ist er nicht schön? Er saß am Holzschuppen. Ich habe ihn mit heraufgebracht. Ich wollte nachsehen, welche Sorte es ist.«

Marit trat näher an den Falter heran. Er rührte sich nicht. »Ist er tot?«

Mama lachte. »Aber nein. Er wundert sich nur, was er in unserer Küche soll. Ich bringe ihn zurück, sobald ich seinen Namen in meinem Buch gefunden habe.«

Marit sah auf. »In diesem Fall solltest du das Buch aus dem Wohnzimmer holen.«

»Oh«, sagte Mama. »Ja. Ja, das sollte ich wohl.«

War sie wirklich im Hof gewesen, um einen Nachtfalter zu bestimmen? Es war so … unsinnig. Aber manchmal tat Mama unsinnige Dinge. Vor allem in letzter Zeit. Vielleicht sagte sie die Wahrheit. Andererseits … Es konnte genauso gut sein, dass der Nachtfalter vollkommen zufällig in der Küche saß: eine Ausrede, sonst nichts.

»Schreibst du einen Brief?«, fragte Marit.

Mama schüttelte den Kopf. »Ich wollte aufschreiben, wie … wie er aussieht, weißt du? Der Falter.«

»Das ist doch alles gelogen«, sagte Marit. »Du hast dich mit jemandem getroffen. Mit einem Mann.«

»Vielleicht.«

Marit merkte erst, dass sie mit den Fäusten auf Mama losgegangen war, als Mama sie festhielt.

»Marit«, flüsterte sie. »Marit, hör auf! Das Leben, verstehst du … das Leben muss weitergehen.«

»Papa ist vielleicht gar nicht tot!«, zischte Marit. »Vielleicht hat er den Absturz seiner Maschine überlebt und … und liegt verwundet irgendwo in Frankreich und wartet darauf, dass der Krieg zu Ende geht und er nach Hause kommen kann. Und du rennst mitten in der Nacht weg … und triffst dich mit einem anderen! Du willst wohl, dass Papa nicht wiederkommt, wie? Du willst, dass er tot ist!«

Mama hielt sie auf Armeslänge von sich ab, und Marit dachte, sie würde ihr eine Ohrfeige geben für das, was sie da gesagt hatte. Doch Mama musterte sie nur für einen Moment, dann zog sie Marit an sich und drückte sie so fest, dass ihr die Luft wegblieb.

»Geh zurück ins Bett«, flüsterte sie. »Schlaf noch ein wenig.«

Am nächsten Morgen fand Marit den Nachtfalter auf dem Fensterbrett und ließ ihn hinaus. In der Tasche von Mamas Jacke, die am Haken hing, steckte ein Briefumschlag. Marit sah es, als sie zur Schule ging. Sie nahm den Umschlag heraus. Es war keine Briefmarke darauf, es gab keine Adresse. Vielleicht würde Mama den Umschlag selbst irgendwo einwerfen. In den Briefkasten eines Mannes, der nicht Papa war, dachte Marit bitter. Nur eine Zeile stand säuberlich in der Mitte des zugeklebten Umschlags:


Forschungsprojekt: Nachtfalter.

Auch José erinnerte sich. Er erinnerte sich, halb im Traum, daran, was auf Santiago geschehen war, ehe die beiden Amerikaner ihn bewusstlos gefunden hatten.

Er erinnerte sich, wie er sein Gewehr anlegte, wie er zielte und abdrückte. Und jetzt endlich sah er, auf wen er gezielt hatte: Es war kein Mensch gewesen. Es war ein junger Bulle.

Eines der verwilderten Rinder der Inseln, die hier keine natürlichen Feinde hatten und sich unkontrolliert vermehrten. Schon als sich der Schuss löste, wusste José, dass es Unsinn war, was er tat. Er konnte keinen ganzen Bullen auf die Mariposa schleppen. Er konnte sein Fleisch auch nicht an Land zerlegen. Es hätte ewig gedauert, und was wollte er hinterher damit anfangen? Zu Hause hatten sie das Fleisch der Bullen eingepökelt, aber hier hatten sie weder mehrere Kilo Salz noch die notwendige Zeit.

Aber er hatte abgedrückt und nun war es zu spät. Ehe der Schuss traf, trat Josés Opfer einen Schritt zur Seite, und so streifte die Kugel ihr Ziel nur. Der Bulle warf den Kopf zurück und brüllte seinen Ärger und seinen Schmerz in den Wald hinaus. Dann rannte er quer über die Lichtung auf seinen Angreifer zu. José schoss ein weiteres Mal. Er hatte keine Wahl mehr. Er musste den Bullen töten, sonst würde der Bulle ihn töten. Diese Kugel traf, doch auch sie verletzte das Tier nur und machte es noch ärgerlicher. José sprang zur Seite, der Bulle stürmte an ihm vorbei, brach krachend ins Unterholz – und kehrte um. Als José zum dritten Mal durchlud und zielte, hatte das Tier den Kopf gesenkt und kam in gestrecktem Galopp zurückgerast. José sah das Blut an seinem Hals und seiner Brust hinabrinnen. Er sah die dunklen Flecken auf seinem Fell. Und er sah die unbändige, rot geäderte Wut in den Augen des Tiers.

Der Schuss, der sich aus seinem Gewehr löste, löste sich zu spät. José sah nur noch einen Wirbel aus rasender, brodelnder Wut, ein Huf traf ihn am Kopf – und er erwachte aus seinem Erinnerungstraum, keuchend vor Schmerz.

»Ein … ein Bulle«, flüsterte er. »Es war nur ein Bulle. Und wir haben die ganze Zeit über gedacht …«

Der Schmerz hinter seiner Schläfe war noch immer da, er war zu real, um aus seiner Erinnerung zu stammen. Und dann merkte er, dass jemand mit einem kleinen harten Gegenstand an seine Schläfe hämmerte. Er versuchte die Augen zu öffnen und schaffte es nur mit Mühe. Die Wellen mussten über ihn geschwappt sein, ohne dass er es gemerkt hatte: Das Salz hatte seine Wimpern verklebt und verkrustet. Er blickte aus schmalen Schlitzen in das Gesicht – eines Flamingos. Hatte Eduardo beschlossen, der erste menschenfressende Flamingo zu werden? Jetzt bog er den Hals zur Seite und vollführte ein paar komplizierte Bewegungen mit seinen Flügeln. José folgte seinem Blick. Und da begriff er mit einem Schlag, was der Flamingo ihm sagen wollte. Es ging um Marit.

Sie war ins Wasser gerutscht, nur ihre Arme befanden sich noch auf der ehemaligen Kajütentür. Und sie rutschte weiter. Auch sie hatte die Augen geschlossen. José griff nach ihrer Hand und versuchte sie hochzuziehen, zurück auf die Tür. Aber er hatte keine Kraft mehr. Er, der ein Mann hatte sein wollen, war so schwach geworden wie ein Kind. Alles, was er tun konnte, war, Marits Hand nicht loszulassen.

»Marit!«, wollte er rufen, doch er flüsterte ihren Namen nur. Er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, und verstummte, um zu lauschen. Ihre Worte waren leise wie der Wind am anderen Ende der Welt, doch nach einer Weile verstand er Fetzen von dem, was sie sagte.

Da war das Wort »Nachtfalter« und das Wort »Telefon«. Sie wiederholte ihren Satz, und schließlich verstand José: »Sie hat es auch am Telefon gesagt. Nachtfalter. Es geht um die Nacht-falter … Mission Nachtfalter … einen Tag bevor alles brannte …« Träumte Marit? Ihre Sätze ergaben keinen Sinn. »Das Schiff!«, flüsterte sie jetzt. »Waterwegs Schiff! Wie hieß es?«

Mari Nocturna, dachte José. Die Nächtliche Maria. Nein. Plötzlich verstand er, warum das a am Namen Maria fehlte. »Mari« war eine Abkürzung: die Abkürzung von »Mariposa«. Auch Waterwegs Schiff trug den Namen Mariposa. Mariposa Nocturna.Der Nachtfalter.

Aber wer hatte das Wort am Telefon gesagt? Und wo? In London? Eine Welle überspülte das Floß, riss an Marit – riss ihre Hand aus Josés Hand.

»Nein!«, schrie er. Wollte er schreien. Er schrie nicht. Es war ein stummes Nein.

Er sah Marit versinken, wie er die Mariposa hatte versinken sehen. Er wollte den Kopf heben, um zu sehen, ob ein Wunder geschehen und eines der Schiffe wiedergekommen war. Ob alles in letzter Sekunde noch gut würde. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Sein Kopf sank zurück auf das Holz der Bank und er schloss die Augen wieder.

Lied des Blaufußtölpels

Der Pinguin schwimmt, vor allen Dingen.

Der Fink, der singt voll Süße.

Der Albatros hat die größten Schwingen.

ICH habe die schönsten Füße.

Wale sind riesig. Delfine sind klug.

MIR sind meine blauen Füße genug.

Ich kann auch tanzen, den schwierigsten Tanz,

wenn ich die Liebste grüße.

Ich fliege und tauche voll Eleganz,

doch am schönsten sind meine Füße.

Sie sind sooo schön. Vom blauesten Blau.

Willst du sie sehen? Komm, schau genau.

Du, Bruder Mensch, hast weit und breit

die Welt dir untertan gemacht.

Doch deine Füße – welch ein Leid! –

sind hässlich wie die Nacht.

La cruz negra
Das schwarze Kreuz

Marit lag in ihrem Bett, zu Hause in Hamburg, und hörte den Fliegeralarm. Sie lag ganz still da. Sie wusste, sie musste aufstehen, den Koffer nehmen und mit Mama und Julia hinunter in den Luftschutzkeller gehen. Nein. Sie würde einfach hier liegen bleiben, bis alles wieder still war. Es würde nichts passieren. Es gab so oft Alarm. Es passierte nie etwas.

»Marit! Wach auf!« Das war Mama. Sie musste direkt neben Marits Bett stehen. Und dann sagte sie etwas Seltsames. Sie sagte: »Dies ist die Nacht. Beim nächsten Alarm, haben sie gesagt, ist es an uns, mit den Nachtfaltern zu fliegen.«

Marit rieb sich die Augen. »Was?«

Sie sah Mama lächeln, obwohl es doch dunkel war. »Später. Später erkläre ich es dir«, sagte sie. »Beeil dich jetzt. Ich kümmere mich um Julia.«

Marit schlüpfte in ihre Sachen. Etwas streifte ihre Wange – vielleicht war es einer der nächtlichen Schmetterlinge. Sie beeilte sich, das Hemd über den Kopf zu ziehen, aber sie war zu verschlafen und zu verwirrt: Sie verhedderte sich darin, fand die Ärmel nicht, fand den Kragen nicht, steckte fest, konnte nicht mehr atmen … Verzweifelt schlug sie um sich, rang nach Luft und schluckte Wasser. Und endlich begriff sie, dass es kein Hemd war, das sie festhielt: Es war der Ozean. Sie bekam einen Stoß vor die Brust, einen an die Schulter, etwas schubste sie nach oben: Marit tauchte auf, spuckte Wasser und füllte ihre Lungen mit Luft. Da waren Körper um sie herum, große, geschmeidige Körper, dicht an dicht, die sie vorwärtsstießen, spielerisch, übermütig.

Die Körper von Seelöwen.

Die Benommenheit wich von Marit, und sie sah sie jetzt deutlich: ihre blitzenden Knopfaugen, ihre runden Köpfe, die zitternden Schnurrhaare. Und dann sah sie die Felsen. Ihre Spitzen ragten aus dem Wasser, schwarz und feucht glänzend, bewachsen mit Algen und Seepocken. Die Seelöwen schubsten ihr menschliches Spielzeug durch ein Labyrinth aus scharfem Stein, und als Marit den Kopf hob, sah sie das Ufer einer Insel. »Ist … ist sie das?«, flüsterte sie. »Die Isla Maldita?«

Gleich darauf spürte sie Sand unter sich, zog sich auf einen Strand und blieb dort liegen. Die Seelöwen scharten sich um sie und beäugten sie voller Neugier. Eines der Tiere rieb seinen Kopf an Marits Kopf und da erkannte sie die Seelöwin.

»Chispa«, flüsterte sie. »Sie ist es, nicht wahr? Die Insel, zu der José wollte. Aber wo ist er? Habe ich ihn verloren, dort draußen auf dem Meer? Für … immer?«

Chispa sah zurück zum Wasser und Marit folgte ihrem Blick. Dort trieb ein seltsames Gefährt heran, ein Floß, bestehend aus einer Kajütentür und einer Schiffsbank. Das Floß fand den Weg durch das steinige Labyrinth langsam von selbst, verkantete sich manchmal zwischen den Felsen, löste sich wieder und wurde weiter von der Dünung des Meeres herangetragen. Ein Albatros und ein Flamingo schwammen dahinter auf dem Wasser, ein Wasserleguan. Und war das ein Pinguin? Auf dem Floß jedoch lag eine reglose Gestalt mit braun gebrannter Haut und schwarzem Haar.

Da war es, als kehrte die Kraft in Marits Körper zurück, und sie schaffte es, aufzustehen und ins Wasser zurückzuwaten.

»José!«, rief sie heiser. »José, hörst du mich?«

Er hatte die Augen geschlossen. Eine weiße Salzwasserkruste verklebte seine Lider. Jetzt, jetzt war das Floß ganz nah. Marit packte seinen Rand und zog es auf den Strand. Die Tiere, die das Floß begleitet hatten, kamen an Land, und als der Albatros sein weißes Gefieder schüttelte, fiel etwas Kleines, Braunes heraus: Carmen.

Marit beugte sich über José. Er lag auf dem Bauch, und sie konnte nicht sehen, ob er atmete.

»José!«, sagte sie noch einmal, verzweifelter.

Da hob er den Kopf und sah sie an.

»Sieh mal einer an«, wisperte er. »Du bist ja noch am Leben.«

In diesem Moment begann es zu regnen.

Der Regen wusch ihnen das Salz von der Haut, wusch ihnen die Hitze aus dem Kopf und die Erschöpfung aus dem Herzen. Sie lagen nebeneinander im Sand, hielten ihre Gesichter den Tropfen entgegen und spürten, wie das Leben in sie zurückkehrte.

Schließlich fielen die letzten Tropfen in den Sand. Auf den regennassen Klippen sah Marit wieder rote Strandkrabben umherlaufen, übermütig wie Kinder, die in Pfützen springen. Kurt watschelte mitten zwischen sie, balancierte seinen wuchtigen weißen Körper über die Felsen und begann die feuerroten Meeresgeschöpfe zu fangen. Er fraß sie nicht, sondern legte sie neben José und Marit in den Sand, mehr und mehr, gepackt von plötzlicher Sammelleidenschaft.

»Ein Feuer«, sagte Marit. »Wir brauchen ein Feuer, José. Wir können sie braten.«

»Damit der Rauch uns verrät?«, fragte José. »An die, die vielleicht hier auf der Insel sind?«

»Nicht, damit der Rauch uns verrät«, erwiderte Marit. »Damit wir nicht verhungern.«

Sie sah zu, wie José die Krabben mit einem Stein tötete, sie zuckte bei jedem Schlag zusammen.

»Ich töte sie nicht, um ihnen wehzutun«, sagte José ernst, »sondern damit wir nicht verhungern.«

Marit sammelte Holz hinter dem Strand, und nach einer Menge Versuchen und Flüchen gelang es José, aus zwei kleinen Steinen einen Funken zu schlagen. Während die Flammen in den Himmel loderten und sie mit den Schalen der Krabben kämpften, war es dunkel geworden. Ihre Kleider waren an ihnen getrocknet und hoch über ihnen blinkten die Sterne.

»Hier sitzen wir also auf der Isla Maldita«, sagte José bitter. »Wir haben es geschafft. Wir sind da. Aber wir besitzen nichts mehr. Nichts außer der Karte. Kein Schiff, kein Gewehr, nicht einmal ein Messer.«

Marit griff in ihre Hosentasche und zog ein zerknülltes Stück Stoff hervor. »Ich habe die alte Mütze meines Vaters«, sagte sie. »Und ich habe eine Reisratte in meinem Ärmel.«

Aber natürlich hatte José recht. Sie hatten nichts mehr. Sie waren der Isla Maldita ausgeliefert. Ihr und ihrem Geheimnis.

José griff ebenfalls in seine Tasche. Er holte eine mehrfach gefaltete Plastikhülle hervor, zog ein Stück Papier heraus und glättete es.

»Die Karte«, wisperte Marit. Jetzt sah sie sie zum ersten Mal. Casafloras Hülle hatte an einigen Stellen das Wasser durchgelassen und dort waren die Linien auf der Karte verschmiert und unkenntlich. Abgesehen davon bestand sie aus dem Umriss der Insel und einer Menge konzentrischer Kreise. Oder eher Ovalen, ineinandergeschachtelten Ovalen. In der Mitte dieser Ovale gab es je einen Stern.

»Höhenlinien«, sagte Marit. »Das sind Höhenlinien, José. Die kleinen Zahlen sind die eingezeichneten Höhenmeter. Geschätzten Höhenmeter, würde ich sagen. Der höchste Punkt ist der Stern.«

»Natürlich«, sagte José, aber sie hörte, dass er nicht daran gedacht hatte. »Allerdings ist der Stern nicht der höchste Punkt. Er ist der tiefste. Der Krater des ehemaligen Vulkans. Alle Inseln haben Vulkane. Alle Inseln sindVulkane. Aber darum geht es nicht. Siehst du das Kreuz dort?«

Marit nickte. Es war winzig und schwarz, auf eine gewisse Weise schwärzer als der Rest der Zeichnung.

»Es führt ein Weg hin«, sagte José. »Hier, die gestrichelte Linie.«

Die Linie begann am Strand neben etwas, das aussah wie ein Felsen im Wasser: eine Spitze, die aus einer Wellenlinie hervorbrach.

»Vielleicht sind das die Klippen, genau hier, am Rand der Bucht«, sagte Marit.

José schüttelte den Kopf. »Die Klippen sind unter Wasser. Zum größten Teil. Es muss noch etwas am Strand geben, etwas Großes, das aus dem Wasser ragt. Und das müssen wir finden. Von dort aus folgen wir dem gestrichelten Weg. Morgen.«

»Falls es den Weg noch gibt«, sagte Marit. »Die echte Karte, die dein Vater als Kind abgezeichnet hat, wie alt war die? Hundert Jahre? Ich fürchte, das Reisebüro dieser unbewohnten Insel hat nicht daran gedacht, den alten Piratenweg jedes Jahr freizuschneiden.«

José knurrte. »Wer weiß«, sagte er, »ob sie so unbewohnt ist, wie sie scheint.«

Und dann begann die erste Nacht auf der Isla Maldita, und sie gehörte zu den langen Nächten, die niemals zu enden scheinen. Wie viele solche Nächte hatte es gegeben, seit sie unterwegs waren! Nächte im Sturm, Nächte voller Misstrauen, Nächte, in denen sie eingesperrt gewesen waren … Nächte, in denen José nicht gewusst hatte, wer wer war und wem er trauen konnte.

Diese Nacht war voll von den wispernden Geistern aus den Geschichten der Abuelita.

José lauschte den Stimmen im Busch und sagte sich, dass es nur die Stimmen von Tieren waren. Er schloss die Augen und versuchte zu schlafen.

Dies ist die Isla Maldita,flüsterte die Abuelita. Wer weiß, ob der, der dort einschläft, je wieder erwacht! Hast du nicht gesehen, dass der Wald hier tiefer und dunkler ist als auf den anderen Inseln? Sie lauern darin, sie schleichen sich näher, gerade in dieser Minute schleichen sie sich an …

»Wer denn?«, murmelte José schlaftrunken.

»Ich weiß nicht«, flüsterte Marit. »Aber sie kommen näher!«

Er fuhr hoch. Marit hatte seinen Arm umklammert und starrte in die Dunkelheit. Der Mond war abhandengekommen, die schmale Sichel des letzten Tages hatte sich nun ganz aufgelöst. Im fahlen Licht der Sterne sah José, was Marit meinte: Etwas kam aus dem Wald, etwas Geducktes. Menschen, die auf allen vieren näher krochen. Ein ganzes Dutzend. José schüttelte sich. Nein. Es waren keine Menschen. Maschinen, dachte José. Es war eine seltsam plumpe Sorte von Maschinen, die sich über den Strand bewegte, etwas, das die Deutschen erfunden hatten, aber wozu? War dies das Geheimnis der Isla Maldita? Er stand auf, näherte sich einer von ihnen, vorsichtig, Schritt für Schritt. Doch seine Schritte waren unstet und müde. Und so stolperte er im Dunkeln und schlug der Länge nach hin. Er wollte nicht schreien, es war dumm zu schreien, aber er schrie. Er war zu erschöpft und die Nacht war zu dunkel, und er hatte zu viele Geschichten über die Isla Maldita gehört und über die Deutschen und ihren Krieg.

Dann blickte er in ein uraltes Gesicht, das sich über ihn beugte. Ein Gesicht auf einem faltigen Hals, ein Gesicht mit seltsam menschlichen Augen. Josés Anspannung löste sich und er brach in ein hysterisches Lachen aus. »Es ist … Es sind … Schildkröten!«, sagte er.

Da lachte auch Marit. Die Schildkröte vor José zog den Kopf ein Stück ein. Vermutlich war sie noch nie Wesen begegnet, die so abnorme Geräusche von sich gaben.

»Ich hatte es vergessen«, sagte Marit. »Dass es sie gibt. Dass sie so unglaublich groß sind. In Mamas Buch stand, ein Mensch könne sich im hohlen Panzer einer toten Schildkröte verstecken. Und dass sie absolut friedlich sind.«

José knurrte. »Natürlich. Es gibt sie auch auf Isabela. Aber ich bin ihnen nie nachts begegnet. Warum schlafen sie nachts nicht? Schildkröten haben nachts zu schlafen.«

»Vielleicht schlafwandeln sie«, meinte Marit. »So wie ich manchmal.«

»Nein«, sagte José ärgerlich. »Das Biest, vor dem ich im Sand gelandet bin, war wach. Es hat mich angesehen. Und ich glaube, es hat gegrinst.«

Er legte sich wieder in den Sand, schloss die Augen und schlief endlich fest ein.

Als er das nächste Mal erwachte, geschah es, weil Uwe an seinem bloßen Unterarm kratzte.

»Marit«, murmelte er. »Ich glaube, dein Leguan kann nicht schlafen. Marit?«

Aber der Platz neben ihm war leer. José setzte sich auf und versuchte ganz wach zu werden. Er starrte den Abdruck im Sand an und hatte das seltsame Gefühl, wieder auf Santiago zu sein. Dort hatte er einen ähnlichen Abdruck angestarrt – in jener Nacht, in der er herausgefunden hatte, dass Casaflora für die Deutschen arbeitete.

Vielleicht schlafwandeln sie, hörte er Marit wieder sagen. So wie ich manchmal … Er sah sich um. Hielt einer von Marits Träumen sie gefangen? Er musste sie finden. Sie war dazu imstande, direkt in das schwarze Wasser zurückzulaufen. Wie seltsam, dachte er. Mal war sie eine jüngere Schwester, um die man sich kümmern musste, und mal eine ältere, die sich um ihn kümmerte. Aber die Träume, die sie träumte, waren stets die gleichen.

»Ich wünschte«, wisperte er Uwe zu, »ich könnte sie an ihrer Stelle träumen. Vielleicht wäre ich dann wirklich ein Held.«

In dem Moment, als er das sagte, sah er sie. Sie war zwischen den niedrigen Büschen unterwegs ins Innere der Insel.

Er sprang auf und lief über den Strand, vorbei an zwei Riesenschildkröten, die jetzt in ihren Panzern zu schlafen schienen.

»Marit!«, rief José leise, doch sie drehte sich nicht um. »Marit, bleib stehen!«

Er arbeitete sich durch Dornen und Äste voran, aber es war seltsam: Er kam ihr nicht näher. Der Abstand zwischen ihnen schien immer gleich zu bleiben. Oder bildete er sich das ein? Marits Schatten vor ihm bewegte sich durch höheres und höheres Gestrüpp, schließlich sah er den Schatten nur noch von Zeit zu Zeit auftauchen. Wie lange folgte er ihr schon über die Insel? Ein paar Minuten? Eine Stunde? Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Er wusste nur, dass er Marit nicht aus den Augen verlieren durfte. Und plötzlich kam ihm ein beunruhigender Gedanke: Was, wenn sie es gar nicht war?

Wenn er jemand anders folgte? Jemandem, der gekommen war, damiter ihm folgte?

José blieb stehen. Der Wald war dicht und undurchdringlich hier. Würde er zurückfinden, wenn er es versuchte? Wie dunkel es war! Er hielt den Atem an und lauschte. Etwas raschelte zu seiner Rechten. Etwas Großes. Es ist nur ein wilder Bulle, dachte José, ein Bulle wie auf Santiago … Er hörte jetzt deutlich Schritte. Menschliche Schritte. Als José weiterging, schienen sich die Schritte parallel zu ihm zu bewegen. Wer immer dort war, wusste er, dass José hier war? José blieb wieder stehen. Und da sah er den Feuerschein. Er tanzte durch die Stämme der Bäume zu seiner Rechten, tanzte jetzt auf ihn zu und verwandelte den Wald in ein bewegliches Schattengebilde. José erkannte nicht, wer das Feuer trug, aber eines war sicher: Es war kein Tier.

Und diesmal auch keine Schildkröte. Es war ein Mensch. José besaß nichts, um sich zu verteidigen.

Er drehte sich um, um zu fliehen, da kam ihm aus der anderen Richtung ein ähnlich unstetes Flackern entgegen. Fackeln, dachte er. Sie tragen Fackeln. Aber wer waren sie?

Und wo war Marit?

Hab ich es dir doch gesagt,flüsterte die Abuelita, es ist keine gute Idee, die verfluchte Insel zu betreten. Über die Schildkröten hast du gelacht, ja, aber nun hast du nichts mehr zu lachen, nun ist es aus mit dir …

Der Feuerschein zur Rechten bewegte sich an José vorbei, und dann rief jemand: »Señor? Ich hab sie! Ich hab sie gefunden!« Es war die Stimme eines Mannes. José hatte sie noch nie gehört. Kurz darauf trafen sich die beiden Fackelträger irgendwo vor ihm im Busch. Er atmete auf. Sie waren an ihm vorbeigegangen, ohne ihn zu bemerken. Jetzt flüsterten sie wieder. Er verstand nur Wortfetzen:

»… arme Kleine, allein hier zwischen …«

»… sie nicht gefunden … der Wald ist voller …«

»… schon früher … auf dem Schiff und …«

Marit, dachte José. Sie sprechen über Marit.

»… die Erinnerung«, sagte jetzt eine der beiden Stimmen. »… die Träume … stets die gleiche Nacht … sie sieht die Stadt brennen … dass ihre Schwester tot …« Und dann, zuletzt: »… muss ein Ende haben.«

Danach entfernten sich die Schritte, begleitet vom Fackelschein. José stand einen Moment wie gelähmt. Woher wussten die dort in der Dunkelheit, wovon Marit träumte? Wer waren sie? Er folgte ihnen zögernd, schlich dem Schattentanz der Äste nach, holte ein Stück auf … und endlich erkannte er wenigstens so etwas wie zwei Schemen: einen kleinen, schmächtigen und einen großen, breitschultrigen. Der große trug eine leblose Gestalt über der Schulter. Verglichen mit seinem hünenhaften Körper wirkte sie winzig und zerbrechlich, als hätte die Nacht sie schrumpfen lassen: Marit. Wie merkwürdig, dachte José. Er hatte die gleiche Situation schon einmal erlebt, nur umgekehrt: im Busch auf Santiago. Damals war er es gewesen, der über der Schulter eines Fremden weggetragen wurde. Und Marit war ihnen gefolgt. Marit hatte Steine geworfen, sie abgelenkt, ihn befreit. Hier gab es keine praktischen Felsen in der Nähe, von denen aus er etwas werfen könnte.

Wenn er nur gewusst hätte, was mit Marit geschehen war! War sie verletzt?

Die Männer traten aus dem Wald auf eine freie Fläche hinaus und wateten nun durch hüfthohes Gras wie durch Wasser. José blieb einen Moment zwischen den Bäumen stehen. Schließlich holte er tief Luft und sprintete los. Er würde mit seinen bloßen Händen kämpfen. Er musste es versuchen.

Er kam nicht weit.

Nach ein paar Metern stolperte er über etwas, das im hohen Gras lag, und fiel der Länge nach hin, zum zweiten Mal in dieser Nacht. Als er diesmal aufsah, war es keine Riesenschildkröte, die sich über ihn beugte. Es war Marit.

»José?«, flüsterte sie und blinzelte, eben erst erwacht. »Was … was ist passiert? Wo sind wir?«

Er öffnete den Mund, doch er war unfähig zu antworten. Er verstand nichts.

»Bin ich wieder im Schlaf gewandert?«, wisperte Marit. Dann nickte sie und antwortete sich selbst. »Ja, das bin ich wohl. Und du bist mir gefolgt, damit ich nicht in irgendeinen Vulkankrater falle.«

Da fand José endlich Worte, doch sie ergaben wenig Sinn. »Wie … wie kannst du hier sein?«, flüsterte er. »Du hingst eben noch über der Schulter dieses Mannes.« …

Er stand auf und half Marit auf die Beine. Die weite, hügelige Pampa war leer. Da war nur hohes Gras. Keine Gestalten, die jemanden wegtrugen. Marit legte eine Hand auf seinen Arm, eine warme Hand in der kalten Nacht. »Kann es sein«, fragte sie leise, »dass auch du bisweilen dumme Träume träumst?«

Den Rest der Nacht verbrachten sie am Strand, dicht nebeneinander, als müssten sie sich gegenseitig wärmen. Doch die Kälte, die José spürte, kam von innen. Er hatte ein Stück seines Hemds abgerissen und Marits rechtes Handgelenk an sein linkes gebunden. Er hatte keine Lust, noch einmal aufzuwachen und den Platz neben sich leer vorzufinden. Er wusste nicht mehr, was Traum und was Wirklichkeit war. Die Isla Maldita ließ die Grenzen verschwimmen.

Vielleicht, dachte er, ehe er einschlief, war es das: Vielleicht war sein Urgroßvater einfach verrückt geworden. Vielleicht gab es gar nichts Besonderes auf dieser Insel – keine herumgeisternden Piraten, keine deutschen Spione. Vielleicht wurde einfach nur jeder hier verrückt. Aber was lag dann an der Stelle verborgen, an der in der Karte das schwarze Kreuz eingezeichnet war?

Als sie wieder neben José im Sand lag, fragte sich Marit, was sie geträumt hatte. Ihr Traum war unterbrochen worden, und sie wusste, dass sie ihn zu Ende träumen musste. Sie fühlte den Stoffstreifen um ihr Handgelenk und lächelte in der Nacht.

»Mein dummer Bruder«, flüsterte sie, weil sie wusste, dass er schlief und sie nicht hörte. »Glaubst du, ein Streifen Stoff könnte die Dinge ändern? Die Geschichte wird so enden, wie sie enden soll, und wenn das bedeutet, dass ich in den Busch gehe und dort jemanden treffe, dann werde ich in den Busch gehen und jemanden treffen.«

Plötzlich wusste sie wieder, was sie geträumt hatte, als José über sie gestolpert war.

Sie hatte im Hof gestanden, zu Hause … und sie schloss die Augen und stand abermals dort. Sie trug den Küchenabfalleimer, aus dem es nach fauligem Gemüse roch. Es war Abend, ein Abend, nicht lange nach der Sache mit dem Nachtfalter. Im Hof hopste Julia auf und ab und schwang ein Springseil. Sie redete mit jemandem, während sie hopste.

»Und dann habe ich …« – ein Hopser – »sie wieder gehört, die …« – ein Hopser – »Schritte. So schlurfend …« – ein letzter Hopser – »wie von einem mit einer Eisenkette am Bein.«

Sie war stehen geblieben und sah zu den Mülltonnen, und da entdeckte Marit die Gestalt, die zwischen den Tonnen an der Mauer lehnte. Richard.

»So, so«, sagte Richard langsam. »Soo, soo.«

»Was machst du hier?«, fragte Marit.

»Ich rede mit deiner kleinen Schwester«, sagte Richard und löste seine lange Gestalt aus dem Schatten. »Was dagegen?«

»Julia, geh rein und wasch dir die Hände«, sagte Marit. »Wir essen gleich.«

Julia zog eine Schnute, hopste aber gehorsam ins Haus, und gleich darauf hörte Marit, wie sie die Treppe hinaufrannte.

»Weißt du, was sie mir erzählt hat?«, fragte Richard und trat noch einen Schritt näher. Nur der stinkende Mülleimer in Marits Armen befand sich noch zwischen ihr und Richard. Sie hielt ihn fest wie einen Schild.

»In eurem Holzschuppen spukt es.« Richard bemühte sich um ein theatralisches Flüstern.

»Wenn du Julia fragst, spukt es überall«, antwortete Marit. »Unter ihrem Bett, im Kleiderschrank …«

»Wollen wir mal nachsehen, ob es im Schuppen wirklich spukt?«, fragte Richard und hielt etwas hoch, über den Mülleimerschild. Einen Schlüssel. Marit erkannte ihn. Es war der Schuppenschlüssel. Mamas Schuppenschlüssel mit dem roten Anhänger.

»Woher hast du den?«, fragte sie. »Wir suchen ihn seit Tagen.«

»Gefunden«, antwortete Richard. »Unter der Mülltonne, ganz hinten. Ihr solltet besser darauf aufpassen.« Er ging vorwärts und zwang Marit rückwärtszugehen, auf die Tür des Holzschuppens zu.

»Kommst du mit?«, flüsterte er. »Ist sicher dunkel dort. Wahrscheinlich hast du zu viel Angst, oder? Dass es wirklich spuken könnte.«

»Unsinn«, sagte Marit und stellte den Mülleimer ab. »Gib den Schlüssel her.«

Richard schob sie beiseite, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Die Schuppentür öffnete sich mit einem rostigen Quietschen nach innen.


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