Текст книги "Сиддхартха (На немецком языке)"
Автор книги: Герман Гессе
Жанр:
Зарубежная классика
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Vergeblich waren auch die Versuche des Kaufmanns, Siddhartha zu Xberzeugen, dass er sein, Kamaswamis, Brot esse. Siddhartha aX sein eignes Brot, vielmehr sie beide aXen das Brot anderer, das Brot aller. Niemals hatte Siddhartha ein Ohr fXr Kamaswamis Sorgen, und Kamaswami machte sich viele Sorgen. War ein GeschXft im Gange, welchem Misserfolg drohte, schien eine Warensendung verloren, schien ein Schuldner nicht zahlen zu kXnnen, nie konnte Kamaswami seinen Mitarbeiter Xberzeugen, dass es nXtzlich sei, Worte des Kummers oder des Zornes zu verlieren, Falten auf der Stirn zu haben, schlecht zu schlafen. Als ihm Kamaswami einstmals vorhielt, er habe alles, was er verstehe, von ihm gelernt, gab er zur Antwort: "Wolle mich doch nicht mit solchen SpXen zum Besten haben! Von dir habe ich gelernt, wie viel ein Korb voll Fische kostet, und wie viel Zins man fXr geliehenes Geld fordern kann. Das sind deine Wissenschaften. Denken habe ich nicht bei dir gelernt, teurer Kamaswami, suche lieber du es von mir zu lernen."
In der Tat war seine Seele nicht beim Handel. Die GeschXfte waren gut, um ihm Geld fXr Kamala einzubringen, und sie brachten weit mehr ein, als er brauchte. Im Xbrigen war Siddharthas Teilnahme und Neugierde nur bei den Menschen, deren GeschXfte, Handwerke, Sorgen, Lustbarkeiten und Torheiten ihm frXher fremd und fern gewesen waren wie der Mond. So leicht es ihm gelang, mit allen zu sprechen, mit allen zu leben, von allen zu lernen, so sehr ward ihm dennoch bewusst, dass etwas sei, was ihn von ihnen trenne, und dies Trennende war sein Samanatum. Er sah die Menschen auf eine kindliche oder tierhafte Art dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie sich mXhen, sah sie leiden und grau werden um Dinge, die ihm dieses Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine Lust, um kleine Ehren, er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah sie um Schmerzen wehklagen, Xber die der Samana lXchelt, und unter Entbehrungen leiden, die ein Samana nicht fXhlt.
Allem stand er offen, was diese Menschen ihm zubrachten. Willkommen war ihm der HXndler, der ihm Leinwand zum Kauf anbot, willkommen der Verschuldete, der ein Darlehen suchte, willkommen der Bettler, der ihm eine Stunde lang die Geschichte seiner Armut erzXhlte, und welcher nicht halb so arm war als ein jeder Samana. Den reichen auslXndischen HXndler behandelte er nicht anders als den Diener, der ihn rasierte, und den StraXenverkXufer, von dem er sich beim Bananenkauf um kleine MXnze betrXgen lieX. Wenn Kamaswami zu ihm kam, um Xber seine Sorgen zu klagen oder ihm wegen eines GeschXftes VorwXrfe zu machen, so hXrte er neugierig und heiter zu, wunderte sich Xber ihn, suchte ihn zu verstehen, lieX ihn ein wenig Recht haben, eben so viel als ihm unentbehrlich schien, und wandte sich von ihm ab, dem NXchsten zu, der ihn begehrte. Und es kamen viele zu ihm, viele um mit ihm zu handeln, viele um ihn zu betrXgen, viele um ihn auszuhorchen, viele um sein Mitleid anzurufen, viele um seinen Rat zu hXren. Er gab Rat, er bemitleidete, er schenkte, er lieX sich ein wenig betrXgen, und dieses ganze Spiel und die Leidenschaft, mit welcher alle Menschen dies Spiel betrieben, beschXftigte seine Gedanken ebensosehr, wie einst die GXtter und das Brahman sie beschXftigt hatten.
Zuzeiten spXrte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme, die mahnte leise, klagte leise, kaum dass er sie vernahm. Alsdann kam ihm fXr eine Stunde zum Bewusstsein, dass er ein seltsames Leben fXhre, dass er da lauter Dinge tue, die bloX ein Spiel waren, dass er wohl heiter sei und zuweilen Freude fXhle, dass aber das eigentliche Leben dennoch an ihm vorbeiflieXe und ihn nicht berXhre. Wie ein Ballspieler mit seinen BXllen spielt, so spielte er mit seinen GeschXften, mit den Menschen seiner Umgebung, sah ihnen zu, fand seinen SpaX an ihnen; mit dem Herzen, mit der Quelle seines Wesens war er nicht dabei. Die Quelle lief irgendwo, wie fern von ihm, lief und lief unsichtbar, hatte nichts mehr mit seinem Leben zu tun. Und einigemal erschrak er ob solchen Gedanken und wXnschte sich, es mXge doch auch ihm gegeben sein, bei all dem kindlichen Tun des Tages mit Leidenschaft und mit dem Herzen beteiligt zu sein, wirklich zu leben, wirklich zu tun, wirklich zu genieXen und zu leben, statt nur so als ein Zuschauer daneben zu stehen. Immer aber kam er wieder zur schXnen Kamala, lernte Liebeskunst, Xbte den Kult der Lust, bei welchem mehr als irgendwo geben und nehmen zu einem wird, plauderte mit ihr, lernte von ihr, gab ihr Rat, empfing Rat. Sie verstand ihn besser, als Govinda ihn einst verstanden hatte, sie war ihm Xhnlicher.
Einmal sagte er zu ihr: "Du bist wie ich, du bist anders als die meisten Menschen. Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist eine Stille und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und bei dir daheim sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen haben das, und doch kXnnten alle es haben."
"Nicht alle Menschen sind klug," sagte Kamala.
"Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso klug wie ich, und hat doch keine Zuflucht in sich. Andre haben sie, die an Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala, sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft, und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn. Unter allen Gelehrten und Samanas, deren ich viele kannte, war einer von dieser Art, ein Vollkommener, nie kann ich ihn vergessen. Es ist jener Gotama, der Erhabene, der VerkXndiger jener Lehre. Tausend JXnger hXren jeden Tag seine Lehre, folgen jede Stunde seiner Vorschrift, aber sie alle sind fallendes Laub, nicht in sich selbst haben sie Lehre und Gesetz."
Kamala betrachtete ihn mit LXcheln. "Wieder redest du von ihm," sagte sie, "wieder hast du Samana-Gedanken."
Siddhartha schwieg, und sie spielten das Spiel der Liebe, eines von den dreiXig oder vierzig verschiedenen Spielen, welche Kamala wusste. Ihr Leib war biegsam wie der eines Jaguars, und wie der Bogen eines JXgers; wer von ihr die Liebe gelernt hatte, war vieler LXste, vieler Geheimnisse kundig. Lange spielte sie mit Siddhartha lockte ihn, wies ihn zurXck, zwang ihn, umspannte ihn: freute sich seiner Meisterschaft, bis er besiegt war und erschXpft an ihrer Seite ruhte.
Die HetXre beugte sich Xber ihn, sah lang in sein Gesicht, in seine mXdgewordenen Augen.
"Du bist der beste Liebende," sagte sie nachdenklich, "den ich gesehen habe. Du bist stXrker als andre, biegsamer, williger. Gut hast du meine Kunst gelernt, Siddhartha. Einst, wenn ich Xlter bin, will ich von dir ein Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Samana geblieben, dennoch liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen. Ist es nicht so?"
"Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha mXde. "Ich bin wie du. Auch du liebst nicht X wie kXnntest du sonst 'die Liebe als eine Kunst betreiben? Die Menschen von unserer Art kXnnen vielleicht nicht lieben. Die Kindermenschen kXnnen es; das ist ihr Geheimnis."
SANSARA
Lange Zeit hatte Siddhartha das Leben der Welt und der LXste gelebt, ohne ihm doch anzugehXren. Seine Sinne, die er in heiXen Samana-Jahren ertXtet hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum gekostet, hatte Wollust gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er lange Zeit im Herzen noch ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die Kluge, richtig erkannt. Immer noch war es die Kunst des Denkens, des Wartens, des Fastens, von welcher sein Leben gelenkt wurde, immer noch waren die Menschen der Welt, die Kindermenschen, ihm fremd geblieben, wie er ihnen fremd war.
Die Jahre liefen dahin, in Wohlergehen eingehXllt fXhlte Siddhartha ihr Schwinden kaum. Er war reich geworden, er besaX lXngst ein eigenes Haus und eigene Dienerschaft, und einen Garten vor der Stadt am Flusse. Die Menschen hatten ihn gerne, sie kamen zu ihm, wenn sie Geld oder Rat brauchten, niemand aber stand ihm nahe, auXer Kamala.
Jenes hohe, helle Wachsein, welches er einst, auf der HXhe seiner Jugend, erlebt hatte, in den Tagen nach Gotamas Predigt, nach der Trennung von Govinda, jene gespannte Erwartung, jenes stolze Alleinstehen ohne Lehren und ohne Lehrer, jene geschmeidige Bereitschaft, die gXttliche Stimme im eigenen Herzen zu hXren, war allmXhlich Erinnerung geworden, war vergXnglich gewesen; fern und leise rauschte die heilige Quelle, die einst nahe gewesen war, die einst in ihm selber gerauscht hatte. Vieles zwar, das er von den Samanas gelernt, das er von Gotama gelernt, das er von seinem Vater, dem Brahmanen, gelernt hatte, war noch lange Zeit in ihm geblieben: mXiges Leben, Freude am Denken, Stunden der Versenkung, heimliches Wissen vom Selbst, vom ewigen Ich, das nicht KXrper noch Bewusstsein ist. Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des TXpfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam ermXdet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der Askese, das Rad des Denkens, das Rad der Unterscheidung lange weiter geschwungen, schwang immer noch, aber es schwang langsam und zXgernd und war dem Stillstand nahe. Langsam, wie Feuchtigkeit in den absterbenden Baumstrunk dringt, ihn langsam fXllt und faulen macht, war Welt und TrXgheit in Siddharthas Seele gedrungen, langsam fXllte sie seine Seele, machte sie schwer, machte sie mXde, schlXferte sie ein. DafXr waren seine Sinne lebendig geworden, viel hatten sie gelernt, viel erfahren.
Siddhartha hatte gelernt, Handel zu treiben, Macht Xber Menschen auszuXben, sich mit dem Weibe zu vergnXgen, er hatte gelernt, schXne Kleider zu tragen, Dienern zu befehlen, sich in wohlriechenden Wassern zu baden. Er hatte gelernt, zart und sorgfXltig bereitete Speisen zu essen, auch den Fisch, auch Fleisch und Vogel, GewXrze und SXigkeiten, und den Wein zu trinken, der trXge und vergessen macht. Er hatte gelernt, mit WXrfeln und auf dem Schachbrette zu spielen, TXnzerinnen zuzusehen, sich in der SXnfte tragen zu lassen, auf einem weichen Bett zu schlafen. Aber immer noch hatte er sich von den andern verschieden und ihnen Xberlegen gefXhlt, immer hatte er ihnen mit ein wenig Spott zugesehen, mit ein wenig spXttischer Verachtung, mit eben jener Verachtung, wie sie ein Samana stets fXr Weltleute fXhlt. Wenn Kamaswami krXnklich war, wenn er Xrgerlich war, wenn er sich beleidigt fXhlte, wenn er von seinen Kaufmannssorgen geplagt wurde, immer hatte Siddhartha es mit Spott angesehen. Langsam und unmerklich nur, mit den dahingehenden Erntezeiten und Regenzeiten, war sein Spott mXder geworden, war seine Xberlegenheit stiller geworden. Langsam nur, zwischen seinen wachsenden ReichtXmern, hatte Siddhartha selbst etwas von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer Kindlichkeit und von ihrer Xngstlichkeit. Und doch beneidete er sie, beneidete sie desto mehr, je Xhnlicher er ihnen wurde. Er beneidete sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit, welche sie ihrem Leben beizulegen vermochten, um die Leidenschaftlichkeit ihrer Freuden und Xngste, um das bange, aber sXe GlXck ihrer ewigen Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre Kinder, in Ehre oder Geld, in PlXne oder Hoffnungen verliebt waren diese Menschen immerzu. Er aber lernte dies nicht von ihnen, gerade dies nicht, diese Kinderfreude und Kindertorheit; er lernte von ihnen gerade das Unangenehme, was er selbst verachtete. Es geschah immer Xfter, dass er am Morgen nach einem geselligen Abend lange liegen blieb und sich dumpf und mXde fXhlte. Es geschah, dass er Xrgerlich und ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit seinen Sorgen lang weilte. Es geschah, dass er allzu laut lachte, wenn er im WXrfelspiel verlor. Sein Gesicht war noch immer klXger und geistiger als andre, aber es lachte selten, und nahm einen um den andern jene ZXge an, die man im Gesicht reicher Leute so hXufig findet, jene ZXge der Unzufriedenheit, der KrXnklichkeit, des Missmutes, der TrXgheit, der Lieblosigkeit. Langsam ergriff ihn die Seelenkrankheit der Reichen.
Wie ein Schleier, wie ein dXnner Nebel senkte sich MXdigkeit Xber Siddhartha, langsam, jeden Tag ein wenig dichter, jeden Monat ein wenig trXber, jedes Jahr ein wenig schwerer. Wie ein neues Kleid mit der Zeit alt wird, mit der Zeit seine schXne Farbe verliert, Flecken bekommt, Falten bekommt, an den SXumen abgestoXen wird und hier und dort blXde, fXdige Stellen zu zeigen beginnt, so war Siddharthas neues Leben, das er nach seiner Trennung von Govinda begonnen hatte, alt geworden, so verlor es mit den hinrinnenden Jahren Farbe und Glanz, so sammelten sich Falten und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen, hier und dort schon hXlich hervorblickend, wartete EnttXuschung und Ekel. Siddhartha merkte es nicht. Er merkte nur, das jene helle und sichere Stimme seines Innern, die einst in ihm erwacht war und ihn in seinen glXnzenden Zeiten je und je geleitet hatte, schweigsam geworden war.
Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die TrXgheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das tXrichteste stets am meisten verachtet und gehXhnt hatte: die Habgier. Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schlieXlich eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last geworden. Auf einem seltsamen und listigen Wege war Siddhartha in diese letzte und schnXdeste AbhXngigkeit geraten, durch das WXrfelspiel. Seit der Zeit nXmlich, da er im Herzen aufgehXrt hatte, ein Samana zu sein, begann Siddhartha das Spiel um Geld und Kostbarkeiten, das er sonst lXchelnd und lXssig als eine Sitte der Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefXrchteter Spieler, wenige wagten es mit ihm, so hoch und frech waren seine EinsXtze. Er trieb das Spiel aus der Not seines Herzens, das Verspielen und Verschleudern des elenden Geldes schuf ihm eine zornige Freude, auf keine andre Weise konnte er seine Verachtung des Reichtums, des GXtzen der Kaufleute, deutlicher und hXhnischer zeigen. So spielte er hoch und schonungslos, sich selbst hassend, sich selbst verhXhnend, strich Tausende ein, warf Tausende weg, verspielte Geld, verspielte Schmuck, verspielte ein Landhaus, gewann wieder, verspielte wieder. Jene Angst, jene furchtbare und beklemmende Angst, welche er wXhrend des WXrfelns, wXhrend des Bangens um hohe EinsXtze empfand, jene Angst liebte er und suchte sie immer zu erneuern, immer zu steigern, immer hXher zu kitzeln, denn in diesem GefXhl allein noch fXhlte er etwas wie GlXck, etwas wie Rausch, etwas wie erhXhtes Leben inmitten seines gesXttigten, lauen, faden Lebens. Und nach jedem groXen Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen, denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem Reichtum seine Verachtung zeigen. Siddhartha verlor die Gelassenheit bei Verlusten, er verlor die Geduld gegen sXumige Zahler, verlor die GutmXtigkeit gegen Bettler, verlor die Lust am Verschenken und Wegleihen des Geldes an Bittende. Er, der zehntausend auf einen Wurf verspielte und dazu lachte, wurde im Handel strenger und kleinlicher, trXumte nachts zuweilen von Geld! Und so oft er aus dieser hXlichen Bezauberung erwachte, so oft er sein Gesicht im Spiegel an der Schlafzimmerwand gealtert und hXlicher geworden sah, so oft Scham und Ekel ihn Xberfiel, floh er weiter, floh in neues GlXcksspiel, floh in BetXubungen der Wollust, des Weines, und von da zurXck in den Trieb des HXufens und Erwerbens. In diesem sinnlosen Kreislauf lief er sich mXde, lief er sich alt, lief sich krank.
Da mahnte ihn einst ein Traum. Er war die Abendstunden bei Kamala gewesen, in ihrem schXnen Lustgarten. Sie waren unter den BXumen gesessen, im GesprXch, und Kamala hatte nachdenkliche Worte gesagt, Worte, hinter welchen sich eine Trauer und MXdigkeit verbarg. Von Gotama hatte sie ihn gebeten zu erzXhlen, und konnte nicht genug von ihm hXren, wie rein sein Auge, wie still und schXn sein Mund, wie gXtig sein LXcheln, wie friedevoll sein Gang gewesen. Lange hatte er ihr vom erhabenen Buddha erzXhlen mXssen, und Kamala hatte geseufzt, und hatte gesagt: Einst, vielleicht bald, werde auch ich diesem Buddha folgen. Ich werde ihm meinen Lustgarten schenken, und werde meine Zuflucht zu seiner Lehre nehmen." Darauf aber hatte sie ihn gereizt, und ihn im Liebesspiel mit schmerzlicher Inbrunst an sich gefesselt, unter Bissen und unter TrXnen, als wolle sie noch einmal aus dieser eiteln, vergXnglichen Lust den letzten sXen Tropfen pressen. Nie war es Siddhartha so seltsam klar geworden, wie nahe die Wollust dem Tode verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite gelegen, und Kamalas Antlitz war ihm nahe gewesen, und unter ihren Augen und neben ihren Mundwinkeln hatte er, deutlich wie noch niemals, eine bange Schrift gelesen, eine Schrift von feinen Linien, von leisen Furchen, eine Schrift, die an den Herbst und an das Alter erinnerte, wie denn auch Siddhartha selbst, der erst in den Vierzigern stand, schon hier und dort ergraute Haare zwischen seinen schwarzen bemerkt hatte. MXdigkeit stand auf Kamalas schXnem Gesicht geschrieben, MXdigkeit vom Gehen eines langen Weges, der kein frohes Ziel hat, MXdigkeit und beginnende Welke, und verheimlichte, noch nicht gesagte, vielleicht noch nicht einmal gewusste Bangigkeit: Furcht vor dem Alter, Furcht vor dem Herbste, Furcht vor dem SterbenmXssen. Seufzend hatte er von ihr Abschied genommen, die Seele voll Unlust, und voll verheimlichter Bangigkeit.
Dann hatte Siddhartha die Nacht in seinem Hause mit TXnzerinnen beim Weine zugebracht, hatte gegen seine Standesgenossen den Xberlegenen gespielt, welcher er nicht mehr war, hatte viel Wein getrunken und spXt nach Mitternacht sein Lager aufgesucht, mXde und dennoch erregt, dem Weinen und der Verzweiflung nahe, und hatte lang vergeblich den Schlaf gesucht, das Herz voll eines Elendes, das er nicht mehr ertragen zu kXnnen meinte, voll eines Ekels, von dem er sich durchdrungen fXhlte wie vom lauen, widerlichen Geschmack des Weines, der allzu sXen, Xden Musik, dem allzu weichen LXcheln der TXnzerinnen, dem allzu sXen Duft ihrer Haare und BrXste. Mehr aber als vor allem anderen ekelte ihm vor sich selbst, vor seinen duftenden Haaren, vor dem Weingeruch seines Mundes, vor der schlaffen MXdigkeit und Unlust seiner Haut. Wie wenn einer, der allzuviel gegessen oder getrunken hat, es unter Qualen wieder erbricht und doch der Erleichterung froh ist, so wXnschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von Ekel sich dieser GenXsse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens und dem Erwachen der ersten GeschXftigkeit auf der StraXe vor seinem Stadthause war er eingeschlummert, hatte fXr wenige Augenblicke eine halbe BetXubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In diesen Augenblicken hatte er einen Traum:
Kamala besaX in einem goldenen KXfig einen kleinen seltenen Singvogel. Von diesem Vogel trXumte er. Er trXumte: dieser Vogel war stumm geworden, der sonst stets in der Morgenstunde sang, und da dies ihm auffiel, trat er vor den KXfig und blickte hinein, da war der kleine Vogel tot und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus, und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute von sich geworfen.
Aus diesem Traum auffahrend, fXhlte er sich von tiefer Traurigkeit umfangen. Wertlos, so schien ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein Leben dahingefXhrt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie KXstliches oder Behaltenswertes war ihm in HXnden geblieben. Allein stand er und leer, wie ein SchiffbrXchiger am Ufer.
Finster begab sich Siddhartha in einen Lustgarten, der ihm gehXrte, verschloss die Pforte, setzte sich unter einem Mangobaum nieder, fXhlte den Tod im Herzen und das Grauen in der Brust, saX und spXrte, wie es in ihm starb, in ihm welkte, in ihm zu Ende ging. AllmXhlich sammelte er seine Gedanken, und ging im Geiste nochmals den ganzen Weg seines Lebens, von den ersten Tagen an, auf welche er sich besinnen konnte. Wann denn hatte er ein GlXck erlebt, eine wahre Wonne gefXhlt? O ja, mehrere Male hatte er solches erlebt. In den Knabenjahren hatte er es gekostet, wenn er von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem Herzen gefXhlt: "Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im Disput mit den Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte. Da hatte er es in seinem Herzen gefXhlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu dem du berufen bist, auf dich warten die GXtter." Und wieder als JXngling, da ihn das immer hXher emporfliehende Ziel alles Nachdenkens aus der Schar Gleichstrebender heraus– und hinangerissen hatte, da er in Schmerzen um den Sinn des Brahman rang, da jedes erreichte Wissen nur neuen Durst in ihm entfachte, da wieder hatte er, mitten im Durst, mitten im Schmerze dieses selbe gefXhlt: "Weiter! Weiter! Du bist berufen!" Diese Stimme hatte er vernommen, als er seine Heimat verlassen und das Leben des Samana gewXhlt hatte, und wieder, als er von den Samanas hinweg zu jenem Vollendeten, und auch von ihm hinweg ins Ungewisse gegangen war. Wie lange hatte er diese Stimme nicht mehr gehXrt, wie lange keine HXhe mehr erreicht, wie eben und Xde war sein Weg dahingegangen, viele lange Jahre, ohne hohes Ziel, ohne Durst, ohne Erhebung, mit kleinen LXsten zufrieden und dennoch nie begnXgt! Alle diese Jahre hatte er, ohne es selbst zu wissen, sich bemXht und danach gesehnt, ein Mensch wie diese vielen zu werden, wie diese Kinder, und dabei war sein Leben viel elender und Xrmer gewesen als das ihre, denn ihre Ziele waren nicht die seinen, noch ihre Sorgen, diese ganze Welt der Kamaswami-Menschen war ihm ja nur ein Spiel gewesen, ein Tanz, dem man zusieht, eine KomXdie. Einzig Kamala war ihm lieb, war ihm wertvoll gewesen X aber war sie es noch? Brauchte er sie noch, oder sie ihn? Spielten sie nicht ein Spiel ohne Ende? War es notwendig, dafXr zu leben? Nein, es war nicht notwendig! Dieses Spiel hieX Sansara, ein Spiel fXr Kinder, ein Spiel, vielleicht hold zu spielen, einmal, zweimal, zehnmal X aber immer und immer wieder?
Da wusste Siddhartha, dass das Spiel zu Ende war, dass er es nicht mehr spielen kXnne. Ein Schauder lief ihm Xber den Leib, in seinem Innern, so fXhlte er, war etwas gestorben.
Jenen ganzen Tag saX er unter dem Mangobaume, seines Vaters gedenkend, Govindas gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese verlassen mXssen, um ein Kamaswami zu werden? Er saX noch, als die Nacht angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er: "Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten." Er lXchelte ein wenig X war es denn notwendig, war es richtig, war es nicht ein tXrichtes Spiel, dass er einen Mangobaum, dass er einen Garten besaX?
Auch damit schloss er ab, auch das starb in ihm. Er erhob sich, nahm Abschied vom Mangobaum, Abschied vom Lustgarten. Da er den Tag ohne Speise geblieben war, fXhlte er heftigen Hunger, und gedachte an sein Haus in der Stadt, an sein Gemach und Bett, an den Tisch mit den Speisen. Er lXchelte mXde, schXttelte sich und nahm Abschied von diesen Dingen.
In derselben Nachtstunde verlieX Siddhartha seinen Garten, verlieX die Stadt und kam niemals wieder. Lange lieX Kamaswami nach ihm suchen, der ihn in RXuberhand gefallen glaubte. Kamala lieX nicht nach ihm suchen. Als sie erfuhr, dass Siddhartha verschwunden sei, wunderte sie sich nicht. Hatte sie es nicht immer erwartet? War er nicht ein Samana, ein Heimloser, ein Pilger? Und am meisten hatte sie dies beim letzten Zusammensein gefXhlt, und sie freute sich mitten im Schmerz des Verlustes, dass sie ihn dieses letzte Mal noch so innig an ihr Herz gezogen, sich noch einmal so ganz von ihm, besessen und durchdrungen gefXhlt hatte.
Als sie die erste Nachricht von Siddharthas Verschwinden bekam, trat sie ans Fenster, wo sie in einem goldenen KXfig einen seltenen Singvogel gefangen hielt. Sie Xffnete die TXr des KXfigs, nahm den Vogel heraus und lieX ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem fliegenden Vogel. Sie empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr, und hielt ihr Haus verschlossen. Nach einiger Zeit aber ward sie inne, dass sie von dem letzten Zusammensein mit Siddhartha schwanger sei.
AM FLUSSE
Siddhartha wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wusste nichts als das eine, dass er nicht mehr zurXck konnte, dass dies Leben, wie er es nun viele Jahre lang gefXhrt, vorXber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem er getrXumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich eingesogen, wie ein Schwamm Wasser einsaugt, bis er voll ist. Voll war er von Xberdruss, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trXsten konnte.
Sehnlich wXnschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, tot zu sein. KXme doch ein Blitz und erschlXge ihn! KXme doch ein Tiger und frXe ihn! GXbe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm BetXubung brXchte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt hatte, eine SXnde und Torheit, die er nicht begangen, eine SeelenXde, die er nicht auf sich geladen hatte? War es denn noch mXglich, zu leben? War es mXglich, nochmals und nochmals wieder Atem zu ziehen, Atem auszustoXen, Hunger zu fXhlen, wieder zu essen, wieder zu schlafen, wieder beim Weibe zu liegen? War dieser Kreislauf nicht fXr ihn erschXpft und abgeschlossen?
Siddhartha gelangte an den groXen Fluss im Walde, an denselben Fluss, Xber welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der Stadt des Gotama kam, ein FXhrmann gefXhrt hatte. An diesem Flusse machte er Halt, blieb zXgernd beim Ufer stehen. MXdigkeit und Hunger hatten ihn geschwXcht, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn, zu welchem Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr als die tiefe, leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wXsten Traum von sich zu schXtteln, diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem jXmmerlichen und schmachvollen Leben ein Ende zu machen.
Xber das Flussufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den Stamm und blickte in das grXne Wasser hinab, das unter ihm zog und zog, blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfXllt, sich loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche Leere spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare Leere in seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts mehr gab es fXr ihn, als sich auszulXschen, als das misslungene Gebilde seines Lebens zu zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden GXttern vor die FXe. Dies war das groXe Erbrechen, nach dem er sich gesehnt hatte: der Tod, das Zerschlagen der Form, die er hasste! Mochten ihn die Fische fressen, diesen Hund von Siddhartha, diesen Irrsinnigen, diesen verdorbenen und verfaulten Leib, diese erschlaffte und missbrauchte Seele! Mochten die Fische und Krokodile ihn fressen, mochten die DXmonen ihn zerstXcken!
Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht gespiegelt und spie danach. In tiefer MXdigkeit lXste er den Arm vom Baumstamme und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu lassen, um endlich unterzugehen. Er sank, mit geschlossenen Augen, dem Tod entgegen.
Da zuckte aus entlegenen Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten seines ermXdeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe, die er ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte Anfangswort und Schlusswort aller brahmanischen Gebete, das heilige "Om", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung". Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr berXhrte, erwachte sein entschlummerter Geist plXtzlich, und erkannte die Torheit seines Tuns.
Siddhartha erschrak tief. So also stand es um ihn, so verloren war er, so verirrt und von allem Wissen verlassen, dass er den Tod hatte suchen kXnnen, dass dieser Wunsch, dieser Kinderwunsch in ihm hatte groX werden kXnnen: Ruhe zu finden, indem er seinen Leib auslXschte! Was alle Qual dieser letzten Zeiten, alle ErnXchterung, alle Verzweiflung nicht bewirkt hatte, das bewirkte dieser Augenblick, da das Om in sein Bewusstsein drang: dass er sich in seinem Elend und in seiner Irrsal erkannte.
Om! sprach er vor sich hin: Om! Und wusste um Brahman, wusste um die UnzerstXrbarkeit des Lebens, wusste um alles GXttliche wieder, das er vergessen hatte.
Doch war dies nur ein Augenblick, ein Blitz. Am FuX des Kokosbaumes sank Siddhartha nieder, von der ErmXdung hingestreckt, Om murmelnd, legte sein Haupt auf die Wurzel des Baumes und sank in tiefen Schlaf.
Tief war sein Schlaf und frei von TrXumen, seit langer Zeit hatte er einen solchen Schlaf nicht mehr gekannt. Als er nach manchen Stunden erwachte, war ihm, als seien zehn Jahre vergangen, er hXrte das leise StrXmen des Wassers, wusste nicht, wo er sei und wer ihn hierher gebracht habe, schlug die Augen auf, sah mit Verwunderung BXume und Himmel Xber sich, und erinnerte sich, wo er wXre und wie er hierher gekommen sei. Doch bedurfte er hierzu einer langen Weile, und das Vergangene erschien ihm wie von einem Schleier Xberzogen, unendlich fern, unendlich weit weg gelegen, unendlich gleichgXltig. Er wusste nur, dass er sein frXheres Leben (im ersten Augenblick der Besinnung erschien ihm dies frXhere Leben wie eine weit zurXckliegende, einstige VerkXrperung, wie eine frXhe Vorgeburt seines jetzigen Ich) X dass er sein frXheres Leben verlassen habe, dass er voll Ekel und Elend sogar sein Leben habe wegwerfen wollen, dass er aber an einem Flusse, unter einem Kokosbaume, zu sich gekommen sei, das heilige Wort Om auf den Lippen, dann entschlummert sei, und nun erwacht als ein neuer Mensch in die Welt blicke. Leise sprach er das Wort Om vor sich hin, Xber welchem er eingeschlafen war, und ihm schien sein ganzer langer Schlaf sei nichts als ein langes, versunkenes Om-Sprechen gewesen, ein Om-Denken, ein Untertauchen und vXlliges Eingehen in Om, in das Namenlose, Vollendete.



























