Текст книги "Сиддхартха (На немецком языке)"
Автор книги: Герман Гессе
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Зарубежная классика
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Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. MXgest du immerhin spotten, Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine Lust erwacht, diese Lehre zu hXren? Und hast du nicht einst zu mir gesagt, nicht lange mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?"
Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und sagte: "Wohl, Govinda, wohl hast du gesprochen, richtig hast du dich erinnert. MXgest du doch auch des andern dich erinnern, das du von mir gehXrt hast, dass ich nXmlich misstrauisch und mXde gegen Lehre und Lernen geworden bin, und dass mein Glaube klein ist an Worte, die von Lehrern zu uns kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene Lehre zu hXren X obschon ich im Herzen glaube, dass wir die beste Frucht jener Lehre schon gekostet haben.
Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie sollte das mXglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe wir sie vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"
Sprach Siddhartha: "Lass diese Frucht uns genieXen und das weitere abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem Gotama verdanken, besteht darin, dass er uns von den Samanas hinwegruft! Ob er uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf lass uns ruhigen Herzens warten."
An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Xltesten der Samanas seinen Entschluss zu wissen, dass er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem Xltesten zu wissen mit der HXflichkeit und Bescheidenheit, welche dem JXngeren und SchXler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, dass die beiden JXnglinge ihn verlassen wollten, und redete laut und brauchte grobe Schimpfworte.
Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den Mund zu Govindas Ohr und flXsterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten zeigen, dass ich etwas bei ihm gelernt habe."
Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele, fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte ihn stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl ihm, lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde stumm, sein Auge wurde starr, sein Wille gelXhmt, seine Arme hingen herab, machtlos war er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas Gedanken aber bemXchtigten sich des Samana, er musste vollfXhren, was sie befahlen. Und so verneigte sich der Alte mehrmals, vollzog segnende GebXrden, sprach stammelnd einen frommen Reisewunsch. Und die JXnglinge erwiderten dankend die Verneigungen, erwiderten den Wunsch, zogen grXend von dannen.
Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr gelernt, als ich wusste. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, wXrest du dort geblieben, du hXttest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen."
"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha. "MXgen alte Samanas mit solchen KXnsten sich zufrieden geben!"
GOTAMA
In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha, und jedes Haus war gerXstet, den JXngern Gotamas, den schweigend Bittenden, die Almosenschale zu fXllen. Nahe bei der Stadt lag Gotamas liebster Aufenthalt, der Hain Jetavana, welchen der reiche Kaufherr Anathapindika, ein ergebener Verehrer des Erhabenen, ihm und den Seinen zum Geschenk gemacht hatte.
Nach dieser Gegend hatten alle ErzXhlungen und Antworten hingewiesen, welche den beiden jungen Asketen auf der Suche nach Gotamas Aufenthalt zuteil wurden. Und da sie in Savathi ankamen, ward ihnen gleich im ersten Hause, vor dessen TXr sie bittend stehen blieben, Speise angeboten, und sie nahmen Speise an, und Siddhartha fragte die Frau, welche ihnen die Speise reichte:
"Gerne, du MildtXtige, gerne mXchten wir erfahren, wo der Buddha weilt, der EhrwXrdigste, denn wir sind zwei Samanas aus dem Walde, und sind gekommen, um ihn, den Vollendeten, zu sehen und die Lehre aus seinem Munde zu vernehmen."
Sprach die Frau: "Am richtigen Orte wahrlich seid ihr hier abgestiegen, ihr Samanas aus dem Walde. Wisset, in Jetavana, im Garten Anathapindikas, weilt der Erhabene. Dort mXget ihr, Pilger, die Nacht verbringen, denn genug Raum ist daselbst fXr die UnzXhligen, die herbeistrXmen, um aus seinem Munde die Lehre zu hXren."
Da freute sich Govinda, und voll Freude rief er: "Wohl denn, so ist unser Ziel erreicht und unser Weg zu Ende! Aber sage uns, du Mutter der Pilgernden, kennst du ihn, den Buddha, hast du ihn mit deinen Augen gesehen?"
Sprach die Frau: "Viele Male habe ich ihn gesehen, den Erhabenen. An vielen Tagen habe ich ihn gesehen, wie er durch die Gassen geht, schweigend, im gelben Mantel, wie er schweigend an den HaustXren seine Almosenschale darreicht, wie er die gefXllte Schale von dannen trXgt."
EntzXckt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und hXren. Aber Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen und brauchten kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger und auch MXnche aus Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana unterwegs. Und da sie in der Nacht dort anlangten, war daselbst ein bestXndiges Ankommen, Rufen und Reden von solchen, welche Herberge heischten und bekamen. Die beiden Samanas, des Lebens im Walde gewohnt, fanden schnell und gerXuschlos einen Unterschlupf und ruhten da bis zum Morgen.
Beim Aufgang der Sonne sahen sie mit Erstaunen, welch groXe Schar, GlXubige und Neugierige, hier genXchtigt hatte. In allen Wegen des herrlichen Haines wandelten MXnche im gelben Gewand, unter den BXumen saXen sie hier und dort, in Betrachtung versenkt X oder im geistlichen GesprXch, wie eine Stadt waren die schattigen GXrten zu sehen, voll von Menschen, wimmelnd wie Bienen. Die Mehrzahl der MXnche zog mit der AImosenschale aus, um in der Stadt Nahrung fXr die Mittagsmahlzeit, die einzige des Tages, zu sammeln. Auch der Buddha selbst, der Erleuchtete, pflegte am Morgen den Bettelgang zu tun.
Siddhartha sah ihn, und er erkannte ihn alsbald, als hXtte ihm ein Gott ihn gezeigt. Er sah ihn, einen schlichten Mann in gelber Kutte, die Almosenschale in der Hand tragend, still dahin gehen.
"Sieh hier!" sagte Siddhartha leise zu Govinda. "Dieser hier ist der Buddha."
Aufmerksam blickte Govinda den MXnch in der gelben Kutte an, der sich in nichts von den Hunderten der MXnche zu unterscheiden schien. Und bald erkannte auch Govinda: Dieser ist es. Und sie folgten ihm nach und betrachteten ihn.
Der Buddha ging seines Weges bescheiden und in Gedanken versunken, sein stilles Gesicht war weder frXhlich noch traurig, es schien leise nach innen zu lXcheln. Mit einem verborgenen LXcheln, still, ruhig, einem gesunden Kinde nicht unXhnlich, wandelte der Buddha, trug das Gewand und setzte den FuX gleich wie alle seine MXnche, nach genauer Vorschrift. Aber sein Gesicht und sein Schritt, sein still gesenkter Blick, seine still herabhXngende Hand, und noch jeder Finger an seiner still herabhXngenden Hand sprach Friede, sprach Vollkommenheit, suchte nicht, ahmte nicht nach, atmete sanft in einer unverwelklichen Ruhe, in einem unverwelklichen Licht, einem unantastbaren Frieden.
So wandelte Gotama, der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und die beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner Ruhe, an der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen, kein Nachahmen, kein BemXhen zu erkennen war, nur Licht und Frieden. "Heute werden wir die Lehre aus seinem Munde vernehmen," sagte Govinda.
Siddhartha gab nicht Antwort. Er war wenig neugierig auf die Lehre, er glaubte nicht, dass sie ihn Neues lehren werde, hatte er doch, ebenso wie Govinda, wieder und wieder den Inhalt dieser Buddhalehre vernommen, wenn schon aus Berichten von zweiter und dritter Hand. Aber er blickte aufmerksam auf Gotamas Haupt, auf seine Schultern, auf seine FXe, auf seine still herabhXngende Hand, und ihm schien, jedes Glied an jedem Finger dieser Hand war Lehre, sprach, atmete, duftete, glXnzte Wahrheit. Dieser Mann, dieser Buddha, war wahrhaftig bis in die GebXrde seines letzten Fingers. Dieser Mann war heilig. Nie hatte Siddhartha einen Menschen so verehrt, nie hatte er einen Menschen so geliebt wie diesen.
Die beiden folgten dem Buddha bis zur Stadt und kehrten schweigend zurXck, denn sie selbst gedachten diesen Tag sich der Speise zu enthalten. Sie sahen Gotama wiederkehren, sahen ihn im Kreise seiner JXnger die Mahlzeit einnehmen X was er aX, hXtte keinen Vogel satt gemacht – und sahen ihn sich zurXckziehen in den Schatten der MangobXume.
Am Abend aber, als die Hitze sich legte und alles im Lager lebendig ward und sich versammelte, hXrten sie den Buddha lehren. Sie hXrten seine Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe, war voll von Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der Herkunft des Leidens, vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig floss und klar seine stille Rede. Leiden war das Leben, voll Leid war die Welt, aber ErlXsung vom Leid war gefunden: ErlXsung fand, wer den Weg des Buddha ging. Mit sanfter, doch fester Stimme sprach der Erhabene, lehrte die vier HauptsXtze, lehrte den achtfachen Pfad, geduldig ging er den gewohnten Weg der Lehre, der Beispiele, der Wiederholungen, hell und still schwebte seine Stimme Xber den HXrenden, wie ein Licht, wie ein Sternhimmel.
Als der Buddha X es war schon Nacht geworden X seine Rede schloss, traten manche Pilger hervor und baten um Aufnahme in die Gemeinschaft, nahmen ihre Zuflucht zur Lehre. Und Gotama nahm sie auf, indem er sprach: "Wohl habt ihr die Lehre vernommen, wohl ist sie verkXndigt. Tretet denn herzu und wandelt in Heiligkeit, allem Leid ein Ende zu bereiten."
Siehe, da trat auch Govinda hervor, der SchXchterne, und sprach: "Auch ich nehme meine Zuflucht zum Erhabenen und zu seiner Lehre," und bat um Aufnahme in die JXngerschaft, und ward aufgenommen.
Gleich darauf, da sich der Buddha zur Nachtruhe zurXckgezogen hatte, wendete sich Govinda zu Siddhartha und sprach eifrig: "Siddhartha, nicht steht es mir zu, dir einen Vorwurf zu machen. Beide haben wir den Erhabenen gehXrt, beide haben wir die Lehre vernommen. Govinda hat die Lehre gehXrt, er hat seine Zuflucht zu ihr genommen. Du aber, Verehrter, willst denn nicht auch du den Pfad der ErlXsung gehen? Willst du zXgern, willst du noch warten?"
Siddhartha erwachte wie aus einem Schlafe, als er Govindas Worte vernahm. Lange blickte er in Govindas Gesicht. Dann sprach er leise, mit einer Stimme ohne Spott: "Govinda, mein Freund, nun hast du den Schritt getan, nun hast du den Weg erwXhlt. Immer, o Govinda, bist du mein Freund gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen. Oft habe ich gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt allein tun, ohne mich, aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein Mann geworden und wXhlst selber deinen Weg. MXgest du ihn zu Ende gehen, o mein Freund! MXgest du ErlXsung finden!"
Govinda, welcher noch nicht vXllig verstand, wiederholte mit einem Ton von Ungeduld seine Frage: "Sprich doch, ich bitte dich, mein Lieber! Sage mir, wie es ja nicht anders sein kann, dass auch du, mein gelehrter Freund, deine Zuflucht zum erhabenen Buddha nehmen wirst!"
Siddhartha legte seine Hand auf die Schulter Govindas: "Du hast meinen Segenswunsch XberhXrt, o Govinda. Ich wiederhole ihn: MXgest du diesen Weg zu Ende gehen! MXgest du ErlXsung finden!"
In diesem Augenblick erkannte Govinda, dass sein Freund ihn verlassen habe, und er begann zu weinen.
"Siddhartha!" rief er klagend.
Siddhartha sprach freundlich zu ihm: "Vergiss nicht, Govinda, dass du nun zu den Samanas des Buddha gehXrst! Abgesagt hast du Heimat und Eltern, abgesagt Herkunft und Eigentum, abgesagt deinem eigenen Willen, abgesagt der Freundschaft. So will es die Lehre, so will es der Erhabene. So hast du selbst es gewollt. Morgen, o Govinda, werde ich dich verlassen."
Lange noch wandelten die Freunde im GehXlz, lange lagen sie und fanden nicht den Schlaf. Und immer von neuem drang Govinda in seinen Freund, er mXge ihm sagen, warum er nicht seine Zuflucht zu Gotamas Lehre nehmen wolle, welchen Fehler denn er in dieser Lehre finde. Siddhartha aber wies ihn jedesmal zurXck und sagte: "Gib dich zufrieden, Govinda! Sehr gut ist des Erhabenen Lehre, wie sollte ich einen Fehler an ihr finden?"
Am frXhesten Morgen ging ein Nachfolger Buddhas, einer seiner Xltesten MXnche, durch den Garten und rief alle jene zu sich, welche als Neulinge ihre Zuflucht zur Lehre genommen hatten, um ihnen das gelbe Gewand anzulegen und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres Standes zu unterweisen. Da riss Govinda sich los, umarmte noch einmal den Freund seiner Jugend und schloss sich dem Zuge der Novizen an.
Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain.
Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, und als er ihn mit Ehrfurcht begrXte und der Blick des Buddha so voll GXte und Stille war, fasste der JXngling Mut und bat den EhrwXrdigen um Erlaubnis, zu ihm zu sprechen. Schweigend nickte der Erhabene GewXhrung.
Sprach Siddhartha: "Gestern, o Erhabener, war es mir vergXnnt, deine wundersame Lehre zu hXren. Zusammen mit meinem Freunde kam ich aus der Ferne her, um die Lehre zu hXren. Und nun wird mein Freund bei den Deinen bleiben, zu dir hat er seine Zuflucht genommen. Ich aber trete meine Pilgerschaft aufs neue an."
"Wie es dir beliebt", sprach der EhrwXrdige hXflich.
"Allzu kXhn ist meine Rede," fuhr Siddhartha fort, "aber ich mXchte den Erhabenen nicht verlassen, ohne ihm meine Gedanken in Aufrichtigkeit mitgeteilt zu haben. Will mir der EhrwXrdige noch einen Augenblick GehXr schenken?"
Schweigend nickte der Buddha GewXhrung.
Sprach Siddhartha: "Eines, o EhrwXrdigster, habe ich an deiner Lehre vor allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist bewiesen; als eine vollkommene, als eine nie und nirgends unterbrochene Kette zeigst du die Welt als eine ewige Kette, gefXgt aus Ursachen und Wirkungen. Niemals ist dies so klar gesehen, nie so unwiderleglich dargestellt worden; hXher wahrlich muss jedem Brahmanen das Herz im Leibe schlagen, wenn er, durch deine Lehre hindurch, die Welt erblickt als vollkommenen Zusammenhang, lXckenlos, klar wie ein Kristall, nicht vom Zufall abhXngig, nicht von GXttern abhXngig. Ob sie gut oder bXse, ob das Leben in ihr Leid oder Freude sei, mXge dahingestellt bleiben, es mag vielleicht sein, dass dies nicht wesentlich ist X aber die Einheit der Welt, der Zusammenhang alles Geschehens, das Umschlossensein alles GroXen und Kleinen vom selben Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens, dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter. Nun aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine LXcke strXmt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues, etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen werden kann: das ist deine Lehre von der Xberwindung der Welt, von der ErlXsung. Mit dieser kleinen LXcke, mit dieser kleinen Durchbrechung aber ist das ganze ewige und einheitliche Weltgesetz wieder zerbrochen und aufgehoben. MXgest du mir verzeihen, wenn ich diesen Einwand ausspreche."
Still hatte Gotama ihm zugehXrt, unbewegt. Mit seiner gXtigen, mit seiner hXflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete: "Du hast die Lehre gehXrt, o Brahmanensohn, und wohl dir, dass du Xber sie so tief nachgedacht hast. Du hast eine LXcke in ihr gefunden, einen Fehler. MXgest du weiter darXber nachdenken. Lass dich aber warnen, du Wissbegieriger, vor dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um Worte. Es ist an Meinungen nichts gelegen, sie mXgen schXn oder hXlich, klug oder tXricht sein, jeder kann ihnen anhXngen oder sie verwerfen. Die Lehre aber, die du von mir gehXrt hast, ist nicht eine Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt fXr Wissbegierige zu erklXren. Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist ErlXsung vom Leiden. Diese ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes."
"MXgest du mir, o Erhabener, nicht zXrnen", sagte der JXngling. "Nicht um Streit mit dir zu suchen, Streit um Worte, habe ich so zu dir gesprochen. Du hast wahrlich recht, wenig ist an Meinungen gelegen. Aber lass mich dies eine noch sagen: Nicht einen Augenblick habe ich an dir gezweifelt. Ich habe nicht einen Augenblick gezweifelt, dass du Buddha bist, dass du das Ziel erreicht hast, das hXchste, nach welchem so viel tausend Brahmanen und BrahmanensXhne unterwegs sind. Du hast die ErlXsung,vom Tode gefunden. Sie ist dir geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung. Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und X so ist mein Gedanke, o Erhabener X keinem wird ErlXsung zu teil durch Lehre! Keinem, o EhrwXrdiger, wirst du in Worten und durch Lehre mitteilen und sagen kXnnen, was dir geschehen ist in der Stunde deiner Erleuchtung! Vieles enthXlt die Lehre des erleuchteten Buddha, viele lehrt sie, rechtschaffen zu leben, BXses zu meiden. Eines aber enthXlt die so klare, die so ehrwXrdige Lehre nicht: sie enthXlt nicht das Geheimnis dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den Hunderttausenden. Dies ist es, was ich gedacht und erkannt habe, als ich die Lehre hXrte. Dies ist es, weswegen ich meine Wanderschaft fortsetze X nicht um eine andere, eine bessere Lehre zu suchen, denn ich weiX, es gibt keine, sondern um alle Lehren und alle Lehrer zu verlassen und allein mein Ziel zu erreichen oder zu sterben. Oftmals aber werde ich dieses Tages denken, o Erhabener, und dieser Stunde, da meine Augen einen Heiligen sahen."
Die Augen des Buddha blickten still zu Boden, still in vollkommenem Gleichmut strahlte sein unerforschliches Gesicht.
"MXgen deine Gedanken," sprach der EhrwXrdige langsam, "keine IrrtXmer sein! MXgest du ans Ziel kommen! Aber sage mir: Hast du die Schar meiner Samanas gesehen, meiner vielen BrXder, welche ihre Zuflucht zur Lehre genommen haben? Und glaubst du, fremder Samana, glaubst du, dass es diesen allen besser wXre, die Lehre zu verlassen und in das Leben der Welt und der LXste zurXckzukehren?"
"Fern ist ein solcher Gedanke von mir", rief Siddhartha. "MXgen sie alle bei der Lehre bleiben, mXgen sie ihr Ziel erreichen! Nicht steht mir zu, Xber eines andern Leben zu urteilen. Einzig fXr mich, fXr mich allein muss ich urteilen, muss ich wXhlen, muss ich ablehnen. ErlXsung vom Ich suchen wir Samanas, o Erhabener. WXre ich nun einer deiner JXnger, o EhrwXrdiger, so fXrchte ich, es mXchte mir geschehen, dass nur scheinbar, nur trXgerisch mein Ich zur Ruhe kXme und erlXst wXrde, dass es aber in Wahrheit weiterlebte und groX wXrde, denn ich hXtte dann die Lehre, hXtte meine Nachfolge, hXtte meine Liebe zu dir, hXtte die Gemeinschaft der MXnche zu meinem Ich gemacht!"
Mit halbem LXcheln, mit einer unerschXtterten Helle und Freundlichkeit sah Gotama dem Fremdling ins Auge und verabschiedete ihn mit einer kaum sichtbaren GebXrde.
"Klug bist du, o Samana", sprach der EhrwXrdige. "Klug weiXt du zu reden, mein Freund. HXte dich vor allzu groXer Klugheit!"
Hinweg wandelte der Buddha, und sein Blick und halbes LXcheln blieb fXr immer in Siddharthas GedXchtnis eingegraben.
So habe ich noch keinen Menschen blicken und lXcheln, sitzen und schreiten sehen, dachte er, so wahrlich wXnsche auch ich blicken und lXcheln, sitzen und schreiten zu kXnnen, so frei, so ehrwXrdig, so verborgen, so offen, so kindlich und geheimnisvoll. So wahrlich blickt und schreitet nur der Mensch, der ins Innerste seines Selbst gedrungen ist. Wohl, auch ich werde ins Innerste meines Selbst zu dringen suchen.
Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich meine Augen niederschlagen musste. Vor keinem andern mehr will ich meine Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird mich verlocken, da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat.
Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich, und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der mein Schatten war und nun Gotamas Schatten ist. Geschenkt aber hat er mir Siddhartha, mich selbst.
ERWACHEN
Als Siddhartha den Hain verlieX, in welchem der Buddha, der Vollendete, zurXckblieb, in welchem Govinda zurXckblieb, da fXhlte er, dass in diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurXckblieb und sich von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfXllte, sann er im langsamen Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes Wasser lieX er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm, das eben ist Denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.
Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, dass er kein JXngling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest, dass eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut verlassen wird, dass eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch seine ganze Jugend ihn begleitet und zu ihm gehXrt hatte: der Wunsch, Lehrer zu haben und Lehren zu hXren. Den letzten Lehrer, der an seinem Wege ihm erschienen war, auch ihn, den hXchsten und weisesten Lehrer, den Heiligsten, Buddha, hatte er verlassen, hatte sich von ihm trennen mXssen, hatte seine Lehre nicht annehmen kXnnen.
Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und was sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?" Und er fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich Xberwinden wollte. Ich konnte es aber nicht Xberwinden, konnte es nur tXuschen, konnte nur vor ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding in der Welt hat so viel meine Gedanken beschXftigt wie dieses mein Ich, dies RXtsel, dass ich lebe, dass ich einer und von allen andern getrennt und abgesondert bin, dass ich Siddhartha bin! Und Xber kein Ding in der Welt weiX ich weniger als Xber mich, Xber Siddhartha!"
Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken erfasst, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer hervor, ein neuer Gedanke, der lautete: "Dass ich nichts von mir weiX, dass Siddhartha mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus einer Ursache, einer einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf der Flucht vor mir! Atman suchte ich, Brahman suchte ich, ich war gewillt, mein Ich zu zerstXcken und auseinander zu schXlen, um in seinem unbekannten Innersten den Kern aller Schalen zu finden, den Atman, das Leben, das GXttliche, das Letzte. Ich selbst aber ging mir dabei verloren."
Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein LXcheln erfXllte sein Gesicht, und ein tiefes GefXhl von Erwachen aus langen TrXumen durchstrXmte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief rasch, wie ein Mann, welcher weiX, was er zu tun hat.
"Oh", dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den Siddhartha nicht mehr entschlXpfen lassen! Nicht mehr will ich mein Denken und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt. Ich will mich nicht mehr tXten und zerstXcken, um hinter den TrXmmern ein Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir selbst will ich lernen, will ich SchXler sein, will ich mich kennen lernen, das Geheimnis Siddhartha."
Er blickte um sich, als sXhe er zum ersten Male die Welt. SchXn war die Welt, bunt war die Welt, seltsam und rXtselhaft war die Welt! Hier war Blau, hier war Gelb, hier war GrXn, Himmel floss und Fluss, Wald starrte und Gebirg, alles schXn, alles rXtselvoll und magisch, und inmitten er, Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich selbst. All dieses, all dies Gelb und Blau, Fluss und Wald, ging zum erstenmal durchs Auge in Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras, war nicht mehr der Schleier der Maya, war nicht mehr sinnlose und zufXllige Vielfalt der Erscheinungswelt, verXchtlich dem tief denkenden Brahmanen, der die Vielfalt verschmXht, der die Einheit sucht. Blau war Blau, Fluss war Fluss, und wenn auch im Blau und Fluss in Siddhartha das Eine und GXttliche verborgen lebte, so war es doch eben des GXttlichen Art und Sinn, hier Gelb, hier Blau, dort Himmel, dort Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn und Wesen war nicht irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in allem.
"Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will, so verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie TXuschung, Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er studiert und liebt sie, Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das Buch der Welt und das Buch meines eigenen Wesens lesen wollte, ich habe, einem im voraus vermuteten Sinn zuliebe, die Zeichen und Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der Erscheinungen TXuschung, nannte mein Auge und meine Zunge zufXllige und wertlose Erscheinungen. Nein, dies ist vorXber, ich bin erwacht, ich bin in der Tat erwacht und heute erst geboren."
Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen, plXtzlich, als lXge eine Schlange vor ihm auf dem Weg.
Denn plXtzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie ein Erwachter oder Neugeborener war, er musste sein Leben neu und vXllig von vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain Jetavana, den Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend, schon auf dem Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und war ihm natXrlich und selbstverstXndlich erschienen, dass er, nach den Jahren seines Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater zurXckkehre. Jetzt aber, erst in diesem Augenblick, da er stehen blieb, als lXge eine Schlange auf seinem Wege, erwachte er auch zu dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr, der ich war, ich bin nicht mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin nicht mehr Brahmane. Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater tun? Studieren? Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja vorXber, dies alles liegt nicht mehr an meinem Wege."
Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug lang fror sein Herz, er fXhlte es in der Brust innen frieren wie ein kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefXhlt. Nun fXhlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er seines Vaters Sohn gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddhartha, der Erwachte, sonst nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern gehXrte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre Sprache sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zXhlte und mit ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht einer und allein, auch ihn umgab ZugehXrigkeit, auch er gehXrte einem Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war MXnch geworden, und tausend MXnche waren seine BrXder, trugen sein Kleid, glaubten seinen Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo war er zugehXrig? Wessen Leben wXrde er teilen? Wessen Sprache wXrde er sprechen?
Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer KXlte und Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor, fester geballt. Er fXhlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens gewesen, der letzte Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder aus, begann rasch und ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause, nicht mehr zum Vater, nicht mehr zurXck.
Zweiter teil. KAMALA
XWilhelm Gundert meinem Vetter in Japan gewidmet
Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne Xberm Waldgebirge aufgehen und Xberm fernen Palmenstrande untergehen. Er sah nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein Boot im Blauen schwimmend. Er sah BXume, Sterne, Tiere, Wolken, Regenbogen, Felsen, KrXuter, Blumen, Bach und Fluss, Taublitz im morgendIichen GestrXuch, ferne hohe Berge blau und bleich, VXgel sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles, tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond geschienen, immer FlXsse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in den frXheren Zeiten fXr Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein flXchtiger und trXgerischer Schleier vor seinem Auge, mit Misstrauen betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit lag. Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und erkannte die Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht das Wesen, zielte in kein Jenseits. SchXn war die Welt, wenn man sie so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. SchXn war Mond und Gestirn, schXn war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und GoldkXfer, Blume und Schmetterling. SchXn und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Misstrauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt, anders kXhlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne, anders KXrbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die NXchte, jede Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel ein Schiff voll von SchXtzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein Affenvolk im hohen WaldgewXlbe wandern, hoch im GeXst, und hXrte seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und blitzend die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und Leidenschaft duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der ungestXm Jagende zog.



























